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knigge behinderung

Restaurant

Ob Lieblingsitaliener, neu eröffneten Tapas-Bar, beste Pommesbude weit und breit oder lokaler Chinese. Ob Sterne oder unter freiem Himmel, gutes Benehmen ist überall gefragt. Ich habe Euch mal ein paar Basics zusammengestellt, die auch das nächste Mal Essen gehen zu einer runden Sachen machen.

Ich will die Frage einordnen. Wer mit Dame unterwegs ist, bleibe Herr der Lage. Und mache dabei bella figura. Die Restaurant Tür öffnen, um Pfützen und Autos herum führen, Hüte ziehen, Stühle anbieten und in Mäntel helfen. Meine Herren, solange es Damen gibt, verbeuge man sich und mache sich Mühe. Ganz mühelos.

Mein Vorfahr schrieb: »Wenn der Herr eine Dame führt, um sie nicht zu stoßen, so halte er mit ihr gleichen Schritt und trete mit dem selben Fuße auf wie sie es tut.« Damen haben Vorrang. Er lasse ihr den Vortritt. Er folge ihr nach. Er schütze sie. Herr behandele Dame, wie es ihr gebührt: zuvorkommend. Warum? Darum. »She’s a Lady«, Tom. Landauf und treppab erhebe er sich, wenn sie sich erhebt – um sie zu erheben.

Im Restaurant: Keine Regel ohne Ausnahme

Durch Türen von Gasthäusern, Kaufhäusern und Restaurants geht der Herr voran, um die Dame vor möglichen Gefahren zu bewahren. Er schreitet schützend und abwehrbereit als erster in den unbekannten Raum und bedeutet ihr nach dessen Inspektion in der Regel: »Keine Schießerei, keine dreckigen Witze und keine Dosenravioli – Gnädigste, die Luft ist rein.« Jetzt nur noch aus dem Mantel helfen, den Stuhl zurechtrücken und schon wissen beide: »Hier sind wir richtig, dürfen Herr und Dame sein.« Und richtig: Der Dame wird zuerst serviert. Bevor sie mit ihrem Löffel in die Suppe taucht, um dem Herrn der Schöpfung zu bedeuten: »Iss, Junge.«

Restaurant Tür aufhalten international

Woher also die Unsicherheit? Vielleicht, weil die Dame aufstand, um Frau zu werden. So wie eine Studierende, die mich in Hamburg entgeistert anschaute, als ich ihr die Tür aufhielt: »Um Gottes Willen Herr Knigge! Was kommt noch, helfen Sie mir in die Jacke?« Vielleicht aber auch, weil heute viel mehr Menschen reisen und wissen: Auch andere Länder haben schöne Sitten. Wie zuletzt in Umbrien, Piazza Sant’Angelo, im »i Sette Consoli«. Ein milder Herbstabend im grünen Herzen Italiens. Ich traf Sophia und Gianluca. Und hatte schon die Klinke in der Hand und einen Fuß in der Tür, als Gianluca mich am Arm fasste: »Psst… Monsignore Knigge, Sie möchten doch Belladonna nicht ihren Auftritt verderben? Nein, das möchten Sie nicht.«

Kurz vor Mitternacht, mit einem Glas 96er Vin Santo Avignonesi in der Hand und umspült von der vollen Pracht Italiens freute ich mich, wieder etwas gelernt zu haben. »Nach Dir, Schönheit.«

1. Wait to be seated

Unabhängig davon, wie leer Ihnen das Restaurant auch erscheinen mag, setzen Sie sich bitte nie ungefragt auf den Platz Ihrer Wahl. Warten Sie auf den Service, und erkundigen Sie sich höflich, wo Sie sich niederlassen können.

