„Vorhang zu und keine Fragen offen“

Im Gegensatz zum Kinobesuch haben wir es bei unserem Besuch nicht mit Leinwandhelden zu tun, sondern mit echten Menschen aus Fleisch und Blut, die für uns in Rollen schlüpfen, die erste Geige spielen oder und mit ihren Arien beglücken. Und immer dann, wenn uns etwas besonders gut gefällt, schlagen wir die Innenseiten unserer Handflächen zusammen und spenden denjenigen, die sich für unser Hochgefühl verantwortlich zeigen, Beifall! Im Gegensatz zu früheren Zeiten haben wir hinsichtlich unserer Beifallsbekundungen „freie Hand“. Dass „eine Dame im Theater weder zischen noch zu laut Beifall klatschen solle“, wie es Emma Kallmann 1891 in ihrem Buch „Der gute Ton“ forderte, gehört aus heutiger Sicht zu den eher amüsanten Stilblüten der Etiketteliteratur. (Warum sollte eine Frau überhaupt im Theater zischen?)

Die Tochter meines Bekannten hat es sich jedenfalls nicht nehmen lassen, aufzustehen, stürmisch Beifall zu spenden und laut „Bravo!“ zu rufen. Damit folgte sie – ganz intuitiv – einer ebenfalls recht betagten Empfehlung des berühmten „Etikettepaares“ Wolf Graf und Eva Gräfin von Baudissin gefolgt, die in ihrer Erstauflage „Spemanns goldenes Buch der Sitte“ von 1901 die immer noch gültige Empfehlung aussprachen: „Ohne Beifall und ohne Anerkennung kann kein Virtuose, überhaupt kein schaffender Künstler leben, sie sind für ihn beinahe so notwendig, wie das tägliche Brot, und sie heben ihn über all die Sorgen und Miseren hinweg, von denen selbst die glänzendste Künstlerlaufbahn nicht ganz frei ist.“ Also denn:

  • Lassen wir uns ruhig zu überschwänglichen, tosenden oder gar stürmischen Applaus hinreißen. Rufen wir laut „Bravo!“ und klatschen im Rhythmus, weil wir nicht genug bekommen können von den Interpreten, Musikern oder Schauspielern, die uns diesen unvergesslichen Abend beschert haben!

Doch was tun, wenn wir die Darbietung als Zumutung empfinden? Wenn uns weniger nach Beifall als nach schrillen Pfiffen und lautstarken Buhrufen zumute ist? Ich erinnere mich nur zu gut an eine Aufführung von Shakespeares „König Lear“, die gleich in dreifacher Weise eine Herausforderung an die Sehgewohnheiten des Premierenpublikum darstellte. Selten war es dem Publikum „vergönnt,“ solche Mengen an Kunstblut, stetiger Nacktheit und menschlicher Exkremente (es handelt sich im Übrigen um Mousse au Chocolat …) auf deutschen Bühnen zu sehen.

Der Saal teilte sich schnell in zwei Lager: die einen, die der empfundenen Provokation selbige entgegensetzten und die Schauspieler lautstark zum Aufhören aufforderten, und diejenigen, die die von Ihnen als Störenfriede empfundenen Zuschauer aufforderten, den Saal zu verlassen. Die Schauspieler schienen von den heftigen Reaktionen weitestgehend unberührt. Auf meine Frage, die ich einem der Schauspieler nach Ende des Stückes stellte, ob er das Verhalten derjenigen, die lautstark buhten und „Aufhören!“ schrien als respektlos empfunden habe, antwortete dieser in aller Gelassenheit: „Ein wenig überrascht haben mich die empörten Zwischenrufe schon, aber als respektlos habe ich sie nicht empfunden. Theater soll doch berühren und unsere Leidenschaften und innersten Gefühle ansprechen; und das ist ja immerhin gelungen!“

Ich selbst blieb im Übrigen bis zum Ende. Nicht nur, weil mich die Aufführung begeisterte, sondern auch, weil es nach dem Ende des Stücks und dem damit verbundenen tosenden Beifall der Verbliebenden die Möglichkeit zu einem Gespräch mit den Schauspielern gab. Diese Möglichkeit zur Interaktion kann ich nur jedem ans Herz legen, eröffnet doch der anschließende Dialog einen höchst interessanten Blick hinter die Kulissen des respektvollen und wertschätzenden Umgangs. Der im besten Sinne kritische Dialog war für mich ein schlagender Beweis für gelebte Höflichkeit und der wechselseitigen Fähigkeit, dem anderen – trotz aller Unterschiede in der Bewertung des Erlebten – mit Respekt zu begegnen. Das galt einerseits für die Zuschauer, die bereit waren, sich mit der Aufführung auseinanderzusetzen, obwohl sie ihnen nicht gefallen hatte, statt alles in Bausch und Bogen als unzumutbar zu verdammen, und die die schauspielerischen Leistungen unabhängig davon zu würdigen wussten. Andererseits beeindruckten mich die Schauspieler, die der Empörung der flüchtenden Premierenzuschauer mit Verständnis begegneten.

