Wer nicht hören will, muss fühlen. Getreu diesem Motto hat Michael Bloomberg, der Bürgermeister von New York, die guten Manieren im öffentlichen Nahverkehr nun gesetzlich geregelt. Wer in „Big Apple“ die Subway nutzt, dem ist es mittlerweile per Gesetz untersagt, mehr als einen Platz zu belegen, die Füße hochzustellen oder Kaugummi auszuspucken! Das mag in den USA, wo das Recht auf das Streben nach Glück – „the pursuit of happiness“– Verfassungsstatus genießt, funktionieren. Doch in hiesigen Gefilden, wo derartige Manieren nicht einklagbar sind, steht unser Recht auf Glück häufig genug auf dem Spiel. Ob in der Bahn, sei es ober- oder unterirdisch oder im Bus.

Doch wie glücklich können wir ohne kodifizierte Rechtsgrundlage sein? Wie sicher, dass wir von der lautstarke Kakofonie unzähliger iPods und ausgespuckten Kaugummis verschont bleiben? Wer keinen Michael Bloomberg hat, der muss sein Glück notgedrungen selbst in die Hand nehmen, der muss sich zum Anwalt der guten Manieren machen, wo diese auf dem Spiel stehen, und selbst mit gutem Beispiel vorangehen.

Wie schwierig die Suche nach dem eigenen Glück mitunter gerät, das demonstrierten zwei Herren im pensionsfähigen Alter neulich im Bus. Beide glücklich, einen Platz gefunden zu haben, beide unglücklich darüber, dass es sich um ein und selben Platz handelte, einen, der Menschen mit Behindertenausweis vorbehalten ist. Er hatte kaum Platz genommen, da wurde der Gewinner der „Reise nach Jerusalem“ vom Unterlegenen dazu aufgefordert, sich umgehend zu legitimieren und seinen Berechtigungsausweis vorzuzeigen. Bei den Worten „Ich muss Ihnen gar nichts zeigen“, eskalierte die Situation dahin gehend, dass beide wie wild mit ihren Gehstöcken aufeinander einschlugen. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Bus über ausreichend freie Sitzplätze verfügte …

Glücklicherweise endet die Suche nach dem eigenen Glück nicht immer in der handfesten Auseinandersetzung, zu unglücklichen Mienen führt sie jedoch ein ums andere Mal. Machen wir uns also auf die Suche nach den Voraussetzungen eines ungetrübten Glücks im öffentlichen Nahverkehr.

Früher war das irgendwie leichter mit dem Anbieten von Sitzplätzen. Alte Menschen sahen alt aus, und damit erübrigte sich die Frage, ob man sich nun zu erheben hatte oder nicht. Aber heute? So mancher Mensch im rentenfähigen Alter wirkt so jung, sportlich und rüstig, dass es einem als Affront ausgelegt werden könnte, ihm den eigenen Sitzplatz anzubieten.

  • Anbieten kostet ja nichts! Mehr als ein „Ach, bleiben Sie ruhig sitzen“, kann nun wirklich nicht passieren!

Überhaupt sollte nicht nur das Alter über einen Sitzplatz bestimmen. Menschen mit Unmengen an Tüten, Schwangere oder andere schwer Bepackte freuen sich auch über unser Angebot! Natürlich gebietet es die Vorsicht, Schwangere nicht direkt auf ihre „Umstände“ anzusprechen, denn schließlich wäre nichts unangenehmer als zu erfahren, dass es sich bei der vermeintlichen freudigen Erwartung lediglich um die Konsequenzen eines genussreichen Lebensstils handelt. Ihren Platz dürfen Sie freilich dennoch anbieten, auch wenn die entsprechende Frau die Frage nach dem „Warum“ möglicherweise noch länger beschäftigt. („Sollte es ihn tatsächlich noch geben, den Gentleman alter Schule?“)

Ist die Bahn oder der Bus voll, muss man oft mit den unliebsamen Stehplätzen unmittelbar vor den Türen vorlieb nehmen. Das bringt erhebliche Nachteile mit sich, lässt sich aber leider nicht immer vermeiden. Insbesondere diejenigen, die Ausstieg begehren, verfallen oft in Hektik, so dass man an jeder Haltestelle mit neuen panischen Gesichtern konfrontiert ist, die darum bangen, auch wirklich die Sardinenbüchse verlassen zu können.

