Unsere marktwirtschaftliche Ordnung erlebt eine dramatische Vertrauenskrise. Kritikwürdig erscheint weniger das Wirtschaftssystem als solches als vielmehr die Selbstüberschätzung ihrer Vertreter und die exzessive, selbstzerstörerische Kraft, die es freisetzt.

Der Konkurrent ist zum Feind geworden, an dessen Vernichtung man sich ergötzt, der Kollege zum Konkurrenten, dessen Mißerfolg man hämisch belächelt.

Adolph Freiherr Knigge sagt: „Kein Stand genießt einer so glückliche Freiheit, wie dieser. Kein Stand hat von jeher so unmittelbar tätigen, wichtigen Einfluß auf Moralität, Kultur und Luxus gehabt, wie die Kaufmannschaft.“ Über den Umgang mit Menschen, III, 6, 4

Auch die Millionengehälter von Topmanagern und die Finanzskandale großer Konzerne wie Parmalat und Enron werden von vielen als Zeichen für eine Fäulnis betrachtet, die das kapitalistische System im Kern befallen hat. Offenbar ist der Erfolg dem Kapitalismus und seinen glühenden Verfechtern zu Kopf gestiegen, er hat sich verselbständigt und bedroht nun die zivile Gesellschaft. Zu den bedenklichsten Auswüchsen zählt das Auftauchen des „homo oeconomicus“.

Ursprünglich ein Gedankengebilde, steht dieser Homo oeconomicus heute in Fleisch und Blut vor uns und erhebt den Anspruch, der Weisheit letzter Schluß zu sein. Er ist ein unersättlicher Zeitgenosse; er trachtet ausschließlich nach seinem persönlichen Nutzen, und zwar in allen Lebensbereichen, und huldigt mit derselben Unbeirrbarkeit dem Gott der Effizienz. „Effizienz ist das ganz große Wort unserer Zeit“, schreibt der Journalist Dirk Kurbjuweit. „Es wird nie angefochten, nie in Frage gestellt. Niemand würde im Ernst für Ineffizienz streiten … Und doch glaube ich, daß eine Welt, die unter der großen, alles beherrschenden Überschrift Effizienz steht, keine besonders gute, besonders lebenswerte Welt ist.“ („Unser effizientes Leben – Die Diktatur der Ökonomie und ihre Folgen“)

Knigge sagt: Der Mensch steht im Mittelpunkt.

Meines Erachtens wäre sie eine unmenschliche Welt. Das heißt nicht, daß ich mich einer fundamentalen Kritik am Kapitalismus anschließe – ich bin ein Freund von Effizienz und habe Hochachtung vor einem Wirtschaftssystem, das dem einzelnen die Möglichkeit bietet, seine Fähigkeiten und Talente zur Geltung zu bringen. Aber ich möchte davor warnen, den Menschen auf seinen Eigennutz zu reduzieren und zu glauben, individuelles und soziales Verhalten vollziehe sich ausschließlich nach den Regeln eines gesetzmäßigen Egoismus. Ich glaube nämlich, daß die größte Bedrohung für unsere Gesellschaft nicht von äußeren Gefahren wie dem Terrorismus ausgeht, sondern von einer Kapitulation vor der Wirtschaft. Unsere vordringlichste Aufgabe wäre es demnach, die Ökonomie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Sie muß ein Teil der Kultur bleiben, soll überhaupt Aussicht darauf bestehen, daß die Werte, zu deren Fürsprecher ich mich in diesem Buch gemacht habe, ihre Gültigkeit behalten.

Wie der einzelne seine moralische Autonomie und seine intellektuelle Freiheit im wirtschaftlichen Prozeß bewahren kann, ohne gegen seine Interessen zu verstoßen, dazu im Folgenden einige Überlegungen.

1. Die Wirtschaft bezieht ihre Wertvorstellungen aus der Gesellschaft – nicht umgekehrt.

Wenn der ehemalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, die Diskussion um Abfindungen in Millionenhöhe als unmoralisch empfindet und nicht die Abfindungen selbst, wenn der ehemalige Präsident des BDI, Hans-Olaf Henkel, lediglich Gier und Neid hinter den Debatten über Ökonomie und Moral vermutet, wenn all diejenigen mit dem ewigen Siegerlächeln überhaupt keinen Widerspruch zwischen Eigennutz und Moral erkennen können – dann beweisen sie nichts anderes als die Selbstüberschätzung von Menschen, die sich selbst zum Maßstab gemacht haben. Und damit liegen sie grundfalsch.

