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Niesen & Gesundheit

HAAAAATSCHIII! Es ist erstaunlich, bei Knigge denken 8 von 10 meiner Gesprächspartner*innen an „Gesundheit wünschen“. Kaum eine andere Knigge-Regel ist so populär wie die zum Niesen. Zeit auch für mich – Moritz Freiherr Knigge – einmal allen Frage rund ums Niesen nachzugehen und Antworten zu geben, was denn der Knigge eigentlich zum Niesen sagt. Adolph Freiherr Knigge hat sich zum Niesen im übrigen gar nicht geäussert. Alle Recherchen im Umgang mit Menschen haben keine Verhaltensempfehlung Knigges ergeben. Wie beruhigend: selbst der Knigge ist nicht perfekt.

1. Woher kommt das ‚Gesundheit‘ wünschen?

Das ‚Gesundheit wünschen‘ scheint aus dem Zeitalter der Pest im 14. Jahrhundert zu stammen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, dass sich die Menschen selbst ‚Gesundheit‘ gewünscht haben, wenn einer ihrer Mitmenschen geniest hat, scheint aber Legende zu sein. So legt ein Blick auf die Gepflogenheiten in anderen Ländern eine ander Deutung nahe. ‚Jesus“ sagen die Spanier, wenn jemand niest, ‚bless you‘ die Briten und Santinhas (Mögen alle Heiligen bei Dir sein)!“ die Portugiesen. Beim ‚Gesundheit wünschen‘ scheint es sich also um eine Art Segen zu handeln, der sich an den anderen richtet. Eine Art Kurzform von ‚Gute Besserung.‘ Gut so, schliesslich steht Knigge für den Umgang mit Menschen und nicht für den Umgang mit sich selbst. Ob sich eine oder einer selbst ‚Gesundheit wünscht‘ ist für kniggesche Betrachtungen ja eher unerheblich.

Schon gewusst? Die Geschwindigkeit eines Niesers kann es spielend  mit einem Orkan aufnehmen: Bis zu 160 Km/h! Hut ab! Dass der empfohlene ‚Sicherheitsabstand‘ zwischen Niesenden und Nicht-Niesern  zur Vermeidung von Ansteckung satte 6 Meter beträgt, kann da nicht verwundern. Schon alleine deshalb ist ein Unterdrücken des Niesens nicht zu empfehlen. Muss ja irgendwo hin die Turbogeschwindigkeit! Damit das Zwischenmenschliche dennoch störungsfrei abläuft, gibt es ein paar Knigge-Tipps aus der Schule fürs bessere Miteinander.

2. Was tun, wenn ich niesen muss? – Knigge für Niesende

Alle Fragen im Zwischenmenschlichen haben zwei Seiten. Ist ja klar, weil es für den Umgang miteinander mindestens zwei Menschen braucht. In unserem Fall, die Niesende und die Nicht-Niesende. Da sich Adolph Freiherr Knigge partout nicht zum Niesen äußern wollte, nutzen wir als Spiritus Rector einen anderen vernünftigen Mann: Den Theologen und Philosophen Erasmus von Rotterdam. 1466 in Rotterdam geboren, 1536 in Basel gestorben. Aus seiner Feder stammt unter anderem das Erziehungswerk „De civilitate morum puerilium“, in dem Erasmus sehr kleinteilig der Frage nachgeht, welche Verhaltensweisen Kinder für den zivilisierten Umgang mit ihren Mitmenschen benötigen.

Und so finden wir zwischen den Abhandlungen „Nase rümpfen“ und „Wangen“  eine kurze knackige Abhandlung zum Niesen, der auch heute nur wenig hinzuzufügen ist.

1. Wende Dich ab

 Muss man in Gegenwart anderer niesen, soll man sich aus Höflichkeit abwenden.

2. Entschuldige Dich

Wenn der Niesreiz nachlässt, bedankt man sich bei denen, die einem ‚Gesundheit‘ gewünscht haben oder es hätten tun sollen. (Oft wird die Frage gestellt, warum man sich für etwas Natürliches wie das Niesen überhaupt entschuldigen solle. Auch hier finden wir bei Erasmus eine schöne Erklärung: „Denn das Niesen beeinträchtigt ebenso wie das Gähnen das Gehör.“ Und zwar des der anderen. Schon so manch einer hat sich erschrocken, wenn ein lauter Nieser in der Nähe die Schallmauer durchbrach.

