Große Worte werden gelassen ausgesprochen: „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht“, so lautet das Motto von BILD, der auflagenstärksten Zeitung Europas. Ihr journalistischer Anspruch ist wenig zimperlich. „Mich interessiert ja überhaupt nicht, woher eine Geschichte kommt, sondern wie gut die Geschichte ist“, sagt Chefredakteur Kai Diekmann.

Und wo ein Goliath, da ist ein David nicht weit: „Jede Lüge braucht einen Mutigen, der sie zählt“, lautet die Devise von bildblog.de. Von wegen Wahrheit. Von wegen Anspruch. Die Journalisten Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis trauten dem Diekmannschen Braten genauso wenig wie denen, die in der Lektüre der BILD nichts Verwerfliches sehen. Schulterzucken und Empörung waren Niggemeier und Schultheis nicht genug, ihnen geht es darum, die offensichtlichen Unwahrheiten und Fehler zu dokumentieren. Als meistzitierte Zeitung der Republik steht BILD ihrer Ansicht nach in einer besonderen Verantwortung, journalistische Sorgfalt walten zu lassen.

Wer Meinung macht, hat Macht. Und da Macht verführt, braucht sie Kontrolle. Das gilt für das Flaggschiff der Boulevardblätter ohnehin im besonderen Maße. Denn wer sich so unverblümt mit Wahrheitsliebe und Mut schmückt, wem eine gute Geschichte über alles geht, der braucht notwendigerweise jemanden, der ihm genauer auf die Finger schaut, bevor er endgültig abhebt. „Gegenöffentlichkeit“ heißt das im Fachjargon. Eine Form des Machtgleichgewichts, das selbst der Chefredakteur der Bild am Sonntag, Carl Strunz, anerkennt: „Wir verfolgen dies wohlwollend, weil wir uns als Kontrolleure der Mächtigen verstehen und es zu unserem Demokratieverständnis dazugehört, dass auch der Kontrolleur kontrolliert wird.“

In dieser Gegenöffentlichkeit tummeln sich neben den bildblog.de-Betreibern Niggemeier und Schultheis noch weitere Davids, die bereit sind, Verantwortung für eine freie Meinungsbildung zu übernehmen. Was sie eint, ist die Kontrolle der Mächtigen, die ihre Macht missbrauchen. Auch sie brauchen gute Geschichten, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. Doch es geht ihnen nicht um Unterhaltung. Ob Boris Becker wieder eine neue Freundin hat, ob Dieter Bohlen wieder einmal verbal über die Stränge geschlagen ist oder Ernst August zum wiederholten Male seine Fäuste hat sprechen lassen, das ist nicht ihr Spielfeld. Ihnen geht es um mehr. Ihr Kampf ist grenzenlos. Sie kämpfen für eine freie Presse und journalistische Sorgfalt, für eine gerechtere medizinische Versorgung, für die Menschenrechte, für eine menschengerechte Wirtschaft und eine saubere Umwelt.

Man kann der BILD-Zeitung und ihren Machern eine Menge vorwerfen, aber einen Fehler sollte man nie begehen: den Goliath der Meinungsmache zu unterschätzen. Trotz seiner Größe neigt er weder zur Schwerfälligkeit noch zur Plumpheit – auch wenn das Blatt selbst anderes vermuten lässt, sondern erweist sich immer wieder als glänzender und wehrhafter Stratege in eigener Sache. So zeigt sich auch die Aussage von Carl Strunz erst auf den zweiten Blick als das, was sie ist: eine Werbung in eigener Sache, garniert mit einer gönnerhaften Geste gegenüber dem missliebigen David. Zwischen den Zeilen steht: Wir sind die Gralshüter der Demokratie. Wir achten darauf, dass in diesem Land alles mit rechten Dingen zugeht. Die Mächtigen, das sind nicht wir. Das sind die anderen, die, die sich auf unsere Kosten bereichern, die, denen wir durch unsere Arbeit im Sinne aller Einhalt gebieten. Wer uns dabei unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen!

Wer Macht hat, wer groß genug ist, dem steht es gut an, Größe zu zeigen. Die Macher der BILD-Zeitung haben ihre Hausaufgaben erledigt. Sie wissen, dass es gut ist, Löbliches zu berichten zu haben, genauso, wie es ihnen wenig Mühe macht, die Daumenschrauben eines jeden zu finden. Und so beließen es die Strategen der BILD im Umgang mit ihrem Blog nicht dabei, sich auf eine einzige höfische Strategie zu konzentrieren. Sie bedienten sich gleich aus einem umfangreichen Arsenal. Dem Zuckerbrot folgte die Peitsche.

So versuchte der Axel Springer Verlag, Eingaben von bildblog.de an den Deutschen Presserat zu verhindern. Begründung: die Eingaben seien lediglich kommerziell und nicht durch ein Aufklärungsethos motiviert. Andererseits hatte BILD kein Problem damit, die beanstandeten Fehler insbesondere auf bild.de umgehend zu korrigieren und das kostenlose Lektorat – ohne Quellenangabe – dankbar anzunehmen.

Bildblog.de ist im Übrigen der bekannteste deutsche Blog. Er liegt zwar mit ca. 50000 Lesern täglich noch deutlich hinter der millionenschweren Leserschaft der BILD-Zeitung, doch während Letztere schrumpft, steigt der Zuspruch derjenigen, die der Meinung sind, „dass jede Lüge einen Mutigen braucht, der sie zählt“. Das ist kein gutes Zeichen. Noch besser ist nur der Werbespot, den bildblog.de in Auftrag gegeben hat und mit Anke Engelke und Christoph Maria Herbst zwei Prominente gefunden haben, die in Kauf nehmen, zur Schnecke gemacht zu werden. Aber schauen Sie doch einfach selbst (http://www.youtube.com, Stichwort: BILDblog-Werbespot).

