Ein Mann steht hinter einem Zaun auf einer kleinen Trittleiter, in der rechten Hand hält er einen Regenschirm. Der Mann redet, besser er schreit. Das muss er auch, denn die Speaker’s Corner im Londoner Hyde Park ist wahrlich kein beschaulicher Ort. Hier geht es laut, bisweilen hitzig zu. So auch diesmal.

Einer der Zuhörer ist alles andere als einverstanden mit der Meinung des erhöht stehenden Redners, dessen Füße ebenso wenig wie seine Meinung den Boden der Tatsachen berühren. So sieht es jedenfalls der Zuhörer, der seine Ansicht in gleicher Lautstärke kundtut, den Regenschirm ebenfalls in der rechten Hand haltend. Es geht um den Irakkrieg, um Afghanistan und um Palästina, die Manipulation westlicher Medien und um den Islam und seine radikale Ausrichtung. Es geht ums Eingemachte.

Die Stimmen werden lauter, die Kontrahenten zeigen wechselseitig mit ihren Regenschirmen wie mit gezückten Degen aufeinander. Auf die eigenen hieb- und stichfesten Argumente vertrauend, steigt der Redner vom Podest und bittet seinen Meinungsgegner näher zu kommen. Beide Männer bewegen sich aufeinander zu, und plötzlich beginnen sie ein kurzes Gefecht mit ihren Schirmen. Wie kleine Jungs, verspielt und lächelnd. Die Stimmung beginnt sich zu entspannen, die Umstehenden lachen.

„Würden Sie jetzt bitte einen Moment ruhig sein und mich meine Meinung kundtun lassen?“ fragt der Redner ins Publikum, nachdem er auf das Podest zurückgekehrt ist, und fährt fort: „Wenn wir Schwarzen miteinander streiten, reden wir alle zur selben Zeit. Und wir verstehen einander trotzdem. Aber es sind nun einmal auch weiße Menschen hier. Tun wir ihnen einen Gefallen, und reden wir einer nach dem anderen.“

Wie zur Bestätigung fällt ihm der andere wieder ins Wort, bemerkt seinen Fehler jedoch umgehend: „Entschuldigung, Entschuldigung!“

„Sie können es einfach nicht lassen, oder? Sie sollen sich nicht entschuldigen, Sie sollen einfach damit aufhören!“ sagt der Redner.

„O.k., o.k. Ich verspreche es hoch und heilig. Ich werde es nie wieder tun!“ lenkt der Zuhörer mit einem Lächeln und einer beschwichtigenden Geste ein.

Die Speaker’s Corner ist eigentlich nichts als anderes der Inbegriff des alltäglichen Streits um die richtige, die gerechtfertige Meinung. Jener Meinung, die Platon einmal als Voraussetzung für Wissen bezeichnet hat. Doch wann ist eine Meinung gerechtfertigt, und wer bestimmt das? Zählen die vernünftigen Argumente, mit denen ich meine Meinung zu untermauern versuche? Oder die Daten, Fakten und Informationen, die ich zurate ziehe, um meine Meinung zu stützen? Die Instanzen, die ich als Zeugen bemühe? Die Menge an Menschen, die meine Ansichten teilen, oder meine rhetorische Überlegenheit?

Vermutlich ist es von allem etwas. Am Wichtigsten jedoch sind wohl das Bemühen, seine Meinung zunächst einmal als eigene Meinung, und nicht als objektive Wahrheit zu begreifen, und die Bereitschaft, die persönliche Ansicht begründen zu wollen. Hinzu kommt der Mut, seine Meinung mit anderen zu messen und auf die Argumente des Gegenübers einzugehen.

Was bedeutet das für unsere Meinungsbildung?

  • Zum einen die Demut, mich selbst und mein Meinungsbild nicht zu ernst zu nehmen und mir bestenfalls einen „kleinen Sokrates“ auf die Schulter zu setzen, der mir ins Ohr flüstert, dass ich nur eines weiß, nämlich, nichts zu wissen.
  • Zum anderen das Bemühen, meinen Kopf einzuschalten, um vernünftige Argumente zu äußern und dieselbe Demut und Mühe von meinem Kontrahenten im Meinungsstreit einzufordern.
  • Des Weiteren die Offenheit, in jedem Meinungsstreit die Bereitschaft, etwas von anderem lernen zu wollen, so schwer es mir seine Argumente oder seine Art zu streiten auch machen mögen.
  • Und zu guter Letzt meine bedingungslose Bereitschaft, im Dialog zu bleiben, und diesen wieder aufzunehmen, sobald beide Seiten ihre Regenschirme wieder weggesteckt haben.

Nun finden Meinungsbildung und Meinungsstreit nicht immer auf Augenhöhe statt. Das unabhängige Urteil ist eher die Ausnahme als die Regel. Das liegt wohl einerseits an unseren beschränkten Fähigkeiten und Möglichkeiten, zu einem solchen zu gelangen, anderseits daran, dass so mancher schlicht die Bereitschaft vermissen lässt, ein unabhängiges Urteil überhaupt anzustreben. Wenn es um die richtige Meinung geht, dann geht es eben nicht nur um die Wahrheit, sondern um die Macht, die eigene Meinung als Wahrheit erscheinen zu lassen.

Das wiederum gefährdet häufig und keineswegs ausnahmsweise die Meinungsvielfalt. Spätestens dann, wenn Meinungsmacher sich aufschwingen, ein Meinungsmonopol zu errichten, ist es an uns, unsere Regenschirme zu zücken, auf die Gefahren dieser Monopolisierung hinzuweisen und sie für unverantwortlich zu erklären.

Auch wenn es nicht immer so friedlich und amüsant in der Speaker’s Corner zugeht, so steht das Beispiel doch für eine kulturelle Errungenschaft, die wir das Recht auf freie Meinungsäußerung nennen. Und so gibt es im Hyde Park so manches Mal fast magische Momente, die dem Ideal gelebter Toleranz „gefährlich“ nahe kommen. Manchmal erinnert die Szenerie gar an naive Kinderbücher, in denen Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe, Kultur, Religion und Kleidung einander in friedlicher Eintracht begegnen. Mit dem Unterschied, dass die Begegnungen im Hyde Park in friedlicher Zwietracht stattfinden.

Die Spielregeln sind einfach. Alles ist erlaubt, bis auf zwei Ausnahmen: Die Queen und ihre Familie dürfen nicht Inhalt der Meinungsäußerung sein, und körperliche Gewalt ist verpönt. Die Bandbreite an Themen und ihren Vertretern ist so breit, wie man es sich kaum vorzustellen vermag. Die Redner sind bisweilen extrem skurril, die vertretenen Meinungen ebenso. Oft kaum nachzuvollziehen, und manchmal einfach unerträglich. Von der rechtsextremen National Front über muslimische und christliche Eiferer, von Menschenrechtsaktivisten bis hin zu politischen und gesellschaftlichen Größen ist hier alles denkbar. Selbst Karl Marx, George Orwell und Lenin sollen hier für ihre Meinung geworben haben.

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