Jeder weiss, dass Glück lässt sich nicht kaufen, planen oder beanspruchen. Es geschieht einfach. Einfach so. Wir sollten wachbleiben für diese Momente, sie nicht fordern, das Glück nicht pushen. Dann kommt es vorbei auf leisen Sohlen, ganz unscheinbar und gesellt sich zu uns. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Echte muntere Laune aber pflegt ansteckend zu sein, und diese Epidemie hat etwas so Wohltätiges, es ist ein so wahres Seelenglück, einmal alle Sorgen und Plagen dieser Welt weglachen zu dürfen, daß ich dringend anrate, sich zur Munterkeit anzufeuern …“

Über den Umgang mit Menschen, I, 3, 24

Halbes Karneval, halbes Jahr feiern!

Daß es anderswo wirklich glückliche Menschen gab, wird zumindest berichtet. Von Südseeinseln zum Beispiel. Wie aber sieht es mit unserem Kontinent aus? Hat es jemals ähnliche Oasen des Glücks auch in Europa gegeben? Nun, von einer zumindest wissen wir aus zahllosen Reisebeschreibungen. Es ist Venedig.

Allem Anschein nach haben die Venezianer die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts im Glückstaumel rauschender Maskenfeste verbracht. Sechs Monate im Jahr war Karneval, die restliche Zeit wurde gefeiert. Sonne für alle, Musik für alle, Küsse für alle, Heilige für alle! – so lautete das Motto, und Besucher aus aller Herren Länder ließen sich von den Wogen des Unernstes davonreißen, die Tag und Nacht Europas Glücksinsel durchfluteten. Das Leben, ein Fest. Die Venezianer verausgabten sich im Vergnügen – und brachen erschöpft zusammen, als Napoleons Soldaten 1797 die Stadt besetzen. Danach war es mit der Herrlichkeit Venedigs aus und vorbei.

Wenn wir das Geheimnis des glücklichen Venedig zu lüften versuchen, stoßen wir auf eine besondere Kultur der Zeit. Oder besser: der Zeitlosigkeit. Im Venedig der Rokokozeit spielte Zeit offenbar keine Rolle, weil man nichts Bestimmtes mehr mit ihr vorhatte. Man ließ sich im Schoß einer großen, alten Kultur gehen, man genoß ihre letzte Blüte nach allen Regeln der Lebenskunst, aber ansonsten hatte man keine Verwendung mehr für die Zeit. Der erfüllte Augenblick, dem sich die maskierte Menge auf dem Markusplatz hingab, war der sinnentleerte Augenblick, dem man sich plan- und willenlos überlassen konnte.

Glück verseuchtes Gebiet

Es gibt auch heute noch solche Inseln eines Glücks, das sich im erfüllten Augenblick verwirklicht. In Madrid, an der Fassade eines Hauses am Rande einer kleinen Plaza, entdeckte ich ein Transparent. Es war über ein schmiedeeisernes Balkongitter im dritten Stock gespannt und trug in großen, roten Buchstaben die Aufschrift „Zona contaminada de felicidad“ – glückverseuchtes Gebiet. Nichts Spektakuläres spielte sich hier ab; Menschen saßen an kleinen Metalltischen draußen und plauderten miteinander. Keine Heiligen, keine Musik, nicht einmal Küsse, so viel ich sah, aber immerhin Sonne, auch Schatten, auch Wein, und vor allem: Zeit. Wer sich dazusetzte, erfuhr am eigenen Leib, daß der erfüllte Augenblick der nicht-ausgefüllte Augenblick ist, in dem die Zeit scheinbar zum Stillstand kommt. Aus solchen Augenblicken ist alles Leben herausgelassen, bis nichts mehr übriggeblieben ist als das Behagen, sich wieder seiner Zeit bemächtigt und zum eigenen Rhythmus gefunden zu haben. Hier, im glückverseuchten Gebiet der kleinen Plaza, kam das strampelnde, zappelnde, sich unter allen möglichen Kränkungen windende Ich endlich einmal zur Ruhe.

