Früher sprachen die Menschen von Tugenden, Lastern, Todsünden und Tabus. Moritz Knigge probiert das noch heute.

Zurück zur Vernunft

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Sei aber nicht gar zu sehr Sklave der Meinungen anderer von Dir! Sei selbständig! Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn Du tust, was Du sollst? und was ist Dein ganzer Prunk von äußeren Tugenden wert, wenn Du diesen Flitterputz nur über ein schwaches, niedriges Herz hängst, um in Gesellschaften Staat damit zu machen?“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 3

Haben wir überhaupt eine Moral? Ich meine: eine moralische Ordnung, die für alle gilt, von der wir allesamt stillschweigend ausgehen können und die so selbstverständlich ist, daß wir sie kaum bemerken? Ein soziales Nervensystem gewissermaßen, daß uns im Umgang mit anderen vorsichtig macht und schmerzempfindlich gegen Verstöße?

Über Tugenden, Laster, Sünden und Tabus

Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Wer spricht denn noch von Tugenden, von Lastern, von Todsünden womöglich? Nicht einmal mehr die Pfarrer. Man macht Fehler, das ja, das kommt vor, und man räumt sie vielleicht sogar ein; aber Fehler – das klingt doch eher nach einer Störung im Produktionsprozeß, weniger nach moralischer Ordnung. Dennoch bin ich von der Existenz eines solchen Systems überzeugt. Ein untrügliches Zeichen dafür scheint mir das Vorhandensein von Tabus, von heiligen Kühen zu sein. Und die vermehren sich, wenn mich nicht alles täuscht, unaufhaltsam.

Bisweilen reicht schon eine scheinbar unverfängliche Frage, um unversehens Bekanntschaft mit einer heiligen Kuh zu machen. Das widerfuhr einem Schüler, der sich in der Zeit vor dem zweiten Irak-Krieg bei einer Fragestunde im Hörfunk an die Expertenrunde wandte. Er wollte wissen, ob nicht vielleicht doch vernünftige Gründe für ein Eingreifen im Irak sprechen könnten. Schlagartig formierten sich die versammelten Experten zum Tribunal; man fiel mit vereinten Kräften über ihn her und bedeutete ihm erregt, seine Frage sei unmoralisch und daher unzulässig – Kriege seien stets verwerflich, vernünftige Gründe daher unerheblich. Der junge Mann beharrte tapfer auf seiner Frage – vergeblich. Beantwortet wurde sie nicht.

Was war geschehen? Ganz offenbar hatten sich hier Leute zu Sachwaltern eines Tabus gemacht, das man folgendermaßen beschreiben könnte: Nichts, was von der absoluten moralischen Verwerflichkeit des Kriegs ablenken könnte, darf zur Sprache kommen. In kleinen Zirkeln vielleicht, aber auf keinen Fall in der Öffentlichkeit. Jeder, der es trotzdem versucht, bringt sich unweigerlich in den Verdacht, Krieg für nicht ganz so verwerflich zu halten, wie er es verdient, und setzt damit seinen eigenen moralischen Ruf aufs Spiel. Jeder der Fachleute in dieser Runde befand sich also in derselben Zwangslage: Hätte er die Frage sachlich beantwortet, hätte er den Tadel eines, wenn nicht sämtlicher Kollegen riskiert, vor offenen Mikrophonen. Grund genug für die Politikwissenschaftler und Nahostspezialisten im Studio, sich in dem Versuch zu überbieten, untadelige Gesinnung zu demonstrieren.

Wie das Beispiel dieser Expertenrunde zeigt, wird das Tabu meist dann aktiviert, wenn Erfordernisse der Vernunft auf Gebote der Moral prallen. Das Tabu gewährleistet dann, daß die Moral die Oberhand behält. Und nicht nur das. Es sorgt auch dafür, daß die Vernunft erst gar nicht zum Zuge kommt. Es verbietet, überhaupt abwägend und sachlich über etwas zu sprechen, das die Moral bereits als unzweifelhaft verwerflich identifiziert hat. Worüber die Moral ihr Urteil gefällt hat, darüber erübrigt sich jede Diskussion.

Von Moralisten umzingelt?

Und es ist ganz erstaunlich, was dieser Tage alles in den alleinigen Zuständigkeitsbereich der Moral fallen soll. Das meiste, was uns als gesellschaftlicher Fortschritt erscheint, dürfte dazugehören, die sogenannten liberalen Errungenschaften vor allem, antiautoritäre Prinzipien etwa, Gleichheit und Pazifismus, aber auch die Entscheidung, auf welche gesellschaftlichen Gruppen besondere Rücksichten zu nehmen sind. Wer etwas davon in Frage stellt, der hat vielleicht die Vernunft, aber nicht die Moral auf seiner Seite. Die aber versiegelt alles, was in ihre Zuständigkeit fällt, mit einem Tabu – und die Debatte vereist.