3. Drossle Deine Lautstärke

Absichtlich laut zu niesen oder mit Fleiß noch einmal zu niesen, um seine Kraft zu demonstrieren war im 16. Jahrhundert die Gewohnheit der Possenreißer und ist es noch heute.

4. Unterdrücke Dein Niesen nicht

Das Geräusch, das die Natur hervorruft, zu unterdrücken, ist töricht. Das tun läppische Zeitgenossen, die die Höflichkeit auf Kosten der Gesundheit übertrieben.

3. Was tun, wenn andere niesen? – Knigge für Nicht-Niesende

Eine zeitlang, ausgelöst durch ein Statement des Arbeitskreises für moderne Umgangsformen, war das ‚Gesundheit wünschen‘ auf dem Index für gutes Benehmen gelandet. Zu viele Allergiker, zu groß die Gefahr, dass mal wieder ein Meeting durch Niesende und beflissene Gesundheitwünscher gestört wird. Das Niesen wurde totgeschwiegen.

Doch seit geraumer Zeit haben sich progressive Kräfte in den Knigge-Räten und postmodernen Arbeitskreisen dazu durchgerungen, den Fall „Gesundheit wünschen“ noch einmal aufzurollen. Die Revision endete mit einem Freispruch für das ‚Gesundheit‘ wünschen. Und damit ist die Frage: Darf man jetzt noch ‚Gesundheit‘ wünschen oder nicht, Herr Knigge? wieder eindeutig mit JA zu beantworten. Mit ein paar kleinen Auflagen allerdings.

1. Wünsche ‚Gesundheit‘

Niest einer ihrer Mitmenschen dürfen sie ihnen ‚Gesundheit wünschen‘.

2. Habe Mitleid mit Allergikern

Ist aber bspw. Ihre Kollegin oder Ihr Kollege Allergiker, dann verzichten Sie darauf ihm 2.723 mal am Tag Gesundheit zu wünschen.

3. ‚Gesundheit‘ nicht brüllen

Sitzt der Niesende bspw. in einem Meeting am anderen Ende des Raums sollten Sie auf ‚Gesundheit‘ verzichten.

4. ‚Lustige‘ Abwechslungen?

Sie lieben lustige Wortspiele wie „zum Bleistift“, „Märchensteuer“ oder „Geschlechtsführer“? Dann sind „Schönheit“ und „Gesundhund“ tolle Alternativen zum langweiligen „Gesundheit“ . In Österreich sagt man scherzhaft „Zerreissen soll es Dich und Deine Brieftasche soll mich treffen!“ Auch nicht schlecht.

Bless you!

DU oder SIE? In Deutschland keine belanglose Frage für den erfolgreichen Umgang mit Menschen. Gerne gebe ich Empfehlungen, was zu tun ist, um Nähe herzustellen und gleichzeitig die Distanz zu wahren.  

Nähe und Distanz 

Arthur Schopenhauer ist einer der bekanntesten Philosophen. Ihm verdanken wir die wohl schönste Parabel über das Wesen der Höflichkeit, und somit zum Duzen und Siezen.

„Die Stachelschweine: Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so dass sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. (…) Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“

Hamburger SIE oder Münchner DU?

Knigge-Regel: Zwischen DU und SIE ist noch Platz frei. Nicht immer geht es in Deutschland so streng zu, wenn es um die Anrede geht. Zwischen DU und SIE haben sich einige Zwischenformen etabliert, die geeignet sind, den starken Gegensatz zwischen DU und SIE abzumildern. Eine Art Anreden-Cocktail mit einfachem Rezept zum Selbermachen.

DU Frau Schmitz?

Man mixe ein SIE mit einem DU und schon ist die Welt um eine Möglichkeit des Miteinanders reicher.  Beim Münchner DU Zwecke dem Nachnamen ein DU zur Seite gestellt. Wie man es zum Beispiel aus dem Kindergarten kennt („Guck mal Frau Schlupinski, was ich tolles gemalt habe!“). Aber auch im Rheinland kennt man das DU mit Nachname und ich habe sofort einen Sketch von Hella von Sinnen im Kopf. Den es zwar nicht gibt, aber geben könnte. Oder?

