Diskussion sind anstrengend, weil wir nicht richtig diskutieren. Sagt Moritz Knigge. Klar. Dabei sollten wir diskutieren wie die Weltmeister, weil Diskussionen helfen Standpunkte klar zu machen, uns mit unseren Argumenten auseinanderzusetzen und auszusetzen, dazu zu lernen, in der Beweisführung aber auch in der Kultur des Streitens. Diskutieren ist toll, richtig diskutieren toller! Moritz Knigge gibt 11 Tipps wie wir richtig miteinander diskutieren, uns die Köpfe heissreden ohne unter die Gürtellinie zu reden und ohne mit Wattebällchen zu werfen. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Ein Mensch von festem Charakter, und der ernstlich das Gute liebt und sucht, muß den Mut haben, bei jedem Gegenstande mit reifer Überlegung verweilen zu können … Man muß das Herz haben, Wahrheit zu sagen und Wahrheit anzuhören …“

Über den Umgang mit Menschen, II, 6, 11

1. Nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen

Natürlich ist es jedermann unbenommen, sich der buddhistischen Auffassung anzuschließen, alles Reden müsse zur Eintracht unter den Lebewesen beitragen, lieber zu meditieren als zu diskutieren, sich möwengleich zu sanften Sphärenklängen über eine zerstrittene Welt zu erheben und abgeklärte Miene zu jedem bösen Spiel zu machen. Und natürlich steht es jedermann frei, sich aus lauter neoliberaler Flexibilität um keinen Preis auf etwas derartig Anstößiges wie eine eigene Meinung festlegen zu lassen und nur solche Ansichten zu vertreten, von denen man im nächsten Moment auch wieder abrücken könnte. Möglich, daß persönliche Vorteile mittlerweile tatsächlich durch eine Art postmodernen Fatalismus erkauft werden müssen – man nickt, schweigt und schluckt herunter, bis der Kragen platzt. Aber der Preis ist hoch. Denn Harmonie verblödet, und Opportunismus macht infantil. Womit wir schon zwei Argumente dafür hätten, das große Stillhalteabkommen gelegentlich zu brechen – und richtig zu diskutieren.

2. Da bin ich anderer Meinung!

Was könnte spannender sein, als seine Meinung zur Diskussion zu stellen? Nicht über Banalitäten wie die Ausbeute des letzten Streifzugs durch die Factory-outlets, sondern über Wesentliches, Krieg und Frieden, Schuld und Unschuld, Gott und die Welt … Es muß schon um etwas gehen. Man sollte schon ernsthaft über Ernsthaftes sprechen, und eine kleine Provokation, ein kleiner Tabubruch darf sie ruhig anheizen, die Diskussion. „Ich finde das nicht, ich bin anderer Ansicht …“ mit diesem harmlosen Satz geht es los, und plötzlich stellt sich heraus: Die anderen sind ebenfalls anderer Ansicht! Und jetzt interessiert nicht mehr, was man so alles meint oder glaubt oder wahrhaben will, sondern wie solide oder haltlos das alles ist.

3. Argumente mitbringen

Das heißt, ohne Argumente brauchen wir gar nicht erst anzutreten. Sagen, was man denkt, und vorher nachgedacht haben – auf diese prägnante Formel hat Harry Rowohlt das gebracht, was in einer Diskussion von jedem erwartet wird. Nicht nachgedacht haben Leute, für die alles selbstverständlich und der eigene Standpunkt der einzig mögliche ist, die Argumente deshalb für überflüssig und ihre eigene Meinung für ausreichend begründet halten, wenn sie ein Buch „spannend“, einen Film „echt schön“ und einen Urlaubsort „einfach phantastisch“ finden. Verlangen wir als erstes ordentliche Begründungen, präzisere Erklärungen – übrigens auch von denen, die über jede Banalität hoch erhaben sind. Mitleidiges Stöhnen brauchen wir uns von niemandem gefallen zu lassen, weder von denen, die es unmöglich finden, daß man noch keine Folge von „Herr der Ringe“ gesehen hat, noch von jenen, die es kaum fassen können, daß uns Alfred Döblin und sein Hauptwerk „Berlin, Alexanderplatz“ nichts sagen. Mit den Gralshütern des Bildungskanons ist eine Diskussion genauso wenig möglich wie mit den Vertretern der „Echt-schön“-Fraktion.