2. Mach mal was Verrücktes

In vielen Restaurants ist es gang und gäbe, neben der normalen Karte eine Tageskarte anzubieten, die neue Geschmackserlebnisse eröffnen kann und saisongerechte Speisen feilbietet. Ob wir dann dennoch zum siebenundzwanzigsten Mal unsere geliebte Piccata Milanese bestellen möchten, bleibt uns überlassen, aber irgendwann beschleicht jeden von uns einmal das Gefühl etwas „Verrücktes“ machen zu wollen.

3. 30 Minuten Wartezeit ist okay

Es ist grausam, zu lange auf sein Essen warten zu müssen. Jede Wartezeit, die eine halben Stunde überschreitet, lässt uns nervös und gereizt werden, unser Blick wandert ständig Richtung Küche, unsere Finger klopfen nervös auf die Tischplatte, und wir beginnen uns zu fragen, „ob der Zander wohl noch gefangen werden muss“. Zögern Sie nicht, sich zu erkundigen, wo Ihr Essen bleibt, aber machen Sie sich vorher ein Bild über die möglichen Ursachen: Wie voll ist es? Ist die Kellnerin neu und noch ein wenig überfordert? Ist kurzfristig jemand ausgefallen? Oder hatten Sie eine komplizierte Bestellung mit vielen Extrawürsten?

4. Informieren Sie Ihre Gäste

Dem Servicepersonal wiederum empfehle ich: Weisen Sie Ihre Gäste ruhig darauf hin, dass die Wartezeiten heute etwas länger sein könnten, weil eine Servicekraft kurzfristig ausgefallen ist. Es entspannt die Atmosphäre, wenn die Gäste wissen, woran sie sind.

5. Nicht zu große Extrawürste

Apropos Extrawürste! Die Maxime „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt“, mag für den einen oder anderen zu der längst vergessenen und pädagogisch umstrittenen „Struwwelpeter“-Moral gehören, erscheint mir aber für den Umgang mit der Speisekarte nach wie vor geeignet. Gut, wenn Sie partout keine Tomaten mögen oder Allergiker sind, sollten Sie sich Ihr Recht auf eine maßgeschneiderte Bestellung nicht nehmen lassen. Für alle anderen gilt die Warnung, es nicht zu übertreiben mit der individuellen Speisenkombination. Ansonsten passiert es Ihnen womöglich, dass Sie ganz auf Ihr Gericht verzichten müssen, weil der Koch sich beharrlich weigert, das Fleischgericht mit Tofu zuzubereiten oder das Thunfischsteak durchzubraten.

5. Bitte, fangt doch an

Wie gesagt, allzu lange auf sein Essen warten zu müssen, ist grausam. Noch grausamer ist es jedoch, sein Essen als Letzter am Tisch zu bekommen. Die anderen Gäste klappern bereits mit ihrem Besteck und erwidern auf das Angebot: „Fangt doch schon an!“, mit leicht gequälter Miene, verstohlen den Wärmegrad ihres Essen kontrollierend: „Nein, nein, wir können doch noch warten.“ Bleiben Sie beharrlich, wiederholen Sie – trotz der höflichen Zurückhaltung Ihrer Tischnachbarn – Ihr Angebot: „Bitte, fangt doch an!“ Es genügt, wenn sich einer am Tisch ärgert.

5. Beschweren

Richtig beschweren im Restaurant, wie geht das eigentlich? Darf man sagen, wenn einem etwas nicht geschmeckt hat? Denn nicht immer entspricht die Leistung ja unseren Erwartungen. Aber auf die Frage: „War bei Ihnen alles recht“  antworten viele dann doch: „Ja, alles prima“, ärgern sich später und kommen nicht wieder. Überall hören und lesen wir, dass Feedback geben wichtig ist, dass man nichts dazulernt, wenn keiner was sagt. Doch die Realität sieht anders aus. Eine Beschwerde ist eben immer unangenehm und macht schlechte Laune. Dann doch lieber: Augen zu und durch. Moritz Freiherr Knigge ist der Frage nachgegangen wie man sich richtig beschwert. Richtig beschweren ist eine Frage des Timings

»Hat es Ihnen geschmeckt?« »Ich habe schon besser gegessen« »Aber nicht bei uns!« In Witzbüchern und auf Speisekarten liebe ich die Klassiker. Klar darf man sagen, dass es einem nicht schmeckt. In einer Sprache, die Respekt vor dem Essen zeigt. Mit Gründen, die über den eigenen Geschmack hinausgehen. Bevor der Teller leer ist.

