„Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir für unser Handeln keine Verantwortung übernehmen. In einer Gesellschaft, in der wir unsere Ideale verloren haben. Und ich glaube, dass es den Menschen in Deutschland gut tut zu sehen, dass da einer ist, der bereit ist, für seine Ideale einzutreten, der bereit ist, die Gesellschaft zu formen.“ (Herr Mux im Trailer zu dem Kinofilm „Muxmäuschenstill“ von 2004)

Diese Sätze markieren den Anfang einer großen Karriere, diese Sätze des Herrn Mux, der zusammen mit seinem Kameramann Gerd angetreten ist, den Verantwortungslosen die Leviten zu lesen. Niemand ist vor ihm sicher. Herr Mux macht keinen Unterschied zwischen Spannern, Schwarzfahrern, Graffitisprayern, schwarzarbeitenden Putzfrauen, Ladendieben, dilettantischen Werbern, Medienvertretern oder Mördern. Wer sich schuldig macht, wird bestraft. Punkt um, Ende, aus. Herr Mux ist angetreten, dem verantwortungslosen Spuk endlich ein Ende zu bereiten. Er hat es satt. Geredet worden ist genug, jetzt wird zur Tat geschritten. Herr Mux meint es ernst. Todernst. Wer den Verlust von Verantwortung und Niveau beklagt, der muss handeln, bevor es endgültig zu spät ist. Der muss die Verfehlungen anprangern und zeigen, wo es lang geht.

Herr Mux ist die lebendig gewordene Projektion unserer geheimen Wünsche. Einer, der denen das Handwerk legt, die ihre Hunde auf den Bürgersteig scheißen lassen, die jede Häuserwand beschmieren, die für eine gute Quote und ein gutes Geschäft die eigene Oma verkaufen würden, die in Schwimmbecken pinkeln, in die Intimsphäre andere eindringen oder in ihrer Verzweiflung nicht nur das eigene Leben, sondern auch das ihrer ganzen Familie auslöschen. Hinfort mit den mildernden Umständen. Es reicht!Wer nicht hören will, muss fühlen. Mit dem Kopf im Kot des eigenen Hundes, entblößt mit einem Schild vor der Brust mit der Aufschrift „Ich habe ins Becken gepinkelt“, der Farbe aus der Spraydose im eigenen Gesicht. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Vergebung, das ist Muxens Sache nicht. Wer schuldig ist, hat sich zu verantworten. Die Zeiten, in denen sich alle über Ungerechtigkeiten und Verantwortungslosigkeiten beklagen, aber keiner die Schuld trägt, die sind vorbei! Oder wie sagt Herr Mux: „Die Zeit spielt ab jetzt gegen euch, bis der Zeitgeist nur noch der Geist ist, den ihr aus der Flasche gelassen habt.“Schnitt.

Ebenfalls 2004. Der Regisseur Harald Weingartner hat sich in seinem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ aufs Neue mit menschlicher Wut und Utopien auseinandergesetzt. Worum geht es? Jan, Peter und Jule steigen nachts in Villen ein. Sie klauen nichts, sie stellen nur alles auf den Kopf, stapeln das Mobiliar, knüpfen Statuen auf, stellen Stereoanlagen in Kühlschränke und werfen Sofas in den hauseigenen Swimmingpool. Dazu legen sie ein Bekennerschreiben: „Die fetten Jahre sind vorbei!“ Vier Jahre vor Ausbruch der Bankenkrise ein wahrhaft prophetisches Manifest.

Als eines Nachts ein Besitzer auftaucht, entführen die jungen Leute ihn kurzerhand in eine Berghütte. Der Mann entpuppt sich als Alt-Achtundsechziger, der seinen eigenen Weg durch die Institutionen gegangen ist, der Bonzenhasser wurde selbst zum Bonzen. Früher hätte der den Leitspruch der drei jungen Weltverbesserer, nach dem jedes Herz eine revolutionäre Zelle ist, wohl selbst unterschrieben, heute sieht er sich dem Vorwurf ausgesetzt, dass sein Herz längst zu einer kapitalistischen Zelle geworden ist. Dass er die eigenen Wurzeln verleugnet und eine fette Made im hedonistischen Speck ist, sich darauf beruft, in einer Demokratie zu leben.

„Falsch! Wir leben in einer Diktatur des Kapitals. Geh mal durch die Straßen, sieht da irgendjemand besonders glücklich aus, oder sehen die aus wie gehetzte Tiere?“ hält ihm Jan entgegen.

„Ja natürlich, aber ich bin der falsche Sündenbock“, antwortet Hardenberg. – Schnitt.

„Club 2“, 1978. Rudi Dutschke sagt, an Matthias Walden gerichtet: „Der entscheidende Punkt ist, dass Sie einen Begriff von Gewalt haben, der nicht dem meinem entspricht. … Ich möchte zunächst einmal den Zusammenhang herstellen. Die sozial-ökonomische Struktur einer Gesellschaft, die in sich Gewalt hat, die nicht gewaltlos ist, sondern voller Gewalt. Wenn da eine solche Struktur ist, die Gewalt latent in sich trägt, so kommt es zu Formen der Gewalt. Sie machen es sich verflucht einfach. Sie gehen von der Wurzel einer Gesellschaft weg. Doch gerade um die Wurzel geht’s. Wie sind die Verhältnisse, die Gewalt erzeugen. Und das Erzeugen ist der Punkt, an dem wir diskutieren sollten.“ – Schnitt.

