Wenn wir über Verantwortung diskutieren, wenn wir Verantwortung einfordern, Verantwortungslosigkeit unterstellen und andere zur Verantwortung ziehen wollen, dann schwingt immer das Menschenbild mit, das wir zugrunde legen. Die einen sagen, etwas sei doch nur menschlich, darauf die anderen, das sei eben nicht menschlich. Wenn die einen etwas für übermenschlich halten, fängt bei den anderen die Menschlichkeit gerade erst an. Was die einen als Teil ihrer selbst betrachten, versuchen wir zu zähmen, zu züchtigen und schließlich niederzuringen. Doch unabhängig davon, ob wir unsere Mitmenschen als Kontrollfreaks wahrnehmen oder als ungezogene Barbaren – organisieren müssen wir unser Zusammenleben dennoch. Und dahinter wartet stets die Frage, was wir uns und anderen zutrauen und zumuten wollen:

Inhaltsverzeichnis | Das erwartet Sie in diesem Artikel:

Zutrauen und Zumuten

  • Wann stößt die Natürlichkeit an ihre natürlichen, wann die Kultiviertheit an ihre künstlichen Grenzen?
  • Wann gehen wir uns selbst auf die Nerven, und wann fangen wir an, anderen auf die Nerven zu gehen?
  • Wo finden wir uns selbst, und wann verlieren wir uns?
  • Wie lange sind wir bereit, die Selbstverwirklichung des einen und die Manieriertheiten des anderen auszuhalten?

Alle gesellschaftlichen Organisationsformen unseres Zusammenlebens orientieren sich an dieser ständigen Ausbalancierung von Natur und Kultur. Wie ist der Mensch, und wie sollte er sein? Der Mensch ist nun mal feige, neidisch, gierig, wollüstig, egoistisch, aggressiv, ängstlich, verlogen, unaufmerksam, träge, eitel, und, was sonst noch alles, kurz: Er ist unvernünftig. Uns ist wirklich alles zuzutrauen. Der Mensch ist nun mal mutig, neidlos anzuerkennend, großzügig, besonnen, altruistisch, ausgeglichen, beherzt, ehrlich, aufmerksam, fleißig, bescheiden und was sonst noch alles. Kurz: vernünftig. Uns ist wirklich alles zuzutrauen.

Zwei Herzen schlagen, ach, in unserer Brust. Welches hören wir lieber schlagen? Wohl das zweite. Wir wollten ja nicht der ewige Hans sein. Wir wollen uns ja etwas zutrauen. Aber die anderen? Wenn wir es nicht tun, dann tun die es! Und am Ende ist der Ehrliche der Dumme!

Ambivalenz

Aber gibt es wirklich nur das eine oder das andere? Realist oder Idealist? Gutes Gewissen oder praktische Klugheit? Weltfremder Weltverbesserer oder weltlicher Opportunist? Gibt es nicht irgendetwas dazwischen, etwas, das dem Menschen angemessen ist? Was ihm nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig abverlangt?

Neulich sagte der sechsjährige Sohn eines guten Freundes mit Blick auf das zweite Stück Lammfilet auf seinen Teller: „Mir tun die Tiere ja auch leid, aber sie geben einfach einen guten Geschmack ab!“ Da haben wir sie wieder, die zwei Herzen, die, ach, in unsrer Brust schlagen. Wir sind konfrontiert mit unseren Gelüsten und Idealen. Hin- und hergerissen zwischen einerseits dem biologischen Hinweis darauf, dass das Gebiss des Menschen ihm in der Evolution den Rang eines Allesfressers garantiert und Fleisch eine Teilmenge von allem ist. Und andererseits dem Umstand, dass es Menschen gibt, die ihren Idealen folgend beweisen, dass es auch ohne Fleisch geht.

Niemandem gehen die Beispiele aus, um die eigene These zu stützen, wir seien von nichts anderem getrieben sind als von unserem Egoismus und unserer Gier nach Anerkennung und Erfolg. Doch ebenso kann sich niemand von uns der Erkenntnis entziehen, dass es Menschen gibt, denen es um mehr geht. Menschen, die sich in Krankenhäusern um kranke und pflegebedürftige Menschen kümmern, Menschen, die in Kindergärten und Schulen unsere Kinder erziehen, die für die Menschenrechte streiten und unsere Umwelt vor unserem Egoismus und unserer Gier schützen wollen.

Es gibt jedoch einige, die dennoch behaupten, es gäbe keine Selbstlosigkeit, keinen Altruismus. Dieser sei lediglich ein verkapptes Eigeninteresse. Mutter Teresa habe sich einfach besser gefühlt, wenn sie anderen half, und schließlich habe sie ja für ihre Arbeit mehr Anerkennung bekommen, als sich jeder von uns erträumen mag – bis hin zur Seligsprechung durch den Papst.

Das ist das Tückische an unserem sogenannten natürlichen Motiv, dem Eigennutz. Letztlich kann man mit ihm alles und somit nichts erklären! Doch wer ernsthaft unterstellt, Mutter Teresa und Adolf Hitler hätten prinzipiell aus denselben Motiven gehandelt, der hat nicht nur den Boden unter den Füßen verloren, der versäumt es auch, auf die nachweislich unterschiedlichen Folgen dieses scheinbar gleichen Motivs zu blicken.