„Frau Müller tust mir auch noch nen Bierchen?“

„Dat heisst nicht tust mir auch nen Bierchen, dat heisst: Tust mir bitte noch nen Bierchen!“

Und selbst bei unseren österreichischen Nachbar, denen man ja eher ein Hang zu Förmlichkeit nachsagt, hört man nicht, selten „Du, Dr. Schicklich“. Wie ich las handelt es sich hierbei um ein Relikt aus den kuk-Zeiten Österreich-Ungarns.

Und SIE, Lars?

In Hamburg schmeckt der Anrede-Cocktail ein wenig anders. Etwas trockener im Abgang. Eher für einen gepflegten Stehempfang an der Alster als für ein zünftiges Brauhaus im Rheinland geeignet. Und SIE Lars, was trinken Sie? Astra oder ein Gläschen Veuve Clicquot? Was meinen SIE? Was trinkt Lars? Und was tut sich Frau Müller gönnen? Ob Münchner DU oder Hamburger SIE. Hauptsache wir kommen und nah genug ohne uns auf die Füße zu treten und haben eine gute Zeit. In München, Hamburg, Düsseldorf, Köln oder anderswo in Deutschen Landen.

Ungefragt geduzt? Was tun

Knigge-Regel: Ungefragt zurück SIEZEN. Ich werde selten ungefragt geduzt. Im Gegenteil, wenn ich auf Menschen treffe, die wissen wer ich bin, dann fragen Sie mich, wie sie mich richtig  ansprechen sollen. Dann antworte ich: „Solange Knigge drin vorkommt, fühle ich mich angesprochen.“ 

Bitte Abstand halten, wir bedanken uns für Ihr Verständnis

Mit meinem Namen ist das auch echt kompliziert. Ich bin ein echter Knigge, da liegt ein „von“ im Namen nah und doch haben wir Knigges kein „von“. Ich bin adlig, aber eigentlich nicht, da es seit 1918 keinen Adel mehr gibt und der Titel dem Namen zugehörig erklärt wurde. Vor 1918 wurde der Freiherr als Baron angeredet, aber das kommt 2108 den meisten Menschen nicht besonders leicht über die Lippen. Wenn ich ungefragt geduzt werde, dann Sieze ich meist ungefragt zurück. Nicht um den anderen bloßzustellen sondern um eine Grenze zu ziehen und dem anderen die Möglichkeit zu geben vom DU zum SIE zurückzukehren.

Nicht einmal ein DU

Ich ärgere mich selten über Unhöflichkeiten, weil die meisten nach meiner Erfahrung eher mangelnder Regelkenntnis als bösartiger Unverschämt entspringen. Letztlich sprach mich ein junger Mann, früher hätte man ein Halbstarker gesagt, an: „Feuer?“ Er sah, dass ich rauchte und wollte das Gleiche tun. Seine Bitte war auf das Wesentlichste reduziert. Kein „Entschuldigen Sie bitte?“ Kein „Bitte“, auch seinen Gesichtsausdruck habe ich nicht als besonders freundlich in Erinnerung. Ich habe ihn angeguckt und gesagt: „Selbstverständlich“ und ihm Feuer gegeben. Er lächelte mich an und sagte im gebrochenen Deutsch: „Viele Dank.“ Alles gute, dachte ich. Rauchte weiter und war froh, dass ich mich nicht über die fehlende Etikette aufgeregt hatte und freute mich darüber, dass meine Geste mit einem Lächeln belohnt worden war. Ganz ungefragt und ungeduzt.

Duzen und Siezen in anderen Ländern

Knigge-Regel: Mach Dich schlau bevor Du reist. Die Franzosen lieben „tu“ und „vous“ wie wir Deutschen unser „Du“ und „Sie“. Die Engländer haben nur ihr you. Das allerdings kommt vom altenglischen „thou“ und war in früheren Zeiten eher eine förmliche Anrede. Und tatsächlich ist den Engländern bestimmter gesellschaftlicher Klassen eine gewisse Förmlichkeit ja durchaus eigen. Bis hin zur britischen Redewendung der stiff upper lip, mit der die Fähigkeit beschrieben wird auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben und eine besondere Distanz zu seinen Emotionen wahren zu können.

Generell gilt die Regel: Wo nur eine Möglichkeit zur Anrede besteht, drücken sich Nähe und Distanz anders aus. Da kommt es auf Nuancen an. So habe ich bspw. in britisch geprägten Ländern die Anrede nicht zu direkt ausfallen sollte. Und statt eines „Hi, i’am Liza“ „My name is Liza Miller, nice meeting you!“  besser fährt. Auch die Amerikaner kennen nur das „you“ sind aber wesentlich direkter als die Briten. Begrüßungen werden nicht selten mit einer Berührung – unter Männern bspw. mit einem Schulterklopfen begleitet – und jeder wird schnell zum Buddy. Andere Länder, andere Anreden.