Berlin-Zehlendorf. Herr Mux sitzt an einem Küchentisch. Ihm gegenüber ein Mann, der gerade seine Familie getötet hat.

„Ich hab zwar viel Verständnis“ sagt Mux und legt seine Pistole auf den Tisch, „aber – ich muss gestehen – auch ohne Familienvater zu sein oder eigene Kinder zu haben, fehlt mir da doch irgendwie die Vorstellungskraft, wie man so was machen kann. Wir müssen jetzt mal gucken, wie wir da wieder rauskommen“.

Der Mann greift über den Tisch, nimmt sich Mux’ Waffe und versucht, sich zu erschießen, doch das Magazin wurde entfernt.

„Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein, ne?“ sagt Mux, das Magazin in den Händen. „Genau das, das macht mich wahnsinnig. Ich rede mit Ihnen. Ich versuche, Ihnen zu helfen, und Sie machen hier einen auf Notausgang.“ – Schnitt.

Herr Mux interessiert sich nicht für Wurzeln oder Verhältnisse, die Gewalt produzieren und reproduzieren. Ihm ist es egal, mit wie viel Gewalt die Gesellschaft aufgeladen ist. Warum über Ursachen diskutieren, wenn man die Folgen erfolgreich bekämpfen kann? Wenn man sich selbst die Gewalt nimmt, um für das Gute und gegen die Verantwortungslosigkeiten ins Feld zu ziehen? Eine Ein-Mann-Guerilla für den Bau einer neuen, anständigen Welt. Schluss mit der Laberei. Hanns Martin Schleyer war ein Nazi, Dutschke und Cohn-Bendit sind die Namen roter Rädelsführer, Jan, Peter und Jule Einbrecher und Entführer. Basta. Wie weit wollen wir denn noch zurückgehen in der Suche nach den Wurzeln unserer Wut?

Auf dem Nachttisch von Herrn Mux liegt im Film ein Brevier von Immanuel Kant, mit dem Wahlspruch der Aufklärung: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Man muss sehr behutsam mit diesem Verstand umgehen, wenn man nicht Gefahr laufen will, sein eigenes Vorgehen vorschnell zur vernünftigen Allgemeingültigkeit zu verklären und zum zornigen „Dirty Harry“ zu werden, der selbst bestimmt, was Recht und moralisches Gesetz zu sein hat.

Doch wer das Bedürfnis nach Verantwortung verspürt, der will verändern, denn etwas zu verbessern gibt es eigentlich immer. So wie es ist, kann es nicht bleiben. Das Alte muss weg oder wieder her. Je nach Gusto. Es muss anders, es muss besser werden, wenn unsere innere Wut sich verflüchtigen soll. Doch genau hier liegt die Gefahr: Wir werden anmaßend und fangen an, über andere zu richten. Die Grenzen zwischen beherzter Courage und Selbstjustiz werden fließend. Die Wut verschwindet nicht, sie steigert sich ins Unermessliche! Ohne Anfang, ohne Ende. Wo ist sie, die Wurzel der Gewalt? Beim Versailler Vertrag? Im Nationalsozialismus? Im Schweigen der Väter? Im Aufbegehren der Söhne? In den Kommentaren der BILD? In der Agitation Rudi Dutschkes?

Da sind die Sündenböcke, auf sie mit Gebrüll! Und wo findet die Wut ihr Ende? In der Ermordung von Benno Ohnesorg? Bei den Schüssen auf Dutschke? Dem Selbstmord von Bachmann im Gefängnis? In Stammheim? Mit der Ermordung von Hanns Martin Schleyer? Wenn Christian Klar endlich Reue zeigt? Oder der Hundebesitzer mit seiner Nase im Hundekot steckt? AUFHÖREN!

Der Kampf für eine bessere Gesellschaft beginnt mit der Vergebung, nicht mit der Vergeltung. Rudi Dutschke hat es vorgemacht, als er seinem Attentäter vergab. Seinen streitbaren Geist haben ihm weder das Attentat noch seine Kraft zur Vergebung genommen. Im Gegenteil, bis zu seinem Tod war Rudi Dutschke auf der Suche nach den Wurzeln der Produktion und Reproduktion von Gewalt. Auch nach seinen eigenen. Das macht ihn weder zu einem Heiligen noch zu Jesus, brachte ihm aber einen weiteren Nachruf ein, über den er wohl gern debattiert und der ihm gleichzeitig die Zornesröte ins Gesicht getrieben hätte. Er stammt von jenem Mann, den Dutschke 1968 einmal als den „besten Brocken der FDP“, aber auch als „Fachidioten der Politik“ bezeichnet hat, Lord Ralf Dahrendorf. Jener Mann, dem die Meinungsfreiheit genauso wichtig war wie Dutschke, allen inhaltlichen Differenzen zum Trotz. Und der damals konterte: „Dann sind Sie der Fachidiot des Protestes!“ Dahrendorf sagte 2008 über Dutschke: Er war „ein konfuser Kopf, der keine bleibenden Gedanken hinterlassen hat. Worauf man zurückblickt, ist eine Person: ein anständiger, ehrlicher und vertrauenswürdiger Mann.“ Auch darüber ließe sich trefflich streiten.

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