Höflichkeit ist kein Hexenwerk, sagt Moritz Knigge. Wenn da bloß nicht das Ego wäre, das unserem Selbst im Wege steht.

Ego überwinden statt Selbst verwirklichen

Adolph Freiherr Knigge: „Von Deinen Grundsätzen gehe nie ab, solange Du sie als richtig anerkennst! Man gewinnt überhaupt immer durch Ausdauern und durch planmäßige, weise Festigkeit … Was aber noch heiliger als jene Vorschrift ist: Habe immer ein gutes Gewissen!“

 Über den Umgang mit Menschen, I.,1.,19 u. 20

Selbstverwirklichung oder Unmenschlichkeit?

Ein Mann lädt einen anderen in sein Haus ein, durchtrennt ihm – auf Verlangen, wie es hinterher heißt – mit einem Messer die Kehle, zerstückelt ihn und macht sich daran, ihn zu verspeisen. Die Untat wird entdeckt, der Mann angeklagt, und die Medien hofieren ihn. Buchverträge werden ihm angeboten, Filmverträge winken. Und der Aufstand der Anständigen bleibt aus. Kein Volkszorn, keine Demonstrationen. Menschenfresserei scheint kein Tabu zu verletzen, das Umwerben von Menschenfressern auch nicht. Im Gegenteil. Fast könnte man meinen, die Öffentlichkeit hätte auf ein Verbrechen wie dieses gewartet. Vor Gericht schildert der Menschenfresser den Tathergang dann auch bereitwillig und nicht ohne Stolz. Und irgendwie klingt das, was er sagt, einleuchtend und nachvollziehbar. So, als müßte man sich nur auf eine bestimmte Logik einlassen, um seine Tat nicht nur verzeihlich, sondern achtbar zu finden. Ich fürchte, wir kennen diese Logik. Es ist die Logik der Selbstverwirklichung.

Die Selbstverwirklichung zielt nämlich darauf ab, den einzelnen unangreifbar zu machen, und wer sich ihr verschreibt, kann nicht mehr schuldig werden. Denn aus der Perspektive der Selbstverwirklichung ist der Mensch nichts als die Summe seiner Ansprüche, Instinkte, Ambitionen und Bedürfnisse – und diese Ansprüche und Bedürfnisse sind unschuldig. Grundsätzlich unschuldig. Sie sind wertneutral, jenseits von gut und böse; sie sind einfach da und wollen befriedigt werden. Natürlich. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse ist deshalb nicht weniger unschuldig als die Bedürfnisse selbst. Unmöglich, noch etwas falsch zu machen, solange man sich ganz von seinen Wünschen leiten läßt – und selbst, wenn einem Kanibalismus dabei unterlaufen sollte, hat man sich im Prinzip nichts vorzuwerfen. Da niemand etwas für seine Bedürfnisse kann, genügt als Rechtfertigung allemal der Hinweis: „So bin ich eben, das will ich eben, das brauche ich eben.“ Im Licht der Selbstverwirklichungsidee über Moral und Unmoral zu diskutieren, wäre deshalb etwa genauso ergiebig, wie darüber zu streiten, ob Wildpastete oder Fleischwurst besser schmeckt.

Das Erbe der 68er

So absurd uns die Auswirkungen der Selbstverwirklichung heute erscheinen mögen, so plausibel klang dieses Konzept, als es erfunden wurde. Die Achtundsechziger hatten nämlich die autoritätsgläubige Gesellschaft und den grundverdorbenen Staat als Quell alles Bösen ausgemacht, den einzelnen Menschen hingegen als Hoffnungsträger entdeckt, der nun gegen die Einflüsterungen jener dunklen Mächte immunisiert werden mußte. Das sollte auf dem Weg der Selbstverwirklichung geschehen. Mit anderen Worten: Durch die vitale Kraft individueller Bedürfnisse und menschlicher Triebe sollten die Fesseln gesellschaftlicher Normen gesprengt und alle moralischen Autoritäten entmachtet werden, damit der einzelne seine unschuldigen Bedürfnisse endlich ungehindert ausleben könne. Als Ideal schwebte den Achtundsechzigern eine wehr- und widerstandslose Gesellschaft vor, gegen die das Individuum jederzeit recht behält.