Als Land der Duzkultur schlechthin gelten die Schweden. Dabei Duzen sich die Schweden erst seit 1967. Zu verdanken haben sie diese DU-Reform dem schwedischen Generaldirektor der Gesundheitsbehörde Bror Rexed. Dieser verblüffte bei seiner Antrittsrede seine zukünftigen Mitarbeiter mit dem Wunsch, sie mögen ihn doch bitte nicht Generaldirektor Rexed sondern einfach nur Bror. Jahrhundertelang hatte man nur den Nachnamen und den Titel als Anrede verwendet und nun das einfache DU. Was wirklich ein Fortschritt in der Kommunikation war.

Weil es weder DU noch SIE gab und die Rangordnung zwischen den kommunizierenden Personen nicht immer klar war, hörten sich die lockeren Schweden früher ziemlich steif an: „Braucht man noch ein Getränk?“ Mit einem SIE als Personalpronomen konnten sich die Schwedinnen und Schweden tatsächlich noch nie anfreunden. NI heisst SIE in Schweden. Auch wenn es in den letzten Jahren eine Renaissance des NI als höflichere Anrede zu geben scheint, kann es einem laut einem Artikel der NZZ immer noch passieren, dass man zur Antwort bekommt: „«Ich bin nicht per Sie mit dir» Andere Länder andere Anreden

Duzen im Büro

Knigge-Regel: Mach Dich locker. Hans-Otto Schrader ist Chef der OTTO-Gruppe. Dem größten Versandhändler Deutschlands. Mit über 50.000 Mitarbeitern. Duzen im Büro? Für Hans-Otto Schrader Null Problemo! Alle dürfen ihren Chef „Hos“ nennen. Duzen ja, aber nicht Hans-Otto bitte, sondern Hos H für Hans, O für Otto und S für Schrader. Ein bißchen abseits des Mainstreams darf’s dann schon sein.

Das SIE macht sich locker

Auch Sven Seidel, LIDL-Chef will nicht länger der Herr Seidel sondern viel lieber der Sven sein. Deutsche Unternehmen machen sich locker. Alle machen sich locker. Sogar der für seine Strenge bekannte Discounter ALDI hat den Krawattenzwang aufgehoben. Lockerheit verspricht bessere Kommunikation, flache Hierarchien effizientere Ergebnisse. So die neue Losung.

Mein DU gehört mir

Doch ganz so locker geht es in Deutschlands Unternehmen auch dann nicht zu, wenn sich laut Umfrage mittlerweile jeder zweit duzt. Ganz so flach sind die Hierarchien dann doch nicht nicht. Noch immer sind manche gleicher als andere. Ganz so steil ist auch die These nicht, dass viele sich im beruflichen Alltag mehr Distanz wünschen als ihnen gewährt wird. Das DU ermöglich mehr Kommunikation, das stimmt, aber es verschleiert auch die Hierarchie, die es nicht mehr geben sollte. Aber immer noch gibt. Das DU verspricht eine Nähe, die nicht immer angenehm ist dort wo man auf Menschen trifft, die einander nicht ausgesucht haben.

Hey Boss, ich brauch mehr Geld!

Ein Teilnehmer eines meiner Seminare sagt eimal zu mir: „Ich komme gut mit meinem Chef klar, aber ob mich jemand duzt oder nicht, darüber entscheide ich.“ Oder wie es Tillmann Prüfer in der ZEIT so wunderbar wie polemisch auf den Punkt brachte: „Der gesiezte Angestellte gibt seine Lebenszeit und behält wenigstens noch seine Würde. Der Chef darf sich nicht einbilden, dass er mit dem Monatsgehalt auch persönliche Freundschaft einkauft.“ Nähe gibt es nicht per Knopfruck und gelungene Kommunikation nicht weil sich plötzlich alle Duzen. Barrierefreie Kommunikation entsteht dort, wo Vertrauen und Verlässlichkeit herrschen, wo man DU oder SIE Arschloch sagen kann und danach Schwamm drüber und frei nach Gunter Gabriel der Angestellte zum Vorgesetzten: Hey Boss, ich brauch mehr Geld! Wenn das so läuft, dann könnt es klappen mit dem Duzen im Büro.

