Auf der Rolltreppe soll man rechts stehen und links gehen. Das wird in der tube in London auch so gemacht. Und wenn es um das Schlange stehen geht, dann sind wir auf der Insel, die nicht mehr so ganz zu Europa gehören will, genau richtig. Wer lernen will, wie er sich in und gegenüber Warteschlangen verhalten soll, dem sei ein Praktikum in Großbritannien ans Herz gelegt. Wer in London links steht, hat entweder seinen punkigen Tag erwischt, hat einen boshaften Charakter oder muss ein Tourist ohne Reisführer sein.

Deutschland steht. England jetzt auch?

In Deutschland sieht die Sache anders aus. Mein mini-empirischen Studien legen einen 50%-50% Verteilung nahe: Die eine Hälfte steht, die andere geht links, was nicht selten zu Ärger führt.  Ob lautes „TSCHULDIGUNG!“ „DARF ICH VIELLEICHT MAL?“ „HALLO?!“ oder leiseres Hüsteln, Räuspern, Entschuldigung murmelnd, die unhöflichen Linksteher werden sich das nächste mal gut überlegen, ob Sie Ihrem Müßiggang tatsächlich auf der linken Seite der Rolltreppe frönen wollen oder sich rechts einreihen.

Gut manchmal geht’s einfach nicht anders: Wer vor sich einen vollbepackten  Menschen sieht, der sollte auf sein Recht zur Überholung verzichten. Ausnahmsweise. Nicht, dass der andere beim Versuch, sich so dünn wie möglich zu machen, noch über die Brüstung fällt.

Anstand schlägt Ratio

Umso erstaunlicher, dass nun ausgerechnet im Mutterland der kultivierten  Rollentreppen-Manieren Wissenschaftler ausgerechnet haben, dass bis zu 30% mehr Menschen transportiert werden könnten, wenn rechts und links gestanden würde. Die Transportbehörde handelte und veranlasste die empirische Überprüfung des Theoretischen in der Wirklichkeit. In Holborn Station, wo 56 Millionen Menschen im Jahr aus- und einsteigen. Mark Evers von London Underground stellte feste, dass sich tatsächlich weniger Staus unten an den sehr langen Londoner Rolltreppe bildeten. Doch Ratio hin oder her, die Laufkundschaft mochte sich nicht recht an das neue Motto: „Please keep standing“  gewöhnen. Tradierte Anstandsregeln lassen sich nicht mal soeben durch dreimal schlaue Effizienzkriterien ersetzen. Weil Anstandsregeln nicht darauf basieren, wie etwas ist, sondern was dem menschlichen Miteinander dient. Und wenn jemand lieber laufen statt stehen will, dann wäre es höflich ihm das zu ermöglichen. Wartezeiten unten an der Rolltreppe und wissenschaftlichen Studien zum Trotz.

Höflichkeit schlägt Anstand

Doch mit dieser Einsicht noch nicht genug. Auch die Anstandsregeln sind auf Rolltreppen nicht der Weisheit letzter Schluss sondern ihre Auslegung. Und bei dieser hilft mir das schöne Motto: „Sei selbst höflich und behandle andere als seien sie es auch. Heisst für unseren Fall: Stehe rechts und gehe links, aber maßregle niemanden, der das nicht tut, sondern verhalte Dich so, als stünde man links. Schon immer.

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