Umgangsformen sind weder Selbstzweck noch Karriereinstrument, sagt Moritz Knigge. Umgangsformen sind das Ergebnis einer Haltung. 

Umgang ohne Form ist wie Schnitzel ohne Panade

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Manche Leute glauben, größere Eigenschaften berechtigten sie, die kleinen gesellschaftlichen Schicklichkeiten, die Regeln des Anstands, der Höflichkeit oder der Vorsicht zu vernachlässigen – das ist nicht gut getan … und es ist nicht weise gehandelt, die unschuldigen Gebräuche der Gesellschaft zu verachten, wenn man in der Gesellschaft leben und wirken will.“

Über den Umgang mit Menschen, I. Einleitung

Formlosigkeit als ewige Pubertät

In allen Gesellschaftsschichten gibt es Menschen – und sie müssen nicht zu den unsympathischsten gehören –, die auf Formen nicht den geringsten Wert legen, ja, mit einem gewissen Stolz genau das machen, worauf man sich im Verlauf des Zivilisationsprozesses geeinigt hat, es nicht zu machen, so als würden sie ein verdienstvolles Werk der Aufklärung betreiben, wenn sie jederzeit ungeniert privat sind, ihre Kleidung und ihre Körperpflege souverän vernachlässigen und die meisten Regeln des Umgangs zu störendem Beiwerk erklären. Sobald es warm wird, hat man sie in Unterhose vor sich sitzen, Shorts und Unterhemd reichen für den Museumsbesuch völlig aus, gemeinsame Mahlzeiten sind aus ihrer Sicht bürgerliche Zwangsveranstaltungen und kommen deshalb nicht in Frage, und die Nahrungsaufnahme selbst vollzieht sich, sagen wir: extrem unkonventionell. Darauf angesprochen, lassen sie uns mit einer gewissen Selbstzufriedenheit wissen, daß dies alles unter ihr Lebensmotto falle: Mehr sein als scheinen. Was ja zunächst einmal so unsympathisch auch nicht klingt.

Innere Werte brauchen äußere Form

Es überzeugt mich nur nicht. Was wollen sie denn beweisen? Daß das, was uns unangenehm an ihnen auffällt, nicht das Geringste über ihre Person besagt? Daß ihr Verhalten gar nicht zählt, weil es auf die unsichtbaren Qualitäten ankommt, weil man einen Menschen nur nach seinem Charakter, seiner Herzensgüte, seiner Intelligenz vielleicht beurteilen darf? Daß die Form belanglos und der Inhalt alles sei? Als würde es nichts über ihren Charakter – und ihre Intelligenz womöglich – besagen, wenn sie ihre Ungeniertheiten vor den Augen anderer ausleben und keine Rücksicht darauf nehmen, daß man ihre Schamlosigkeit als Zumutung empfinden könnte. So leicht lassen sich Form und Inhalt nun doch nicht gegeneinander auspielen. Es gehört wohl eher eine gewisse Unverfrorenheit dazu, die Verachtung aller Umgangsformen zum Ausdruck einer edleren Daseinsform zu verklären; ganz abgesehen davon, daß hier ein Mißverständnis vorliegen muß. Mehr sein als scheinen – das kann doch nur bedeuten, daß jemand mit seinem Wissen, seinem Können, seinen Erfahrungen und Leistungen nicht gleich ins Haus fällt, daß er keinen Wirbel um sich macht und bescheidener auftritt als andere Menschen von seinen Qualitäten. Daß man, mit anderen Worten, ihm erst nach längerer Bekanntschaft anmerkt, was er zu bieten hat – und nicht in kürzester Zeit darüber aufgeklärt wird, was er nicht zu bieten hat. Wie aber kann es zu diesem Mißverständnis kommen?

Der Wert der kunstvollen Natürlichkeit 

„Mehr sein als scheinen“ ist offenbar die harmlose Formel für etwas ganz anderes, nämlich die Überzeugung, daß der Mensch erst dann so richtig menschlich wird, wenn er die Fesseln der Zivilisation abschüttelt und zu einer unbefangenen Natürlichkeit zurückfindet. So als käme sein ursprüngliches Wesen in seiner ganzen strahlenden Unschuld zum Vorschein, sobald er sich den Kunststoffüberzug der Zivilisation vom Leib gerissen hat. Ich frage mich allerdings, ob dieser Verlust an Zivilisation in jedem Fall ein Gewinn für die Menschheit ist. Denn was da oft genug zum Vorschein kommt, davon können alle die ein Lied singen, die im Restaurant schon einmal über Stunden hinweg den ununterbrochenen Lachsalven vergnügter Studentinnen ausgesetzt waren; die die cholerischen Wutanfälle eines Ehemanns über sich ergehen lassen müssen, weil er nun mal ein „lebhaftes Temperament“ habe; die die Ausbrüche von Mißgunst, Feindseligkeit und Gehässigkeit unter zivilisationsmüden Aussteigern erlebt haben, in deren Kolonien an irgendeinem Mittelmeerstrand jeder endlich nur noch seinen natürlichen Gefühlen und unschuldigen Herzensregungen folgen durfte.

