Selbst sicher auf dem Parkett des Zwischenmenschlichen sein und anderen die Bühne bereiten, so könnte es klappen im Umgang mit Menschen. Sagt Moritz Freiherr Knigge. 

Stelle weder Dich noch andere bloß

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Es ist daher nicht zu verzeihen, wenn man sich immer unter andern Menschen herumtreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigene Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selbst zu fliehen scheint, sein eigenes Ich nicht kultiviert, und sich doch stets um fremde Händel bekümmert.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 2, 1

Wissen, was wie gespielt wird

Wenn wir das Leben von seiner praktischen Seite her einigermaßen in den Griff bekommen haben, stehen wir immer noch und immer wieder vor zwei Fragen. Die erste lautet: Wie verhalte ich mich gegenüber den Anforderungen meiner Kultur und der Gesellschaft? Und die zweite: Wie verhalte ich mich gegenüber meinen Mitmenschen? Wenn wir so fragen, geht es in erster Linie wohl darum, ein realistisches Bild von unseren Möglichkeiten zu bekommen und auf die allgemeinverträglichste Art das Beste daraus zu machen – zweifellos in der Hoffnung, mit uns selbst immer zufriedener zu werden und mit allen anderen im Frieden zu leben. Was darüber hinausgeht, das Glück einer großen Liebe, einer dauerhaften Freundschaft, einer steilen Karriere, eines abenteuerlichen oder auch ruhigen Lebens, hängt dann weitgehend von individuellen Begabungen, Charaktereigenschaften, Geschmack und Zufall ab.

Immerhin – zu wissen, was gespielt wird, und zu wissen, wie es gespielt wird, ist die beste Grundlage dafür, uns unter allen Lebensumständen zur Geltung bringen zu können. Die Kunst, sich zur Geltung zu bringen, ist wiederum eine wesentliche Voraussetzung für unseren Erfolg. Doch was heißt das genau: sich zur Geltung zu bringen?

Bringe Dich zur Geltung und bereite anderen eine Bühne

Auf sich aufmerksam zu machen, um nicht übersehen zu werden? Wohl mehr. Andere von sich zu überzeugen, womöglich in seinen Bann zu schlagen? Ist also Selbstdarstellungskunst gemeint? Aber reicht das, um unsere Mitmenschen für uns zu gewinnen und unsere Aussichten auf Erfolg zu verbessern? Also dann: Sich einen Freiraum zu verschaffen, in dem man sich entfalten und seine volle Wirkung erzielen kann? Wohl schon eher. Vorsichtig formuliert könnte man vielleicht sagen: Es gehört dazu, die Umstände, in denen man sich befindet, realistisch einzuschätzen, sich auf die Beteiligten einzustimmen, sein Verhalten auf die jeweilige Situation abzustimmen und so seinen Spielraum zu erweitern, seine Handlungsfreiheit zu vergrößern. Also eine Anpassungsfähigkeit an den Tag zu legen, die nichts mit Selbstverleugnung zu tun hat, sondern die Bedingungen dafür schafft, daß man selbst zum Zug kommt.

Aber – was wollen wir, sollte uns das gelingen, denn eigentlich zur Geltung bringen? Nur unsere Fähigkeiten, unser Wissen, unsere Bildung? Oder auch unser Temperament, unseren Humor, unsere Intelligenz, unsere Emotionalität – also alles, was unsere Individualität ausmacht? Vielleicht auch unsere Selbstüberschätzung, unsere Arroganz, unsere Geschwätzigkeit? Unseren Ehrgeiz und unseren Machtinstinkt womöglich? Manche halten alles an sich für gleich wertvoll. Aber müssen wir wirklich jederzeit das bemühen, was wir für unser echtes, ursprüngliches Naturell halten? Oder sollten wir an uns zügeln, was Zügelung verdient, wie es der Schriftsteller Albert Camus (1913–1960) empfiehlt? Ich glaube: Nicht zuletzt der Anspruch, uns stets voll und ganz zur Geltung zu bringen, hindert uns daran, uns tatsächlich zur Geltung zu bringen. Möglich, daß es aus Gründen der seelischen Hygiene gut und richtig ist, sich nicht zu zügeln. Aus Sicht der Lebensklugheit aber wäre es töricht, sich partout entblößen zu wollen – genauso töricht, wie sich selbst durch Unsicherheit und ungeschicktes Auftreten im Wege zu stehen, durch Fehler im Umgang mit anderen oder lästige Angewohnheiten die Leute vor den Kopf zu stoßen oder aus Unkenntnis von Regeln und Gepflogenheiten als Außenseiter aufzufallen.

