Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine zum anderen: „du siehst aber schlecht aus!“

„Ja, ich weiß. Ich habe Homo sapiens“

„Ach so. Da kann ich dich beruhigen, das geht wieder weg!“

Nein, das tut es nicht. Jedenfalls solange nicht, wie wir bereit sind, unseren Blick auf die Gegenwart und die Zukunft zu richten. Doch genau daran scheint es zu hapern. Die Sozialpsychologie bescheinigt uns eine Neigung zu kurzsichtigem Verhalten: Alle in der Zukunft liegenden Folgen unseres Verhaltens werden im gegenwärtigen Verhalten nur äußerst unzureichend berücksichtigt. Man kann sich den Mund fusselig reden über die gesundheitsschädliche Wirkung von Alkohol, über notwendige private Altersvorsorge, die Bedeutung eines guten Bildungsabschlusses oder bevorstehende soziale, ökologische oder wirtschaftliche Katastrophen. Was zählt ist der heutige Tag, zum Teufel mit der Zukunft!

Erstaunlicherweise scheint die Versicherungswirtschaft aber in der Krise zu den Gewinnern zu gehören, und immer mehr Menschen machen sich Gedanken darüber, wie sie ihre Zukunft absichern können. Noch überraschender ist es, dass immer mehr Menschen auch über die Zukunft anderer nachdenken oder zumindest vorgeben, dies zu tun. Nachhaltigkeit ist in aller Munde! Kein Politiker, kein Unternehmen, kein Fußballverein, der sich nicht einer nachhaltigen Entwicklung verschrieben hätte. Aus der gemeinsamen Gegenwart wird immer mehr eine verantwortbare Zukunft für unsere Kinder und Kindeskinder. Es lebe die Zukunft, ob mit oder uns!

Inhaltsverzeichnis | Das erwartet Sie in diesem Artikel:

Aber was ist das eigentlich, Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit

Der Philosoph Hans Jonas hat einmal gesagt: „Über das individuelle Recht zum Selbstmord lässt sich reden, über das Recht der Menschheit zum Selbstmord nicht.“ Lokales Denken und Handeln müsse um globales erweitert werden, wenn wir zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen wollen, die uns, unseren Kindern, unseren Mitmenschen und Mutter Erde, kurz: dem Fortbestehen echten menschlichen Lebens nutzt.

Damit hat Jonas unserer Verantwortung ein neues Gesicht gegeben. Reichte es in der Vergangenheit aus, im Dialog mit unseren Mitmenschen zu stehen, so sind wir heute aufgefordert, denen zuzuhören, die noch gar keine Stimme haben, um uns unangenehme Frage zu stellen. Wir sollten ein imaginäres Zwiegespräch mit den Generationen führen, die uns nachfolgen und die mit dem zurechtkommen müssen, was wir ihnen hinterlassen.

In seinem Lied „On n’a q’une terre“(Wir haben nur eine Welt) führt der aus der Schweiz stammende Rapper Stress ein solches Zwiegespräch, mit der ganzen Emotionalität, Wut, ja auch Übertreibung sowie dem Wunsch aufzurütteln, der dem Hip-Hop eigen ist: „Wenn er mal groß ist und mich fragt: Warum gibt es keine Fische mehr im Meer? Was antworte ich ihm dann? Dass ich es nicht wusste? Dass es mir egal war? Und wenn er mich fragt: Papa! Ist es nur wegen dem Holz, dass ihr die Lunge der Erde zerstört habt? Womit soll ich denn jetzt atmen? Ich würde als unverantwortlich und unfähig dastehen. Als ein Schuldiger, der sich unentschuldbar verhält. Eine kaputte Welt, voller CO2! Ist das wirklich die Welt, die wir für sie erschaffen wollen? Es geht um Respekt und das, wir was erreichen müssen. Nachhaltiges Handeln: für sie, für uns und unsere Erde. Diskussionen sind gut und recht, aber Taten sind besser. Den Unterschied müssen wir heute schaffen, denn wir können es!“