Die Stimmung einer solchen Plaza kann das wachrufen, was in der Antike als Inbegriff der Lebenskunst verstanden wurde: das Gastmahl mit Vertrauten als ungezwungener Anlaß gemeinsamer Entspannung. Das Schönste an diesen Gastmahlen war vielleicht ein tiefes Einverständnis – das Einverständnis untereinander, das Einverständnis mit seinem Geschick, das Einverständnis, seine Existenz durch keine Anstrengung rechtfertigen zu müssen. Ganz offenbar wird es als höchste Lust empfunden, wenn das in ständiger Selbstbehauptung erigierte Ego einmal für Stunden auf Normalmaß schrumpfen darf und der innere Aufruhr, die Empörung gegen den einen oder anderen Menschen, gegen die eine oder andere als ungerecht empfundene Wendung des Schicksals sich in Wohlgefallen auflöst. Seitdem wir überhaupt eine genauere Vorstellung von Lebenskunst haben, scheint der erfüllte Augenblick also der zu sein, der von allem, was uns sonst umtreibt, entleert ist.

Glücksgebiet Gastmahl

Meine Mutter pflegt die Tradition des antiken Gastmahls bis heute, wenn sie einmal im Jahr ein großes Essen für acht bis zehn Personen gibt. Sie ist eine hervorragende Köchin, und sie verlegt sich bei diesen Gelegenheiten ganz auf ihre Rolle als Küchenchefin, setzt sich allenfalls später zum Nachtisch zu ihren Gästen. Das Merkwürdige ist, daß sie zu ihren Gastmahlen seit jeher ausschließlich Männer lädt. Männer seien genußfähiger als Frauen, sagt sie. Wenn das so ist, könnte es einen einleuchtenden Grund dafür geben: Männer haben im Lauf der Zeit eine Kultur der Sorglosigkeit entwickelt, Frauen sind eher in einer Kultur des Sorgens und Umsorgens verwurzelt. Mit dem, was man die Clubkultur nennen könnte, blickt das männliche Geschlecht jedenfalls auf eine lange Erfahrung im rituellen Entspannen zurück, also in der Fähigkeit, sich für Stunden den Alltag vom Hals zu halten und der Zeit einfach ihren Lauf zu lassen – eine Freiheit, die Frauen zumindest in der Vergangenheit selten vergönnt war. Diese Befähigung zur Sorglosigkeit aber ist eine Voraussetzung des Genusses. Allerdings – solange sich nicht ein Mann entschließt, für eine reine Frauenrunde zu kochen, wird sich die Frage, welches Geschlecht es zu höherer Genußfähigkeit gebracht hat, kaum abschließend beantworten lassen.

Nicht nutze, vergiss die Zeit!

Wie dem auch sei, zum Glück wie zum Genuß gehört die Fähigkeit, die Zeit vergessen zu können und sie gerade dadurch auszuschöpfen. Und genau das ist der Grund, weshalb wir westlichen Wohlstandsmenschen des 21. Jahrhunderts uns von den Bedingungen jeder Lebenskunst immer weiter entfernen. Denn wir sind uns der Zeit pausenlos bewußt. Und diese zwanghafte Wahrnehmung der Zeit ist ungeheuer beängstigend, da sie vergeht, die Zeit, unaufhaltsam vergeht. Zwar rinnt die Zeit allen Menschen durch die Finger, aber wir beobachten sie dabei, wir sehen ihr wie gebannt dabei zu. Das kann einen nervös machen. Warum tun wir es dann?

Das ist eine Frage für Philosophen, Soziologen und Psychologen. Mit anderen Worten: eine schwierige, gleichwohl von vielen klugen Leuten immer wieder behandelte Frage. Es würde zu weit führen, ihre Antworten hier wiederzugeben. Meine schlichte Antwort lautet: Weil wir, im Unterschied zu den Venezianern des 18. Jahrhunderts, zu den Leuten auf der Plaza in Madrid und zu der Männerrunde, die es sich einmal im Jahr bei meiner Mutter wohlsein läßt, für die Zeit Verwendung haben. So viel Verwendung, daß die Zeit gar nicht reicht, weshalb wir sie genau einteilen und so viel wie möglich davon sparen müssen. Nur um dann festzustellen, daß der gewünschte Effekt ausbleibt. Denn wenn wir Zeit sparen, verkürzen wir nur den Zeitraum, den wir für ein bestimmtes Vorhaben brauchen – bloß um immer weitere, neue Vorhaben in die stets gleichbleibende, unaufhaltsam weiterfließende Zeit hineinzustopfen. Jede Stunde aber, die wir auf diese Weise sparen, setzt uns unter Druck, weil wir in Wirklichkeit mit jeder Zeitersparnis Zeit sinnlos verschwenden – jene Zeit nämlich, die wir für das erste Vorhaben, bei dem wir Zeit gespart haben, gut hätten gebrauchen können, wenn uns wirklich daran gelegen gewesen wäre, die Zeit auszuschöpfen.