Einfühlsam, aber nicht gefühlig

Nun hört man bisweilen, daß man überhaupt nichts falsch machen könne, wenn man sich ganz auf seine Gefühle verläßt – so wie E.T., das drollige, außerirdische Wesen aus Spielbergs gleichnamigem Film. E.T. versteht nichts von der irdischen Welt, in die er geraten ist, fühlt sich aber bald ein und erobert die Herzen, indem er seinen wahren Empfindungen treuherzigen Ausdruck verleiht. Wer sich nach einem solchen gefühlsbetonten Umgang sehnt, kann sich von dem Beatles-Song „All You Need is Love“ bestärkt fühlen.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, daß Einfühlungsvermögen unabdingbar ist, und ohne ein Gespür für Menschen und Situationen wäre man mit seinem Latein überall bald am Ende. Aber Weisheiten wie die des Beatles-Songs kann nur verbreiten, wer den Gipfel des Erfolgs bereits erklommen hat. In der hochkomplexen Welt unserer westlichen Zivilisation kommt man damit nicht sehr weit, nicht einmal in der Kunstwelt der Hippies und Aussteiger. Und was die unverfälschte Emotionalität eines E.T. angeht – der traut man mittlerweile so wenig zu, daß Psychologen in Managermagazinen allen Ernstes zu einem „cleveren Gefühlsmanagement“ raten: Da soll nun also jeder um des Erfolgs Willen nur noch die Gefühle zeigen, die zu seinem Image passen und seiner Selbstvermarktung förderlich sind, und je nach Bedarf eine andere Charaktermaske aus dem Hut zaubern.

Dies alles hat mit Lebensklugheit nichts zu tun. Wenn wir uns zur Geltung bringen wollen, sollten wir das also nicht mit der Möglichkeit verwechseln, uns auszuleben oder uns hemmungslos zu offenbaren. Genauso falsch wäre es, uns zu verstellen und mal die eine, mal die andere Identität vorzugaukeln. Es würde uns auch nicht gelingen, wenn wir uns allein auf unser Einfühlungsvermögen verlassen würden. Vielmehr sollten wir jeweils die Vorgehensweise wählen, die das ins rechte Licht rückt, was unsere Stärken ausmacht. Man könnte also sagen, daß wir im ersten Schritt den anderen ihr Entgegenkommen durch unser eigenes Entgegenkommen erleichtern, um uns dann so zu verhalten, daß niemand sein Entgegenkommen bereut. Aber – ist dann nicht doch eine gewisse Selbstinszenierung im Spiel?

Selbstinszenierung statt Selbstentblößung

Das gebe ich zu. Denn ohne Zweifel liegt der Lebensklugheit die Vorstellung zugrunde, daß sich das gesellschaftliche Leben wie auf einer Bühne abspielt und jeder Mensch gleichsam sein eigenes Theaterstück ist, das inszeniert werden muß, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Demnach würde sich jeder Mensch selbst aufführen, als sein eigener Regisseur, seine eigene Inszenierung, auch sein eigener Schauspieler – in einem Einmannstück namens Leben. Ein jeder bringt sich selbst auf die Bühne und bietet sich dort den Blicken der anderen dar. Nur daß auf der Bühne des Lebens alle anderen ebenfalls mit uns auf der Bühne stehen – der Zuschauerraum ist leer, es gibt kein unbeteiligtes Publikum. Weshalb es auch nicht bei Blicken bleibt, vor denen man bestehen müßte, sondern zu Berührungen und Beziehungen kommt, die es auszuhalten gilt, denen man standhalten muß – und aus Rollen Lebensgeschichten werden, aus Schauspielern Menschen, aus Texten Kommunikation und aus Spiel Ernst.

