Freiheit – Wie wollen unsere Willensfreiheit nutzen?

In der „Berliner Monatszeitschrift“ kam es 1784 zu einer Debatte darüber, was der Begriff Aufklärung bedeutet. Kant vertrat dabei die Auffassung, dass sich menschliche Unmündigkeit einzig und allein durch Selberdenken überwinden lasse. Unmündig sei der Mensch keinesfalls, weil es ihm an Verstand mangele, sondern weil er nicht den Mut habe, sich seines Verstandes ohne Anleitung anderer zu bedienen.

Selber denken und dazulernen

Die Fülle an Ratgebern aller Art, die unsere Buchhandlungen füllen, der unkritische Konsum von Medienberichten, Flurfunk und Tratsch aller Art, aber auch die Sehnsucht nach Instanzen, die es schon für uns richten, seien als Belege dafür genannt, dass es diese Mutlosigkeit auch heute noch gibt. Es war und ist noch immer bequem, unmündig zu sein. Sich und andere dazu zu ermuntern, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, um Herrschaftsansprüche aller Art zu kritisieren und zu überwinden, war zu Kants Zeiten ein ehrgeiziges Vorhaben.

Das ist es auch heute noch: Gut 200 Jahre nach dem Königsberger Philosophen sind einige Menschen, unter ihnen der Hirnforscher Christian Scheier, der Meinung, das Nachdenken würde überschätzt: „Wenn man mit der ganz großen Brille darauf schaut, was die Hirnforschung uns heute zeigt, dann ist es sicherlich dieses, dass das Nachdenken lange Jahre überschätzt wurde in seiner Bedeutung und wir ganz sicher, man schätzt bis zu 85 Prozent, unserer Alltagsentscheidungen ganz intuitiv treffen. Wir treffen bis zu 20000 Entscheidungen jeden Tag und 18000 bis 19000 davon sind intuitiv.“

Nachdenken wird überschätzt! Ein Slogan wie man ihn eher auf jenen Gratispostkarten vermuten würde, die hierzulande in fast jeder Kneipe zur Mitnahme aushängen und zum Schmunzeln anregen. Doch Scheier ist kein zum Schmunzeln anregender Sonderling, sondern ein ernst zu nehmender Vertreter einer Forschungsrichtung, die in den letzten Jahren für erhebliches Aufsehen gesorgt hat: die Hirnforschung.

Nachdenken lohnt sich immer noch! Sind wir so frei und mutig, uns unseres eigenen Verstandes bewusst zu bedienen! Denn seit Kants Feststellung, es sei bequem, unmündig zu sein, hat sich wenig geändert: Solange ich ein Buch habe, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt (usw. – man möchte hinzufügen: ein Gehirn habe, das für mich denkt, einen Bauch habe, der für mich entscheidet), so lange brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.

Der Mann, der den Menschen nicht schnellere Pferde verkaufte, sondern das Automobil, war nicht nur ein kluger Geschäftsmann sondern auch ein kluger Denker. „Weil Denken die schwerste Arbeit ist, die es gibt, beschäftigen sich auch nur wenige damit“, sagte Henry Ford einmal.

Doch wer schwerste Arbeit nicht scheut und kein Problem dabei verspürt, zu den Wenigen zu gehören, der macht sich auf die Suche nach Antworten auf die Fragen, mit denen das Leben ihn konfrontiert, und ist bereit, sich selbst Fragen und sein Handeln infrage zu stellen. So überschätzt das Nachdenken auch sein mag, so wollen wir doch einen Versuch wagen. Wir sind so frei. Denn je intensiver wir über etwas nachdenken, desto umfassender wird auch das, was wir gemeinhin unsere Willensfreiheit nennen. Und da von nichts nichts kommt, kommt von viel viel. Wer viel nachdenkt, erkennt viel, wer wenig nachdenkt, erkennt weniger.

Nachdenken lohnt sich. Auch dann, wenn es bisweilen tiefe Verzweiflung auslösen kann. So stellt der Philosoph Peter Bieri zu Recht fest: „Das Thema Willensfreiheit kommt uns auch deshalb zum Verzweifeln schwierig vor, weil sich so viele andere schwierige Themen darin kreuzen: etwa die Frage, wie Gehirn und Geist zusammenhängen; oder wie sich ethische Normen und Verantwortlichkeiten begründen lassen.“

Willensfreiheit und Verantwortung. Mit der Willensfreiheit steht und fällt alles. Der freie Wille – ob bewusst oder unbewusst – ist die notwendige Bedingung freier menschlicher Selbstbestimmung und gleichsam die Voraussetzung, Verantwortung übernehmen zu können. Wer den freien Willen grundsätzlich infrage stellt, der stellt auch die persönliche Verantwortung infrage.

Wenn beispielsweise meine menschliche Fähigkeit, einfühlsam zu sein, auf der Anzahl der im meinem Gehirn existierenden Spiegelneuronen beruht, welche Möglichkeiten habe ich dann, eine freie Entscheidung darüber zu treffen, ob ich einfühlsam sein will oder nicht? Und wie könnte ich vor diesem Hintergrund für meine nicht vorhandene Einfühlsamkeit verantwortlich sein?