4. Das ist in einer Diskussion erlaubt

Vieles ist in der Diskussion erlaubt:

– sich ereifern,

– die Köpfe heiß reden,

– den anderen in die Enge treiben, 

– die Gegen-Argumente genüsslich zerlegen

– andere der Unwissenheit überführen

5. Das ist in einer Diskussion verboten

Verboten ist es, mit aller Gewalt recht behalten zu wollen oder dem anderen während des Wortgefechts plötzlich böse Absicht zu unterstellen oder dessen Argumente aus ideologischen oder moralischen Gründen für unzulässig zu erklären – eine Diskussion ist weder ein Machtkampf noch ein Gesinnungstest. Vergessen wir nicht: Eigene Gedanken und eine bewußte Perspektive können einen Menschen schnell zum Ketzer machen, daran hat sich bis heute nichts geändert. Moralische Argumente sind Totschlagargumente; Voraussetzung jeder Diskussion ist, daß man über alles sprechen, jedes Thema anschneiden, jedes begründete Argument ins Spiel bringen darf.

6. Das ist in einer Diskussion unklug

Es ist lediglich äußerst unklug, gleich zu Beginn alle Geschütze aufzufahren, seine Kontrahenten mit einem Sperrfeuerwerk von Worten zu belegen und ihren Argumenten weiter keine Beachtung zu schenken. Das Risiko, widerlegt zu werden, müssen wir schon eingehen – niemand hat die Wahrheit gepachtet. Schlecht diskutieren ist auch mit Leuten, die nur in Extremen denken können. Für die schließt immer eins das andere aus, und wer nicht eisern die antiautoritären Prinzipien einer glorreichen Vergangenheit hochhält und womöglich Manieren von seinen Kindern verlangt, der wird umgehend verdächtigt, sich nach der Dumpfheit der 50er Jahre zurückzusehnen und in Wirklichkeit für die Prügelstrafe zu schwärmen. Solche Leute arbeiten mit Unterstellungen, was immer ein Zeichen für Verbohrtheit ist.

7. Mit wem es keinen Spaß macht zu diskutieren

Und schließlich macht es mit denen keinen Spaß, die die Wogen mit humanitären Mäßigungsappellen glätten zu müssen meinen, jede drastische Formulierung auf die Goldwaage der Menschenrechte legen und es am liebsten sähen, wenn man für alles letztlich doch Verständnis aufbrächte. Die verkennen, daß der Eifer zum Gefecht gehört. Die keimfreie Atmosphäre von Podiumsdiskussionen und Fernsehtalkshows sollte kein Vorbild für unsere Streitgespräche sein. Je schärfer sich unsere Standpunkte voneinander abzeichnen, je unverblümter wir argumentieren, je forscher wir formulieren, desto weiter werden wir mit dem Versuch kommen, den Dingen gemeinsam auf den Grund zu gehen.

8. Sei unbefangen – Was gute Diskutierer und gute Erzähler gemeinsam haben

So gesehen hat der gute Erzähler eines mit dem guten Diskutierer gemeinsam: die Unbefangenheit. Dem Erzähler kommt darüber hinaus noch eine andere Eigenschaft zugute, nämlich eine gewisse Grausamkeit – schließlich gehört es zu seinem Geschäft, Zuhörer auf die Folter zu spannen. Erleben wir es vielleicht deshalb, daß die Kunst des Erzählens zusehends verkümmert, weil unsere nüchterne und moralische Zeit das nötige Quentchen Grausamkeit genauso mißtrauisch beäugt wie die nötige Portion Unbefangenheit? Oder hat sich eine ängstliche Pedanterie eingeschlichen, wie einer der wirklich guten Erzähler unserer Tage vermutet, der Kinderbuchautor Ali Mitgutsch? Vielleicht gehört eine Art von Verspieltheit dazu, um Freude am Geschichtenerzählen zu empfinden, sagt er. Vielleicht gelingt es uns einfach nicht mehr, unserem Alltag etwas Poetisches, Akrobatisches, eben Spielerisches abzugewinnen. Vielleicht liegt es auch daran, daß schon die Dinge um uns her keine Geschichten mehr erzählen, weil sie zu neu sind, weil sie selbst keine Geschichte haben – heute erzählen ja nicht einmal mehr die Grabsteine noch Geschichten! Und wahrscheinlich kommt hinzu, daß es keine Großmütter in Ohrensesseln mehr gibt. Mitgutschs eigene Großmütter … aber, überlassen wir doch gleich ihm selbst das Wort:

