Kein Miesepeter sein sondern ein heiterer Realist, das wäre doch mal was. Keiner, der den Untergang des Abendlandes beweint, aber auch keiner der sich auf der Insel der Glückseligen wähnt. Weil es ihm da eh viel zu langweilig wäre. Moritz Knigge über Lebenskunst. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Zeige, so viel Du kannst, eine immer gleiche, heitre Stirne! Nichts ist reizender und liebenswürdiger, als eine gewisse frohe, muntre Gemütsart, die aus der Quelle eines schuldlosen, nicht von heftigen Leidenschaften in Tumult gesetzten Herzens hervorströmt.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 26

Für die Parteigänger des Fünf-Minuten-Glücks ist es kaum vorstellbar, daß man nicht ständig mit seinen Erwartungen, Ansprüchen und Wünschen an seine Arbeit, an andere Menschen, an all die Gegebenheiten herantritt, die man zum Beispiel auf Reisen antrifft. Aus ihrer Perspektive dürfte es ziemlich antiquiert erscheinen, daß Lebenskunst mit Selbstbeherrschung und bewußter Lebensgestaltung zu tun haben könnte. Aber – hat es das überhaupt? Warum sollte man sich denn eingehender mit Lust und Genuß beschäftigen und womöglich planvoll zu Werke gehen bei dem Versuch, dem Leben Glück abzugewinnen?

Die Kürze des Lebens

Die älteste und plausibelste Antwort auf diese Frage, die ich kenne, lautet: Weil das Leben kurz ist. Weil es endet. Wenn wir in diesem relativ knapp bemessenen Zeitraum das erreichen wollen, was wir uns erhoffen, dann sind wir gezwungen, uns über die Mittel und Wege Gedanken zu machen und überlegt und zielstrebig vorzugehen, also das Leben zu gestalten. Deswegen müssen wir dieses Leben von Zeit zu Zeit als Ganzes ins Auge fassen, Abstand nehmen und Überblick gewinnen. Deswegen brauchen wir einen langen Atem und die Ausdauer, Ziele über längere Zeit zu verfolgen, nicht verbissen, aber unbeirrbar. Und deswegen müssen wir unseren Wünschen immer mal wieder Einhalt gebieten, um beim Erreichten und Vorhandenen verweilen zu können, denn darin liegt der Lebensgenuß in allererster Linie. Im Verweilen.

Für ein verzögertes und intensives Leben

Verweilen, damit die Dinge auf uns wirken können. Damit sie sich uns einprägen und uns ausfüllen können. Damit wir Situationen auskosten können. Das lange Leben, das wir einander immer wieder wünschen, ist ganz unabhängig von seiner Dauer dann tatsächlich lang, wenn es reich ist an Erfahrungen, die sich tief eingeprägt haben. Mit anderen Worten: Wir können die kurz bemessene Zeit des Lebens beliebig dehnen, indem wir uns Zeit lassen. Ein langes Leben ist kein schnelles Leben. Ein langes Leben ist ein gleichsam verzögertes und eben deshalb um so intensiveres Leben.

Man hat von allem mehr, wenn man sich Zeit läßt. Nicht nur für die Erotik gilt: Nicht dem ersten Impuls nachgeben! Aufschieben, sich etwas vorbehalten – damit ist dem Lustgewinn fast immer mehr gedient. Das ist eine Frage der Dramaturgie. Vorsätzliche Zügelung der Lust hält die Sehnsucht nach ihrem Genuß wach. Diese wunderbare Spannung der Seele gilt ja immer nur einem Vergnügen, das nicht beliebig verfügbar ist. Bisweilen sollte man sich also bewußt etwas versagen, um den Augenblick, in dem man es sich dann gönnt, um so intensiver zu genießen. Diese Kunst läßt sich im Alltag mit den kleinsten Dingen praktizieren, wenn man seinen Tag gewissermaßen rhythmisch strukturiert, Zäsuren vornimmt, kleine Rituale einbaut und sich die zweite Tasse Kaffee für eine bestimmte Nachmittagsstunde aufhebt oder ein Musikstück auflegt, nachdem man ein bestimmtes Arbeitspensum erledigt hat, anstatt gleich zum nächsten Auftrag überzugehen.

