Alle Welt spricht von konstruktiver Kritik. Aber was bedeutet das eigentlich? Ursprünglich ist eigentlich jede Kritik konstruktiv, da Kritik begründete Beurteilung heisst. Das wirft die Frage aus, was wir wann wir kritisieren sollten? Moritz Freiherr Knigge gibt Antworten, wie wir richtig kritisieren und Sachen und Menschen gerecht werden. Geht es doch immer um beides: Die Sache und den Menschen. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Endlich bin ich auch weit entfernt, zu fordern, man solle alles loben und alle offenbaren Fehler entschuldigen, vielmehr habe ich nie den Leuten getraut, die so merklich affektieren, alles mit dem Mantel der christlichen Nächstenliebe bedecken zu wollen.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 28

Von der Kunst des Ermutigens – 10 Tipps, um richtig zu kritisieren 

Ich kannte einen Mann, Porträtfotograf und schon lange im Geschäft, der lobte die Menschen, die er täglich vor der Kamera hatte, gnadenlos. „Sehr gut, sehr gut!“ pflegte er zu sagen. „Ganz großartig! Wir machen’s aber trotzdem nochmal, und diesmal etwas anders.“ Seine Kunden waren keine Profis, keine Models, und sicher wußten die meisten, daß sie nicht wirklich „großartig“ gewesen waren. Aber es funktionierte. Die Leute faßten Vertrauen zu sich selbst und legten in kürzester Zeit ihre Befangenheit ab. Die routinierte Schmeichelei des Fotografen erleichterte es beiden Seiten, ihre Rolle so gut wie möglich zu spielen.

Und dann hatte ich einmal einen Trainer, der lobte uns in den höchsten Tönen, egal, wie vernichtend unsere Niederlage ausgefallen war. Ich betrieb damals einen Mannschaftssport, der in Deutschland weitgehend unbekannt war: Lacrosse; wir spielten meist schwach, heimsten eine Niederlage nach der anderen ein, und dennoch war unser amerikanischer Trainer jedesmal hochzufrieden – nie hatten wir ihn enttäuscht, stets war die Niederlage denkbar knapp ausgefallen und niemals bestand der geringste Zweifel am Sieg im nächsten Spiel. Und das funktionierte nicht. Sein Dauerlob hatte nämlich nichts mit Ermutigung und wenig mit Aufmunterung zu tun, es lief vielmehr auf den Versuch hinaus, uns nach Art der Motivationsgurus auf Sieg zu programmieren, und war für Leute, die sich ihres Verstands durchaus zu bedienen wußten, nachgerade ärgerlich.

1. Prozess und Ergebnis trennen

Was hatte der eine richtig, der andere falsch gemacht? Ich glaube, daß es klug ist, durch vorgreifendes Lob anzufeuern, solange eine Arbeit im Gang ist, und eher alle Anzeichen für ein Gelingen zu honorieren als alle erkennbaren Schwächen aufzudecken. Gleichgültig, ob Kinder in der Schule ein Bild malen oder Erwachsene eine Werbestrategie entwerfen – in der produktiven Phase sind Menschen empfindlich, und die besten Resultate darf man sich versprechen, wenn man sie dann nach Kräften bestärkt und alles unterläßt, was ihr Selbstbewußtsein erschüttern könnte. Die Zeit für eine sachliche, offene, vielleicht auch schonungslose Kritik kommt hinterher, wenn das Ergebnis vorliegt – und womöglich so trostlos ausgefallen ist wie der Spielstand, bei dem unsere Lacrosse-Partien in der Regel abgepfiffen wurden. Wer würde sich als denkender Mensch ernstgenommen fühlen, wenn er dann zu hören bekäme, es habe nur das letzte Quentchen Glück gefehlt? Ganz abgesehen davon, daß die Unterstellung, man habe bereits sein Bestes gegeben, auf sensible Zeitgenossen geradezu demoralisierend wirkt.