Nichts könnte von dieser Vorstellung weiter entfernt sein als jene Selbstinszenierung, wie sie in den Reality-Shows des Fernsehens betrieben wird. Beim sogenannten Echtmenschenfernsehen handelt es sich um den verzweifelten Versuch, aus einer immer virtuelleren Welt die letzten Reste von Authentizität herauszupressen. Wo die Bevölkerung ganzer Erdteile als Zuschauer oder Teilnehmer zu Containerbewohnern gemacht wird, wo Millionen einer Handvoll Menschen dabei zusehen, wie sie unter den künstlichen Bedingungen der Käfighaltung um sich selbst kreisen, da reicht es völlig aus, so zu sein, wie man ist, um zum Publikumsliebling zu werden. Diese Art von Natürlichkeit wirkt aber höchstens vor laufenden Kameras und offenen Mikrophonen glaubwürdig.

Die Selbstinszenierung der Lebensklugheit hat mit solcherlei Selbstentblößungstheater nichts zu tun. Sie muß sich unter den wesentlich härteren Bedingungen der Wirklichkeit bewähren und läuft deshalb auf Selbstvervollkommnung und Selbsterziehung hinaus. „Man wird nicht fertig geboren“, sagte der spanische Jesuit Baltasar Gracián, der 1647 – in einer Zeit des Verfalls, der Sitten wie der Macht – ein skeptisches Büchlein schrieb, dem er den Titel „Handorakel“ gab und das seither zum Inbegriff von Lebens-, oder, wie er selbst es nannte, Weltklugheit geworden ist, „aber man ist auch später noch lange nicht fertig.“

Sich kultivieren

Nachdem andere unsere Erziehung eine Weile lang betrieben haben, müssen wir sie irgendwann in die eigenen Hände nehmen, in der Absicht, uns fortlaufend zu unserem Vorteil zu verändern. Und wenn wir das aus uns gemacht haben, was wir sein wollten, brauchen wir uns auch nicht anders zu geben, als wir sind. Dann hätten wir das erreicht, was frühere Autoren kunstvolle Natürlichkeit genannt haben und was wir heute als Kultiviertheit bezeichnen würden; dann kann man auch davon ausgehen, daß andere einen gerne so nehmen, wie man ist.

In der Praxis würde sich diese Kultiviertheit – um nur einige Beispiele zu nennen –, als Zurückhaltung, Gelassenheit, Unbefangenheit und Selbstbewußtsein äußern. Zur Zurückhaltung etwa gehört, daß wir das, was wir wissen, nicht als großartige Offenbarung präsentieren, und das, was wir können, nicht wie eine Zirkusnummer vorführen. Immer sollten wir die Möglichkeit einkalkulieren, daß wir uns irren, daß es uns doch mißlingen könnte, egal, wie sicher wir unserer Sache sind. Denn wer etwas im Brustton unerschütterlicher Überzeugung vorbringt, macht sich zum Gespött, sollte sich später doch etwas ganz anderes herausstellen, und verliert auf Dauer seine Glaubwürdigkeit. Waren wir zuvor jedoch gelassen, können wir uns hinterher auch gelassen selber korrigieren und ersparen uns die Peinlichkeit, ein Bild der Aufgeblasenheit geboten zu haben. Selbst in Fällen, in denen wir von einer Sache wirklich mehr als andere verstehen, in denen wir tatsächlich weit überlegen sind, sollten wir uns stets eine Zurückhaltung auferlegen, die den anderen das Gefühl gibt, immer noch mithalten und weiterhin mitsprechen zu können. Ganz abgesehen davon, daß sich jeder von einem unaufdringlichen, gelassenen Menschen mehr sagen läßt als von einem, der sich als Besserwisser oder Alleskönner in den Vordergrund spielt.