Denn das Tabu bezeichnet das Unaussprechliche. Das, was keinesfalls untersucht werden darf. Es schützt den zentralen heiligen Bereich einer Religion genauso wie den Kern jeder politischen und moralischen Ordnung. Wie ein Abwehrzauber hält es alles fern, was diesen Kern treffen könnte: Fragen, Kritik, Ironie, Spott. Denn dieser Kern ist weich. Er ist unbeweisbar, hält keiner vernünftigen Prüfung stand, kurz: Er ist irrational.

Damit ist nicht gesagt, daß wir, was unsere Moral angeht, auf einen Schwindel hereingefallen wären. Das Wenigste, was wir für gut und richtig halten, läßt sich beweisen. Auf Dauer setzen sich deshalb nur Ideen durch, an denen der Verstand sich gar nicht erst versuchen darf. Wenn wir Tabus brauchen, heißt das mithin nichts anderes, als daß es uns mit der gegenwärtigen Moral genauso geht wie mit jeder Religion: Das Wesentliche muß immer geglaubt, als unbeweisbar hingenommen werden, oder es verflüchtigt sich, wie wir es seit längerem mit den Glaubenswahrheiten des Christentums erleben. Jede Ordnung tut also gut daran, ihren heiligen Bezirk weiträumig abzuriegeln, wenn sie ihre zentralen Wahrheiten vor den bohrenden Fragen und der schamlosen Neugier der Vernunft bewahren will.

Und deshalb behaupten sich Tabus auch in einer verweltlichten Gesellschaft wie der unseren gegen alle proklamierten Freiheiten wie Meinungsfreiheit, Gewissensfreiheit und Redefreiheit. Tabus markieren die Fixpunkte unserer moralischen Ordnung. Im Namen von Tabus werden aber nicht nur vorlaute Stimmen zum Schweigen gebracht, Tabus geben auch unerbittlich vor, in welchem Sinne bestimmte Sachverhalte überhaupt besprochen werden dürfen.

Moralisches Dogma vor Tatsachen?

Da kam unlängst ein Pfarrer in seiner Predigt auf die Zwangsarbeiter zu sprechen, die während des Zweiten Weltkriegs auf Betriebe seiner Stadt verteilt worden waren. Er schilderte ihre Leiden und nannte diejenigen Unternehmer mit Namen, von denen sie ausgebeutet und gequält worden waren. Nun tauchte in dieser Liste auch derjenige Firmenchef auf, der sich seinerzeit als einziger menschlich verhalten und alles daran gesetzt hatte, die Leiden seiner Zwangsarbeiter zu lindern. Dessen Tochter befand sich zufällig unter den Zuhörern, und nach der Predigt stellte sie den Pfarrer deswegen zur Rede. Ja, antwortete der, er wisse sehr wohl, daß dieser Mann sich seinerzeit untadelig, ja vorbildlich verhalten habe. Aber er könne seiner Gemeinde diese Wahrheit nicht zumuten. Warum? Weil in einer so heiklen Angelegenheit die Grenze zwischen Guten und Bösen, Opfern und Tätern nicht verwischt werden dürfe …

Mit anderen Worten: Nicht die Tatsachen, sondern das geltende moralische Schema hatte darüber entschieden, daß besagter Unternehmer den Menschenschindern statt den Lichtgestalten zugeschlagen wurde. Auch hier befand sich also wieder jemand in einer Zwangslage, denn: Hätte sich der Pfarrer an die historische Wahrheit gehalten, wäre ihm das womöglich als Zweifel an der Verwerflichkeit von Zwangsarbeit überhaupt ausgelegt worden, womit er seine moralische Kompetenz aufs Spiel gesetzt hätte. Die aber hängt, wie man sieht, auch bei einem Mann der Kirche davon ab, daß er vor dem Abwehrzauber des Tabus die Waffen streckt.

Das Erstaunliche ist, wie schnell die Wirkung dieser Tabus dann auch wieder verpufft. Wenn man unter sich ist, verlieren sie schlagartig ihre Kraft. Wir dürfen annehmen, daß die Experten aus der Hörfunksendung offen das Für und Wider eines Kriegs diskutieren, sobald die Mikrophone ausgeschaltet sind. Und wir haben gesehen, daß auch der Pfarrer bereitwillig die Fakten anerkennt, kaum daß er unter vier Augen darüber redet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß einen von ihnen deswegen sein Gewissen plagt. Tatsächlich ändert es ja nichts an der Unmenschlichkeit von Krieg, wenn wir uns vorübergehend in die Köpfe von Politikern hineinversetzen, die einen solchen planen. Genauso wenig, wie es an der Verwerflichkeit von Zwangsarbeit etwas ändert, wenn man dem einzigen Anständigen unter lauter Menschenverächtern Gerechtigkeit widerfahren läßt. Alles, was sich ändert, ist, daß Vernunft, Lebenserfahrung und Tatsachen wieder zu ihrem Recht kommen, sobald das Publikum außer Hörweite ist.