Unser Trainer, der sich übrigens durch keinen Einwand beirren ließ, war ohne Zweifel das willenlose Opfer eines Trends, der dieser Tage immer weitere Lebensbereiche erfaßt. Positiv denken! heißt das Gebot der Stunde – und wer jetzt noch kritisiert, der setzt sich dem Generalverdacht der Gehässigkeit aus, der gilt als Spielverderber oder krankhafter Nörgler, der ist eigentlich kaum noch gesellschaftsfähig und „zukunftsfähig“ schon gar nicht. Allenthalben müssen sachliche Analyse und offene Kritik heute einem zuversichtlichen, erbaulichen Ton weichen, der Zweifel an dem unaufhaltsamen Siegeszug von was auch immer gar nicht erst aufkommen läßt, und dort, wo es politisch korrekt zugeht, ist man ohnehin längst übereingekommen, daß alle Kritik dem lieben Frieden schade und deshalb – wenn es einer denn gar nicht lassen kann – wenigstens positiv sein muß. Was nichts anderes heißt, als daß man sie abschaffen will. Das Verfahren ist sattsam bekannt – „Augen verschließen und alles unter den Teppich kehren“, so hätte man es zu anderen Zeiten genannt.

2. Nicht geliebt werden wollen

Natürlich, jeder will Anerkennung, jeder sehnt sich nach Applaus, jeder ist insgeheim gekränkt, wenn er Kopfschütteln statt sprachlosem Staunen erntet. Das ist menschlich. Aber genauso menschlich ist es, daß man die Güte der eigenen Arbeit oder die Wirkung seiner Person auf andere selbst nur schwer einzuschätzen vermag und selten ohne fremde Hilfe dahinterkommt, woran es im Einzelfall hapert. Ohne Kritiker würden wir uns verrennen, selber zum Narren halten, entweder über- oder unterschätzen, wahrscheinlich in Selbstgenügsamkeit oder in Selbstzufriedenheit baden und in den allermeisten Fällen im Mittelmaß verharren. Daß der Kritisierte in Liebe zu seinem Kritiker entbrennt, ist nicht zu erwarten; die Schmähungen, die Schriftsteller gegen das Rezensentenpack verfaßt haben, dürften eine ganze Bibliothek füllen, und nur eins ist unerträglicher als jede vernichtende Kritik: überhaupt keiner Kritik gewürdigt und folglich auch nicht ernst genommen zu werden.

3. Positive Kritik ist Beleidigung

Und damit wären wir wieder bei der „positiven“ Kritik. Sie ist in etwa so erbaulich wie ein geschenkter Sieg – und nicht weniger beleidigend. Als könnte der, dem sie gilt, die Wahrheit nicht verkraften, als müßte bei ihm eine Art Unreife oder Unzurechnungsfähigkeit fortwährend als mildernder Umstand in Betracht gezogen werden. Der „positive“ Kritiker teilt mit herablassender Geste Gefälligkeiten aus; außer der freundlichen Bezeichnung unterscheidet ihn nichts vom Schmeichler. Denn positive Kritik gibt es nicht. Kritik ist nichts anderes als die möglichst unvoreingenommene Bewertung oder Beurteilung einer Leistung oder eines Verhaltens und fällt je nachdem gut oder schlecht aus, ist an sich aber weder positiv noch negativ. Der Kritiker ist kein Therapeut; er muß immer auf Abstand gehen, aus der Distanz heraus urteilen, und kann sich deshalb dem Verlangen nach Erbaulichkeit und Verständnisinnigkeit nicht beugen, das in manchen Kreisen herrscht. Da sich Kritik immer an Menschen wendet, hat der Kritiker gleichwohl bestimmte Rücksichten zu nehmen.

4. Begründen

Kritik sollte stets nachvollziehbar sein und muß deshalb begründet werden. Der Kritisierte muß wissen, welche Maßstäbe wir anlegen, von welchen Grundsätzen wir uns leiten lassen. Wer seine Kritik nicht begründet, kanzelt den anderen ab. Die beliebteste Art, jemanden fertig zu machen, besteht darin, Kritik moralisch aufzuzäumen und gezielte Sabotage zu unterstellen, so als ob die wahre Ursache für einen Fehler in der bösen Absicht oder dem Widerwillen des Betreffenden zu suchen wäre. Bleiben wir bei der Sache, schonen wir die Person! Tasten wir nicht ihre Ehre an, stellen wir nicht ihre moralische Eignung in Frage, unterstellen wir so lange wie möglich guten Willen!