„Meine eigenen Großmütter waren ganz intuitiv gute Geschichtenerzählerinnen. Vor allem die aus dem Bayerischen Wald konnte Gespenstergeschichten so erzählen, daß sich ihre Zuhörer anschließend nicht mehr auf die nächtliche Straße wagten. Merkwürdig – heute sind die guten Erzähler in aller Regel Männer. Daß die Begabung unterschiedlich verteilt wäre, daran kann es jedenfalls nicht liegen …

9. Berühre Deine Zuhörer

Wie dem auch sei, als Erzähler muß man seine Zuhörer berühren, gleich zu Anfang. Manche lassen sich einen Trick einfallen, um ein Publikum in ihre Phantasiewelt zu entführen. Einmal habe ich erlebt, wie einer hereinkam, einen Gong nahm, dagegenschlug – und in den verklingenden Ton hinein wurde das Publikum immer stiller. Das dauert lange, bis so ein Ton verklingt. Und dann fing er mit leiser Stimme an, seine Geschichte zu erzählen … Es muß ja vollkommen still sein, bevor du als Erzähler darangehen kannst, wie eine Spinne deine Fäden zum Publikum zu spinnen. Wenn die Geschichte wirken soll, muß jeder im Raum wie durch ein unsichtbares Spinnennetz mit dir verbunden sein, und alle Fäden laufen bei dir zusammen. Es gibt dann nichts Schlimmeres, als wenn plötzlich ein Handy losgeht. Oder jemand hereinplatzt. Dann sind die Fäden zerrissen, und man muß mühsam neue knüpfen …

Dunkelheit fördert die Konzentration ungemein. Einmal war ich in einer Schule eingeladen, am Abend nach einem heißen Tag, und weil es immer noch heiß war, haben wir uns alle unter einem großen Baum niedergelassen. Und dann kam die Nacht. Es wurde dunkler und dunkler. Und meine Geschichten wurden immer besser, je dunkler es wurde. Ich war längst fertig, da waren alle noch gefangen. Auch Lagerfeuer bekommen einer Erzählung gut, aber sie dürfen nicht zu groß sein. Am besten schon etwas heruntergebrannt. Oder Zelte. Wir haben im Turnsaal eines Kindergartens mal ein Zelt aufgehängt und mit Kissen ausgelegt. Kein sehr großes Zelt, aber hoch. Darin kuschelten sich dann alle Kinder zusammen, und ich habe erzählt.

Wichtig ist, daß man einander sehen kann. Daß man sich in die Augen schauen kann. Ich war ganz am Anfang meiner Karriere mal in einem Kindergarten eingeladen, und die Kindergärtnerinnen hatte die Stühle im Kreis aufgestellt. Das war meine schlechteste Darbietung als Geschichtenerzähler! Weil die Hälfte der Zuhörer nicht in meinem Blickfeld war. Es muß ja immer eine Korrespondenz der Blicke stattfinden. Die anderen müssen dich sehen können, und du mußt sie sehen können. Wer nicht im Blickfeld sitzt, fühlt sich nicht angesprochen, der reagiert nicht mehr, und dann wird auch mir das Schießpulver naß.