Die Botschaft ist klar, doch die nachhaltige Umsetzung steckt noch in den Kinderschuhen. Kein Wunder, hat sich doch die Nachhaltigkeit gegen eine andere mächtige Idee zur Wehr zu setzen: unserem schon angesprochenen Hang zum kurzfristigen Denken. Dieses beruht auf der realistischen Einschätzung, dass langfristiges Denken und Handeln nur so lange überzeugend wirkt, wie es auch kurzfristig zu sichtbaren Erfolgen führt. Ein harter Brocken, diese Kurzfristigkeit. Manche Führungskraft in Wirtschaft, Politik oder Sport kann ein Lied davon singen, was es bedeutet, wenn die kurzfristigen Erfolge ausbleiben und die Suche nach Verantwortlichen bei der eigenen Person endet. Wenn die Gewinne schrumpfen, die Wähler sich abwenden oder der Abstiegskampf droht, dann wird die Nachhaltigkeit umgehend auf dem Altar der Sachzwänge geopfert. Ideal ist es das nicht, aber real.

Umdenken

Und absolut nachvollziehbar, sagt der Umweltchemiker Professor Dr. Michael Braungart. Denn Nachhaltigkeit sei das absolute Minimum, so der Autor des Buches „Die nächste industrielle Revolution. Die Cradle to Cradle-Community“. Nachhaltigkeit sei letztlich ein negativer Begriff, so defensiv, dass er über keinerlei Ausstrahlungskraft verfüge. Und wo es kein Charisma gibt, da muss man sich nicht wundern, wenn der kurzfristige, aber attraktivere Erfolg sich immer noch so großer Beliebtheit erfreut.

Braungart ist eine Art wissenschaftlicher Mehmet Scholl. Auch er hat sich die Umweltbewegung als Gegner auserkoren, auch er ist um keinen guten Spruch verlegen: „Die Umweltbewegung“, so Braungart, „hat uns das Gefühl gegeben, wir seien Schädlinge auf der Erde, und es wäre eigentlich gar nicht so schlecht, wenn es uns nicht gäbe.“ Seitdem betreiben wir seiner Ansicht nach eine Art Schuldmanagement: Wir schneiden uns die Haare, um weniger Shampoo zu verbrauchen, wir bauen Sondermüllanlagen, um uns von gefährlichem Müll zu befreien, wir verbieten Asbest, ohne die Frage zu beantworten, ob der Ersatzstoff wirklich ungefährlicher ist, und wir bevorzugen Holzspielzeug, weil Plastik sowieso doof und obendrein noch schädlich ist.

Für Braungart ein Holzweg. Unklug und gefährlich. Unklug, weil wir es versäumen, uns die Frage zu stellen, wie wir die Dinge besser machen könnten, und stattdessen alles daran setzen, es nicht zu schlimm werden zu lassen. Wir minimieren, wir reduzieren, wir vermeiden und verzichten. Statt die richtigen Dinge zu optimieren, machen wir die falschen richtig.

Nicht frei von xy ist die Antwort auf unsere Fragen, sondern nützlich für xy. Unsere Verantwortung besteht nicht darin, von allem etwas weniger zu tun oder alles daran setzen, die Weltbevölkerung nicht weiter wachsen zu lassen, sondern endlich dafür zu sorgen, dass alle Kinder genug zu essen haben. Über fünf Millionen Kinder sterben jedes Jahr, weil wir es zulassen, dass sie kein sauberes Trinkwasser haben. Braungart folgert daraus: Wer sich selbst als Schädling erlebt, wer glaubt, es ginge der Welt besser, wenn es uns nicht gäbe, der läuft Gefahr, Kinder absichtlich sterben zu lassen, weil wir unsere Erde keine weiteren Schädlinge mehr zumuten können. Das ist ein unerträglicher Gedanke.

Aber so ist der Umweltchemiker Braungart. Es geht ihm um mehr, als sich gegen eifernden Idealismus zu wehren. Ihm geht es darum, diesem ein anderes Ideal entgegenzusetzen und unser bisheriges Denken über Nachhaltigkeit vom Kopf auf die Füße zu stellen. Braungarts Mission besteht darin, lieb gewonnene Denkmuster aufzubrechen und keiner Provokation aus dem Weg zu gehen. Das polarisiert. Aber welcher Idealist täte dies nicht? Braungart sagt, es war gut, einen Präsidenten zu haben wie George W. Bush, der freimütig und schlicht eingestanden hat, dass er dem Umweltschutz keine Bedeutung einräumt, weil einen das zwinge, selber etwas zu tun. Und es sei schlecht, einen Karl-Heinz Böhm zu haben, weil wir ihn zum Anlass nehmen könnten, uns damit zu beruhigen, dass doch für Äthiopien bereits genug getan würde.