  • Überlegen Sie bei der nächsten unzumutbaren Aufführung, wann Sie pfeifen, wem Ihre Pfiffe gelten und ob Sie nicht nach einer kurzen Abkühlung an der Theaterbar nicht doch – wenn angeboten – die Möglichkeit zum Dialog mit Schauspielern und Regisseur nutzen sollten, um die gegenseitigen Vorstellungen über Zumutbarkeit und Unzumutbares auszutauschen sowie die Grenzen und Möglichkeiten des gegenseitigen Respekts zwischen Darstellenden und Betrachtenden auszuloten.

Apropos Respekt: Theater-, Oper-, Konzert- oder Ballettbesuche halten noch weitere ungeklärte Fragen des respektvollen Umgangs für uns bereit. So berichtete mir ein Bekannter einmal von den kleinen Scharmützeln, die er im Vorfeld eines Konzertbesuches mit seinen Kindern (beide im sogenannten Teeniealter) darüber ausgetragen hatte, wie man sich kleiden solle: „Warum soll ich mich eigentlich rausputzen und Dinge anziehen, in denen ich das Gefühl habe, verkleidet zu sein? Das verstehe ich nicht!“

Mein Bekannter geriet in Erklärungsnot. Warum unterliegt der Besuch von Konzerten eigentlich bestimmten Konventionen hinsichtlich der Kleidungsfrage? Nach kurzem Überlegen antwortete er seiner Tochter: „Du hast Recht, es gibt keinen Grund, sich zu verkleiden! Aber die Art, wie wir uns kleiden ist eine Respektbezeugung gegenüber den Musikern. Sie bringt zum Ausdruck, dass wir den Abend als etwas Besonderes erleben. Und dieses Empfinden sollten wir zum Ausdruck bringen. Also, es ist egal, was Ihr anzieht (Tanja, Deine Reithose, Lukas, Deine Shorts ausgenommen), aber es sollte das sein, was der Besonderheit des gemeinsamen Abends entspricht!“

Als sie zum Konzert fuhren hatten alle ihre Lieblingssachen an. Von dem einen oder anderen Stück mussten sie sich allerdings kurz nach ihrer Ankunft wieder trennen. An der Garderobe wurden Jacken und Mäntel gegen kleine nummerierte Metallschildchen getauscht.

Das hat nicht nur den Vorteil, dass man sich wesentlich freier bewegen kann, es erübrigt sich dadurch nicht nur die lästige Frage: „Wohin jetzt mit dem Mantel?“ (meist liegt er einem ohnehin zu Füßen), nein:

  • Das Abgeben von Mänteln und Jacken an der Garderobe bringt auch gegenüber den Künstlern auf der Bühne zum Ausdruck, dass man „nicht auf dem Sprung“ ist, dass man bereit ist, dem Dargebotenen dieselbe Konzentration und Aufmerksamkeit zu widmen, wie es das Orchester selbst tut.

„Papa, es hat schon zweimal geklingelt!“ Auf geht’s. Dreimal, in der Regel in fünfminütigen Abständen, weist uns der schrille Ton der Klingel darauf hin, dass wir uns zu unseren Plätzen zu bewegen haben.

  • Neben den bereits wirkenden selbstbindenden Kräften der freiwilligen Wertschätzung gegenüber den Protagonisten auf der Bühne weist uns die Schrille – spätestens des dritten Klingelns – daraufhin, dass wir mit einer besonders schweren sozialen Ächtung zu rechnen haben, wenn wir tatsächlich unseren Einlass verpassen sollten.

Schon so mancher verspätete Zuschauer kann sich an die verständnislosen Blicke der anderen erinnern, wenn ihm in einer kurzen Pause zwanzig Minuten nach Beginn doch noch Einlass gewährt wurde oder er gar gezwungen war, den ersten Akt der „Zauberflöte“ im separaten Fernsehraum „genießen“ zu dürfen …


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