Höfliche Menschen haben ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt. Sie handeln seltener zu früh oder zu spät, einfach weil besser auf den passenden Moment achten. Wem es etwas nicht schmeckt bevor er probiert hat, hat keinen Geschmack. Wer seinen Teller aufgegessen hat, bevor er sich beschwert, hat schlechte Argumente. Wem es nicht schmeckt, wartet nicht bis ihn der Service fragt, sondern sucht das Gespräch: „Entschuldigen Sie, ich habe eine Bitte…“

6. Don’t shoot the messenger

Höfliche Menschen erinnern sich, dass Kellner nicht kochen. Kellner sind Boten, die Nachrichten vom Tisch in die Küche und zurück tragen. Dabei bringen sie hin und wieder etwas zu essen mit. »Don’t shot the messenger« sagt der Engländer. »Sei diplomatisch zum Botschafter«, sagt der Knigge. Höfliche Menschen sind bessere Diplomaten. Sie nennen Schlechtes nicht schlecht, weil sie Niemandem Schlechtes wollen. Sondern das Gute für sich, Kellner und Köche. Das Beste aber wollen sie auf ihren Tellern.

7. Der Koch ist König

Höfliche Menschen, wissen, dass es Regeln gibt. Im Miteinander und in der Küche. Sie wissen, dass Kurzgebratenes keine Längen mag, sie salzen nach wenn es an Salz fehlt, aber lassen den Koch wissen, wenn er verliebt ist. Sie können Fischers Fritzens frischen Fisch gut riechen, weil er nicht riecht. Sie können medium rare von medium unterscheiden. Am meisten lieben sie es aber über den Kellner der Küche WELL DONE ausrichten zu lassen. Ganz direkt und undiplomatisch.

8. Trinkgeld

„Aber das Trinkgeld ist doch in Deutschland bereits im Preis inbegriffen!“ Das stimmt. Und doch hat sich die Konvention etabliert, fünf bis zehn Prozent Trinkgeld zu geben. Wer sich über diese Konvention bewusst hinwegsetzt, sollte neben seiner Sparsamkeit weitere gute Gründe ins Feld führen können. Denn das wohl vernünftigste Kriterium für eine Dienstleistung, ist nach wie vor die erbrachte Leistung. War diese gut, darf es ruhig ein bisschen mehr, war sie weniger gut, dann darf es auch ein bisschen weniger materieller Gunstbezeugung sein.

9. Auf Rechnung warten

Moritz, letztens musste ich sehr lange auf die Rechnung warten. Trotz zweifacher Erinnerung. Das fand ich merkwürdig. Ich hatte weder mit den Fingern geschnippst, noch gepfiffen oder mich anderweitig unhöflich betragen. 

Doch wie bekomme ich eigentlich schnell und höflich meine Rechnung und wie lange muss ich im Restaurant auf sie warten, bevor ich gehen darf? Was sagt denn da der Knigge?“ Gute Frage, die mir mein Freund Ludger da stellte. Musste ich drüber nachdenken, und kam wenig später zu einer Antwort.