Wer den ganzen Tag die Endlichkeit unserer Ressourcen beschwört, verschwendet wichtige Zeit. Zeit, die fehlt für das Bemühen, an einer Welt mitzubauen, in der soziale, ökologische und wirtschaftliche Gerechtigkeit und Bevölkerungswachstum keinen Gegensatz darstellen. Dass dies möglich wäre, veranschaulicht Braungart mithilfe jener Ameise, von der wir ja schon gelernt haben, dass kooperatives Verhalten dem egozentrischen überlegen ist: „Die Ameisen entsprechen in ihrer Biomasse etwa 30 Milliarden Menschen. Wir sind nicht zu viele, wir müssen nur lernen, die Stoffströme anders zu gestalten.“

Wer also von Überbevölkerung spricht, wer nach Nachhaltigkeit im Bevölkerungswachstum strebt, wer auf Mineralwasser mit Kohlensäure verzichtet oder mexikanische Restaurants meidet, um den CO2– oder den Methangas-Ausstoß zu verringern, der macht nicht anderes, als sich zu entlasten. Für Braungart eine Verantwortungslosigkeit höchsten Grades: „Wir brauchen uns nicht dafür entschuldigen, dass wir da sind, wir können uns dafür entschuldigen, dass wir so blöd sind.“

Wir müssen nicht weniger schädlich werden, sondern uns nützlich machen. Das ist seine Kernthese. Dieser Wandel der Perspektive setzt Kreativität frei. Kreativität, die nicht die Vergangenheit reguliert, sondern die Zukunft organisiert. Wir sollen lernen, uns nützlich zu machen und uns nicht als Plage zu begreifen – und müssen dafür nicht einmal Verzicht leisten. Ein wundervolles Versprechen: Bremsbeläge, die biologisch abbaubar sind, Flugzeuge mit essbaren Sitzbezügen, Häuser, die wie Bäume sind, und Farben haben, die die Luft reinigen und nicht nur nicht giftig sind, Emissionen, die eingefangen werden und für neue Brennstoffe genutzt werden, vollständig recycelbare Autos und Turnschuhe oder kompostierbare T-Shirts. Nichts ist unmöglich.

Die Braungartsche Welt ist zu schön, um wahr zu sein, und Gegenredner gibt es zuhauf. Doch trotz aller Kritik, denen sich streitbare Idealisten im Übrigen immer ausgesetzt sehen, findet sich kaum einer, der Braungarts Perspektivwechsel grundsätzlich infrage stellt. Schon eher seine Radikalität, mit der er die Umweltbewegung mitverantwortlich dafür macht, „Kinder in Afrika verrecken zu lassen“. Doch wenn es um Verantwortung geht, dann ist das Radikale und bisweilen Unzumutbare bisweilen notwendig, um aufzurütteln und Verbundenheit herzustellen. Zumindest dann, wenn wir die Kinder dieser Welt zukünftig mit den Worten begrüßen wollen: Schön, dass du da bist!

Öko

Als Kind der achtziger Jahre und als sportlicher Trendsetter dürfte Mehmet Scholl ein Paar Sportschuhe mit Klettverschluss besessen haben. Dieser wurde in den fünfziger Jahren nach dem Vorbild der Klettfrüchte entwickelt. Zugegeben, diese Information ist nicht unbedingt geeignet, die ganz großen ökologischen und sozialen Herausforderungen auf unserem Erdball zu lösen, aber ein amüsantes Beispiel für den vielfältigen Dialog zwischen Mensch und Natur.

„Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Diese Weissagung der Cree-Indianer gehörte zu den Klassikern des politischen Aufklebers der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, neben „Atomkraft, nein danke“ und der weißen Friedenstaube auf blauem Grund. Der von Frieden und Umwelt bewegte Mensch begehrte auf gegen ökologischen Raubbau, atomare Aufrüstung, Waldsterben und FCKW in Deo- und Haarspray. Der Marsch gegen und in die Institutionen des Landes hatte begonnen. Die Erde sollte nicht länger unser Untertan sein, sie sollte von nun an unserem Schutz unterstehen.