Eine weitaus vernünftigere und – ehrlich gesagt – sympathischere Deutung des menschlichen Wesens und seiner natürlichen Motive stammt von dem Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften Amartya Sen, der uns in seinem Buch „Ökonomie für den Menschen“ dazu aufruft, sowohl den Don Quijote als auch den Sancho Pansa in uns zu entdecken: „Unser Vernunftvermögen ermöglicht es uns, unsere Pflichten und Ideale ebenso in Betracht zu ziehen wie unser Interesse und unseren Vorteil. Wer das bestreitet, schränkt den Bereich unserer Rationalität aufs Schwerste ein.“ Windmühlen gehören der Vergangenheit an. Und Windrädern gehört womöglich die Zukunft!

Ach, zwei Herzen schlagen in unserer Brust. Eines, das uns nahe legt, unseren natürlichen Motiven zu folgen, und eines, das uns vor ebendiesen warnt. Ein Entwurf vom Menschen, der uns im selben Maße prägt wie die Idee, Kontrolle über unsere Natur zu erlangen. In Ketten gelegt oder Leinen los? Den Gefühlen freien Lauf lassen oder sie unter die Herrschaft der Vernunft stellen, das ist hier die Frage. Wenn wir sagen, das sei doch nur menschlich, meinen wir genau das: Neid, Gier, Wollust, Egoismus, Ängste, den ganzen irrationalen Krams eben, der gehört nun einmal zu uns, den kriegen wir nicht weg. Aber in den Griff? Die einen sagen ja, die anderen Nein. Die einen sagen, das Unterdrücken unserer Natur sei unverantwortlich, die anderen, in dieser Fähigkeit liege unsere wahre Natur. Alternativer Kinderladen oder Bernhard Buebs am Elite-Internat Salem erprobtes „Lob der Disziplin“? Steife Etikette oder natürliche Unbefangenheit? Freie Liebe oder eheliche Pflichten? Staatsbürgerlicher Gehorsam oder ziviler Ungehorsam? „Angst, Hass, Titten und der Wetterbericht“, wie die deutsche Rock- und Punkband „Die Ärzte“ die Inhalte der BILD-Zeitung in ihrem Song „Lasse redn“ zusammenfasst, oder Leidenschaftslosigkeit wie in der Süddeutschen Zeitung oder der FAZ? Jazz oder Klassik? Sinnliche Erfahrung oder vernünftige Erkenntnis? Entfesselte Heuschrecken oder regulierender Vater Staat? Unterbewusstsein oder Bewusstsein? Chaos oder Ordnung?

Ideale – Woran wollen wir uns orientieren?

Verantwortung braucht Ideale. Nüchterne, pragmatische und illusionslose Menschen mögen in der Lage sein, sich der Welt anzupassen, in der sie leben, doch jegliche Weiterentwicklung ist stets von denen ausgegangen, die die Welt ihren Vorstellungen angepasst haben und bereit waren, ihre Ideale auch unter Stress aufrecht zu erhalten.

Es sind Menschen, auf die anfangs niemand einen Pfifferling gesetzt hätte. Ob Jesus, Galilei, Mutter Teresa, Ärzte und Reporter ohne Grenzen, Amnesty International, Greenpeace und alle anderen Menschen, die an eine bessere Welt glauben und glaubten und bereit sind und waren, für ihre Ideale einzustehen, ganz konkret und im höchsten Maße pragmatisch. Mit gutem Gewissen und praktischer Klugheit ausgestattet, gehen sie nicht selten bis zum Äußersten und opfern ihr Leben im Dienst der guten Sache. Am Kreuz, in den Slums von Kalkutta, in Dafur, in Afghanistan oder im Alltäglichen. Sie sind nicht bereit, das Leben als täglichen und bloßen Kampf ums Dasein zu akzeptieren, nicht bereit, ihre Ideale auf dem Altar der normativen Kraft des Faktischen zu opfern, sondern sie streiten für eine normative Kraft ihrer Ideale. Lieber David als Goliath, lieber Don Quijote als Sancho Pansa. Ob Utopie oder tatsächlich zu verwirklichendes Ziel spielt keine Rolle. Ob vollständig oder nur annähernd erreichbar, völlig egal.

Die Idee zählt! Schon in der Antike galt die Vollkommenheit als etwas Göttliches, für den Menschen nicht Erreichbares. Das entband ihn aber nicht von der Pflicht, nach Vollkommenheit zu streben, es besser zu machen als bisher. Bereits den Aufklärern war bewusst, dass der vollständige Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit nur wenigen gelingen würde. Na und? Es ist die Idee, die zählt! Die vernünftige Idee einer Welt, in der Menschen sich menschlich begegnen, in der der Mensch mehr ist als seine tierischen Geschwister, nicht dazu verdammt, seinen Instinkten zu folgen. Eine Welt, in der niedrige Instinkte als niedrige benannt, beurteilt und verworfen werden, Hochgesinntes erkannt, benannt und angestrebt wird.

Allen Widerständen zum Trotz: Idealisten sind immer der Kritik ausgesetzt, Wolkenkuckucksheime zu bauen, unter Realitätsverlust zu leiden, den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich der Naivität schuldig zu machen. Ihnen wird nachgesagt,das Gegenteil von dem zu erreichen, was sie großspurig versprochen hatten, und einem utopischen Menschenbild anzuhängen, das mehr Verderben über die Welt gebracht habe als alle realistischen Biedermänner zusammen. Der Weg vom Idealisten zum Ideologen sei nicht weit. Gibt man den Idealisten den kleinen Finger, sagen die Realisten, nehmen sie die ganze Hand. Einmal an der Macht, würden sich die ehemaligen Kriterien von Wahrheit und Wirklichkeit schnell als von eigenen Interessen und Zwecken geleitete Allmachtfantasien entpuppen. Dann doch lieber mit den Füßen auf dem Boden der Tatsachen als im real existierenden Sozialismus oder mit Tom Cruise in der Gehirnwäscherei von Scientology!

 

Share This