10. Zeit ist Geld

Von Benjamin Franklin stammt die Einsicht: Zeit ist Geld. Von Adolph Freiherr Knigge die Empfehlung: Der höfliche Mensch hat Zeit. In Führungsseminaren von heuten lernen die Bosse von morgen, dass Ungeduld eine Stärke und keine Schwäche ist. In Yogakursen, dass Geduld die Stärke von gestern, heute und morgen ist. Ja, was denn nun? Schnell oder höflich? Franklin oder Knigge? Zackzack oder Küss‘ die Hand? Wenn ODER keiner will und UND nicht geht, kommt irgendwas dazwischen raus: höflich, aber bestimmt. Klingt prima, ist aber nur eine andere Bezeichnung für so gerade noch freundlich mit Faust in der Tasche. Aber was soll man machen, wenn keiner auf einen hört? Was tun, wenn der Wirt meinen Wunsch nach Rechnungsstellung mit voller Absicht ignoriert, weil ein volles Lokal einfach besser aussieht als ein leeres. Oder was tun, wenn ich genauso zum Mittel für die Zwecke des Wirtes werde, der mir unaufgefordert meine Rechnung auf den Tisch legt, während ich mich noch an der Mousse au Chocolat erfreue? Wenn ich am eigenen Leib erfahre, dass Zeit Geld ist, das ich dem Wirt stehle, weil schon die nächsten Geldbörsen auf zwei Beinen nach meinem abbezahlten Tisch gieren?

11. Zeche prellen?

Wenn mich keiner hört, muss ich mir Gehör verschaffen: höflich, aber bestimmt. Führt auch das nicht zum gewünschten Ergebnis dann eben mit einer legitimierten Exit-Strategie aus dem Handbuch der Gastronomiemythen mit dem Titel Selbstjustiz für Unerhörte: „Wenn man drei Mal laut und wahrnehmbar um die Rechnung gebeten hat und keine Reaktion erfolgt, dann hat man das Recht das Lokal zu verlassen ohne seine Rechnung zu bezahlen“ Ist natürlich Blödsinn.

Zechprellerei ist mies, aber kein Straftatbestand. Wohl aber ein Pflichtverletzung des Gastes. Dieser ist dem Wirt verpflichtet ihm den geschuldeten Betrag zu erstatten. Das Restaurant einfach zu verlassen, ohne den Wirt zu benachrichtigen sollte jeder Gast vermeiden. Wenn Euch also die Wartezeit auf die Rechnung als zu lang erscheint, einfach Bescheid sage, Adresse hinterlassen und Rechnung zu schicken lassen. Dann seid Ihr rechtlich auf der sicheren Seite. Doch bis es soweit kommt, habt Ihr die Rechnung dann plötzlich doch in der Hand 😉

13. Alles aufs Haus?

Was mir in solchen Situationen des Nicht-Gehörtwerdens hilft, ist die zeitlose Einsicht des Philosophen Epiktet: „Es sind nicht die Dinge, die wir fürchten, sondern die Meinung, die wir über sie haben.“ Heißt: Ist alles nur in unserem Kopf. Vielleicht macht ein volles Restaurant einfach mehr Arbeit als ein leeres, vielleicht waren wir in unserem erneuten Wunsch nach Rechnungsstellung bestimmt, aber nicht höflich, vielleicht sitzen wir in einem sehr kleinen Restaurant, das davon lebt, dass die Gäste nicht den ganzen Abend auf ihren Tisch bestehen.

Aber was tun, wenn kein „Vielleicht“ mehr denkbar ist? Dann antworte ich dem Rechnungssteller wider Willens höflich, aber süffisant: Entschuldigung, das kann nicht unsere Rechnung sein, der Abend hat doch gerade erst begonnen. Oder geht alles weitere aufs Haus?

14. Kinder mit Smartphone im Restaurant?

„Unser sieben Jahre alter Sohn darf selbst in gehobenen Restaurants mit unserem Smartphone spielen. Ein mehrstündiger Restaurantaufenthalt ist für ihn sonst stinklangweilig. Selbstverständlich nicht während des Essens sondern nur in den Wartezeiten zwischen den Gängen. Freunde und Bekannte kritisieren mein Verhalten, sind aber die ersten, die am Tisch zum Smartphone greifen. Was meinen Sie, Herr Knigge?“

Ich freue mich, dass gute Häuser sich um Nachwuchs nicht zu sorgen brauchen, solange es Söhne und Töchter wie Ihre gibt. Das frühe Vögelchen fängt die White Tiger Prawn mit und ohne Fortnite. Lecker. Feinschmecker nehmen sich Zeit und das ist gut. Wer heute Geduld, Geschmackssinn und Gemeinsinn übt, wird morgen ein Gast von Format. Nicht nur im Sterne-Restaurant.