Was nützt mir das Nachdenken über mich, wenn mir letztlich die physikalischen und chemischen Prozesse in meinem Kopf vorgeben, was ich tue oder nicht tue? Warum soll ich darüber nachdenken, ob mir wirklich die Hände gebunden sind oder nicht, wenn darüber die Leistungsfähigkeit meines Gehirns entscheidet?

Kein Wunder also, dass die Debatte um die Freiheit des menschlichen Willens bisweilen bizarre und ideologische Züge angenommen hat. Es mag Sie verblüffen, doch selbst, wenn wir annähmen, das menschliche Verhalten sei vollständig determiniert – also festgelegt, von unseren Mustern bestimmt und unabhängig vom freien Willen –, würde uns das nicht davon entbinden, über unser eigenes Verhalten nachzudenken. Der Grund hierfür ist einfach. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften mögen gegenwärtig und künftig noch so überzeugend sein – eines lässt aus ihnen nicht ableiten: Die Hirnforschung kann keine Deutungshoheit über die Willensfreiheit und die Verantwortung beanspruchen oder die Begründung dafür liefern, wie Menschen miteinander leben sollen. Jedenfalls nicht, solange es Menschen gibt, die bereit sind, sich selbst und andere dazu zu ermuntern, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, um Herrschaftsansprüche aller Art zu kritisieren und zu überwinden.

Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Herrschaftsansprüche in unserem Inneren toben oder von außen an uns herangetragen werden, ob wir mit unseren inneren Schweinehunden ringen oder uns gegen äußere Schweinehunde zur Wehr setzen. Bereits der Begriff Schweinehund macht deutlich, welcher Wert einem bestimmten Verhalten zugemessen wird.

Nachdenken erweitert die Willensfreiheit. Wenn Hans sich schon nicht in der Lage sieht, seinen eigenen Freiheitsspielräumen auf die Spur zu kommen, so ist er doch in der Lage, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob er den Normen und Leitideen einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung zustimmen kann oder nicht. Die wenigsten von uns sind beispielsweise dazu in der Lage, durch eigenes Nachdenken die Ideen von Freiheit und Verantwortung auch nur annähernd auf einen solch prägnanten Satz zu bringen, wie er im Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ festgeschrieben ist: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“

Man könnte einwenden, dass tagtäglich Freiheiten, Würde und Rechte von Menschen mit Füßen getreten werden und wir uns deshalb nicht allzu sehr auf unsere Vernunft, unser Gewissen und den Geist der Brüderlichkeit verlassen sollten. Ein durchaus ernst zu nehmender Einwand, der jedoch weniger die erkenntnisbezogenen Fähigkeiten des Menschen anzweifelt, Vernünftiges von Unvernünftigem zu trennen, sondern grundlegend infrage stellt, ob sich dieses Nachdenken auch im konkreten Wollen zeigt.

In einer Straßenumfrage der Website politik.de wurden Menschen dazu befragt, wie wichtig ihnen die Menschenrechtslage in ihrem Urlaubsland ist. Die Antwort einer Passantin bringt das mögliche Spannungsverhältnis zwischen dem eigenen Wollen und dem Wollen anderer auf den Punkt: „Klar sollte man darüber nachdenken, aber andererseits möchte ich auch gerne Urlaub machen.“ Ein ebenfalls befragter Mann hat seine Entscheidung darüber, welchem Wollen er Vorrang einräumt, bereits getroffen: „In diesem Fall wäre es mir wahrscheinlich egal, weil ich schon Geld dafür ausgegeben habe, um in einem anderen Land meinen Spaß zu haben und andere Sachen zu sehen. Deswegen wäre ich in diesem Sinne eher politisch ignorant.“ Zwei befragte Frauen geben an, solche Länder nicht bereisen zu wollen oder sich zumindest im Vorfeld der Reise zu informieren, ein Mann mutmaßt, dass die meisten Touristen „sich um so etwas nicht kümmern, weil das eigene Bedürfnis, endlich mal abzuschalten, im Vordergrund steht“.

Unsere Willensfreiheit erlaubt uns, das eigene Wollen mit dem Wollen anderer abzugleichen und eine Entscheidung darüber zu treffen, welchem Wollen wir dem Vorrang einräumen wollen. Dabei besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass der eigene Spaß oder das eigene Bedürfnis nach Erholung durchaus mit den Bedürfnissen anderer in einem Konfliktverhältnis stehen können. Weniger eindeutig ist jedoch die Antwort auf die Frage, wie beide Bedürfnisse miteinander vereinbar sind. Wer sich gegen „politische Ignoranz“ entscheidet und die Frage nicht mit dem unpersönlichen „man“ beantwortet, der sieht sich plötzlich mit der Frage konfrontiert, wie er sich verhalten soll: Wie kann er einerseits Verantwortung – in diesem Fall für die von ihm als vernünftig anerkannten Menschenrechte – zeigen und andererseits seinen wohlverdienten Urlaub antreten?

Wenn der schon erwähnte Philosoph Peter Bieri davon spricht, dass das Nachdenken unsere Willensfreiheit beständig erweitere, dann befinden wir uns mit Ihnen nun mittendrin in diesem Nachdenken. Und das Schöne ist, die Erweiterung unserer Willensfreiheit birgt noch weitere Versprechen: erweiterte Handlungsspielräume und Freiheit von Willkür. Die gibt es allerdings nur jenseits aller politischen Ignoranz und in der ersten Person, das heißt in der Ichperspektive.

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