Du oder Sie: Sprechen ist wichtig

 

Duzen oder Siezen?

Im Gegensatz zu Stachelschweinen verfügen wir glücklicherweise über die Fähigkeit zu sprechen. Das bringt den Vorteil mit sich, dass wir auf etwas subtilere Art als die Stachelschweine unseren Mitmenschen zu verstehen geben können, was wir als „mäßige Entfernung“ im gemeinsamen Umgang empfinden. Im Deutschen sind wir es gewohnt, mit Hilfe von Duzen und Siezen den Grad an Erwärmung zu justieren, den wir in der jeweiligen Beziehung für wünschenswert halten. Auch wenn mir eine Niederländerin einmal sagte, sie empfände dies weniger als Hilfe. Sondern eher als Hilflosigkeit der Deutschen, ihr Bedürfnis nach Nähe und Distanz mit anderen Mitteln zum Ausdruck zu bringen. So halte ich unser sprachliches „Navigationssystem“ im gemeinsamen Umgang für durchaus hilfreich, um unseren Mitmenschen sowohl unsere Achtung zu erweisen, als ihnen auch Rückzugsmöglichkeiten zu eröffnen.

Einigt Euch

Und meistens gelingt es uns ja auch recht gut. Diese für beide Seiten zufrieden stellende Einigung darüber zu erzielen, welche Entfernung wir am besten aushalten: Wer käme schon auf die Idee, seinen Vorgesetzten Dr. Hempel zu duzen, selbst wenn dieser ihm auf der feucht-fröhlichen Betriebsfeier am Vorabend gegen drei Uhr morgens lallend zum Thema Duzen und Siezen vorgeschlagen hatte: „Du kannst mich ruhig Heinz-Jürgen nennen.“? Wer wäre so unbedarft, den zwar deutlich jüngeren Personalverantwortlichen im Bewerbungsgespräch das Du anzubieten? Wer ernsthaft seine Eltern siezen? Gut, manchmal müssen wir in den sauren Apfel beißen und uns unser Alter eingestehen. Wenn uns die zwanzigjährige Bedienung in der Szenekneipe siezt und uns mit schelmischem Lächeln um unseren Personalausweis bittet, um zu kontrollieren, ob wir das bestellte Pils auch trinken dürfen. Aber alles in allem funktioniert das doch eigentlich ganz gut mit unserer Intuition, wann wir einander zu sehr auf die Pelle rücken oder wann es zu frostig zugeht im menschlichen Miteinander.

Und doch hält das ständige Aushandeln von angemessener Nähe und Distanz im 21. Jahrhundert einige Herausforderungen für uns bereit:

Das Sie ist auf dem Rückmarsch.

 

Knigge Business Du oder Sie

 

Im Business Duzen oder Siezen?

Daran besteht kein Zweifel. Wären meine Eltern nicht auf den Gedanken zu kommen, anlässlich eines Abendessens die Freunde und Bekannten ihrer besten Freunde sogleich zu duzen, ist dies in meiner Generation gang und gäbe.

Ich kann mich jedenfalls nicht an einen privaten Anlass unter Gleichaltrigen meiner Generation erinnern, bei denen sich die eine Hälfte der Gäste geduzt hätte. Während die anderen sich siezten.

In Kneipen, Klubs und Bars wird sich geduzt.

Nur die Distanzbedürftigsten kämen beim Duzen und Siezen auf die Idee den jüngeren oder gleichaltrigen Kellner zu siezen. In Hotels, Restaurants aber auch im Supermarkt kommen hingegen nur die Nähebedürftigsten auf die Idee den Service oder die Kassiererin zu duzen. Eine Ausnahme unter den Esslokalen sind diesem Zusammenhang die rheinischen Brauhäuser, sei es in Düsseldorf, Köln oder anderswo. Hier wird der Gast – gleich welchen Alters, gesellschaftlichen Ranges oder welcher Herkunft – konsequent geduzt. Während im Gegenzug so mancher Gast konsequent beim wohlerzogenen Sie verharrt, sei es aus Gewohnheit oder aus Trotz ob des distanzlosen Verhalten des „Köbes“, wie der Kellner in den Brauhäusern im Rheinland genannt wird.