15. Ein Hoch auf den Kopfhörer!

Zwei Stunden im Spitzenrestaurant sind für Sechsjährige eine Herausforderung. Ist alles mit großen Augen erkundet, erscheint Prinzessin Langeweile im Saal. Und zerfetzt mit ihrem Zepter schnell und akribisch alle Geduldfäden in Reichweite. Unboxen Mom & Dad Entertainment jetzt 1 Smartphone, kehrt zumindest bis auf weiteres Ruhe ein. Und zwar bevor die Dame nebenan die Augenbraue hochziehen oder Ihr Begleiter sich räuspern kann. Zumindest, wenn das Handy lautlos ist. Sonst kommt Musik in das Verhältnis zu den Tischnachbarn. Kinder mit Smartphone im Restaurant? Von mir aus. Aber mit Kopfhörern.

16. Erwachsene mögen es nicht, wenn niemand schimpft

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Gut so. Was Kinder wohl denken? Ich werde beim nächsten Essen meine Nichte fragen. Bis dahin denkt Klein Knigge einmal laut, etwa so: „Ich spiele gerne Handy. Das mögen Erwachsene aber nicht. Meist schimpfen sie, ich solle es weglegen. Erwachsene spielen auch gerne Handy. Legen es aber nicht weg. Vielleicht, weil niemand schimpft. Bin ich still und spiele, schimpfen sie auf das Handy. Erwachsene mögen es scheinbar nicht, wenn niemand schimpft. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Aber erklären Sie das mal den Tischnachbarn.

17. In Georgien kommt der Gast von Gott, aber was tun, wenn er woanders her kommt?

„Herr Knigge, ich betreibe ein kleines Restaurant der Nähe des Bahnhofs. Nicht selten kommen Gäste, die ich ungern im Restaurant habe, weil sie nicht zahlen können. Wie gehe ich bestimmt aber höflich mit ungebetenen Gästen um?“ Eine spannende Frage wie ich finde und so habe ich mich auf die Suche nach Antworten gemacht, die helfen, dass Gastronom und Gäste ihr Gesicht wahren können.

In Georgien sagt man: »Der Gast kommt von Gott.« Auf meiner Reise zum Kaukasus durfte ich erleben, dass die Georgier Gott ernst nehmen. Ihre Gastfreundschaft ist beeindruckend. Mehr heilige Freude als lästige Pflicht. Für alle Beteiligten. Obwohl kein Georgier, bin auch ich in einem offenen Haus aufgewachsen. Willkommen waren alle Gäste. Sogar die Ungebetenen.

Frühstück für Landstreicher

Auch bei uns zu Hause gab es ungebetene Gäste. »Wen habt ihr denn da mitgebracht?« fragte meine Mutter eines Tages, als wir uns wie jeden Morgen vor der Schule zum gemeinsamen Frühstück einfanden. Wir Geschwister schauten etwas ratlos in die Runde – nein, von uns hatte diesmal keiner einen Übernachtungsgast mitgebracht. Wer aber lag dann friedlich schlummernd in unserem Gästezimmer? Ein Landstreicher, wie sich herausstellte, jemand, der letzte Nacht das seltene Glück gehabt hatte, ein unverschlossenes Haus mit einem unbenutzten Gästezimmer zu finden.