Mag sein, daß so etwas wie Natürlichkeit übrigbleibt, wenn man die Zivilisation abstreift. Mag aber genauso gut sein, daß dabei bloß eine Unzivilisiertheit zum Vorschein kommt, die ohne weiteres in blanke Rohheit umschlagen kann. Wie dem auch sei, als Kritiker tut man sich jedenfalls schwer, wenn es wie in einem Zauberwald ringsumher von Stimmen schwirrt, die uns auffordern, spontan zu sein, uns auszuleben, uns nicht verbiegen zu lassen, aus uns herauszugehen, nur auf unser Gefühl zu hören, kurz: ganz wir selbst zu sein.

Zivilisationsfeindlichkeit ist unfreundlich 

Nur – wer sind wir denn? Ich meine, wenn wir ganz wir selbst sind? Ein unverfälschtes und deshalb unschuldiges Naturprodukt? Oder doch eher das Resultat unserer Erziehung, unserer Kultur, unseres gesellschaftlichen Milieus? Und wie sollte sich das eine vom anderen trennen lassen? Ist der enthemmte Zivilisationsverächter, der im Restaurant genüßlich sein Messer ableckt, der im Museum in Shorts und Unterhemd aufkreuzt, der in einer vollbesetzten Straßenbahn einen Silvesterkracher größeren Kalibers zündet, natürlicher als jemand, der sich zu all dem nicht überwinden könnte?

Tatsächlich gibt es keine befriedigende Antwort auf diese Frage. Bei allen, die sich als Philosophen, Pädagogen oder Staatswissenschaftler je damit befaßt haben, herrscht untereinander die größte Uneinigkeit darüber, wo die Natur des Menschen aufhört und wo die Zivilisation anfängt, was diese Natur genau ausmacht, ob es dergleichen überhaupt gibt und was wir uns gegebenenfalls von dieser Natur versprechen dürfen. Jeder sagt etwas anderes. Die aussagekräftigsten Antworten werden, wie ich glaube, im wirklichen Leben gewissermaßen experimentell ermittelt, und da schöpft jedes Volk aus seinen eigenen Erfahrungen. Die deutsche Antwort lautet: Natur ist behaglich, Zivilisation unbehaglich.

Wenn mich nicht alles täuscht, hat man in unserem Land dem Braten der Zivilisation nie so recht getraut. Zivilisationsfeindlichkeit hat in Deutschland jedenfalls eine lange Tradition. Von den sogenannten Unflätigen, die zur Reformationszeit in Scharen auftauchten und wie die Struwwelpeter saufend und fluchend durch die Lande zogen, über die Altdeutschen um den Turnvater Jahn, die im frühen 19. Jahrhundert langbärtig und in Germanenkitteln herumliefen, bis zu den Gammlern und Hippies des eben vergangenen Jahrhunderts und ihren Nachfolgern, den Grünen und Aussteigern unserer Tage, zieht sich durch unsere Geschichte der Glaube an eine gute Natur, der sich der Mensch unter der Diktatur der Zivilisation entfremdet – eine Haltung, die zum Beispiel in Italien oder Frankreich zu keiner Zeit eine größere Anhängerschaft gehabt haben dürfte.

Zivilisation als Garant für Freiheit

Aber erst die Achtundsechziger hatten mit ihrer Glücksformel: Je weniger Zivilisation, desto besser! durchschlagenden Erfolg. Vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte klang es eben ganz plausibel, daß die Gesellschaft für alles verantwortlich, die Erziehung an allem schuld, der Staat nach wie vor zu allem fähig und nur das Individuum gut und edel sei – vorausgesetzt, es behauptet sich mit aller Kraft gegen die Einflüsse der Gesellschaft und vertraut allein auf seine Originalität, sein einmaliges und ursprüngliches, unverfälschtes Wesen. Seither gehört es bei uns jedenfalls beinahe zur Allgemeinbildung, daß Zivilisation vor allem Zwang ist und Zwang vor allem Frustration bedeutet, Ungezwungenheit hingegen natürlich und alles Natürliche bekömmlich ist. Da kann man dann mit seiner Wesensart so gut wie alles entschuldigen – man ist eben, wie man ist, der Charakter ist unantastbar, und was natürlich ist, kann doch nicht schlecht sein. Ein mustergültiger Vertreter dieser Einstellung ist der Kollege, der alle mit seiner Unbeherrschtheit tyrannisiert und kühl lächelnd erklärt, er jedenfalls bekomme kein Magengeschwür.