Erwähnte ich bereits, dass ich das Sie mag? Immerhin sieze ich Sie ja nun mehr schon seit über 200 Seiten. Ich habe in meinem Leben die Erfahrung gemacht, lieber ein Sie zu viel als zu wenig zu verwenden. Sicher, das Du schafft eine schnelle Nähe, und ich habe durchaus Verständnis für das Unbehagen, das viele befällt. Auch wenn sie ihre gleichaltrigen oder gar jüngeren Mitmenschen siezen und dies als zu distanziert oder gar altbacken empfinden. Beim Duzen und Siezen wir sollten nicht vergessen, dass manche – nicht nur ältere – Menschen sich überfahren fühlen, wenn sie ungefragt mit einem Du konfrontiert werden und im schlechtesten Fall ihre Stacheln spreizen.

Für Freunde des „Du“

Übertreibt es nicht mit Eurer Ungeduld. So schlimm ist es nun auch nicht, wenn man sich im gleichaltrigen Kollegenkreis siezt. Und wenn es Euren potenziellen „Duz-Kumpanen“ genauso ergehen sollte wie Euch, dann müsst Ihr ohnehin nicht lange warten, bis Ihr Euch gegenseitig wärmt.

Für den Umgang zwischen den Generationen, in hierarchischen Verhältnissen oder im Kundenkontakt schadet es sicher nicht, sich an der gängigen Konvention zu orientieren, die da lautet: Das Du bietet immer die ranghöhere oder ältere Person an. Ob es dabei auch am nächsten Tag bleibt, entscheidet der Grad an Zurechnungsfähigkeit von Heinz-Jürgen im angeheiterten Zustand und in erster Linie, welche Anrede er wählt, wenn er wieder nüchtern ist …

Heikel wird es immer dann, wenn das eigene Angebot auf verbale Annäherung abgelehnt wird oder Sie selbst sich dabei unwohl fühlen, den Kollegen Herrn Schmidkunz ab heute Dieter zu nennen und Ihnen bereits bei dem Gedanken, dieser könnte Sie in Zukunft Marlene nennen, ganz frostig zumute wird.

Hier hilft nur ein offenes Wort

um dem drohenden permanenten Unwohlsein zu entkommen: „Ich weiß das zu schätzen, Herr Schmidkunz, aber ich bevorzuge im beruflichen Umfeld doch das Sie. Belassen wir es einfach dabei.“

Wirklich heikel wird es jedoch erst dann, wenn Sie ernsthaft daran denken, einen bereits bestehenden Duz-Kontakt wieder in einen Siez-Verhältnis zu überführen. Dieser Schritt will wahrlich wohl überlegt sein. Da er vom Gegenüber nicht selten als endgültiger Bruch der zwischenmenschlichen Beziehung verstanden wird. Insbesondere im beruflichen Umfeld, wenn beispielsweise aus ehemaligen Kollegen plötzlich Mitarbeiter und Vorgesetzte werden oder Sie selbst das bestehende Vertrauensverhältnis zu Mitarbeiterin Karin als zerrüttet betrachten, kann eine solche Neudefinition der „mäßigen Entfernung“ jedoch unumgänglich werden. Im privaten Umfeld kann man sich aus dem Weg gehen, im beruflichen muss man den anderen bisweilen aushalten, ob man will oder nicht. Hier hilft nur eines:

Zurück zum Sie

Legen Sie Ihre Gründe klipp und klar offen, und machen Sie deutlich, dass sich Ihr Verhältnis zwar verändern wird. Ihnen aber daran gelegen ist, einen sauberen Übergang zu schaffen, unabhängig davon, was vorgefallen ist. Das erfordert Mut. Aber den braucht es manchmal, wenn man sich weder gegenseitig erstechen, noch erfrieren will. Ich halte wenig von Zwang, sei zum Sie, sei es zum Du. Wenn Stachelschweine in der Lage sind, die Entfernung der „Höflichkeit und feinen Sitte“ selbstständig herauszufinden, dann sollten uns das doch erst recht gelingen, meinen Sie nicht? Warum also als Unternehmen das Du erzwingen, warum als Träger eines Kindergartens den Duz-Kontakt zwischen Eltern und Erziehern per Dekret unterbinden? Wenn die Betroffenen der Meinung sind, die jeweils freiwillig vereinbarte Entscheidung entspreche dem gemeinsamen Wärmeempfinden? Kulturen entwickeln sich, sie lassen sich nicht verordnen.