5. Ausgewogen kritisieren

Kritik sollte darüber hinaus stets ausgewogen sein. Wo es etwas zu loben gibt, sollten wir es loben, und das Lob unseren Einwänden vorausschicken. Heben wir gute Ansätze hervor und berücksichtigen wir auf jeden Fall, wieviel Mühe sich einer gegeben, wieviel Mut er bewiesen, wieviel Einsatzfreude oder Interesse er gezeigt hat! Jede Kritik sollte so formuliert werden, daß sie ermutigend wirkt – nicht daß der Kritisierte den Eindruck gewinnt, ein hoffnungsloser Fall zu sein! Es ist eine schlechte Angewohnheit, alles Gelungene zu übersehen und den einzigen Fehler herauszupicken, um dann darauf herumzuhacken. Richten wir unser Augenmerk also genauso stark auf das Geglückte wie auf das, was noch zu Wünschen übrig läßt – aber: Legen wir die Meßlatte hoch! Trauen wir dem anderen etwas zu! Dimmen wir das Niveau nicht aus therapeutischer Rücksicht immer weiter herunter! Gehen wir stets davon aus, daß der Mensch entwicklungsfähig ist – damit ist ihm mehr gedient, als wenn wir ihm gnädig größere Mühe ersparen.

6. Mutig sein und die Dinge beim Namen nennen

Beantworten wir Mut mit Mut, wenn wir um Kritik gebeten werden, reden wir uns dann nicht mit Phrasen heraus! Ich erinnere mich, daß mich ein Kollege einmal um meine Einschätzung seiner Fähigkeiten bat – ob die Firma mit ihm zufrieden sein könne, wollte er wissen, und wie er auf mich und andere wirke. Nun, seine Arbeit machte er gut, das sagte ich ihm, verhehlte aber auch nicht, daß er seinen Kollegen mit seiner aufdringlichen Art und seiner nervösen Redseligkeit gehörig auf die Nerven ging. Er nahm sich meine Kritik tatsächlich zu Herzen, zügelte sich fortan und trug mir meine Offenheit in keiner Weise nach. Weichen wir in solchen Fällen also nicht auf bequeme Schmeichelei aus.

Wenn sich schon jemand überwindet, uns um unsere ehrliche Meinung zu fragen, sollten wir so viel Mut durch rückhaltlose Ehrlichkeit belohnen.

7. Mit dem Lob verfahren wie mit der Kritik

Für das Lob gilt im Grunde Ähnliches wie für die Kritik. Lob muß echt sein, muß gerechtfertigt sein, andernfalls wäre es eine Form, sich über jemanden lustig zu machen – es sei denn, man setzt es, wie besagter Fotograf, strategisch ein. Lob hat dann das meiste Gewicht, wenn die Hürden hoch waren und der, der es spendet, nicht leicht zufriedenzustellen ist. Für Kindereien und Selbstverständliches sollte man niemanden loben, den man nicht als Versager bloßstellen will. Ich plädiere aber entschieden dafür, den Blick für das Geglückte zu schärfen, immer wieder mal und eher beiläufig ein anerkennendes Wort oder ein Kompliment einfließen zu lassen und auch kleine Fortschritte zu loben, wenn jemand Ermutigung nötig hat. Eines sollte man allerdings bedenken: Kaum etwas motiviert zu einer noch größeren Anstrengung mehr als ein kleiner Rest Skepsis, ein hinausgezögerter Vorbehalt, den man erst dann aufgibt, wenn eine Arbeit tatsächlich erfolgreich abgeschlossen ist.

Daß einer Gelungenes auch im Kleinen und Nebensächlichen wahrnimmt und würdigt, das kann jedenfalls zum Markenzeichen einer Person werden, so selten ist es. Überhaupt empfehle ich, häufiger Anerkennung oder Dankbarkeit zu bekunden. Viele machen sich nur dann bemerkbar, wenn sie etwas stört, wenn sie Grund zu Reklamation oder Protest haben – ja, dann läßt jeder von sich hören. Hat aber etwas gefallen, war man begeistert oder gerührt, dann unterziehen sich die wenigsten der Mühe, anzurufen oder eine Karte zu schreiben, um ihrer Befriedigung Ausdruck zu verleihen.