Nicht gelebte Moral zählt sondern ihre Selbstdarstellung

Ich glaube, daß wir hier auf einen entscheidenden Punkt unserer moralischen Ordnung gestoßen sind: Offenbar kommt es gar nicht so sehr darauf an, ob jemand moralisch ist oder nicht, ein Gewissen hat oder nicht. Was zählt ist vielmehr, ob ihm seine moralische Selbstdarstellung überzeugend gelingt. Ob er, mit anderen Worten, moralisch wirkt. Und zwar auf ein Publikum, das ausgesprochen empfindlich ist und schon kleine Verstöße als Zeichen für moralische Verkommenheit wertet. Nach dieser Logik kann nicht moralisch sein, wer seine moralische Wirkung nicht ständig im Auge hat.

Verwundert es da noch, daß von Tugenden und Lastern kaum noch die Rede ist? Tugenden wie Laster stellt man ja nicht durch Reden unter Beweis. Man nimmt sie auch nicht bei bestimmten Gelegenheiten an, nur um sie bei anderen dann wieder abzulegen. Tugenden und Laster sind Eigenschaften, die das Verhalten eines Menschen in allen Situationen prägen, so oder so. Die moralische Ordnung hinter unseren Tabus hingegen verlangt, daß man öffentlich und für alle unmißverständlich etwas demonstriert – zum Beispiel, daß man nicht zu denen gehört, die Krieg für akzeptabel halten oder Zwangsarbeit für halb so schlimm. Diesen Nachweis jedoch kann man durch sein untadeliges Verhalten im Alltag nicht führen. Wie einer denkt und was einer weiß, spielt letztlich keine Rolle. Worauf es ankommt, ist die Demonstration moralischer Kompetenz. Und die wird nur jemandem zugebilligt, der den geltenden Tabus seine Reverenz erweist.

Wenn die Moral unvernünftig wird

Die Frage ist, ob wir da mitmachen sollen. Eine schwierige Frage. Denn machen wir mit, müssen wir in bestimmten Fällen den Vorrang der Moral vor der Vernunft und den Fakten anerkennen. Wir müssen der Allgemeinheit das Recht zugestehen, in Gewissensfragen auch über uns zu urteilen. Und müssen darüber hinaus bereit sein, als Teil der Allgemeinheit moralische Urteile über andere zu fällen, ohne ihre vernünftigen Gründe zu würdigen. Lassen wir uns darauf ein, kommen wir also womöglich in Konflikt mit unserem eigenen Gewissen, unseren eigenen Überzeugungen.

Lassen wir uns aber nicht darauf ein, riskieren wir einen Konflikt mit den Verteidigern unserer moralischen Ordnung. Und die lassen auch geringfügige Tabuverstöße nicht durchgehen. So kann es passieren, daß eine Zeitung mit der Schlagzeile „Tausende Türken beleidigt“ aufmacht, nur weil in der Provinz ein nicht ganz denkfester Politiker eine Bemerkung über Türken gemacht hat, die den Tatbestand der Geschmacklosigkeit erfüllt. Zu einer Zeit, in der das Kräfteverhältnis zwischen Moral und Vernunft noch ausgeglichener war, hätte man diesen Menschen wohl einen Dummkopf genannt – und vielleicht ausgelacht. Das reicht nun längst nicht mehr. Denn in unseren Tagen werden solche Torheiten nicht mehr vor dem Richterstuhl der Vernunft verhandelt, sondern vor dem Gerichtshof der Moral – und der erkennt niemals auf Narrenfreiheit. Unter „tausenden beleidigten Türken“ tut der es nicht.

Wer von der moralischen Linie abweicht, riskiert also nicht wenig. Im kleineren Kreis würde es nach einem Tabuverstoß wahrscheinlich bei eisigen Mienen bleiben. In einer öffentlichen Debatte aber müßten wir mit lautstarker Empörung rechnen. Wäre das den Widerstand wert? Und setzen wir uns damit nicht möglicherweise tatsächlich ins Unrecht? Immerhin könnte es genauso gute Gründe dafür geben, sich zu empören, wie dafür, sich nicht einschüchtern zu lassen. Vielleicht sind diese Tabus ja sinnvoll. Bevor wir also den Rat meines Vorfahren befolgen, das Urteil der Welt zu ignorieren, müßte zunächst einmal geklärt werden, welchen Gewinn wir von unserer moralischen Ordnung eigentlich haben. Das soll im nächsten Abschnitt geschehen.

Moritz Knigge sagt: „Daß moralische Ordnungen Widersinniges verlangen, ist allein noch kein Grund, sie abzulehnen – solche Systeme haben immer ein irrationales Fundament, ohne deshalb falsch oder gar verzichtbar zu sein. Mache dir aber klar, bis zu welchem Punkt deine Unterwerfung gehen soll – und ob die Freiheit der wohlüberlegten Rede nicht doch ein höheres Gut sein kann als das friedliche Auskommen mit Menschen, die Vernunftgründe nicht gelten lassen.“


Nächster Artikel:
»


Share This