Ein Lob dem Müßiggang

Muße ist im übrigen für die eigene Produktivität nicht weniger wichtig als für die Liebe. Nur Maschinen sind unter Hochdruck effizient. Die besten Einfälle hat man nebenbei, und zu den genialen Lösungen findet man in aller Regel auf Umwegen und Abwegen. Deshalb: Die Schnellstraßen gelegentlich verlassen, um dem Zufall auf die Sprünge zu helfen! Oder überhaupt mal faul sein – wenn das nicht das schwierigste von allem wäre. Nicht nur, weil uns meist die Zeit dazu fehlt. Vor allem, weil es bedeuten würde, vorübergehend ohne Funktion zu sein. Das ist heikel – was bleibt denn dann noch von uns übrig? Für viele ist ja nicht weniger als die Rechtfertigung ihrer Existenz damit verbunden, daß sie unentwegt an der Veränderung der Welt arbeiten, in irgendein Getriebe eingreifen und sich nützlich machen dürfen. Ohne Funktion verlieren sie ihre Daseinsberechtigung, zumindest in ihren eigenen Augen. Aber gerade deshalb sollte man sich hin und wieder jene Zeit nehmen, in der einen nichts von der eigenen Person ablenkt und man sich mit der Welt ganz aus der eigenen Perspektive befassen kann.

Sicher, das kann ungemütlich werden. Zum Beispiel, weil die Frage nach dem Sinn des Lebens ins Blickfeld geraten könnte. Da man diese Frage nie abschließend und wirklich befriedigend beantworten kann, halte ich es für einen nicht unberechtigten Wunsch, sie gelegentlich zu überhören. Keineswegs jedoch, indem man sie, durch welche Zerstreuungsmaßnahmen auch immer, überdröhnt, sondern indem man sie für die Lebenskunst nutzbar macht. Das setzt sowohl eine gesteigerte Empfänglichkeit für Genüsse und eine besondere Wachheit der Sinne als auch ein Bewußtsein der Tragik des Lebens voraus. Ist dies gegeben, verdankt sich der Genuß eines wirklich guten Essens und eines wirklich guten Weins in der Gesellschaft wirklich guter Freunde nicht allein der Qualität der Speisen und Anwesenden, sondern auch dem Erlebnis, wie unerheblich in solchen Stunden die Frage nach dem Lebenssinn erscheint. Selbstverständlich bleibt sie auch jetzt unbeantwortet, aber für eine Weile kann man sich in der süßen Illusion wiegen, daß sie gegenstandslos ist. Seine letzte Steigerung erfährt der Genuß in diesen Augenblicken also durch das glückliche Vergessen von etwas, das einem sonst durchaus bewußt ist: der Abgründe der Existenz und des letztendlichen Scheiterns aller Lebenskunst.

Ein klitzekleiner Selbstbetrug

Ein Hauch von Selbstbetrug gehört also zur Lebenskunst wie zum Leben. Bisweilen reicht aber schon ein wenig Selbstüberredungskunst, etwa dann, wenn die Schwankungen unseres Gemüts nach unten ausschlagen. Man sollte solche Phasen unerklärlicher Mutlosigkeit oder plötzlicher Verstimmung nicht allzu ernst nehmen. Das Lebensgefühl ist keine höhere Gewalt, der wir uns demütig unterwerfen müßten. Machen wir kein Aufhebens davon – meist kann man seine Niedergeschlagenheit aussitzen, und oft gibt sie sich in Augenblicken, deren Zauber wir erst im nachhinein bemerken, wenn unsere Verstimmung wie weggeblasen und das alte Selbstbewußtsein zurückgekehrt ist, ohne daß sich die äußeren Umständen spürbar geändert hätten. Manche beherrschen die Kunst, ihrem Trübsinn erst gar keinen Schwung zu lassen und sich selbst „zur Munterkeit zu befeuern“, wie Adolph Freiherr Knigge sagt. Der englische Romanautor John Cowper Powys (1872 –1963 ) verstand sich offenbar darauf, jedenfalls berichtet er, daß er sich unter widrigen wie weniger widrigen Bedingungen zwingen konnte, gleichermaßen glücklich zu sein – ein Verfahren, das man zäh und beharrlich üben müsse, wie er sagt, und ein Element des Glaubens enthalte, nämlich an die eigene Willensstärke und an die Selbstheilungskräfte, die von ihr ausgehen.

