Herr Knigge, was ist der größte Zaubertrick, den es im erfolgreichen Umgang mit Menschen gibt? Hat mich letztlich im Gespräch nach einem meiner Vorträge eine junge Frau gefragt? Anderen die Mundwinkel nach oben ziehen! 

Zaubern ohne Trick

Antwortete ich spontan. Wenn wir lächeln, zaubern wir anderen ein Lächeln aufs Gesicht. Dafür muss ich weder Kaninchen durchsägen noch Frauen aus Zylindern zaubern.

“Zeige so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitere Stirne! Nichts ist reizender und liebenswürdiger als eine gewisse, frohe, muntere Gemütsart.” Adolph Freiherr Knigge: Über den Umgang mit Menschen, Teil I, 1, 15

Das Lächeln ist von jeher ein Zauber im Umgang mit Menschen, ohne Trick sein zu müssen.

Das Lächeln unserer Mutter

Bei lächelnden Menschen fühlen wir uns willkommen, ja geborgen.Was Das erste, was wir sehen, wenn wir auf die Welt kommen ist das Lächeln unserer Mutter.  Sie lächelt. Und wir? Wir lächeln zurück. Das Ich – Mensch – Du – Mensch – Spiel beginnt! Wenn wir älter werden , dann lernen wir andere Mimiken kennen.  Nicht alle so zauberhaft wie das Lächeln: die Grimassen unserer Geschwister, die sorgenvolle Stirn unserer Oma, das wackelnde Ohr unseres Opas, die heruntergezogenen Augenbrauen unseres wütenden Vaters und selbst unsere Mutter lächelt nicht den ganzen Tag. Aber immer, wenn uns ein echtes Lächeln begegnet, lächeln wir zurück! Das Leben ist eben ICH–MENSCH–DU–MENSCH–SPIEL! Von Geburt an. 

Die Charme-Explosion

Als Charme-Explosion hat der Biochemiker Otto E. Rössler die Wirkung eines echten Lächelns beschrieben. Wenn eine Mutter ihr kleines Kind mit einem Apfel füttert, lächelt sie das Kind an. Dieses glaubt, sie mache ihm um seiner selbst greift nach dem Apfelschnitz und gibt ihn ihr zurück: Es unternimmt seinerseits einen Wohlwollensversuch. Die Mutter lacht und beißt voller Freude in den Apfel. Der freudige Gesichtsausdruck der Mutter ist für das Kleinkind eine Belohnung, wie sie größer nicht sein könnte:

Zum einen bestätigt sich der zunächst gehegte Wohlwollensverdacht, zum anderen ist der eigene Wohlwollensversuch geglückt.

Wie aus dem Nichts entsteht Wohlwollen, in Sekunden vollzieht sich die Personwerdung des Kindes. Es ist ein geradezu magischer Moment: Das Kind erschafft seine eigene Person, indem es das Verhalten der Mutter spiegelt. Diese Spiegelkompetenz, wie Otto E. Rössler sie nennt, ist die Voraussetzung für echtes Wohlwollen: Die Freude für die Freude des anderen verantwortlich zu sein, wird zur Belohnung, zum strahlenden Beweis dafür, den anderen als anderen zu verstehen.

Ein freudiges, von Herzen kommendes Lächeln ist die kürzeste Form für wechselseitige Anerkennung und gegenseitiges Verständnis.

Wer dieses Lächeln einmal erfahren, wer es einmal selbst erzeugt hat, der wird es im besten Fall nicht mehr los. Im schlechtesten verschwindet es bis zur Unkenntlichkeit hinter der Eigenliebe.

Die Macht des echten Lächeln

Es geht um das echte Lächeln, keines, das sich in einem Crashkurs erlernen lässt. Wir reden hier nicht vom Training für Vertriebsleute, die lernen sollen, die Servicewüste Deutschland in eine Oase des Lächelns zu verwandeln. Studien an der psychologischen Fakultät der Universität Frankfurt haben ergeben, dass beruflich verordnetes Dauerlächeln die Gefahr von Depressionen nach sich zieht. Besonders gefährdet sind Stewardessen, Verkäufer und Mitarbeiter im Callcenter. Wer dauerhaft gute Laune und Freundlichkeit vorspiegelt und seine tatsächlichen Emotionen unterdrückt, der läuft Gefahr, sein echtes Lächeln zu verlieren. Wer zu viel lächeln muss, der lacht als Letzter, aber nicht am Besten.

Freundliche Menschen erkennen

Woran erkennt man denn einen freundlichen Menschen? Um auf ein Kooperationsangebot eingehen zu können, muss ich selbiges ja erst mal erkennen, sonst nützt mir auch die beste Strategie nichts. Und wer selbst ein Angebot zur Zusammenarbeit machen möchte, der hätte wohl gerne die Gewissheit, dass der andere dieses auch als solches wahrnimmt.