Moralische Autonomie bedeutet nämlich, auf Abstand zu den eigenen Wünschen und Bedürfnisse gehen zu können. Dafür braucht man eine Moral, die die verschiedensten Triebkräfte und Bedürfnisse der menschlichen Existenz berücksichtigt. Erst aus dieser umfassenden Sicht läßt sich das wohlverstandene Eigeninteresse des einzelnen definieren, und deswegen unterscheidet sich dieses wohlverstandene Eigeninteresse deutlich von den Impulsen jenes kurzfristigen, materiellen Vorteilsdenkens, dem sich die obengenannten Herrschaften verschrieben haben. Was im konkreten Fall darunter zu verstehen ist, das läßt sich am besten an der Definition des „ehrbaren Kaufmanns“ aus den Leitlinien für mittelständische Unternehmen zeigen: „Seine Methode: nüchtern kalkulieren, hart verhandeln, pünktlich liefern, sauber abrechnen. Um aber nicht nur verläßlicher Geschäftspartner und fairer Arbeitgeber, sondern auch erfolgreicher Unternehmer zu sein, spielen drei weitere Aspekte … eine wichtige Rolle: Er denkt und handelt langfristig, nicht selten über Generationen hinweg. Er engagiert sich selbstverständlich für das Gemeinwesen, ohne dafür besondere Anerkennung zu beanspruchen. Und die Firma ist ihm im Zweifel wichtiger als die eigene Person.“ Dem ist aus meiner Warte nichts hinzuzufügen.

2. Wie ich dir, so du mir.

Daß sich die Zeiten geändert haben, ist nur ein weiterer Grund dafür, unsere moralischen Vorstellungen beizubehalten. Denn daran hat sich nichts geändert: Kurzfristiges, egoistisches Denken funktioniert nur kurzfristig, weil es nicht sinnvoll ist. Sinnvoll ist langfristiges, wertorientiertes Handeln. Deswegen besteht kein Widerspruch zwischen ökonomischem Erfolg und einer an Werten orientierten Unternehmensführung. Ganz abgesehen davon, daß der Gesellschaft als ganzer der moralische Boden entzogen würde, wenn die Wirtschaft ein permanentes Ausnahmerecht für sich in Anspruch nehmen könnte – schließlich verbringen wir am Arbeitsplatz die meiste Zeit unseres Erwachsenenlebens.

Ich plädiere deshalb dafür, das trotzige Motto „Wie du mir, so ich dir“ durch die souveräne Maxime „Wie ich dir, so du mir“ zu ersetzen. Wer sich daran hält, verfällt nicht so leicht der Wahnvorstellung, sich in einem permanenten Verdrängungswettbewerb mit anderen zu befinden. Lassen wir uns nicht einreden, daß es ständig um Sieg oder Niederlage geht! Es geht um unsere Ziele, unsere Interessen, und die lassen sich in vielen Fällen durchaus mit den Zielen und Interessen anderer vereinbaren. Konkurrenz bedeutet dann keinen Vernichtungskampf, sondern einen Wettbewerb um die erfolgversprechendsten Ideen und Strategien im Hinblick auf das gemeinsame Ziel. Vergessen wir auch nicht, daß es neben dem Eigennutz eine zweite, ebenso starke Triebfeder menschlichen Handelns gibt: den Wunsch nach Anerkennung durch seine Mitmenschen. Kriegsbeil und Friedenspfeife – wir sollten beides in unserem Repertoire haben.

3. Auch mal Schwein sein?

Sich durchsetzen, seine Ziele verfolgen, glücklich werden – Ende der Diskussion! Darin erschöpft sich die Lebensweisheit unserer Manager- und Erfolgsratgeberliteratur. Das liest sich wie Merkblätter für Einzelkämpfer – deren Glück bekanntlich darin besteht, mit heiler Haut davonzukommen. Viel mehr, befürchte ich, darf man sich nicht von der Lektüre jener Werke erhoffen, die ihre Heilsversprechen schon im Titel führen: „ So verschaffen Sie sich immer Gehör“, „So behalten Sie immer recht!“, „So finden Sie bei ihrem Gesprächspartner die richtigen Knöpfe“. Als wäre gerade der jeweilige Leser dazu auserkoren, als omnipotenter Puppenspieler alle anderen wie Marionetten tanzen zu lassen. So sehen die Allmachtsphantasien von Klein-Fritzchen aus.

Den anderen nach Strich und Faden an der Nase herumführen, austricksen und zum willenlosen Werkzeug unserer Interessen machen – wer so denkt, der wird mit seinen Mitmenschen immer böse Überraschungen erleben, weil sich nun einmal keiner gerne zur Spielfigur degradieren läßt. Aber vielleicht merken wir erst, daß wir so nicht weiterkommen können, wenn wir unsere Interessen einmal klipp und klar formulieren. Vielleicht wäre es ja gar nicht so unklug, einmal ganz für uns allein, ganz privat, Klarheit darüber zu gewinnen, was genau wir uns eigentlich vom Leben versprechen und von uns selbst erwarten. Vielleicht stellt sich dann heraus, daß wir uns bisher gar nicht von unseren Interessen, sondern von einem dumpfen Machtinstinkt haben leiten lassen. Und womöglich kommen wir bei dieser Gelegenheit auch dahinter, daß Siegen und Glücklichsein keineswegs ein und dasselbe ist.