Heute leben wir, was seinerzeit ausgedacht wurde. Und wir müssen zugeben: Das Kalkül der Selbstverwirklichungsstrategen ist aufgegangen. Unsere Gesellschaft hat ihr Recht, dem einzelnen Grenzen zu ziehen, tatsächlich eingebüßt. Und nicht nur das. Sie hat gelernt, Grenzen ganz generell mit Unfreiheit gleichzusetzen und überall da einen Zugewinn an individueller Freiheit zu bejubeln, wo wieder eine Grenze fällt. Eine solche Gesellschaft aber vermag sich keine Perversion mehr vom Leib zu halten. Ein Menschenfresser muß aus dieser Sicht wie eine durchaus passable Verkörperung der Selbstverwirklichungsidee erscheinen – immerhin kann man ihm zugute halten, den moralischen Spielraum des Individuums noch einmal beträchtlich erweitert zu haben. Ich wage die Vermutung, daß die zu erwartenden Bücher und Filme ihn als düsteren Freiheitshelden inszenieren werden.

Was ist eigentlich, wenn man fragen darf, aus dem Gewissen geworden? Oder, vornehmer gesprochen: dem individuellen Verantwortungsbewußtsein? Dem Unrechtsempfinden? Alles dahin? Sollen wir nur noch verständnisvoll nicken, wenn sich ein Torhüter der deutschen Fußballnationalmannschaft auf die Unerbittlichkeit seines Sternzeichens herausredet, nachdem er seine schwangere Frau verlassen und seinen Ferrari mit 170 Stundenkilometern in eine Autobahnbaustelle gesteuert hat? Und müssen wir uns damit abfinden, daß Entscheidungen nur noch mit Sachzwängen begründet werden, wie sie zum Beispiel die Einschaltquoten für die Programmchefs von Hörfunk und Fernsehen darstellen? So sagte mir neulich der Chefsprecher einer Sendeanstalt: „Alles läuft nur noch darauf hinaus, daß Entscheidungen nicht mehr sachlich begründet werden müssen. Jedes Projekt kann mittlerweile dem Hinweis, es sei für die Einschaltquote Gift, abgeschmettert werden.“

Gewissen statt Codes of Conduct!

Es sieht beinahe so aus, als würden wir der Selbstverwirklichung eine wachsende Zahl von Menschen verdanken, die Auseinandersetzungen um die Sache scheuen und sich stets als unschuldiges und wehrloses Opfer verstehen – in der Gewalt ihrer Tierkreiszeichen die einen, den Einschaltquoten ausgeliefert die anderen. Offenbar läuft es auf die Abschaffung des Gewissens hinaus, wenn durch die vitale Kraft individueller Bedürfnisse und menschlicher Triebe moralische Autoritäten entmachtet und gesellschaftliche Konventionen gesprengt werden. In diesem Fall wäre es vielleicht wirklich das Beste, den menschenwürdigen Umgang miteinander den Codes of Conduct zu überlassen, wie die firmeninternen Regelwerke der Politischen Korrektheit, bis zu 150 Seiten dick, in den USA genannt werden, jene Enzyklopädien der Etikette des 21. Jahrhunderts, die das Auskommen mit anderen zu einem Slalom machen, den nur derjenige unversehrt übersteht, der ihre zahllosen Tabus mit traumwandlerischer Sicherheit umkurvt. Sicher, das Ideal der Codes of Conduct ist eine sterile Welt aus politisch korrekten Marionetten. Aber wenn auf das Gewissen kein Verlaß mehr ist …?