Die Bekanntschaft dieses Glücklichen habe ich nie gemacht, schließlich mußten wir zur Schule, und Gäste unseres Hauses haben bis heute das Recht, auszuschlafen. Jedenfalls erhielt der Überraschungsgast von meiner Mutter noch ein reichhaltiges Frühstück, bevor er seiner Wege zog. Zugegeben, solche Gäste hatten auch wir nicht alle Tage. Aber die Gastfreundschaft war meinen Eltern heilig und wurde bei Bedarf auch auf Menschen ausgedehnt, die sich selbst eingeladen hatten.

Nur gegen Vorkasse

Wer aber ein Restaurant betreibt, der lebt nicht von Luft und Nächstenliebe. Sondern von Gästen, die sich wohlfühlen UND zahlen. Alleine Ihre Frage zeigt, dass Sie sich unwohl fühlen jemanden den Zutritt zu verweigern. Das ehrt Sie. Weil Sie wissen, dass es nichts Unhöflicheres gibt als jemanden bloßzustellen. Und es entblößt, jemandem zu sagen, dass er insolvent aussieht.

So leid es mir tut, es gibt in Ihrem Fall keine höfliche Abweisung, keine geschminkte Wahrheit, sondern nur die ungeschminkte: „Ich bedaure, aber aufgrund schlechter Erfahrungen mit der Zahlungsmoral meiner Gäste muss ich Sie leider um Vorkasse bitten.“

„Wer hat von meinem Tellerchen gegessen“!?“ Von anderen Tellern essen, darf man das? Von anderen in der Pommesbude probiert Pommes samt Majo klauen das geht noch. Aber in guten Restaurants? Wer in einem gehobenen Restaurant von anderen Tellern isst, der kommt auf eine schwarze Liste und wird mit Hausverbot bestraft, so ein hartnäckiges Gerücht, dass seit Jahrzehnten kursiert. Moritz Freiherr Knigge ist der Frage nachgegangen, ob das Naschen vom Nachbarteller tatsächlich ein Tabu darstellt.

18. Essen ist ein Gemeinschaftsprojekt

Seit mehr als 50 Jahren wartet das Restaurant Canlis in Seattle darauf, 1.000 Dollar loszuwerden. Denn wer dort die Rechnung des Hauses mit dem Vermerk „Don’t come back« vorzeigt, bekommt den Betrag umgehend ausgezahlt. »Bitte beehren Sie uns nie wieder!« Wer sich nicht benimmt, bekommt die Rote Karte. Auf Platz eins des schlechten Benehmens: »Probieren von anderen« wird mit lebenslanger Tiefkühlkost bestraft. Das wohl populärste Gerücht in der Spitzengastronomie.

Warum wir von anderen Tellern probieren sollten

»Unfug« sagen die Renommierten der kulinarischen Zunft. Gemeinsam Essen gehen ist eben nicht nur Essen sondern gemeinsam. In allen kulinarischen Hochkulturen ist der Genuß ein gemeinschaftlicher. Schon mancher hat ein Geschäft in China nicht gemacht, weil er statt dem Ruf des Gastgebers zum gemeinsamen Abendessen zu folgen meinte, die Business-Präsentation vorbereiten zu müssen. In Frankreich ist es Tradition, die neuen Nachbarn zum Aperitif einzuladen, weil gemeinsames Essen und Trinken kleingeistige Streitereien minimiert. Ob mit Händen von gemeinsamen Platten in Addis Abeba, mit Stäbchen in Bejing, mit der Meeresschneckengabel an der Côte d’Azur, in der Tapas Bar in San Sebastian, Essen ist immer ein Gemeinschaftsprojekt und noch heute gilt das Füttern des anderen im Orient als größter Freundschaftsbeweis.

Neues Gericht, neues Glück!

Wer vom Teller des anderen probiert und probieren läßt, der läßt die Gemeinschaft und den Genuß hochleben. Gut so. Frei nach dem Motto des großen Lehrmeisters Jean Anthelme Brillat-Savarin: „Die Entdeckung eines neuen Gerichts ist für das Glück der Menschheit von größerem Nutzen als die eines neuen Gestirns.« Und wo ließe sich ein neues Gericht besser entdecken als auf dem Teller der anderen? Von anderen Tellern essen? Auf jeden Fall!

