HAAAAATSCHIII! Es ist erstaunlich, bei Knigge denken 8 von 10 meiner Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen an „Gesundheit wünschen“. Kaum eine andere Knigge-Regel ist so populär wie die zum Niesen. Zeit auch für mich – Moritz Freiherr Knigge – einmal allen Frage rund ums Niesen nachzugehen und Antworten zu geben, was denn der Knigge eigentlich zum Niesen sagt. Adolph Freiherr Knigge hat sich zum Niesen im übrigen gar nicht geäussert. Alle Recherchen im Umgang mit Menschen haben keine Verhaltensempfehlung Knigges ergeben. Wie beruhigend: selbst der Knigge ist nicht perfekt.

Woher kommt das ‚Gesundheit‘ wünschen?

Das ‚Gesundheit wünschen‘ scheint aus dem Zeitalter der Pest im 14. Jahrhundert zu stammen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass sich die Menschen selbst ‚Gesundheit‘ gewünscht haben, wenn einer ihrer Mitmenschen geniest hat, scheint aber Legende zu sein. So legt ein Blick auf die Gepflogenheiten in anderen Ländern eine ander Deutung nahe. ‚Jesus“ sagen die Spanier, wenn jemand niest, ‚bless you‘ die Briten und Santinhas (Mögen alle Heiligen bei Dir sein)!“ die Portugiesen. Beim ‚Gesundheit wünschen‘ scheint es sich also um eine Art Segen zu handeln, der sich an den anderen richtet. Eine Art Kurzform von ‚Gute Besserung.‘ Gut so, schliesslich steht Knigge für den Umgang mit Menschen und nicht für den Umgang mit sich selbst. Ob sich eine oder einer selbst ‚Gesundheit wünscht‘ ist für kniggesche Betrachtungen ja eher unerheblich.

Schon gewusst? Die Geschwindigkeit eines Niesers kann es spielend  mit einem Orkan aufnehmen: Bis zu 160 Km/h! Hut ab! Dass der empfohlene ‚Sicherheitsabstand‘ zwischen Niesenden und Nicht-Niesern  zur Vermeidung von Ansteckung satte 6 Meter beträgt, kann da nicht verwundern. Schon alleine deshalb ist ein Unterdrücken des Niesens nicht zu empfehlen. Muss ja irgendwo hin die Turbogeschwindigkeit! Damit das Zwischenmenschliche dennoch störungsfrei, gibt es ein paar Knigge-Tipps aus der Schule fürs bessere Miteinander.

Was tun, wenn ich niesen muss? – Knigge für Niesende

Alle Fragen im Zwischenmenschlichen haben zwei Seiten. Ist ja klar, weil es für den Umgang miteinander mindestens zwei Menschen braucht. In unserem Fall, die Niesende und die Nicht-Niesende. Da sich Adolph Freiherr Knigge partout nicht zum Niesen äußern wollte, nutzen wir als Spiritus Rector einen anderen vernünftigen Mann: Den Theologen und Philosophen Erasmus von Rotterdam. 1466 in Rotterdam geboren, 1536 in Basel gestorben. Aus seiner Feder stammt unter anderem das Erziehungswerk „De civilitate morum puerilium“, in dem Erasmus sehr kleinteilig der Frage nachgeht, welche Verhaltensweisen Kinder für den zivilisierten Umgang mit ihren Mitmenschen benötigen. Und so finden wir zwischen den Abhandlungen „Nase rümpfen“ und „Wangen“  eine kurze knackige Abhandlung zum Niesen, der auch heute nur wenig hinzuzufügen ist.

1. Wende Dich ab: Muss man in Gegenwart anderer niesen, soll man sich aus Höflichkeit abwenden.
2. Entschuldige Dich: Wenn der Niesreiz nachlässt, bedankt man sich bei denen, die einem ‚Gesundheit‘ gewünscht haben oder es hätten tun sollen. (Oft wird die Frage gestellt, warum man sich für etwas Natürliches wie das Niesen überhaupt entschuldigen solle. Auch hier finden wir bei Erasmus eine schöne Erklärung: „Denn das Niesen beeinträchtigt ebenso wie das Gähnen das Gehör.“ Und zwar des der anderen. Schon so manch einer hat sich erschrocken, wenn ein lauter Nieser in der Nähe die Schallmauer durchbrach.
3. Drossle Deine Lautstärke: Absichtlich laut zu niesen oder mit Fleiß noch einmal zu niesen, um seine Kraft zu demonstrieren war im 16. Jahrhundert die Gewohnheit der Possenreißer und ist es noch heute.

4. Unterdrücke Dein Niesen nicht: Das Geräusch, das die Natur hervorruft, zu unterdrücken, ist töricht. Das tun läppische Zeitgenossen, die die Höflichkeit auf Kosten der Gesundheit übertrieben.

Was tun, wenn andere niesen? – Knigge für Nicht-Niesende

Eine zeitlang, ausgelöst durch ein Statement des Arbeitskreises für moderne Umgangsformen, war das ‚Gesundheit wünschen‘ auf dem Index für gutes Benehmen gelandet. Zu viele Allergiker, zu groß die Gefahr, dass mal wieder ein Meeting durch Niesende und beflissene Gesundheitwünscher gestört wird. Das Niesen wurde totgeschwiegen. Doch seit geraumer Zeit haben sich progressive Kräfte in den Knigge-Räten und postmodernen Arbeitskreisen dazu durchgerungen, den Fall „Gesundheit wünschen“ noch einmal aufzurollen. Die Revision endete mit einem Freispruch für das ‚Gesundheit‘ wünschen. Und damit ist die Frage: Darf man jetzt noch ‚Gesundheit‘ wünschen oder nicht, Herr Knigge? wieder eindeutig mit JA zu beantworten. Mit ein paar kleinen Auflagen allerdings.

1. Wünsche ‚Gesundheit‘
Niest einer ihrer Mitmenschen dürfen sie ihnen ‚Gesundheit wünschen‘.
2. Habe Mitleid mit Allergikern
Ist aber bspw. Ihre Kollegin oder Ihr Kollege Allergiker, dann verzichten Sie darauf ihm 2.723 mal am Tag Gesundheit zu wünschen.
3. ‚Gesundheit‘ nicht brüllen
Sitzt der Niesende bspw. in einem Meeting am anderen Ende des Raums sollten Sie auf ‚Gesundheit‘ verzichten.

4. ‚Lustige‘ Abwechslungen?
Sie lieben lustige Wortspiele wie „zum Bleistift“, „Märchensteuer“ oder „Geschlechtsführer“? Dann sind „Schönheit“ und „Gesundhund“ tolle Alternativen zum langweiligen „Gesundheit“ . In Österreich sagt man scherzhaft „Zerreissen soll es Dich und Deine Brieftasche soll mich treffen!“ Auch nicht schlecht.

Bless you!


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