  • Steigen Sie einfach mit aus und dann umgehend wieder ein, wenn Sie nicht länger der Ihnen zugedachten Rolle als „menschlicher Punchingball“ gerecht werden wollen!
  • Es soll noch immer vorkommen, dass Mütter mit Kinderwagen aktiv um Unterstützung beim Hinein- oder Hinaustragens des Kinderwagens bitten müssen. Wenn Sie an Bord sind, sollte es nicht dazukommen, dass Hilfe eingefordert werden muss.

Vorher sollten Sie sich jedoch davon überzeugen, dass Sie in der Brusttasche Ihrer Jeansjacke keine geöffnete Bierflasche transportieren, wie jener junge Mann, der sich neulich aus der Straßenbahn herunterbeugte, um einen Kinderwagen in die Bahn zu hieven …

Gleicht die Beförderung mit Bus und Bahn wieder einmal einer Achterbahnfahrt, die uns aus dem Gleichgewicht wirft und wir uns gerade noch an den Halteschlaufen festklammern können, ist ein abrupter Körperkontakt mit unseren Mitreisenden nicht immer zu vermeiden.

  • Eine kurze Entschuldigung reicht in der Regel aus, unabhängig davon, ob Sie sich als Opfer oder Täter begreifen. (Der eigentlich Schuldige sitzt ohnehin vorn am Lenkrad …) Vermeiden Sie es also, Ihre Gegenüber mit stechenden und vorwurfsvollen Blicken zu malträtieren!

Volle Busse auf dem Weg ins Fußballstadion – heute spricht man ja von Arena – sind wenig geeignet, für unsere Suche nach dem Glück im Nahverkehr Erquickendes beizutragen. Insbesondere Nicht-Interessierte sollten sich gut überlegen, wann sie sich dem öffentlichen Nahverkehr anvertrauen.

  • Als kleiner Tipp: Das Gros der Bundesligaspiele findet samstags um 15.30 Uhr, das der Zweitligaspiele sonntags um 14.00 Uhr statt! (Über die Anstoßzeiten von unteren Ligen, Eishockey-, Handball-, oder Basketballspielen informieren Sie sich bitte in Ihrer lokalen Tageszeitung.)

„… und alle haben geguckt!“ Auf diese Weise wurde in früheren Zeiten auf Aufklebern in der Straßenbahn vor den Folgen des Schwarzfahrens gewarnt. Flankiert von einem zweiten Motiv, auf dem die Rede davon war, dass man sich von der Geldstrafe „ein paar heiße Scheiben“ hätte kaufen können. (Wer jetzt nicht weiß was „heiße Scheiben“ sind, dem sei gesagt, dass es sich hierbei um Schallplatten handelte, den Vorläufern von CDs.)

  • Sollten Sie es versäumt haben, ein gültiges Ticket zu lösen, tun Sie sich einen Gefallen: Fangen Sie nicht an, sich zu rechtfertigen, und versuchen Sie um Himmels Willen nicht zu fliehen! Das wäre im höchsten Maße unsouverän. Geguckt haben ohnehin alle …

Mit zwei gewaltbereiten Rentnern hat das Kapitel begonnen, auf der anderen Seite der biologischen Entwicklung möchte ich es abschließen. Man kann sicherlich eine Menge über das Verhalten von Kindern in Bus und Bahn schreiben, und tatsächlich werde ich mich an anderer Stelle ja auch noch zum Thema Kinder auslassen. Hier möchte ich jedoch nur auf eines hinweisen: Das freundliche und unvermittelte Grinsen im Gesicht eines Kindes hat schon so manchen miesepetrigen Blick in Bus und Bahn aufgeheitert.

  • Lassen wir uns zuweilen ruhig einmal direkt ins Gesicht grinsen!

In einem Umfeld, in dem wir es gewohnt sind, alle Register zu ziehen, um den Blicken der anderen auszuweichen, ein geeigneter Wink mit dem Zaunpfahl, uns das Leben gegenseitig ein wenig leichter zu machen. Und da hat ein nettes Lächeln selten geschadet! Womöglich klappt es ja dann auch mit unserem Recht aufs Glücklichsein

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