4. An die sachlichen Erfordernisse anpassen.

Wie sollten wir vorgehen, um uns in unserem Arbeitsalltag zu behaupten und dabei keins unserer wohlverstandenen Interessen zu verraten? Zunächst einmal müßten wir der Tatsache Rechnung tragen, daß sich die Welt immer schneller dreht, alles im Fluß, alles im Wandel ist. Das erzeugt Unsicherheit. „Schaffe ich es, mich auf das neue EDV-System einzustellen?“ fragen wir uns. „Was muß ich beachten, wenn ich mit Chinesen Geschäfte mache?“ „Wie soll ich mit jemandem konstruktiv zusammenarbeiten, mit dem ich es noch nie konnte?“

Da gibt es nur eins: Mitmachen, sich aktiv beteiligen, Initiative ergreifen. Nicht „Beton anrühren“, wie es in der Fußballersprache heißt, wenn eine Mannschaft nur noch mauert und nicht mehr angreift. Stellen wir Fragen, bringen wir unsere Erfahrungen ein, reden wir mit denjenigen, die bereits Erfahrungen gesammelt haben – mit dem Mitarbeiter, der schon im Ausland gearbeitet hat und über die Mentalitätsunterschiede im neuen Tochterunternehmen Bescheid weiß, mit der Kollegin, die bereits ein Projektteam geleitet hat, mit dem EDV-Verantwortlichen, der schon mehrere Umstrukturierungen hinter sich hat. Lassen wir uns in unserer Routine stören, begreifen wir Neuerungen als Herausforderung, nicht als Schikane. Aber lassen wir auch nicht jede „zeitgemäße“ Neuerung widerspruchslos über uns ergehen – vernehmliche Skepsis ist angebracht gegen Veränderungen, die nicht auf ein besseres Arbeitsergebnis zielen, sondern zum Beispiel auf eine Atmosphäre der Kontrolle und des gegenseitigen Mißtrauens.

5. Nicht den Selbstmarketingdeppen abgeben.

Vertrauen wir nicht auf die „zehn goldenen Regeln des perfekten Vertriebsgesprächs“ und all die anderen Patentrezepte, bei denen unser Gegenüber nur als gläserner Sparringspartner vorkommt. Wer eine eigenständige Persönlichkeit als Risikofaktor für die Karriere betrachtet, erlebt sein blaues Wunder spätestens dann, wenn ein Einstellungsgespräch oder eine Verkaufsverhandlung nicht nach Schema X verläuft. Gewiß, es gibt Grundregeln. Aber selbstbewußten Menschen ist nicht mit den gängigen psychologischen Finessen beizukommen – denen ist man nur gewachsen, wenn man selbst über eine nennenswerte Charaktersubstanz verfügt.

Und die brauchen wir ebenfalls dann, wenn wir es mit despotischen Vorgesetzten und unverschämten Kunden zu tun bekommen. Es ist eine Frage der Selbstachtung, ob wir der Aufforderung nachkommen, „auch mal das Bild der Mutter zur Wand zu drehen“, wie es in deutschen Vertriebsabteilungen heißt. Wer immer nachgibt, alle Forderungen nach Preisrabatt erfüllt und den überzogensten Kundenerwartungen entspricht, gilt jedenfalls bald als willenloser Trottel. Und wer sich nur über den Preis verkauft, sich durch jedes Kompliment verpflichten läßt und jederzeit „Gewehr bei Fuß“ steht – egal, wie unrealistisch der Wunsch des Kunden, wie weltfremd die Vorstellung des Vorgesetzten –, der wird als opportunistisches Windei wahrgenommen und liefert seinem Herrn und Meister die Lizenz zur Ausbeutung.

6. Den gegenseitigen Nutzen suchen.

Der Krokodilwächter ist ein Vogel, der sich im aufgeklappten Maul des Krokodils zu schaffen macht, es von Ungeziefer befreit und auf diese Weise seine eigene Ernährung sichert – für mich ein schönes Beispiel für vertrauensvolle Kooperation. Genauso können wir auch im Unternehmensalltag voneinander profitieren. Gehen wir auf „alte Hasen“ zu, nehmen wir uns neuer und unerfahrener Kollegen an, schnuppern wir in andere Abteilungen hinein – vor allem in diejenigen, bei denen wir uns schon immer gefragt haben, worin eigentlich ihre Aufgabe besteht, was „die“ überhaupt tun –, stellen wir uns die Frage, wann wir das letzte Mal mit Kollegen gesprochen haben, die nur zwei Türen weiter ihrem Tagewerk nachgehen. Überzeugen wir uns davon, mit wem wir es eigentlich zu tun haben – die Personalakte verrät im Zweifelsfall wenig darüber, wo die Stärken eines Mitarbeiters liegen und was man ihm zutrauen kann. Wir sind auf die Verläßlichkeit des anderen angewiesen, und die läßt sich nicht mit der populären „win-win-Formel“ errechnen.

