Komplimente sind wunderschön. Doch man muss es so deutlich sagen: Das Kompliment hat nicht den besten Ruf. Selbst bei Adolph Freiherr Knigge im Umgang mit Menschen lesen wir: „Weit entfernt bin ich also, das System solcher Leute empfehlen zu wollen, die jeden ohne Unterlaß mit leeren Komplimenten, Schmeicheleien oder Lobsprüchen in die Verlegenheit setzen, ihnen auf tausend nicht eins antworten zu können.“ Und auch Asfa-Wossen Asserates widmet sich in seinem Buch Manieren dem Lob. Das auch ihm nicht ganz geheuer erscheint, weil es mal schmeichelnd und mal anmaßend daher kommt. So berichtet Asserate von einem Tischgespräch zwischen einem jungen Mann und einer älteren Dame. In dessen Verlauf der jüngere der Älteren ein Kompliment macht, das allerdings fürchterlich nach hinten losgeht: „Meine Dame, wie gebildet Sie sind.“ Diese antwortet pikiert: „Sind auch sicher, dass Sie das beurteilen können, junger Mann.“ Komplimente bergen Risiken.

Unter Verdacht: Das Kompliment

Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist, liess Johann Wolfgang Goethe im „Faust II“ den Baccalareus sagen. Und wer möchte schon gerne als Lügner dastehen? Tatsächlich tun wir Deutschen uns mit dem Kompliment schwerer als andere. Woran liegt das? Nun zunächst daran, dass uns die Ehrlichkeit ebenso heilig ist wie die Höflichkeit. Das schafft aber Probleme, weil ehrliche Menschen oft unhöflich sind und höfliche Menschen beschlossen ihre Mitmenschen lieber schönen als ihnen vor den Kopf zu stoßen. In ihrer Kolumne „Besser weiß ich es nicht“ im SPIEGEL schreibt Elke Schmitter den ebenso klugen wie süffisanten Satz: „Komplimente lösen bei uns die Angst vor Ehebruch aus, und wer ganz grundlos freundlich ist, der bereitet eine Übervorteilung vor.“ Und da haben wir das Hauptproblem jeden Komplimentes: Man traut Komplimenten schlicht nicht zu, dass sie ohne Hintergedanken daher gekommen.

Win statt Win-Win

Ganz am Anfang des Umgang mit Menschen schreibt Adolph Freiherr Knigge wie schwer es ihm gefallen sei, eine Buch mit klugen Verhaltensempfehlungen für alle Menschen zu schreiben; weil in Deutschland die Menschen so verschieden seien. Und da das Leben immer Beziehung ist, kommt es eben nicht immer darauf an, was wir oder lassen, sondern wie andere unser Verhalten interpretieren. So lesen wir in der Einleitung: „Die zuvorkommende Höflichkeit und Geschmeidigkeit des durch französische Nachbarschaft polierten Rheinländers würde man in manchen Städten in Niedersachsen für Zudringlichkeit, für Niederträchtigkeit halten! Man glaubt da, ein Mann, der so äußerst untertänig und nachgiebig ist, müsse gefährliche und niedrige Absichten haben oder müsse falsch sein oder sehr arm und hilfsbedürftig sein.“

Ehe-Barometer

Der französische Philosoph Alain schreibt in seinem Buch „Die Pflicht, glücklich zu sein: „Der unhöflichste Ort der Welt ist die Ehe.“ Und – ebenfalls Franzose und Philosoph  – bei La Bruyère lesen wir: „Es gibt zwar gute, aber keine amüsanten Ehen“. Um diesen Ort der Unhöflichkeit und Langeweile zu befrieden und wieder zu beleben, empfehle ich ein Kompliment. An der Reaktion ihres Ehepartners werden Sie sehen, wie es um die ihre bestellt ist. 😉

Sollte man überhaupt Komplimente machen?

Unbedingt. Auch wenn das Risiko als niederträchtiger und zudringlicher Rheinländer gehalten zu werden extrem groß ist. Wohl nicht nur in manchen Städten Niedersachsen groß ist. Etwas um seiner Selbst willen zu tun, das erscheint uns suspekt. Wer supernett ist und auch noch schöne Komplimente macht, der führt was im Schilde. Da muss man auf der Hut sein. Ein wenig Mut braucht es schon, wer sich auf das dünne Eis der Komplimente begibt. Mit den folgenden Empfehlungen steigt jedenfalls die Wahrscheinlichkeit nicht einzubrechen.

6 Tipps für Komplimente, die gelingen

Bei meinen Tipps und Empfehlungen für Komplimente, die gelingen können, habe ich im Übrigen nicht nur diejenigen im Auge, die Komplimente machen sondern auch die, die Komplimente empfangen. Man kann es nicht oft genug sagen und die Interpretation von Aretha Franklin und Ray Charles nicht oft genug hören: It takes two to tango.

1. Mutig sein

Jedes Kompliment birgt das Risiko, dass der andere es in den falschen Hals bekommt.

2. Keine Trojaner bauen

Vermeiden Sie Missverständnisse und Hintergedanken: Machen Sie nie ein Kompliment, um damit etwas für sich herauszuholen. Wenn das Kompliment seinen Glanz behalten soll, darf es nicht als Trojanisches Pferd daherkommen. Ein Kompliment ist ein Kompliment, kein verkappter Anmachspruch, keine Ouvertüre für eine Bitte und schon gar kein versteckter Angriff.

3. Pathos vermeiden
Wir erinnern uns: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist. Was uns in Hollywoodfilmen die Tränen in die Augen treibt, führt im echten Leben schon mal zu Lachattacken: „Was ist mir Dir los? Hast Du was genommen?“ Komm mal klar!“ Also Pathosregler auf Zimmerlautstärke.
4. Auf den Punkt kommen
Komplimente sind merkwürdige Kommunikationsmittel, weil sie für sich alleine stehen. Sie wollen nicht mehr als gesagt werden: Sätze wie „Du siehst schön aus.“, „Das hast Du toll gemacht.“ „Danke für den wunderbaren Abend.“ wollen nichts anderes als ganz beim anderen sein. Je kürzer desto besser.
5. Ruhe aushalten
Während Small-Talk-Phrasen Gespräche in Gang bringen sollen, ist das Kompliment keine Aufforderung zum Gespräch. An der entstehenden Pause nachdem Sie das Kompliment gemacht haben, erkennen Sie, ob das Kompliment gelingt. Wenn Sie nach 5 Sekunden ein Danke aus tiefsten Herzen, die längste Umarmung aller Zeiten oder Freudentränen im Gesicht des anderen sehen, dann waren Sie Zeuge eines echten Kompliments.
6. Komplimente annehmen können
Ja es gibt übertriebene, schleimige, zweideutige und offensichtlich eigennützige Komplimente, manchmal sind wir aber auch vorschnell in unserem Urteil und schon so manches ernstgemeinte Kompliment ist uns durch die Finger geflutscht und kam nie wieder, weil wir es nicht wahrhaben wollten.

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