Was zwischen Müttern und Kleinkindern funktioniert die lächelnde Erzeugung echten Wohlwollens und gegenseitiger Anerkennung als Person –, fällt zwischen Erwachsenen weitaus schwerer. Da reicht kein Apfelstück, da hängen die Früchte höher. Oder etwa nicht? Natürlich hängen sie höher, doch wer es geschafft hat, sich ein echtes wohlwollendes Lächeln zu bewahren, der ist definitiv im Vorteil.

Wer es versteht, wohlwollend zu lächeln, der wählt den besten Einstieg in die Begegnung mit seinen Mitmenschen, der überhaupt nur möglich ist.

Lächeln entwaffnet

Es ist die pure Entwaffnung. Es ist die kürzeste Form der Anerkennung, die uns zur Verfügung steht. Effektiv und auf den Punkt. Mimik, die mehr sagt als tausend Worte.

  1. Wer lächelt, ist kooperationsbereit. Wer jemandem den Vortritt lässt und dabei lächelt, der macht deutlich, dass er es ernst meint.
  2. Wer entschuldigend lächelt, weil er auf dem Bürgersteig gerade fast mit jemand zusammengestoßen ist, der legt einen möglichen Konflikt bei, bevor dieser überhaupt begonnen hat.
  3. Wer über das ganze Gesicht strahlt, wenn seine Gäste kommen, der hat seine Gastgeberpflichten schon fast erfüllt, ohne sie als Pflicht zu empfinden.
  4. Wer es schafft, sich während eines handfesten Streits zu einem echten Lächeln durchzuringen, der signalisiert dem anderen, dass er den eigenen Beitrag zur Eskalation der Auseinandersetzung sieht und beendet diese im selben Moment.
  5. Wer lächelt, der öffnet Türen, die längst verschlossen schienen, der übernimmt die Verantwortung für das Gelingen einer Begegnung.

Echtes Lächeln kann man nicht falsch verstehen

Aber was, wenn der andere das Lächeln falsch versteht? Wenn der Verdacht aufkommt, es sei nicht ernst gemeint, man lache über den anderen und schüttele den Kopf über dessen Worte oder Taten? Keine Angst. Ein echtes, ein wohlwollendes Lächeln erzeugt keine Missverständnisse – auch nicht zwischen den Kulturen –, wir können das unterscheiden. Das Lächeln, das Wohl will, hat nichts zu tun mit den nach oben gezogenen Mundwinkeln, die schon wieder abrupt nach unten sinken, noch bevor wir aus dem Gesichtsfeld unseres Gegenübers verschwinden. Es hat auch nichts mit jenem Lachen zu tun, das Glückshormone ausschüttet, wenn wir eine Minute einen Stift zwischen unsere Zähne klemmen und uns selbst überlisten, um bessere Laune zu bekommen. Wer wohlwollend lächelt, dessen Augen lachen mit. Wohlwollen ist keine Strategie, keine List, Wohlwollen ist die unmittelbare Anerkennung des anderen.

Die Freude darüber, dass unser wohlwollender Versuch gelungen ist, zeigt sich im ebenfalls wohlwollenden Lächeln des anderen. Ein kurzer, ein würdiger Moment.

Das wehrhafte Lächeln

Es gibt auch ein wehrhaftes Lächeln. Eines das den anderen daran erinnert, dass er sich selbst würdevoller Momente beraubt. Eines, das ebenso wenige Worte macht wie das freundliche Lächeln. Eines, das den anderen dazu ermuntert, sein eigenes Wohlwollen wieder zu entdecken. Ein Lächeln, bei dem man auch schon mal mit den Augen rollt und sich auf die Lippen beißt; aber meist bleibt es bei sich. Eines, das nach wie vor auf die Einsicht des anderen hofft, mit fast grenzenloser Geduld. Ein Lächeln, das sich nicht empört und kurz auflacht vor lauter Unverständnis. Eines, das das Wohl des anderen will und immer zur Versöhnung bereit ist. Es wird entspannt und strahlend, wenn es dazu kommt.

Es ist das Lächeln eines positiven Menschenbildes. Eines, das an den Menschen glaubt und das sich still darüber freut, wenn es dem anderen gelingt, sein wohlwollendes Potenzial auszuschöpfen. Nicht, um sich bestätigt zu fühlen, sondern in Freude für den anderen.

Das gnädige Lächeln

Man sagt über Jesus, er habe den liebenden Blick gehabt, man sagt über den Dalai Lama, dass es sein Lächeln ist, das einen in seinen Bann zieht. Ein gnädiges Lächeln, das auch jenen zuteilwird, die unser Wohlwollen nicht zu würdigen wissen oder sich diesem in ihrer Eigenliebe bewusst verschließen. Jenen, die nicht zur Zusammenarbeit bereit sind und ihrerseits keine Kooperationsangebote unterbreiten. Jenen, denen wir mit Wehrhaftigkeit begegnen sollten und die danach unsere Fähigkeit zur Versöhnung auf die Probe stellen, sobald sie bereit sind, zum Wohlwollen zurückkehren.

 

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