„Also noch etwas über die Kleidung. Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht fantastisch nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen musst, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch durch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus. Wende einige größere Aufmerksamkeit auf Deinen Anzug, wenn Du in der großen Welt erscheinen willst. Man ist in Gesellschaft verstimmt, sobald man sich bewusst ist, in einer unangenehmen Ausstaffierung aufzutreten.“

Mehr finden wir bei Adolph Freiherr Knigge in seinem berühmtesten Buch „Über den Umgang mit Menschen“ aus dem Jahr 1788 nicht zur Kleidung. Konkreter wird es nicht.

Vom Paradiesvogel zum Puritaner

Bei seiner Jungfernrede als Abgeordneter des britischen Parlaments erschien Benjamin Disraeli in purpurnen Beinkleidern und mit einem unübersichtlichen Gewirr von goldenen Ketten auf seiner samtenen Weste. Das Gelächter im ehrwürdigen Hause war groß, und Lord Melbourne ließ es sich nicht nehmen, höhnisch nachzufragen, was er – Disraeli – denn hier wolle. Dieser antwortete mit leicht unterkühlter Stimme: „Ich möchte Premierminister werden!“ Das Gelächter erklang erneut, verebbte jedoch, als Disraeli das von ihm anvisierte Amt im Jahre 1874 erstmalig antrat.

Erst zu diesem Zeitpunkt wechselte der frisch designierte Premier seine Art der Kleidung. Traf man ihn zuvor oftmals in goldbetressten Pantalons, schwarzem Samtrock und schwarzen Pumps mit großen roten Rosetten, kleidete er sich nun – auf der Höhe seiner Macht – dunkel und schlicht. Der Puritanismus hatte über mit Blumen bestickte Westen und Glacéhandschuhe mit schwarzen Seidenfransen gesiegt. Aus dem dandyhaften Salonlöwen vergangener Tage war nicht mehr und nicht weniger geworden als der Schöpfer des zweiten britischen Empire.

Vom 18. ins 21. Jahrhundert

Ein Blick auf die englische Herrenmode unserer Tage bringt auch heute noch einen gewissen Hang zu illustren Farbkombinationen zum Vorschein (ich selbst verfalle diesen immer wieder aufs Neue), und doch verstieße Disraeli „auf der Insel“ nach wie vor gegen jegliche Konvention der angemessenen Kleidung. Doch was bedeutet es überhaupt, sich angemessen zu kleiden? Und welchem Zweck ist es dienlich, dies zu tun? Sucht man nach Antworten auf diese beiden zentralen Fragen, dann wird man schnell fündig. Kein „moderner Knigge“, kein Buch über die „Businessetikette“, das sich nicht ausführlich mit den Fragen der angemessenen Kleidung beschäftigen würde.

Nun ist es in unserer demokratischen Gesellschaft nicht unheikel, von Ständen zu sprechen – allen Debatten um das sogenannte Prekariat zum Trotz –, und doch wird wohl keiner von uns bestreiten, dass es unterschiedliche soziale Milieus gibt, in denen stark voneinander abweichende Regeln und Codes vorherrschen. Wer in einer Bank arbeitet, kleidet sich nun einmal anders als Menschen, die im Handwerk oder in der Produktion ihrer Tätigkeit nachgehen, und selbst in ihrer Freizeit werden sich die Repräsentanten dieser Milieus optisch unterscheiden – nicht immer, aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

Die Macht des sozialen Umfelds

Die Frage nach der jeweiligen Vermögenslage hängt eng mit der skizzierten „Standesfrage“ zusammen. Der bekannte französische Soziologe Pierre Bourdieu spricht in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ vom Geschmack am Notwendigen und dem damit verbundenen Konformitätsprinzip. Bei aller unterstellten Durchlässigkeit der jeweiligen Milieus bleibt die Hoheit, darüber zu befinden, was denn konkret als notwendig empfunden wird und welches Maß an Konformität vom Einzelnen erwartet wird, dem jeweiligen Milieu und seinen Mitgliedern vorbehalten. Wer bewusst gegen die Spielregeln seines Milieus verstößt, der muss sich im besten Fall dem Gelächter der jeweiligen Mitglieder stellen, wie Benjamin Disraeli im britischen Parlament oder gar mit schärferen Sanktionen bis hin zum Ausschluss rechnen. Wer sich weigert, ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit zu demonstrieren, wer ständig „über seine Verhältnisse lebt“, wer dauernd „Understatement betreibt“ der „gehört nicht mehr dazu“, der ist ein „Gernegroß“ oder „ein Sonderling“. Der „Schuster“, der sich weigert, „bei seinen Leisten zu bleiben“, hat es schwer, der „hält sich für was Besseres“ und setzt seine persönliche Akzeptanz in der jeweiligen Community aufs Spiel.