Zur Kultiviertheit gehört ebenfalls eine Anpassungsfähigkeit, die ich als gesellschaftliche Geschmeidigkeit beschreiben würde. Also die Fähigkeit, auch mit ungewohnten Situationen leicht und souverän fertig zu werden, mit noch so verschiedenen Menschen auf eine selbstverständliche Art zu verkehren und in den unterschiedlichsten Milieus immer dieselbe Unbefangenheit an den Tag zu legen. Voraussetzung dafür ist ein Selbstbewußtsein, das uns erlaubt, uns selbst anderen ebenbürtig zu fühlen und umgekehrt allen anderen Ebenbürtigkeit mit uns zuzugestehen. Von dieser gesellschaftlichen Geschmeidigkeit sind wir noch entfernt, wenn wir glauben, ein anderer würde uns einen unverdienten Gefallen erweisen, wenn er ein paar Worte mit uns wechselt, oder umgekehrt wir selbst meinen, einem anderen eine Gunst zu erweisen, wenn wir mit ihm sprechen. Das erste wäre Kleinmütigkeit, das zweite Herablassung.

When too perfect, lieber Gott böse

Es wird sich noch manche Gelegenheit ergeben, hierauf ausführlicher einzugehen. Einem Mißverständnis möchte ich aber schon jetzt vorbeugen: Kultiviertheit bedeutet nicht Perfektion. Die gibt es nicht, und es wäre sinnlos, sie vorzutäuschen – wir wollen ja weder aalglatt noch maschinenhaft-seelenlos erscheinen. Kaum etwas wirkt lächerlicher, als Schwächen krampfhaft zu verbergen zu suchen, und kaum etwas sympathischer, als wenn jemand zu kleinen Schwächen steht und sie sich bisweilen durchgehen läßt. Je weiter wir es in der kunstvollen Natürlichkeit gebracht haben, desto leichter wird es uns fallen, Schwächen zu zeigen, ohne uns eine Blöße zu geben – schon deshalb, weil niemand sie als Zeichen von Naivität oder Ungehobeltheit mißverstehen würde.

Vor allem aber erwarte man keine Perfektion der Manieren oder des Erscheinungsbildes. Auf einem Empfang habe ich einmal einen jungen Mann erlebt, der war in Jeans und mit Rastalocken erschienen. Unpassend vielleicht – aber er gehörte zu den wenigen, die den Star des Abends nicht demütig umwimmelten, die nicht von der bangen Hoffnung umgetrieben wurden, sein Augenmerk möge auch einmal auf sie fallen. Er konnte sich genauso angeregt und freundlich mit einem Kellner wie mit irgendeinem Präsidenten unterhalten – nicht im selben Ton, aber mit derselben unbefangenen Ehrerbietung. Und dann habe ich auf einem Adelsfest einen ebenfalls jungen Mann erlebt, den auch sein weißer Smoking nicht retten konnte, weil er sich zwanghaft für Fehler entschuldigte, die niemand bemerkt hätte oder jeder leicht übersehen konnte, und sich um Kopf und Kragen redete, weil er zu allem etwas außerordentlich Bedeutendes und furchtbar Kompetentes zu sagen hatte und nur über sich selbst zu sprechen wußte.

So kunstvoll wie natürlich 

So viel wir also für unsere kunstvolle Natürlichkeit tun können, so wenig allerdings für unsere Originalität. Sie ist zweifellos ein Wesenszug, auf den wir kaum Einfluß nehmen können; er äußert sich in einer nicht alltäglichen oder witzigen Sprache, ist manchmal der Geistesgegenwart verwandt, kann als komisch-verschlungenes Denken auftreten oder als ausgefallene Gewohnheiten. Manche haben versucht, ihrer Originalität auf die Sprünge zu helfen, so der Dichter Jean Paul (1763–1825), der sich eine umfangreiche Sammlung ausgefallener Wörter zugelegt hatte, mit denen er seine Schriften würzte. Aber solche Hilfsmittel fallen nur dann nicht auf, wenn man, wie er, auch ohne Zettelkasten über eine außergewöhnliche Sprache verfügt – bei einem abgedroschenen Wortschatz würden derartige Einsprengsel bloß wie manierierte Ausreißer wirken. Und vor Manierismus oder Attitüden sollten wir uns genauso hüten wie vor einer Natürlichkeit, die durch Verzicht auf Zivilisation erkauft wird.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Recht verstanden bedeutet Selbstinszenierung nicht die Vorspiegelung falscher Größe, sondern die Fähigkeit, seine Stärken in das beste Licht zu rücken. Nur glaube nicht, daß von dir je Perfektion erwartet würde – es ehrt dich vielmehr, wenn du Fehler eingestehen und Schwächen zugeben kannst.“

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