8. Unbehagen antizipieren

Bedenken wir aber, daß Lob Unbehagen auslösen kann. Die einen befürchten vielleicht, daß sich mit einem unerwarteten Lob eine längst befürchtete Kritik ankündigt, die anderen mißtrauen einem Lob, weil der, der es ausspricht, bislang nicht gerade zu ihren Bewunderern gehört hat, die dritten beschämt es womöglich, weil sie aus Bescheidenheit lieber unerwähnt bleiben würden. Grundsätzlich gilt: Je massiver ein Lob, desto größer die Gefahr, daß es peinlich wirkt. Drücken wir also niemandem einen Lorbeerkranz vom Gewicht eines Mühlsteins auf den Kopf. Auch sollte sich unser Lob, wie unsere Kritik, stets auf die Sache beziehen, nie auf die Person. Einen Menschen für das zu loben, was er ist, steht uns in aller Regel nicht zu. Beugen wir darüber hinaus dem Verdacht vor, ein Lob könnte ironisch gemeint sein, indem wir es ebenso gut begründen, wie wir eine Kritik begründen würden. Im übrigen gibt es unterschiedliche Formen, ein Kompliment unauffällig einzustecken. So kann man zum Beispiel auf eine leicht ironische Distanz gehen, den Ball auffangen und zurückgeben, indem man entgegnet: „Danke – Sie verstehen es, Komplimente zu machen!“, oder aber schlicht und wahrheitsgemäß bemerken: „Danke, das höre ich gern“, was sich für mein Gefühl auch mit der ausgeprägtesten Bescheidenheit verträgt.

9. Sich einbeziehen

Darüber hinaus gibt es indirekte Formen des Lobes wie der Kritik. Eine indirekte Weise des Lobens wäre es, andere sprachlich in die eigene Leistung einzubeziehen und als Regisseur zum Beispiel nicht von „meinem Film“ zu sprechen, sondern von „unserem Film“, wenn eine Person zugegen ist, die irgendwie, und sei es nur am Rande, daran mitgewirkt hat – Mitarbeiter haben ein feines Ohr für diese Art der Anerkennung. Ein Fall indirekter Kritik wäre es, durch ein Geschenk auf einen heiklen Punkt anzuspielen, etwa durch ein Eau de Cologne auf den Umstand, daß es einer mit der Körperpflege nicht so genau nimmt. Eine andere Strategie besteht darin, Namen zu vertauschen und im Gespräch so zu tun, als hätte man das, was einen an seinem Gegenüber stört, unlängst mit einer anderen Person erlebt und sich darüber geärgert. Und dann gibt es die vornehme englische Art, „Ist Ihnen nicht kalt?“ zu fragen, wenn man selbst findet, daß das Fenster wieder geschlossen werden könnte.

10. Selbstlob und Selbstkritik mit Vorsicht genießen

Selbstlob und Selbstkritik schließlich sind beide mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Was das Selbstlob angeht: Nicht, daß wir unser Licht unter den Scheffel stellen sollten, aber selbstbewußtes Understatement ist oft die beste Reklame für uns. Unverblümtes Selbstlob sollten wir eigentlich nur vor Menschen äußern, die uns gut genug kennen, um den ironischen Unterton herauszuhören. Und bei der Selbstkritik sollten wir bloß nicht in Selbstanklage verfallen! Es gibt Menschen, die schier zusammenbrechen, wenn sie einen Fehler eingestehen, und meinen, sie müßten öffentlich Buße tun, bevor ihnen verziehen werden könnte. Das ist ein Zeichen von mangelndem Selbstbewußtsein – Lob dürften wir dafür genauso wenig erwarten wie für ein bierernst gemeintes Selbstlob.

Moritz Knigge sagt: „Begründe deine Kritik und laß das Lobenswerte nicht unerwähnt! Schärfe deinen Blick für das Gelungene, suche es auch im Nebensächlichen und würdige es. Aber laß dich nicht durch die Forderung nach „positiver“ Kritik zu einer therapeutischer Nachsicht verleiten, die sich von Schmeichelei kaum unterscheidet.“

Share This