Bei aller gewünschten Freiwilligkeit, nötigt uns jedoch die jeweilige Kultur ein gewisses Maß an Anpassungsfähigkeit ab: Wer seinen neuen Job in einem Unternehmen mit Duz-Kultur antritt, der tut sich womöglich keinen Gefallen damit, auf dem Sie zu beharren. Wer meint, an altbackenen Redewendungen wie „Fräulein Anneliese, dürfte ich Sie bitten, …“, festhalten zu müssen, darf sich nicht wundern, als altmodisches Relikt zu gelten. Und wer als Lehrerin glaubt, eine größere Nähe zu den Schülern herzustellen, weil diese Sie nun Katrin nennen dürfen, der sollte sich genau überlegt haben, ob hier wirklich die Lösung des Problems liegt.

Kurzum, in einer aufgeklärten Gesellschaft ist es an uns, „Höflichkeit und feine Sitte“ immer wieder aufs Neue zu definieren, um den Grad an Freiheit und der damit verbundenen Freiwilligkeit, den wir uns und anderen zutrauen, zu bestimmen. Das mag anstrengend sein – es ist aber der Preis, den zu zahlen wir für unsere gemeinsame Freiheit bereit sein sollten! Ob wir uns bei dieser gemeinsamen Suche duzen oder siezen, das ist nur eine von vielen Fragen, auf die wir Antworten finden müssen.

10 Tipps weitere Tipps zum Duzen und Siezen

 

  1. Sei stets aufmerksam, was die Situation erfordert.
  2. Komme anderen nahe ohne ihnen auf die Pelle zu rücken.
  3. Wahre die Distanz um die Nähe zu kommen.
  4. Mit einem „Sie“ zu Beginn kann man wenig falsch machen. Lieber als ein wenig steif erscheinen als grenzüberschreitend.
  5. Wenn Sie ungefragt geduzt werden, bricht nicht die ganze Welt zusammen. Bleiben Sie freundlich.
  6. Wer den Weg vom „Sie“ zum „Du“ geht, kommt schwer zum „Sie“ zurück.
  7. „Du“ und „Sie“ regeln die optimale Nähe und Distanz. Sie vertragen keinen Zwang.
  8. Biete nur denen das „Du“ an, die mehr Nähe wünschen.
  9. Sage weder „Du“ noch „Sie“ Arschloch 😉
  10. Schlage jede Regel – auch diese – in den Wind, wenn du anderen eine Peinlichkeit ersparen kannst.

Du oder Sie? Wann sagt man DU, wann SIE? Mein Name ist Moritz Freiherr Knigge und mir werden viele Fragen gestellt zum erfolgreichen Umgang mit Menschen. Ich beantworte sie gerne. Wenn also auch Sie eine Frage haben, wenn auch Ihr auf der Suche nach Antworten seid, immer her damit. Vielleicht kann ich was zum Gelingen beitragen.

Knigge-Regeln TO GO: vom Umgang mit DU und SIE

Wer lieber wenig Worte mag, für den gibt’s vorab kleine Häppchen zum erfolgreichen Umgang mit Menschen. Wer mehr Worte mag, der lese weiter. Und erfahre, was Stachelscheine mit DU oder SIE zu  tun haben und warum duzenden Navis und schwedische Möbelhäuser manchen Menschen den letzten Nerv rauben. Ob DU oder SIE, IHR oder EUCH man kann viel richtig machen beim DUZEN und SIEZEN!  IHNEN, EUCH und DIR wünsche ich viel Vergnügen bei der Lektüre!

SIE

Wer lieber wenig Worte mag, für den gibt’s vorab kleine Häppchen zum erfolgreichen Umgang mit Menschen. Wer mehr Worte mag, der lese weiter. Und erfahre, was Stachelscheine mit DU oder SIE zu  tun haben und warum duzenden Navis und schwedische Möbelhäuser manchen Menschen den letzten Nerv rauben. Ob DU oder SIE, IHR oder EUCH man kann viel richtig machen beim DUZEN und SIEZEN!  IHNEN, EUCH und DIR wünsche ich viel Vergnügen bei der Lektüre!

