Früher war alles besser? Im Schlepptau dieses verzweifelten Blicks auf die Welt befindet sich meist ein weiterer jahrhundertealter Gemeinplatz – das Lob der alten Welt. Und was da früher nicht alles besser gewesen sein soll: die Manieren der Jugend, der Zusammenhalt zwischen den Menschen, die Kenntnis allgemeingültiger Umgangsformen, die Verantwortung der Unternehmer gegenüber ihren Mitarbeitern, die Kunst der politischen Rede im Parlament, das Verantwortungsbewusstsein der Politiker gegenüber dem Allgemeinwohl, der größere Respekt der Schüler vor ihren Lehrern, vor ihren Eltern, aber auch der Respekt der Eltern gegenüber den Lehrern ihrer Kinder.

Ganze Gattungen sind ausgestorben: der Gentleman, die Dame, intakte Familien, der ehrbare Kaufmann, Lehrer mit natürlicher Autorität, und auch nach fairen Sportsmännern sucht man vergeblich. Manche Menschen meinen gar, dass ja nicht alles schlecht gewesen sei, wenn man auf das wohl dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu sprechen kommt. Eine Aussage, die ebenso banal wie gefährlich ist, da es natürlich nie eine Epoche der menschlichen Geschichte gab, in der wirklich alles schlecht war. Gleichzeitig folgt meist der Hinweis auf Autobahnen, Muttertage und günstige Eintöpfe für die Volksgemeinschaft, alles mit dem teuersten erkauft, was wir Menschen haben: mit unserer Humanität. Und heute?

Andauernde Finanzkrise, dauerhafte Bildungsmisere, schmelzende Polkappen, nicht zu leugnende Energieknappheiten, eine überalterte Gesellschaft, gierige Manager, überforderte Politiker, steigende Arbeitslosigkeit, Anstieg der Zivilisationskrankheiten wie dem Burnout, zerrüttete Familien, nicht enden wollende Menschenrechtsverletzungen, fundamentalistische Wirrköpfe, weltweite Kriege, ungerechte Ressourcenverteilung, Pandemien – sind das etwa keine Bedrohungen? Und auch die Zukunftsprognosen lassen doch nun wirklich nichts hoffen: Eltern, die ihre Kinder zu Tyrannen erziehen, Generationen und Kulturen, die einander bekämpfen, immer größere Gräben zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, Arbeitgebern und Arbeitnehmern und, was weiß ich, zwischen wem und was noch allem.

Wer von uns hätte nicht schon dran gedacht, an dieser Welt zu verzweifeln und sich nach einer besseren zu sehnen? Das Gute im Menschen? Wo soll das denn, bitte schön, sein? Beweist der Mensch nicht jeden Tag aufs Neue, dass er in seiner Kreatürlichkeit gefangen ist, dass er zu Dingen imstande ist, die weit über das hinausgehen, was wir gerne als das Tier in uns bezeichnen? Tiere laufen aber nicht bis an die Zähne bewaffnet in ihre ehemalige Schule und bringen unschuldige Menschen um, Tiere halten ihre eigene Tochter nicht 24 Jahre gefangen, vergewaltigen sie und lassen sie und die gezeugten Kinder ohne Tageslicht dahinvegetieren, Tiere sind dazu nicht in der Lage, der Mensch schon.

Menschen erfinden die wahnwitzigsten Produkte, um Millionen zu scheffeln und wenn zu diesem Zweck „die Oma um die Ecke mit ihrer gesamten Ersparnis hopsgeht, dann ist das halt so!“, wie eine Investmentbankerin das Berufsethos ihrer ehemaligen Kaste kurz und prägnant auf den Punkt brachte. Was soll man denn von einer Spezies erwarten, deren Mitglieder eine Vergewaltigung in einem vollen U-Bahn-Waggon geschehen lassen, ohne einzugreifen? In der quer durch alle Gesellschaftsschichten Kinderpornografie konsumiert wird? Deren Mütter mit ihren halb nackten 18 Monate alten Kindern bei zehn Grad durch die Innenstadt radeln und, nachdem sie von der Polizei zur Rechenschaft gezogen werden, antworten, die eigene Tochter sei ein selbstbestimmtes Wesen und habe sich nicht anziehen wollen?