7. Produktiv, kooperativ und kompromißfähig sein.

Der Ruf, produktiv zu sein, trägt enorm zum Ansehen am Arbeitsplatz bei. Das heißt nicht, daß man stets als Erster kommen und als Letzter gehen soll, daß einem ständig Schweiß über die Stirn perlen muß und man die ganze Zeit wie außer Atem ist – so jemand nährt höchstens den Verdacht, daß die Arbeit für ihn eine Plackerei und er womöglich überfordert ist. Man kann seinem Ruf ganz ohne solche plumpen Demonstrationen von Arbeitswut auf die Sprünge helfen, wenn man im Gespräch mit anderen ohne Faselei und Umständlichkeit sogleich auf den Punkt kommt, Interesse an seiner Arbeit beweist, sich nicht leicht ablenken läßt, Arbeiten zügig erledigt und gewisse wichtige Arbeiten schneller ausführt, als erwartet wird. Dabei muß man allerdings jede Schroffheit im Umgang vermeiden, vielmehr soll man verbindlich bleiben und sich auf kurze Gespräche einlassen, so daß jeder das Gefühl hat, bei aller Konzentration auf die Arbeit wahrgenommen zu werden. Wem es gelingt, eine konzentrierte und gleichzeitig entspannt-freundliche Atmosphäre herzustellen, verbessert das auch die Voraussetzungen für die eigene Produktivität. Denn Menschen, die ihre Arbeit wichtig nehmen, werden ihrerseits ernst genommen, und wer ernstgenommen wird, ist vor Störungen und Belästigungen sicherer als andere.

8. Keine Klette sein.

Auch sollte man keinem lästig werden. Man macht sich unbeliebt, wenn man sich wie eine Klette an die Leute hängt, wenn man sich in ihren Büros festsetzt, obwohl sie zu tun haben, wenn man in einer Unterredung nicht gleich zur Sache kommt oder den anderen im Gespräch mit Dingen behelligt, die nicht zum Thema gehören, die nur seine Geduld strapazieren. Um so lieber sieht man Kollegen, die ihre Sache kurz und bündig darlegen, in wenigen Minuten das erreichen, was sie erreichen wollen, und sich dann mit einem Lächeln, einem guten Wunsch oder einem Bonmot wieder zurückziehen. Bei solchen hat man nicht nur den Eindruck, daß sie ihr Handwerk verstehen, daß sie wissen, was sie wollen und worauf es ankommt, sondern auch, daß ihnen ihre Zeit ebenso kostbar ist wie dem anderen – nicht, weil beide unter Zeitdruck stehen, sondern weil man seine Sache um so besser machen kann, je mehr Zeit man sich dafür nimmt.

9. Kritik annehmen können. 

Und schließlich ist es bisweilen klug, Kritik von seiten seiner Vorgesetzten auch dann anzunehmen, wenn man sie für unberechtigt hält. Ob man sich hinterher darauf einläßt, ist eine ganz andere Frage, aber mit heftigem Widerspruch und langem Argumentieren fordert man oft erst recht den Widerstand eines Vorgesetzten heraus, und Kompromißfähigkeit zu signalisieren kann im Einzelfall wichtiger sein als rechtzubehalten. In diesem – wie in manchem anderen Punkt – trifft auf Unternehmen zu, was mein Vorfahr seinerzeit über den Umgang mit Fürsten schrieb: „Hüte Dich aber, einen Großen … merken zu lassen, daß Du Dir bewußt bist, Du übertreffest, Du übersehest, Du verdunkelst ihn! Vor allen Dingen ist diese Vorsicht nötig gegen Vorgesetzte, die ungeschickter in ihrem Fache sind, als Du. Wie viel werden sie von Dir fordern, das sie selbst nie zu leisten imstande sein würden, damit sie Gelegenheit haben, Dich eines Fehlers zu zeihn!“

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Das wohlverstandene Eigeninteresse umfaßt sehr viel mehr als den kurzfristigen, materiellen Vorteil. Es umfaßt unter anderem die eigene moralische Autonomie und die Selbstachtung. Wer auf gegenseitigen Nutzen aus ist, handelt am ehesten in seinem wohlverstandenen Eigeninteresse.“

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