Doch das politische Klima war aufgeheizt. Der Umweltschutz war noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen und weit davon entfernt, als vorrangiges gesellschaftspolitisches Ziel Gültigkeit beanspruchen zu können. Der Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl reagierte auf seine Weise auf den ökologischen Idealismus und seiner Vertreter, indem er forderte, man solle die Grünen hängen, solange es Bäume noch gebe. Und so manch anderer reagierte auf den unterstellten Ökoterror mit schlauen Sprüchen wie: „Mein Auto fährt auch ohne Wald.“

Ein grünes Zeitalter? Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Idealisten von damals und ihre Ideen sind mittlerweile ein fester Bestandteil in unserem gesellschaftspolitischen Selbstverständnis geworden und genießen eine hohe Akzeptanz in immer breiteren Teilen der Bevölkerung. Fair Trade, Eco-Fashion, Naturkosmetik, grüne PCs, grüne Technologien und Deoroller sind längst keine Fremdwörter mehr in den westlichen Industriegesellschaften. Selbst der Warenkorb von Mehmet Scholl dürfte mittlerweile mit den Zielen der LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability) vereinbar sein: Danach geht es „nicht um Verzicht, sondern um Befreiung aus einem überholten Kulturmuster, nicht um Verlust, sondern um Gewinn an Lebensqualität“.

Es grünt, und es darf Freude machen. Genuss und Umweltschutz sind kein Widerspruch mehr. Die Sprache der Preise hat sich des ökologischen Problems angenommen und die Sprache der mit Ideologie infizierten politischen Rede und Gegenrede in den Hintergrund treten lassen. Fair gehandelter Kaffe? Gerne, wenn er schmeckt! Ökomode? Prima, wenn sie gut aussieht! Die Weissagung der Cree scheint abgewendet. Wir leben in Einklang mit der Natur. Wir haben gelernt unser Geld sinnvoll auszugeben, statt es essen zu müssen. Nur, so einfach ist es leider nicht. Auch wenn Biomarken die Discounter erobern, Hollywoodstars Autos mit Hybridmotoren bevorzugen und die Plastiktüte mit der kompostierbaren Variante um die Gunst der Einkaufenden buhlt, ist es noch etwas verfrüht, ein grünes Zeitalter auszurufen.

Noch immer werden jährlich 13 Millionen Hektar Waldfläche gerodet. Rund drei Milliarden Menschen haben keinen ständigen Zugang zu sauberem Trinkwasser, und ungefähr 50 Prozent der weltweiten Gewässer sind überfischt. Allem Umdenken zum Trotz berauben wir uns weiterhin unserer Lebensgrundlagen und gleichzeitig des größten Patentarchivs, das uns zur Verfügung steht. Noch immer wütet die Krone der Schöpfung in selbiger.

Doch eines hat sich verändert: Die Einsicht ist eingekehrt, dass sich etwas ändern muss. Der politische Stellungskrieg zwischen der Wirtschaft und den Idealisten neigt sich dem Ende zu. Den Problemlösungen und Problemlösern gehört die Zukunft – in der Politik, in der Wirtschaft und in den Wissenschaften. Und wer wäre ein geeigneter Problemlöser als die Natur selbst mit ihren Millionen von intelligenten Designern, die die Evolution seit nunmehr dreieinhalb Milliarden Jahren hervorgebracht hat?

Was wir gegenwärtig und zukünftig brauchen, ist eine ernsthafte Aufmerksamkeit gegenüber der unfassbaren natürlichen Vielfalt um uns herum. Eine Aufmerksamkeit, die sich weder zum kulturellen Herrscher über die Natur aufschwingt, noch in romantischer Ergriffenheit vor ihrer urwüchsigen Schönheit erstarrt. Wer selbst etwas schöpfen will, der muss mit der Schöpfung in einen Dialog treten, ihr mit offenen Augen begegnen und von ihren intelligenten Problemlösungen profitieren. Wer etwas lernen will, der sollte genauer hinsehen, mit wem er es eigentlich zu tun hat.

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