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Frag doch den Knigge

Lesen

Auch Bücher können verstauben. Im schlimmsten Fall werden sie verbrannt. Dann, wenn die Kultur verfällt und Heinrich Heines Zitat Wirklichkeit werden lässt, dass Menschen, die Bücher verbrennen, irgendwann auch Menschen verbrennen. Dann, wenn die grausamen Gesetze der Natur Vorbild werden für die Unmenschlichkeit des Menschen. Wenn Unmenschen wie Adolf Hitler anderen ihr Menschsein absprechen und seine Schergen Bücher den Flammen übergeben, dann sind öffentliche wie private Räume zur Okkupation und der kulturelle Raum zum Abschuss freigegeben.

Vermutlich dachte der Amerikaner Ron Hornbaker weder an Deutschland in der Nacht, noch war er um den Schlaf gebracht, als er 2001 die Webseite www.bookcrossers.com ins Leben rief. Der Gedanke aber, dass Bücher nutzlos im Regal verstauben, trieb ihn um, diesen wieder Leben einzuhauchen. Das Buch sollte wieder zum lebendigen Kulturgut werden und nicht zum toten Statussymbol oder Einrichtungsgegenstand verkommen. „Regalhaltung von Taschenbüchern ist Literaturquälerei“, heißt ein beliebter Slogan deutscher Bookcrosser.

Das Prinzip Bookcrosser ist denkbar einfach: ran an das verstaubte Bücherregal. Dort finden sich vielleicht Bücher, von denen man sich trennen kann. Mit einem Aufkleber von Bookcrosser versehen, online registriert, wird das Buch freigelassen. Wer es findet, kann sich über den auf dem Aufkleber hinterlegten Code über die Reise des Buches informieren, Rezensionen lesen und eigene verfassen. „Nimm mich mit, lies mich und lass mich wieder frei“, lautet die Aufforderung, die auf jedem Buch steht, das, Staub und Verfall entrissen, auf Reisen geschickt wurde. Manche sind auch Bücher, die in Bussen und Bahnen, auf Parkbänken, zwischen Obst und Gemüse im Supermarkt oder vor einer Haustür zurückgelassen wurden. So ist sie dann auf Wanderschaft, die Wort gewordene Mühe und Muße von Menschen, die über sich und die Welt nachgedacht haben. Auf der Suche nach Lesern, die Lust haben, den Tag und die Nacht dafür zu nutzen, sich diesen Gedanken zu nähern.

Die menschliche Sprache ist wohl das bedeutendste Kriterium unserer sozialen Intelligenz. Wer liest, schreibt, spricht und zuhört, wer seine eigenen Gedanken in Worte fassen kann und die seiner Mitmenschen versteht, der hat die besten Möglichkeiten, mit Muße und Mühe teilzuhaben an der geistigen und sittlichen Vollendung seines Menschseins. Wer aufmerksam ist gegenüber seinen Mitmenschen und der Welt, in der er lebt, der hat beste Chancen, sich selbst und die Welt um sich herum so zu gestalten, dass Kultur weder verstaubt noch verfällt oder gar in Flammen aufgeht.

„Für jeden gestorbenen Leser wird ein Fernseher geboren“, heißt es in einem Informationsblatt der Hannoveraner Initiative „Mentor – die Leselernhelfer“. Angeregt hat diese Initiative Otto Stender, Buchhändler aus Hannover, der sich lange Zeit in seinen Kampf gegen die modernen Medienwindmühlen auf verlorenem Posten sah. Irgendetwas war aus den Fugen geraten im Land der Dichter und Denker. „61 Prozent der Jungen haben noch nie freiwillig ein Buch gelesen“, stellte Stender mit Erschrecken fest, und wenn er in Hannover mit der Straßenbahn fuhr, verstärkte sich jedes Mal sein Eindruck, er habe es mit einer zunehmend sprachlosen Generation zu tun. Und so war er keineswegs überrascht, als die PISA-Studie unseren fünfzehnjährigen Schülerinnen und Schülern einen auffälligen Mangel an Lesekompetenz bescheinigte. Auch die Erkenntnisse der Shell-Jugendstudie, dass insbesondere Kinder aus sogenannten sozial schwachen Familien erhebliche Schwächen haben, deckten sich mit den Erfahrungen von Otto Stender. Die modernen Medienwindmühlen hatten mittlerweile solch extreme Umdrehungszahlen erreicht, dass sowohl Bücher als auch die zwischenmenschliche Kommunikation in solchen Haushalten zu bedrohten Arten geworden sind. (Es sei denn, man hält eine tägliche Redezeit von vier Minuten für kulturfördernd.)

Der Idealist Stender beließ es nicht dabei, den kulturellen Verfall zu beklagen, er tat etwas. Er gründete einen Verein, er warb an Schulen für sein Projekt, und er trat an die Medien heran, selbst an die, die Stender als natürlichen Feind des Buches ausgemacht hatte. Aber da ein gutes Gewissen bekanntermaßen praktische Klugheit braucht, um dem Guten zur Durchsetzung zu verhelfen, heiligte Stender die Mittel und fand sich sogar bei Anne Will ein. Wer sich selbst in der Initiative von Otto Stender einfinden will, wer dafür die Verantwortung übernehmen möchte, dass mehr als 39 Prozent der jungen Leute von sich aus ein Buch in die Hand nehmen, der braucht nur wenig Mühe und ein bisschen Muße (Informationen unter http://www.mentor-leselernhelfer.de/mentor-werden/). Vielleicht hört er dann bald ein weiteres Mädchen wie die neunjährige Yesmin sagen: „Im Lesen bin ich viel besser geworden. Ich trau mich auch im Unterricht, laut vorzulesen. Früher wollte ich das nicht.“

So ganz stimmt das natürlich nicht. Denn Geduld, Langmut und Zuwendung, so Stender, muss man schon mitbringen, wenn man bereit ist, Verantwortung für die Vervollkommnung unseres kulturellen Potenzials zu übernehmen. Aber so ist das nun mal, wenn weder am Anfang noch am Ende das Feuer sein soll. Wenn wir bereit sein wollen, die größte Herausforderung, der wir uns als Menschen stellen können anzunehmen: die Beschäftigung mit unseren Mitmenschen. Um uns und einer Kultur willen, die auf die geistige und sittliche Vervollkommnung zielt. Einer Kultur, die öffentliche Räume zu unserem Zuhause erklärt, die Kultur entstaubt und lebendig hält und alles daran setzt, niemanden den Zugang zu diesen kulturellen Räumen zu verwehren. Das erfordert Muße und Mühe, Tag und Nacht.

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Gestatten, Moritz Freiherr Knigge

Ich helfe Menschen in Städten, Verbänden und Unternehmen, mehr miteinander zu erreichen. Aufgewachsen auf Rittergut Bredenbeck wie mein Urahn Adolph Freiherr Knigge habe ich eins gelernt: ohne Handkuss kommt man gut durchs Leben. Ohne offene Arme nicht. Heute besuche ich Deutschland, Österreich und die Schweiz als Mentor und Keynote Speaker. Mein Motto: „Wertschätzung ist Wertschöpfung.“ Wann darf ich für Sie mehr Miteinander erreichen?