 

 

  1. Duzen Sie niemanden ungefragt.
  2. Duzt Dich jemand ungefragt, bleiben Sie freundlich und SIEZEN Sie zurück.
  3. Wenn es Streit gibt, bleiben Sie solange wie möglich beim SIE.
  4. Bleib‘ locker, wenn Dich Jüngere ungefragt SIEZEN. Wir alle werden älter.
  5. Alte Schule: Ranghöheren, Damen und Älteren ist es vorbehalten das anzubieten.
  6. DUZEN Sie niemanden ungefragt, den Sie später einmal DUZEN wollen.
  7. Vom SIE zum DU geht schneller als zurück.
  8. Wenn Sie die einen in der Gruppe SIEZEN und die anderen DUZEN, dann sag: SIE statt IHR und IHNEN statt EUCH.
  9. Bist DU Dir unsicher, ob SIE jemanden das DU anbieten wollen, DUZEN Sie ihn oder sie einmal aus Versehen absichtlich und Du wirst schon sehen.
  10. Im Netz ist DU das neue SIE.

DU kannst SIE zu mir sagen

Sagt man DU oder SIE? Über Duzen und Siezen kann man in Deutschland Bücher schreiben. Zwei kleine Worte, die einen großen Unterschied machen. Die uns hoch und heilig sind und die über die nicht wenige andere Länder den Kopf schütteln. DU und SIE  regeln in Deutschland das Verhältnis zwischen Menschen, sie entscheiden darüber wie viel Nähe und wie viel Distanz im Miteinander erwünscht ist. Denn wir Menschen brauchen beides: Nähe und Distanz. Die wohl schönste Parabel zu diesen beiden menschlichem Bedürfnissen – Nähe und Distanz –  stammt aus der Feder Arthur Schopenhauers. Sie heisst: Die Stachelschweine.

Wie die Stachelschweine – die richtige Entfernung herstellen

„Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nah zusammen, um sich durch die gegenseitige Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welche sie dann wieder von einander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin und her geworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden, und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte.“

Es steckt eine Menge Stachelschwein in uns. So bestimmen wir Deutschen die mäßige Entfernung mit DU oder SIE. Ob wir Duzen oder Siezen entscheidet darüber, welchen Grad an Nähe wir wünschen und welchen Grad an Distanz wir benötigen. Schön, wenn das so einfach wäre, schön, wenn mehr Menschen die gelassene Einstellung an Tag legten, die vom legendären SPD-Urgestein Herbert Wehner überliefert ist. Von ihm stammt der schöne Satz: „Das können Sie halten wie Du willst.“  Nachdem ihn ein junger Genosse fragte , ob er ihn – die lebende Parteilegende –  tatsächlich Duzen solle. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Wenig Klarheit, viele offene Fragen rund ums Duzen und Siezen und ums Du und Sie. Vieles zum Schmunzeln und manches zum Ärgern. Wie ich einmal in der Nähe von Kassel feststellen durfte…

Siezt Du noch oder Duzt Du schon?– Ungefragt geduzt

Soll ich Ihnen mal was verraten? Ich bin bekennend  wurstsüchtig bin und wenn  ich im auto unterwegs bin und an einem Ikea vorbeikomme, dann kann ich nicht anders: Ich fahre raus und esse einen oder zwei Hot-Dogs. Ich stehe das also so und esse genüsslich meine Hot-Dogs, am Nachbar-Stehtisch hatte ein Ehepaar. Die hatten schlechte Laune. Die waren nicht gut drauf. Doch dann haben sie mich erkannt. Und es passierte das, was meistens passiert. Ich werde um Antwort gebeten:

„Herr Knigge, Sie glauben nicht, was uns gerade passiert ist! Wir sind geduzt worden! Von einem Ikea-Mitarbeiter. Ist das nicht unglaublich?“ „Och. Das is halt so in Schweden“, antwortete ich. „Darf ich Sie auf einen Hot-Dog einladen?“ Und bekam etwas entrüstet zu hören: „Wir sind nicht hier nicht Schweden, sondern in Kassel, Herr Knigge!“ „Das stimmt. Ich muss jetzt leider los, wünsche EUCH aber noch eine gute Fahrt!“ Als ich meine Fahrt fortsetze, sagt mein Navi: „Benutze bitte an der nächsten Kreuzung den rechten Fahrstreifen!“ Au weia, denke ich: Wie sollen denn die beiden zu einem anderen Möbelhaus finden, wenn jetzt auch das Navi duzt?

Sie haben Recht: Man sollte andere Menschen nicht ungefragt Duzen, selbst wenn sie sich ein wenig kleinkariert benehmen. Auch ein Knigge kann eben manchmal ganz schön gehässig sein.

 

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