10. Rede in Alltagssprache

Eine Erzählerin, die mich begeistert hat, war Elsa Maria von Camphoevener. Die war als Kind mit ihrem Vater, einem Offizier, in die Türkei gegangen, hat sich als Achtzehnjährige als Mann verkleidet und ist mit den Karawanen mitgezogen, als Geschichtenerzähler. Als uralte Frau hat sie im Rundfunk ein Interview gegeben, da hat sie schon gekeucht und kaum noch Luft gekriegt. Und die hat in ihrer Alltagssprache erzählt. Das war keine ausgefeilte Kunstsprache, sie hat Sätze in der Luft hängen lassen, sie ist ins Stocken gekommen, hat neu angesetzt, zwischendurch überlegt, sich unterbrochen, sich selbst Fragen gestellt, zögernd weitergeredet und sich auch mal wiederholt! Das war packend, als würde sie die Geschichte nicht erzählen, sondern erleben. Also bloß nicht glauben, daß man druckreif sprechen muß! Das Gesprächhafte des Erzählens berührt die Zuhörer viel stärker! Je natürlicher, desto besser.

12. Nimm Dir Zeit

Und dann: Pausen machen! Viele erzählen zu schnell und zu viel auf einmal. Nach einem Höhepunkt erst mal eine Pause einlegen, durchatmen. Also: seine Geschichte langsam entwickeln, so als würde man noch drüber nachdenken. Sich Zeit lassen! Und noch eins: Man wird nie ein guter Erzähler, wenn man nicht das Komische an einer Situation erkennt. Es gehört zur Erzählkunst dazu, dem Ärgerlichen, den Pannen und auch den eigenen Patzern Komik abzugewinnen.

Kinder sind die besten Lehrmeister. Kinder lauschen dir gebannt, mit großen Augen und offenen Mündern, wenn du gut bist. Und sie laufen dir aus dem Ruder, wenn du schlecht bist. Entweder, du fesselst sie – oder sie entgleiten dir wie ein nasses Stück Seife. Bei Kindern lernt man Erzählen. Erwachsene hören höflich zu, manchmal mit versteinertem Gesicht wie ein mexikanisches Götzenbild – das ist besonders schlimm. Wenn keine Reaktion kommt, das ist, als würdest du gegen eine Wand reden. Erzähler und Publikum müssen einen geschlossenen Kreislauf bilden. Du mußt die Leute berühren, mit deiner Sprache, deinem Thema, deiner Menschlichkeit. Erzählen kann man nicht routiniert und mit links. Da muß man sich mit seiner ganzen Person hineinwerfen.

Ich habe mir zur Regel gemacht, mich am Ende bei meinen Zuhörern zu bedanken. ‚Und außerdem‘, sage ich dann, ‚möchte ich mich bei Ihnen herzlich bedanken, denn Sie waren ein erstklassiges Publikum. Geschichtenerzählen ist immer eine Sache auf Gegenseitigkeit. Sie haben mir Ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt, und dadurch konnte ich über mich hinauswachsen.‘ Der Zuhörer schenkt dem Erzähler ja etwas. Je größer die Aufmerksamkeit, desto sicherer fühlt er sich getragen.“

Also, nehmen wir uns die Zeit, erzählen wir uns Geschichten! Unsere eigenen Geschichten – solange wir noch aus eigenen Geschichten bestehen. Solange wir noch nicht allesamt am Tropf einer Geschichtenindustrie hängen, die den Globus mit ihren vorgefertigten Einheitsphantasien überzieht. Warum? Weil unsere Phantasie auf dem Spiel steht. Unsere Fähigkeit, uns in Phantasien zu verlieren, in Phantasien zu schwelgen, uns das Leben in unseren eigenen Farben auszumalen. Denn Phantasie ist die Grundlage all dessen, was uns im Leben Spaß macht. Sie wird nie Gewohnheit. Sie allein verschafft uns Zutritt zur Unendlichkeit – oder, wie der Philosoph Ludwig Marcuse (1894–1971) sagt: Das Imperium der Phantasie ist das einzige, mächtige Jenseits, welches Diesseits ist. Und als Erzähler besitzen wir den Schlüssel zu diesem Reich.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Mit diskutieren beugen wir der Gefahr vor, daß uns der Verstand verkümmert, und wer vermeiden will, daß ihm die Phantasie eintrocknet, sollte sich im Erzählen üben. In beiden Fällen muß man wissen, worauf man sich einläßt, denn Diskutieren wie Erzählen bedeutet: aus der Deckung gehen, sich zeigen, Farbe bekennen und als Person voll und ganz präsent sein.“

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