Wie gesagt: Es ist nicht zu entscheiden, wie weit unser Verhalten von unserer Natur geprägt wird und ob nicht längst die Kultur zu unserer eigentlichen Natur geworden ist. Darüber streiten sich die Geister. Immerhin sieht es so aus, als hätten wir zumindest zwei angeborene Neigungen: erstens die, von den anderen Wesen unserer Gattung bemerkt und mit Anerkennung bedacht werden zu wollen – kaum etwas schlimmer, als unbemerkt leben zu müssen, als namenloser Flüchtling im Exil etwa. Und zweitens die, uns für unvergleichlich zu halten und wenig Verständnis für den Anspruch unserer Mitmenschen aufzubringen, unseresgleichen zu sein – kaum etwas schlimmer, als auf Normalmaß zurechtgestutzt zu werden. Beides scheint also tatsächlich in unserer Natur zu liegen: die Liebesbedürftigkeit genauso wie der Größenwahn. Eine heikle Grundausstattung. Der Sinn jeder Zivilisation scheint mir nun darin zu liegen, zwischen diesen beiden entgegengesetzten Neigungen einen friedlichen Ausgleich zu schaffen und uns immer wieder, mehr oder weniger behutsam, darauf zu stoßen, daß wir aufeinander angewiesen sind. Also so etwas wie eine „zivile Sympathie“ zu wecken unter Lebewesen, die am liebsten alle anderen als Claqueure betrachten würden, gut genug, ihnen von Zeit zu Zeit den verdienten Applaus spenden. Mit anderen Worten: Die Zivilisation garantiert unsere Freiheit.

Zivilisationskritik ja, Feindlichkeit nein

Natürlich kann man sich mit bestimmten Erscheinungsformen seiner eigenen Zivilisation auseinandersetzen, kann sich, wo sie zu steifen Konventionen oder leerer Etikette erstarrt ist, auch dagegen auflehnen. Wer sie jedoch rundweg ablehnt, der lehnt sich selber ab, wie mir scheint, weil unsere Natur von Zivilisation durchtränkt ist und unsere Kultur uns längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und instinktiv, möchte ich fast sagen, erkennen das auch ihre Verächter an – meines Wissens hat jedenfalls noch keiner von ihnen gefordert, in der Liebe etwa alle Zivilisation fahren zu lassen, auf Phantasie, Raffinement und Erfahrung zu verzichten und nur noch wie ein Eber über die Dame seines Herzens herzufallen. Wieso sollte es dann aber wertvoller oder „menschlicher“ sein, bei Tisch und in Gesellschaft keine Errungenschaft der Zivilisation mehr gelten zu lassen?

Wenn wir trotzdem alle Wert darauf legen, natürlich oder authentisch zu erscheinen – also als die, die wir sind –, dann steckt im Grunde etwas anderes dahinter, nämlich ein berechtigter Widerwille gegen solche Exemplare unserer Gattung, die als Personen unglaubwürdig sind, deren Zivilisiertheit aufgesetzt und deren Beherrschtheit verkrampft wirkt, die aufgeschnapptes und halbverdautes Zeug von sich geben, die in Gesten und Ausdrucksweise manieriert sind, die bei fortgeschrittenem Alter Jugendjargon reden, die ständig Kompetenz vortäuschen müssen und sich zu Experten für alles und jedes aufblasen und aus all diesen Gründen einen peinlichen Eindruck auf uns machen, kurz: die mehr, oder jedenfalls anders scheinen wollen, als sie sind. So wollen wir, und so sollten wir wahrhaftig auch nicht wirken. Wobei der Fehler nicht darin besteht, daß solche Zeitgenossen versucht hätten, etwas aus sich zu machen, was sie nicht sind – unser ganzes Leben besteht schließlich aus dem Bemühen, etwas aus uns zu machen, was wir noch nicht sind. Aber es kann dabei geschehen, daß man am Ende etwas aus sich gemacht hat, was man tatsächlich nicht ist, einfach, weil man die gefundene Form nicht ausfüllen kann. Dann hätte man das verfehlt, worum es sich bei der Lebensklugheit letztlich dreht: die künstliche oder kunstvolle Natürlichkeit. Und davon soll im nächsten Abschnitt die Rede sein.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Man wirkt nicht natürlich, wenn man zivilisierte Formen des Umgangs ablehnt, sondern weil man als Person glaubwürdig ist. Herzlichkeit und Höflichkeit schließen einander genausowenig aus wie Ungezwungenheit und Selbstbeherrschung. Nur wer beides zu verbinden versteht, hat tatsächlich etwas aus sich gemacht.“




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