Ausschöpfen statt Abschöpfen

Tatsache ist: Wir wollen sie gar nicht ausschöpfen. Wir wollen sie abschöpfen, sie gewissermaßen absahnen. Ökonomisch mag das sinnvoll sein, nur – etwas anderes als Wohlstand dürfen wir uns von diesem Verfahren nicht versprechen. Man kann nämlich Zeit nicht sparen und gleichzeitig nutzen. Wer Zeit spart, nutzt sie nicht, und wer sie nutzt, spart sie nicht. Wir versuchen mithin etwas, das logisch unmöglich ist. Wenn man Zeit nutzen wollte, müßte man sie sich nehmen. Wenn man Zeit sparen wollte, müßte man sie vergessen. Und was machen wir? Wir stauen Zeit – mit dem Ergebnis, daß unter dem Druck der aufgestauten Zeit die Dämme, die wir gegen die verfließende Zeit errichtet haben, immer wieder mal brechen, die Zeit sich mit einem Schwall über uns ergießt und wir endgültig das Gefühl haben, daß uns alles über den Kopf wächst. Woraufhin wir die Zeit dann noch genauer beobachten und noch genauer einteilen, um noch mehr davon zu sparen.

Unter dem Gesichtspunkt der Lebenskunst ist unser Umgang mit der Zeit also im höchsten Maße töricht. Und weil wir einen Anfängerfehler nach dem anderen begehen, handeln wir uns statt Zeit etwas ganz anderes ein, nämlich Zeitdruck. Streß. Streß wohin man blickt. Unser älter und immer älter werdender Körper setzt uns unter Druck. Unsere Angst, etwas zu verpassen, setzt uns unter Druck. Die Glückserwartungen, mit denen wir an jeden Tag herangehen und jede Minute befrachten, setzen uns unter Druck. Und dann setzt sich, wie geschehen, ein Dreizehnjähriger hin und schreibt einen Brief an das Kummerkastenteam einer Jugendzeitschrift, in dem er seiner ganzen Verzweiflung darüber freien Lauf läßt, daß er immer noch keine Freundin hat – und wohl auch keine Aussicht mehr besteht, je eine zu bekommen …

Selbstverständlich weiß ich, daß dieser allgegenwärtige Druck auch objektive Ursachen hat. In einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das auf der Konkurrenz aller gegen alle beruht, ist jeder, der mithalten will, gezwungen, sich selbst antreiben; und gegen den Termindruck in der Arbeitswelt ist oft genug kein Kraut gewachsen. Dennoch bin ich der Meinung, daß wir es zu einem souveräneren Umgang mit der Zeit bringen können – und müssen, wenn wir uns wenigstens ansehnliche Reste von Lebenskunst erhalten wollen.

Zur Besinnung kommen

Der erste Schritt dazu wäre, zur Besinnung zu kommen – wie es eine ehemalige Kommilitonin geschafft hat, die lange Zeit unter Magersucht litt. „Ich fühlte mich stets unter Druck“, sagte sie. „Dem Druck, erfolgreich zu sein, dem Druck, mich zu verwirklichen, dem Druck, akzeptiert zu werden. Diesem Druck versuchte ich dadurch zu entkommen, daß ich mich auf das einzige konzentrierte, auf das ich Macht ausüben konnte: meinen Körper. Erst als ich sah, daß ich selbst diejenige war, die mich unter Druck setzte, war ich in der Lage, mich aus meinem Käfig zu befreien.“ Und genau darum geht es. Bevor wir überhaupt daran denken können, Lebenskünstler zu werden, stehen wir vor der ebenso großartigen wie schwierigen Aufgabe, uns zu befreien. Zum Beispiel von Irrtümern wie dem, der uns bei unserem Verständnis des erfüllten Augenblick immer wieder unterläuft.

Augenblick mal!

Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als hätten wir mit den glücklichen Venezianern wenigstens die Sehnsucht nach diesem erfüllten Augenblick gemeinsam. Bei näherem Hinsehen aber zeigt sich, daß wir üblicherweise etwas völlig anderes darunter verstehen. Erfüllt sind, wie wir gesehen haben, jene Augenblicke oder Stunden, in denen wir die Zeit eben nicht nutzen wollen, in denen wir keine bestimmte Verwendung für sie haben, uns der Zeit widerstandslos überlassen und gerade deshalb nicht bemerken, wie sie verfließt. Unseren mißtrauischen Augen aber käme diese entleerte Zeit wie vergeudete Zeit vor, weshalb wir sie unentwegt auszufüllen, vollzustopfen und mit Erwartungen, Vorhaben und Aktivitäten befrachten zu müssen meinen. Kaum etwas beunruhigt uns inzwischen stärker als die Sorge, etwas zu verpassen. Als Verkörperung dieser Sorge erscheinen mir all jene Menschen, die ihr Handy gar nicht mehr aus der Hand legen, weil sie die Pausen zwischen zwei Anrufen nicht ertragen, in der Annahme, ein erfülltes Leben bestehe aus einer nicht abreißenden Kette vollgestopfter Augenblicke. Manche Menschen können längere Zeiträume gar nicht mehr ins Auge fassen; alle ihre Anstrengungen zielen darauf ab, ihr Gefühl für die Zeit auszulöschen, indem sie sich in einer atemlosen und besinnungslosen Gegenwart verschanzen. Ihre Hoffnungen gelten nur noch dem jeweils bevorstehenden Glücksmoment – der dann unter dem Druck der Erwartung gewöhnlich zerplatzt. Ihnen ist es schon zur Gewohnheit geworden, die fließende Zeit mit allen Mitteln zum Stillstand zu bringen, sie buchstäblich totzuschlagen, damit nur noch eine Folge zusammenhangloser Augenblicke übrigbleibt. Doch sowenig ein vollgestopfter ein erfüllter Augenblick ist, sowenig addieren sich Tausende davon zu einem erfüllten Leben.

Ein weiterer Irrtum besteht in dem Glauben, wer glücklich werden wolle, der müsse zu den Gewinnern gehören. Das ist schlicht Unfug. Dergleichen wächst auf dem Mist von Glückstrainern, die die Verhältnisse unter den Menschen als notdürftig verschleierten Kriegszustand interpretieren, nur Sieger und Besiegte kennen und Sieg mit Macht und Reichtum gleichsetzen. Wenn dem so wäre – der allergrößte Teil der Menschheit wäre vom Glück ausgeschlossen, und man muß schon sehr wenig in der Welt herumgekommen sein, man darf nie mit Menschen gefeiert haben, die deutlich weniger als wir besaßen, um das zu glauben. Nein, das Gewinnerglück ist ein Popanz, mit dem eine heißgelaufene Konkurrenzgesellschaft ihr Ideal des lebenslangen Abstrampelns schmackhaft machen will. Kein Zweifel – ein Siegesrausch ist etwas Schönes. Aber er verfliegt bald. Nur das Abstrampeln geht weiter.

Mitleid kommt von Leiden

Der vierte Irrtum schließlich besteht darin, das Lebensglück in einem Zustand der Schmerzfreiheit zu suchen. Den Schmerz aus der Welt zu vertreiben ist der moderne Traum vom Glück – und genauso unmenschlich wie viele andere Träume von einem Dasein, das sich im perfekten Funktionieren erschöpft. Schmerz, als eigene und fremde Erfahrung, ist für ein geglücktes Leben unabdingbar, weil er unsere besten Eigenschaften zum Vorschein bringt: Mitleid, Mitgefühl und herzliche Anteilnahme. Der „auf Dauer gestellte“ Lebensgenuß stumpft ab, der Schmerz hingegen vertieft unsere Empfindungsfähigkeit und macht uns für das Glück erst empfänglich. Überstandenes Leiden erlaubt uns im übrigen, dem Leben mit größerer Gelassenheit und Selbstsicherheit entgegenzutreten. Unternehmen bevorzugen deshalb nicht selten Bewerber, deren Biographien Brüche aufweisen, die Scheitern und Rückschläge erlitten und verkraftet haben und dadurch nicht nur an Erfahrungen, sondern auch an Reife gewonnen haben.

Alle diese Irrtümer bewirken vor allem eins: Sie erhöhen nur immer weiter den Druck, dem wir ohnehin schon ausgesetzt sind. Uns von diesem selbsterzeugten Druck zu befreien, das wäre der erste Schritt auf dem Weg zu einer Lebenskunst, von der wir uns dann auch Lebensgenuß versprechen dürfen.

Moritz Knigge sagt: „Führe über dein Glück nicht Buch! Fasse längere Zeiträume ins Auge und glaube nicht, daß der nächste Augenblick schon deine Erwartungen erfüllen müßte! Entscheide dich, ob du Zeit sparen oder nutzen willst. Bisweilen nutzt man seine Zeit am besten, wenn man sie verschwendet.“

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