Soziale Codes

Ob Sie sich „zu bunt, zu fantastisch kleiden“, das bestimmen nicht wir, sondern das soziale Umfeld, in dem wir uns bewegen. Das, was beispielsweise im Businesszusammenhang in der Regel als konform empfunden wird, unterscheidet sich daher natürlicherweise erheblich von dem, was in der Künstlerszene für notwendig gehalten wird, um als akzeptiertes Mitglied der Gemeinschaft zu gelten. Im wirtschaftlichen Kosmos stehen Auffälligkeiten größtenteils unter Generalverdacht. Wer „sich rausputzen will“, wer dem „modischen Firlefanz“ huldigt, der wird es schwer haben, erfolgreich zu sein, es sei denn, er oder sie verdient das Geld in der Modebranche oder anderen kreativen Segmenten. Grundsätzlich gilt: je konservativer die Branche, desto enger die Grenzen. „Schließlich sind wir hier nicht auf dem Laufsteg, wir wollen Geld verdienen!“ Und wer Geld verdienen will, der sollte möglichst wenig anecken. Wirtschaftlich erfolgreiches Handeln erfordert ein Höchstmaß am Konformität und die Unterordnung unter das Notwendige.

Solider & schöner Aufwand

Wer möglichst vielen unterschiedlichen Menschen mit ebenso unterschiedlichen Geschmäckern und Vorlieben die Vorzüge seiner Produkte und Dienstleistungen näher bringen möchte, wer also täglich gezwungen ist, „soliden und schönen Aufwand“ zu betreiben, der sollte es daher vermeiden, potenzielle Kunden zu verschrecken, weil die sich nicht genügend gewürdigt fühlen durch „altväterische und neumodische Torheiten nachahmende“ Unternehmensvertreter. Wer nicht bereit ist „einige größere Aufmerksamkeit auf seinen Anzug oder sein klassisches Kostüm aufzuwenden“, der hat in der „großen Welt“ nichts verloren. Gefährdet er doch den Umsatz des Unternehmens und damit seine eigene Karriere!

Da jedoch scheinbar immer weniger Menschen bemerken, dass sie „in Gesellschaft in einer unangenehmen Ausstaffierung auftreten“ scheuen die Vertreter des „wirtschaftlichen Milieus“ weder Kosten noch Mühen, um den Repräsentanten des Unternehmens – also ihren Mitarbeitern – Hilfestellungen zu leisten. Von Seminaren bis hin zu eigenen kodifizierten Knigge-Leitlinien ist alles denkbar. Wer dann noch weiterführenden Bedarf verspürt, sein ästhetisches Urteilsvermögen im Hinblick auf das Notwendige und Angemessene zu optimieren, der kann sich im Internet auf den einschlägigen Wirtschaftsseiten zum Beispiel der „Wirtschaftswoche“ oder des „Managermagazins“ im „Online-Business-Knigge-Quiz“ selbst testen oder in der lokalen Buchhandlung in der Ratgeberecke zugreifen. Oder Sie lesen einfach weiter…

Verzichte aufs Exaltierte

Glauben Sie mir, die politische Erfolgsgeschichte Benjamin Disraelis ist nicht nur eine Ausnahme in der Politik! Halten Sie sich an die Erkenntnis Oda Schaefers in ihrem Buch „Der Dandy“, wonach „der Dandy immer ein Feind des Utilitarismus, dem Nützlichkeitsprinzip, das unserer wirtschaftlichen Ordnung zu Grunde liegt, sein wird“. Oder kennen Sie einen erfolgreichen Unternehmer, der gleich Oscar Wilde mit einem samtenen Kniehosenanzug mit einer Lilie in der Hand über die Flure flaniert?

Richten Deinen Blick auf das Notwendige

Wer lediglich seine Person zur Schau stellen will, der verstößt gegen die impliziten Gesetze der ökonomischen Rollenerwartungen. Wer mit Konformität und Uniformität Probleme hat, der unterschätzt die Spielregeln des wirtschaftlichen Milieus, das nach Repräsentanten sucht, die gewillt sind, sich unter Gleichen zu bewegen im Sinne des Ganzen: des wirtschaftlichen Erfolges.

Welche ungeschriebenen Gesetze gelten?

Ist Herr Obermeier aus der Vertriebsabteilung eigentlich trotz oder wegen seiner Lederkrawatte, seinen Motivsocken und seinen mehrfarbigen Schuhe so erfolglos? Oder ist der etwa gar nicht mehr im Unternehmen? Warum amüsieren sich die Kollegen eigentlich dauernd über die Leopardenoberteile von Frau Schmidtkunz, wo doch deren strassbesetzte, knallgrüne künstliche Fingernägel eigentlich ausreichend Grund böten, die Geschmackspolizei zu verständigen? Welche weiteren ungeschriebenen Gesetze existieren? Oder gibt es sogar schriftlich fixierte Leitlinien, die das Modeselbstverständnis Ihres Unternehmens repräsentieren? Ein Blick kann ja nicht schaden!

 

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