Knigge sagt: Flurfunk? Redet mit statt übereinander

Wer aufhört zu rauchen, der tut etwas für seine Gesundheit. Doch was gut für die Gesundheit ist, bringt in anderen Lebensbereichen erhebliche Probleme mit sich: Niemand ist im Unternehmen so gut informiert wie die Raucher, niemand hat die Möglichkeit täglich an so zahlreichen informellen Meetings teilzunehmen wie die Freunde des Tabaks (rauchfreie Büros vorausgesetzt). Wenn Nichtraucher und ehemalige Raucher darüber schimpfen, dass Raucher tagtäglich wesentlich weniger arbeiten als sie selbst, dann schwingt hier vermutlich der Ärger darüber mit, wichtige Informationen vorenthalten zu bekommen. Insofern könnte man meine ehemaligen Mitarbeiterin durchaus verstehen, wenn sie sich die Frage stellt: „Ob dieses Intranet tatsächlich für mich interessant ist, solange ich rauche?“

Da sich die Raucher jedoch auf dem Rückzug befinden und es ja auch von jeher – unabhängig von persönlichen Süchten – einen Flurfunk gegeben hat, könnte Sie auch als Nichtraucher die eine oder andere Empfehlung hinsichtlich eines „manierlichen Flurfunks“ interessieren:

  • Natürlich sollten wir lieber mit- statt übereinander reden. Doch erstens bleibt es meist beim frommen Wunsch, und zweitens macht das Reden übereinander doch auch ein wenig Spaß.

(Der werfe den ersten Stein, der sich noch nicht beim leidenschaftlichen Lästern über die neue Frisur von Frau Schmitz, die unglaubliche Tölpelhaftigkeit von Herrn Kramer oder die notorische Unpünktlichkeit des eigenen Vorgesetzten beschwert hätte …) Außerdem ist es bisweilen wesentlich klüger seinem Ärger oder Spott im Vorfeld Luft zu machen, bevor man diesen ungefiltert an die betreffende Person weitergibt.

  • Als Vorgesetzte sollten Sie den Flurfunk bewusst fördern!

Sie müssen Ihre Mitarbeiter ja nicht gleich zum Rauchen zwingen, eine nett eingerichtete Stehecke mit der Möglichkeit zu betrieblichen Kaffeekränzchen bringt die Mitarbeiter ins Gespräch. Untersuchungen zeigen, dass die besprochenen Themen weit über das oben beschriebene Lästerszenario hinausgehen und so manche kreative Idee oder konstruktive Problemlösung – sei es im Beruflichen, sei es im Zwischenmenschlichen zwischen Tür und Angel bei einer heißen Tasse Kaffee entstanden sind.

  • Suchen Sie das Gespräch mit Ihren Mitarbeitern oder Kollegen. Starren Sie nicht den ganzen Tag in Ihren PC. Oft lernt man die Menschen, mit denen man zusammenarbeiten muss, viel besser kennen, wenn man sich bisweilen eine Plauderei mit ihnen auf den Fluren gönnt.

Da erscheint die Kollegin aus der verhassten Personalabteilung plötzlich weniger kratzbürstig als gedacht, der Kollege aus dem Controlling sammelt gar keine Briefmarken, sondern frönt derselben Fußballleidenschaft wie Sie, und der Leiter der Produktion ist weniger einsilbig, als Sie es für möglich gehalten hätten.

  • Vorsicht mit Gerüchten! So sehr wir auf Vorurteile angewiesen sind, um unsere Wirklichkeit zu ordnen, so sehr sollten wir darauf achten, dass sie unseren Blick nicht trüben.

Hüten Sie sich, die Parolen des Flurfunks allzu schnell für bare Münze zu nehmen, und halten Sie sich selbst zurück, auf jede „unglaubliche Geschichte“ noch einen drauf zu setzen. Irgendwann schlägt das Pendel zurück!

Dass der Flurfunk keine Erfindung der modernen Unternehmung ist, sondern bereits das gesellschaftliche Spielfeld im 18. Jahrhundert prägte, darauf deutet der 18. Aphorismus Adolph Freiherr Knigges hin: „Erzähle nicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachteiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf der Wahrheit gegründet oder schon durch so viele Hände gegangen, dass sie wenigstens vergrößert, verstümmelt worden, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen Leuten ernstlich schaden und noch öfter sich selber großen Verdruss zuziehen!“

Passen Sie daher auf, dass Ihnen Ihre eigenen Späße nicht irgendwann im Halse stecken bleiben. Denken Sie lieber einen Augenblick nach und nehmen noch einen Zug von Ihrer Zigarette. (Ach, Sie hatten ja aufgehört …)


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