BILD dir deine Meinung“? Eine der größten Eigenschaften des Herrschers besteht in seiner Fähigkeit, „von seinen Kritikern Nutzen zu ziehen, indem man aus dem Groll einen Spiegel macht, welcher treuer ist als der der Zuneigung“. Was die wohlfeilen Worte des spanischen Jesuitenpaters Baltasar Gracián im Hinblick auf unseren medialen Goliath bedeuten, lässt sich anhand einer Plakatkampagne verdeutlichen, in denen mehrere Prominente ihre Meinung zur BILD-Zeitung kundtun: Philipp Lahm, Johannes B. Kerner, Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Gregor Gysi oder Sido. Die Liste ist ebenfalls so lang wie illuster. Sido freut sich über die Tittn, Gysi interessiert, was die Millionen Leser denken sollen, Ferres beklagt, dass sie nicht das tägliche Theater veranstalten kann, wie es BILD so meisterlich beherrscht, Gottschalk weist daraufhin, dass in Deutschland nur derjenige etwas werden kann, der bereit ist, sich von BILD erst zur Schnecke und dann zum Titan machen zu lassen. Schweiger gibt dem Blatt recht, dass er eine Granate im Bett ist, Lahm wagt den direkten Schulterschluss: weder an ihm noch an der BILD-Zeitung komme man vorbei (ohne es zu versäumen, mit Augenzwinkern auf Fernando Torres zu verweisen, der ihn und die gesamte Nation im EM-Finale schlecht und die Spanier gut aussehen ließ). Kerner wünscht sich weniger Meinung und mehr Bildung – wohlgemerkt von der BILD-Zeitung, nicht im Hinblick auf seine Sendung.

Die Botschaften sind in ihrer Summe das Zeugnis, das BILD sich wohl auch selbst ausstellen würde: Wir schreiben das, was gedacht werden soll, wir appellieren an die niedersten Instinkte, wir machen Helden und Versager, an uns kommt keiner vorbei, wir machen tägliches Theater, wir machen Meinung. Um die Bildung sollen sich andere kümmern. Wir nehmen kein Blatt vor den Mund, und wir sind in der Lage, über uns selbst zu lachen, weil wir es uns leisten können.

Das alles ist nicht nur clever, die Kampagne sieht auch noch verdammt gut aus, der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt sei Dank. Diese Form der Selbstbezüglichkeit mithilfe externer Zeugen, dieser Spiegel des abgemilderten Grolls ist die hohe Kunst der Meinungsbildung und gerade deshalb so gefährlich. Seht her: So läuft Business! Ihr könnt mit uns im Fahrstuhl nach ganz oben fahren, aber verlasst euch darauf, wir fahren mit euch auch in den dunkelsten Keller, wenn es sein muss. Titan oder Schnecke – es liegt in unserer Hand. Personalisieren, skandalisieren und emotionalisieren, das ist unser Geschäft. Dafür übernehmen wir die Verantwortung.

Und wir? Wir, die sich unsere Meinung bilden wollen, was bleibt uns? Machen wir uns nichts vor. Der Boulevard ist breit und lang. Und vor Emotionen sind nur die Wenigsten gefeit. Eine gute Geschichte berührt die Menschen. Ein handfester Skandal und die Aussicht, der Verantwortungslosigkeit ein Gesicht zu geben, da kann man schon mal schwach werden, auch wenn man sich rühmt, die Boulevardmedien wie der Teufel das Weihwasser zu meiden. Was wäre das Leben ohne koksende Fußballtrainer, dopende Leistungssportler, raffgierige Manager, verlotterte Jugendliche, Rabenmütter, Weltuntergangsszenarien, Umwelt- und Lebensmittelskandale, peinliche Promis, deutsche Proleten im Ausland, abzockende Politiker, die Piusbrüder, den FC Bayern oder Reinhold Beckmann? Vielleicht wäre sie ein wenig besser, unsere Welt. Aber eben auch gähnend langweilig. Wir brauchen gute Geschichten. Nicht auszudenken, wenn uns der Gesprächsstoff ausginge!

Doch leider geben sich die, die nach einer Verknappung unserer im Grundgesetz verbrieften Meinungsvielfalt streben, in unseren Breiten nicht immer leicht zu erkennen. Der laute Ruf nach Zensur, die ausdrückliche Unterdrückung von Mindermeinungen und der offen geäußerte Anspruch, im Besitz der einzig gültigen Wahrheit zu sein, obliegen eher autokratischen Gesellschaften als demokratischen. Mit solch plumpen Waffen treten die, die in der Demokratie nach Meinungsführerschaft streben, seltener auf. Ein wenig raffiniert darf es schon sein, wenn man die Meinung einer kleinen oder großen Öffentlichkeit für sich gewinnen will. So direkt und unmittelbar wie im Hyde Park geht es auf den großen Schlachtfeldern der Meinungsbildung nicht zu. Eher subtil, eher mit Haken und Ösen. Und schon gar nicht mit Regenschirmen, sondern dem großen Waffenarsenal der Einflussnahme und Manipulation.

Werfen wir einen Blick auf diejenigen, deren Tagesgeschäft es ist, alle Ecken der öffentlichen Meinungsbildung auszuloten, um ein gutes Bild abzugeben. Auf die, auf deren Schild geschrieben steht: „Glauben Sie niemand anderem außer uns!“

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