Ich weiß, daß ich mit dieser Einschätzung vielen unrecht tue. Allen, die eine Kassiererin darauf aufmerksam machen würden, wenn sie zu viel Wechselgeld herausgegeben hat – was, Umfragen zufolge, die meisten unserer jüngeren Mitmenschen inzwischen für eine Dummheit halten. Allen, die einen Bußgeldbescheid akzeptieren, wenn sie sich im Unrecht wissen – und damit gegen den Rat jenes Juristen verstoßen, der einen Fernsehauftritt zu der unverblümten Aufforderung nutzte, Bußgeldbescheide grundsätzlich anzufechten. Allen, die nicht der Gesellschaft, ihrer Erziehung, ihrem Sternzeichen oder den Lehrern ihrer Kinder die Schuld geben, wenn etwas schiefgelaufen ist. Allen, kurz gesagt, die für die eigene Person nicht Nutzen vor Recht ergehen lassen.

Allen anderen aber rate ich zur Skepsis gegenüber der Selbstverwirklichung als Lebensprinzip. Was uns wie eine Lizenz zum Ausleben unschuldiger Ansprüche und Bedürfnisse vorkommen mag, entzieht unserem Verantwortungsbewußtsein in Wirklichkeit den Boden des Gewissens. Denn im Licht der Selbstverwirklichung erscheint jedes Bedürfnis, auch das zerstörerischste, auch das perverseste, vernünftig und sinnvoll. Sie bietet uns gewissermaßen eine Schutzzone, in der wir uns jederzeit vor moralischen Ansprüchen in Sicherheit bringen können, wo keiner uns an den Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung erinnern darf. Wer dieses Angebot annimmt, wird das Leben irgendwann für ein Spiel halten, in dem nichts mehr von Belang ist und alles ohne Folgen bleibt. Oder für einen Krieg, in dem alles erlaubt ist.

Sich nicht zum Narren machen lassen

Ganz abgesehen davon, daß die Selbstverwirklichungsidee uns zum Narren hält. Sie kann ihr Versprechen gar nicht einlösen. Da sie auf der Befriedigung von Bedürfnissen beruht, ist sie erst abgeschlossen, wenn alle Bedürfnisse gestillt, alle Wünsche erfüllt sind. Also niemals. Wer sich für diese Strategie entscheidet, wird zeitlebens auf der Suche nach seinem Selbst sein, immer auf halbem Weg stecken bleiben, nie seiner wahren Identität habhaft werden. Er wird ein Mensch in der Möglichkeitsform bleiben. Und sich, möglicherweise, eine Moral in der Möglichkeitsform zulegen. Eine gleichsam abstrakte Moral, die nichts bewirkt, aber moralische Bedürfnisse befriedigt. Sie begegnet uns in Gestalt der Freundin, die Vegetarierin geworden ist – aus Protest gegen die tierquälerischen Schlachtviehtransporte auf europäischen Autobahnen. Sie begegnet uns in Gestalt des Freundes, der kein armes Land bereist – weil er dessen Bevölkerung den Anblick eines wohlgenährten Europäers ersparen will. Sie begegnet uns in all jenen Menschen, die Verantwortung für Verhältnisse übernehmen, für die sie nichts können, an denen sie auch nichts zu ändern vermögen, die sich aber dessen ungeachtet moralisch hochwertig fühlen, einfach weil sie die Kraft zu einem Verzicht aufgebracht haben.

Ich glaube also, daß Selbstverwirklichung und Lebensklugheit nicht zu vereinbaren sind. Selbstverwirklichung ist ein völlig moralfreies Lebenskonzept, bei dem sich alles um den Sättigungsgrad von Menschen dreht, die in ihren Ansprüchen unersättlich sind. Was nicht heißen soll, daß gegen die Befriedigung von Bedürfnissen etwas einzuwenden wäre. Natürlich nicht. Bedenklich wird es erst dann, wenn wir Selbstverwirklichung zum höchsten Lebensziel erklären. Warum? Weil es kein Gegengewicht mehr gäbe, das unser Leben zwischen objektiven Werten und individuellen Bedürfnissen in der Balance hält. Und weil es ohne diese Balance unmöglich ist, sich aus der kindlichen Abhängigkeit von seinen Wünschen zu befreien. Noch aber ist uns dieses Gegengewicht nicht ganz abhanden gekommen. Ich meine das Gewissen.

