Eine schöne, alte Sitte. Diese ladies first. Nur werden die Ladies rar. Denn mit der Emanzipation verschwand die Dame aus dem Salon und zog sich still und unaufgeregt in ihre Gemächer zurück. Gleichberechtigung wäre in ihren Augen ein Rückschritt gewesen. Und Dr. Lady Bitch Ray betrat das Parkett.

Danke, aber ich bin schon ein großes Mädchen!

Die veränderungshungrige Frau, dem heimischen Herd entflohen, kletterte auf die Karriereleiter und mancher Gentleman, der einer Dame aus dem Mantel helfen wollte, nahm zur Kenntnis, dass eine Frau drinsteckte, die seinen Versuch ausschlug mit den Worten: „Das kann ich auch alleine.“ Eine zuvorkommende Geste rabiat ausgeschlagen, ist doof. Seinen Willen nach Distanz und  Autarkie in Fragen der Bekleidung  lässt sich auch mit schöneren Worten sagen. So bekam ich letztlich von einer jüngeren Damen ein charmanten Korb als ich Ihr in den Mantel helfen wollte: „Danke, aber ich bin schon ein großes Mädchen.“ 

Gehe nie an einer ausgestreckten Hand vorbei

Zeitlos gerne wird diese alte Begrüßungsregel allerdings genutzt, jemandem einen einzuschenken: „Aber Herr Dr. Piepenbrink! Heisst es nicht eigentlich ‚ladies first!?‘“ Wenn einer der Umstehenden versehentlich zuerst einem Mann statt einer Frau die Hand zur Begrüßung entgegenstreckt. Diese Form der Demonstration eigener Regelkenntnis wird durch den Verstoß gegen die weitaus wichtigere Regel: Schlage alle Etikette in den Wind, um andere nicht bloßzustellen. Ich habe im Übrigen diesen Satz noch eine Frau diesen Satz sagen hören. Was ich aber hörte von Frauen hörte war das Unwohlsein darüber, aus einer einfachen Begrüßung ein Staatstheater zu machen, an dessen Ende einer die Eselsmütze trägt, weil man selbst zur first Lady gemacht wurde. 

Was sagt die Business-Etikette zu Ladies First?

Emanzipation und Business haben die Spielregeln verändert. Damen und Fräuleins sind auf dem Rückzug und im Business hat sich die Hierarchie durchgesetzt. Doch so ganz stimmt das auch nicht. Schon so mancher wollte zuerst den männlichen Vorgesetzten grüßen, als der einem das obige „Ladies first“ ins Gesicht griente. Andere sagen, es sei fatal , wenn man zunächst die Assistentin und erst dann den Vorgesetzten begrüße. Ich selbst bleibe beim „Ladies first“! Da bin ich alte Schule und die kommt trotz manch verstaubter Ecke bei den meisten Menschen immer noch gut an.

Ein Hoch auf die Gleichberechtigung! 

Als es die Dame noch gab, gab es eine Vielzahl geschlechtsspezifischer Benimmregeln. Seitdem die Dame beschloss Frau zu werden und sich mit der Gleichberechtigung zu begnügen, sind auch die Regeln gleichberechtigter. Gut, einen Handkuss würde auch ich mir gegenüber Männern verkneifen und womöglich ebenfalls davon Abstand nehmen, einem gleichaltrigen, sportlichen Geschlechtsgenossen ungefragt seinen Koffer in die Ablage zu hieven, aber andere Regeln lassen sich meines Erachtens durchaus auf beide Geschlechter übertragen. Was hindert mich daran, einem Mann Feuer zu geben, was, dem Gastgeber einen Blumenstrauß zu überreichen, und warum sollte ich als Fahrer nicht einem guten Freund zuerst die Beifahrertür öffnen, bevor ich selbst einsteige, oder dem Vater mit Kinderwagen in die Straßenbahn helfen? Ich bekenne mich zur Gleichberechtigung,  auch wenn ich der Überlegenheit der Dame ein Träne nachweine. Ladies first!

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