Worin besteht denn die Hoffnung in einer Welt, in der selbst ernannte oder von Gott eingesetzte moralische Gralshüter sich in hässlicher Regelmäßigkeit den Vorwurf des Kindesmissbrauchs gefallen lassen müssen und sich durch das Verbot von Kondomen am Tod von Millionen unschuldiger Menschen mitschuldig machen? In der immer noch Millionen von Menschen Hunger leiden, Kriegen ausgesetzt sind und als Sklaven gehalten werden? Und da soll man nicht verzweifeln? Was verändert sich da, bitte schön, zum Guten? Wenn fast alle Länder dieser Erde Mitglieder der UNO sind und die Allgemeine Erklärung für Menschenrechte unterzeichnet haben, die sie doch jeden Tag mit Füßen treten!

Und nun? Kopf in den Sand, Klappe zu, Affe tot? Ab in die Zeitmaschine auf dem Weg in eine glorreiche Vergangenheit? Oder doch einen zweiten verstohlenen Blick auf das geworfen, was eben auch da draußen ist, was eben auch damals war?

Die Welt da draußen. Wir können unseren Blick nämlich auch dem zuwenden, was gut läuft in dieser Welt da draußen:

  • Tyrannen müssen sich für ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor UN-Tribunalen verantworten.
  • Unternehmen stehen zunehmend in der Verantwortung, ihre Waren unter sozialen und ökologischen Standards zu produzieren.
  • Der Leitsatz einer gewaltfreien Erziehung ist nicht mehr zu diskutieren.
  • Verstöße gegen unsere marktwirtschaftliche Ordnung wie Korruption, Preisabsprachen und Kartellbildung nehmen nicht zu, sondern werden härter bestraft als in der Vergangenheit.
  • Arbeitende Mütter gelten nicht länger als Rabenmütter.
  • Politische Alleingänge in einer globalisierten Welt gehen zurück.
  • Restaurants weisen in ihren Speisekarten darauf hin, auf tierquälerische Speisen zu verzichten.
  • Bei Pöbeleien in der U-Bahn greifen in sechs von sieben Fällen couragierte Bürger ein.

Wir leben in einer gesellschaftlichen Ordnung, in der ein Staatspräsident sich selbst dann nicht für Karikaturen entschuldigen kann, wenn er sie selbst kritisch sieht, und wir erkennen, dass George Bush Barack Obama erst möglich machte. Wir können uns selbst daran erinnern, welch großartige zivilisatorische Errungenschaften, die Soziale Marktwirtschaft, die Demokratie und die universellen Menschenrechte darstellen, und uns fragen, was wir dazu beitragen können, um diese dauerhaft zu sichern und weiterzuentwickeln. Wir können unsere Kräfte mobilisieren, uns unserer eigenen Möglichkeiten bewusst werden und einen Beitrag in der Welt leisten, in der wir leben.

Wir können auch weiterfragen:

  • Erinnern uns die braven Kinder von damals nicht manchmal an dressierte Äffchen? Wer möchte denn heute noch ernsthaft die Umgangsformen pflegen, die in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch den Verband der deutschen Tanzlehrer vermittelt wurden?
  • Wie groß ist der Unterschied zwischen den „fürsorglichen“ Patriarchen des industriellen Zeitalters in Europa, die ihre Mitarbeiter für vierzehn Stunden unter Tage schickten, zu den Vertretern eines staatlichen Kapitalismus im Reich der Mitte?
  • Was meinen wir denn, wenn wir von größerem Respekt sprechen? Bedingungslose Unterordnung oder freiwillige Anerkennung?
  • Und worin bestehen eigentlich die seelischen Folgen für Sprösslinge von Patchworkfamilien im Vergleich zu denen, die Onkel Hubert und Tante Martha das „schöne Händchen“ geben mussten?

Natürlich ist das die reine Polemik, genauso allerdings wie das ewige Loblied auf die alte Welt.

Lieber mit einer Brille durch die Gegend laufen, mit der man die rosaroten Farbkleckse in unserer Welt noch sieht, als mit einer, in der die Gegenwart tiefschwarz und die Vergangenheit rosarot erscheinen. Wer sollte einem verbieten, an rosarote Farbkleckse auch zu glauben? Höchstens jene, die gestern noch eine unblutige Revolution in der ehemaligen DDR, den Niedergang der amerikanischen Autoindustrie, einen schwarzen Präsidenten, Biolebensmittel bei Aldi, einen griechischen Fußball-Europameister oder den Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte für unmöglich hielten.

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