Alles in allem ist der Lebenskünstler ein heiterer Realist, illusionslos und eher skeptisch. Ich schließe mich dieser Skepsis vor allem da an, wo es um die Glücksverheißungen unserer Tage geht. Bevor man der Aufforderung folgt, seine Träume zu leben, sollte man sich, wie ich meine, erst einmal in der Wirklichkeit bewähren. Insbesondere hüte man sich davor, das Leben zu etwas zu verfälschen, das man sich unterwerfen könnte, oder das sich den eigenen Ansprüchen zu fügen hätte. Noch nie hat es eine Verheißung gegeben, die nicht an eigene Anstrengungen moralischer, intellektueller oder körperlicher Art geknüpft gewesen wäre, und nicht einmal auf eine Lehrstelle darf man hoffen, wenn man sich, wie es zunehmend geschieht, im Bewerbungsgespräch bereits als „Nicht-Auszubildender“ erweist, weil man weder Grundzüge einer Allgemeinbildung noch Mindeststandards des Umgangs noch so etwas wie einen Lebensplan vorweisen kann. Offenbar greift die Illusion eines Lebensglücks um sich, das gar nicht mehr auf Leistung beruht und Beruf mit Berufung, Kindheitsträume mit Lebenschancen und Lebenskunst mit süßem Nichtstun verwechselt.

Das beste aus der Situation machen

Denselben Mangel an Realismus beweisen die, die sich gegen Zufälle empören und sich vom Schicksal diskriminiert fühlen, wenn es ihre Pläne durchkreuzt. Der versteht viel von Lebenskunst, der hinnehmen kann, was sich nicht ändern läßt, und sein läßt, was nicht in seiner Macht steht – aber genug Geistesgegenwart für Improvisationen aufbringt und ohne zu jammern aus unvorhergesehenen Situationen das Beste zu machen versucht. Auf keinen Fall sich gleich finsteren Mächte ausgeliefert fühlen, kaum daß einem etwas mißlingt! Gelassenheit und Verzagtheit sind zweierlei, und unter Lebenskunst verstehe ich auch, in schwierigen Situationen nicht aufzugeben, bevor man nicht alles versucht hat, bevor nicht alle Möglichkeiten erwogen und geprüft sind. Schicksalsverschwörungen, gegen die wir vollständig machtlos wären, sind selten. Fast immer gibt es einen Ausweg, wenn wir unseren Ehrgeiz darein setzen, doch noch eine Lösung zu finden. Man kommt erstaunlich weit mit Hartnäckigkeit, Spürsinn und Phantasie, wenn man Lösungen nicht immer in derselben Richtung sucht, aber auch die nächstliegende Möglichkeit vor lauter Gewieftheit nicht außer Acht läßt.

Und schließlich scheint mir das Vermögen, dem Leben eine dramatische Dimension abzugewinnen, ebenfalls unter die Lebenskunst zu fallen. Das Wagnis, das Abenteuer, das Experiment gehört dazu, ob in Gedanken oder in Wirklichkeit. Größtmögliche Sicherheit ist keine Bedingung für Glück, und alle Risiken ausschließen zu wollen erscheint mir wie eine Form von Geiz, als wollte man mit einem kleinen Erfahrungsschatz durchs ganze Leben kommen. Wer sich abschottet, wird niemals zum Bewußtsein seiner Kraft und seiner Grenzen kommen, und wer nichts aufs Spiel setzt, läuft Gefahr, irgendwann vor der Banalität des Lebens zu kapitulieren. Wer aber Herausforderungen annimmt, schärft seine Sinne – jene Instrumente also, die uns die Welt als einen Ort der Lust erschließen.

Moritz Knigge sagt:  „Verwechsle Lebenskunst nicht mit süßem Nichtstun oder einem Glück, daß nicht auf Anstrengungen beruht. Die Lebenskunst erfordert eine bewußte Lebensgestaltung. Dazu gehört, sich nicht in sinnlosem Widerstand gegen Zufälle und höhere Gewalt zu verausgaben. Wir haben nicht alles im Griff – die Einsicht in die Unwägbarkeit des Lebens befreit uns von dem Zwang, unermüdlich an unserem Glück zu hämmern und zu feilen.“

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