Ich bin eben so! – Der ewige Hans

Und auch dann, wenn Hans nimmermehr lernt, was schon Hänschen nicht gelernt hat, neigen wir dazu, Hans dieses Nicht-Lernen zum Vorwurf zu machen, selbst wenn wir ausreichend über seine neurologische Veranlagung informiert sind. Wenn Sie über den Hans in Ihrem Familien- oder Freundeskreis sagen, „der Hans, der kann halt nicht anders, der ist eben Sklave seines Jähzorns“, spätestens dann sollte Hans anfangen, über sich und die Erwartungen anderer nachzudenken. Natürlich könnte Hans das verweigern: „Ich kann nichts dafür, ich bin eben so!“ Doch als Entschuldigung für sein jähzorniges Benehmen und dessen Folgen lassen wir ihm diese Antwort nicht durchgehen. Wir erwarten ja nicht viel, keine Wandlung vom Saulus zum Paulus, keine Persönlichkeitsveränderung um 180 Grad. Aber wir erwarten von ihm doch die Bereitschaft, über sein Verhalten, dessen Bedingungen und die Folgen nachzudenken, die sich daraus für andere ergeben.

Wenn Hänschen das nicht geübt hat, dann sollte Hans schnellstens damit anfangen, allen inneren und äußeren Determinanten zum Trotz. Wem attestiert wird, er könne halt nicht anders, der sollte sich keinesfalls dem Trugschluss hingeben, die anderen würden ihm das gnädig verzeihen. Er sollte besser den wütenden Vorwurf darin erkennen, dass er nichts dazulernen will und sich aus der Verantwortung zu stehlen versucht.

Aber was hat Hans denn eigentlich zu verantworten? Er hat es versäumt nachzudenken. Nicht beim letzten jähzornigen Ausbruch, der mal wieder allen Anwesenden den Abend verdorben hat. Das wäre noch zu entschuldigen, einmal ist keinmal. Nein, die Wiederholung seiner Entgleisungen ist es, für die wir ihn verantwortlich machen. Wir werfen ihm vor, dass er bei Entscheidungen in der Vergangenheit nicht genug nachgedacht und seine Spielräume nicht genutzt hat, sich in Zukunft anders zu entscheiden.

Doch genau das wollen wir von uns und anderen verlangen. Nachzudenken über das, was wir tun, und die Entscheidung, die diesem Tun zugrunde liegt, als die unsere zu verstehen. Als unseren Willen, die vorhandenen Freiheitsspielräume – und mögen sie auch noch so klein sein – zu nutzen und uns um unsere Selbsterziehung zu bemühen.

Der Jähzorn ist ein Teil von dir, lieber Hans, aber du bist nicht der Jähzorn. Also fang an, darüber nachzudenken, was dieser Schweinehund mit dir und deinen Mitmenschen veranstaltet. Das ist nicht zu viel verlangt. Wie immer du das auch anstellst: Bleib bloß nicht so, wie du bist!

Talent und Selbstbestimmung

Aber ist das nicht unfair? Verlangen da nicht die, die das Glück hatten, mit ausreichender neurologischer Leistungsfähigkeit ausgestattet worden zu sein, von denen, die in dieser Hinsicht weniger Glück hatten, ein bisschen viel? Haben da nicht die gut reden, denen ihr freier Wille praktisch in den Schoß gefallen ist? Zeigen nicht die Erkenntnisse der Hirnforschung, dass es sich nicht um eine selbstverschuldete, sondern um eine unverschuldete Unmündigkeit handelt? Ist es nicht weniger unsere Trägheit, die uns daran hindert, unseren eigenen Kopf einzuschalten, als vielmehr die Unmöglichkeit, neurologische Programme zu wählen, die wir einfach nicht empfangen?

Es lässt sich nicht bestreiten: Es gibt durchaus Wettbewerbsvorteile, die auf ein gegebenes leistungsstarkes vererbtes Aktivierungspotenzial, herausragende Gehirnentwicklungen und früh- oder spätkindliche Selbstwerterfahrungen zurückgehen. Doch Talent allein hat noch nie gereicht.

Man frage bei denen nach, die im Sport „ewiges Talent“ genannt werden, die von ihren Voraussetzungen alles mitgebracht und doch wenig erreicht haben. Zum Talent muss sich der Wille gesellen, das Wollen, aus seinen Möglichkeiten das Beste zu machen. Wer sich hingegen dauerhaft als fremdbestimmt erlebt, der ist und bleibt, so wie er ist. Ein ewiges Talent, ein ewiger Hans, unfähig, sich aus der eigenen Unmündigkeit zu befreien, noch nicht einmal frei, Unmündigkeit von Mündigkeit zu unterscheiden. Denn nur, weil wir selbst nicht das Beste aus unseren Möglichkeiten machen, enthebt uns dies nicht der Verantwortung, darüber nachzudenken, ob wir dem, was uns die Selbstdenkenden als Ergebnis ihres Nachdenkens anbieten, zustimmen können.

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