Hunde im Restaurant?

„Wir müssen leider draussen bleiben!“  Für die einen eine Selbstverständlichkeit, für die anderen eine Zumutung. Hunde im Restaurant. Muss das sein? Darf das sein? Und was tun, wenn des Menschen bester Freund kläfft wie ein Weltmeister und stinkt wie ein Laternenpfahl ganz unten. Moritz Freiherr Knigge ist der Frage nachgegangen, wie man richtig damit umgeht, wenn sich am Nebentisch ein Vierbeiner nicht richtig benehmen kann.

Knigge ist Hundefreund

Mein Kollege Martin Rütter mag Hunde. Sein Programm Programm „Hundeschule“ füllt Hallen wie die ewigen Toten Hosen. Wahrscheinlich, weil es so viele stabile Mensch-Hund-Beziehungen gibt, die gemeinsam durch die Schule des Lebens spazieren.

Wir hatten zu Hause immer Hunde. Alle nach Politikern benannt. Die letzten beiden hießen Winston und Rosa. Ich mag Hunde. Jeden, den ich treffe verpasse ich eine Streicheleinheit. Hund sind so treu wie sie gucken. Der Hund ist der beste Freund des Menschen. Sein Glück ist, wenn ich da bin und er gibt keine Widerworte. Kein Hundebesitzer, der anderes sähe. Und könnten Hunde sprechen, würden sie es bestätigen. Wau, ich habe gesprochen. Die besten Freunde von hundelosen Menschen sind andere Menschen oder Katzen. Da Katzen hingehen, wo sie wollen und Hunde in den meisten anderen draußen bleiben müssen, glaube ich zu erschnuppern, dass die betreffende Wirtschaft selbst Hundehalter ist.

Hunde hören nicht auf Fremde

Was Ihre Lage nahezu aussichtslos macht. Wem gegenüber sollten Sie jetzt noch Unzufriedenheit äußern? Ich will es kurz und schmerzhaft machen: niemandem. Vom direkten Verursacher trennt eine Art Sprachbarriere. Er hört zwar gerne, wer ein guter Junge ist. Ihre konstruktive Kritik aber wird er mit treuen Augen doch letztlich ratlos entgegennehmen. Der tatsächlich Verantwortliche dagegen ist vor Liebe taub und blind gegen die Tatsache, dass sein bester Freund eine stinkende Fußhupe ist. Zu allem Überfluss hat die Wirtschaft wohl erwogen, ihr Lokal für Zwei- UND Vierbeiner zu öffnen. Schachmatt. Das ist wie wenn Sie in der Sauna den Herren gegenüber bedeuten, sie mögen sich doch bitte etwas überziehen.

Der tut nix, der will nur spielen

Hundemenschen sind Gemütsmenschen. Sie sagen: »Der tut nix, der will nur spielen». Und erwarten, dass der andere mitspielt. Wer die Nase rümpft ist ein Spielverderber. Ich weiß, wovon ich rede, bin ja selber Herrchen. Immer wieder muss ich mich selbst daran erinnern, den Wunsch anderer nach Distanz zum Tier wohlwollend zu respektieren. Gehen Sie nicht mit dem Stöckchen zur Schießerei. Hier ist rein gar nichts zu gewinnen. Gehen Sie an die frische Luft, atmen dreimal tief durch oder bellen Sie einmal laut. Dann ist der Ärger schnell verflogen. Dann zahlen Sie Ihre Rechnung, geben Sie ein gutes Trinkgeld und verabschieden Sie sich fürs Erste. Stuttgart ist voller toller Restaurants. Unsere vierbeinigen Politiker haben übrigens nie ein Restaurant von innen gesehen. Dafür sind wir zu diplomatisch, wir Knigges.

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