Aufruf zum Gewissensbiss

Vielleicht könnte man dieses Gewissen als die Summe aller Überzeugungen verstehen, an denen wir auch dann festhalten wollen, wenn sie unseren Wünschen widersprechen. Diese Überzeugungen bilden gewissermaßen den Text unserer moralischen Unabhängigkeitserklärung. Und die erlaubt uns nicht nur, von Fall zu Fall zu unseren eigenen Bedürfnissen auf Abstand zu gehen, sie bewahrt uns auch davor, uns jeweils nach den Stärksten, Erfolgreichsten oder Durchsetzungsfähigsten, der öffentlichen Meinung oder dem Zeitgeist zu richten. Das heißt: Auf der Grundlage dieser Unabhängigkeitserklärung können wir uns dem Gruppenzwang innerhalb der Clique widersetzen, können Abwehkräfte gegen die Meinungs- und Schlagwortindustrie entwickeln und brauchen einen Menschenfresser nicht schon deshalb akzeptabel zu finden, weil wir ihm einen Unterhaltungswert zubilligen müssen.

So leicht wie die Politische Korrektheit macht es uns das Gewissen allerdings nicht. Es verlangt von uns, nach eigener Einsicht und auf eigene Verantwortung eine Skala von Werten aufzustellen, auf der nicht der Unterhaltungswert an oberster Stelle steht, sondern vielleicht die Rechtschaffenheit. Oder die Redlichkeit.

Alte Begriffe, ich weiß. Für viele Ohren werden sie nicht nur antiquiert und bieder klingen, sondern unzumutbar und unbrauchbar, zu Recht ausrangiert. Vielleicht deshalb, weil sie den zutreffenden Verdacht erregen, dem einzelnen eine Verpflichtung aufzuerlegen. Und zwar nicht für die Regenwälder im Amazonasbecken, nicht für den Freiheitskampf eines Volks in einer Bergregion auf der anderen Seite des Globus und nicht für das gequälte Schlachtvieh auf unseren Straßen, sondern für Anstand, Höflichkeit und Respekt im Verhalten zu seinen Mitmenschen. Für die zivile Sympathie, die man sich solange schuldet, wie man sich unter Menschen bewegt. Rechtschaffen dürfte man also jemanden nennen, der dazu beiträgt, daß es im Umgang miteinander mit rechten, nämlich mit menschlichen Dingen zugeht.

Für etwas stehen – Selbstbestimmung schlägt Selbstverwirklichung

Und worin läge der Nutzen eines Gewissens für uns selbst? Ich würde sagen: Nicht zuletzt in einer Lebensgeschichte, die einen Zusammenhang hat, so daß sie uns auch in Krisen und Leidenszeiten sinnvoll erscheint. Mir fällt dazu das Beispiel des Amerikaners James Nachtwey ein. Den eigenen moralischen Maßstäben treu bleiben – dieses Prinzip, so scheint mir, zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Nachtwey hatte als junger Mann alles darangesetzt, Kriegsfotograf zu werden. Er wurde einer der berühmtesten Kriegsfotografen unserer Zeit. Er war unter der aufgebrachten Menge zu finden, die im Begriff war, einen Menschen in den Straßen von Djakarta zu lynchen. Er war mit seiner Kamera in vorderster Linie dabei, wenn Palästinenser und Israelis aufeinander schossen. Er dokumentierte das Leiden der Frauen in einem zerbombten Dorf auf dem Balkan. Jeden Tag aufs neue nahm er sich in die Pflicht und scheute kein Risiko. Mit seinen erschütternden Fotos prägte er unser Bild von dem, was Menschen Menschen antun, nachdrücklicher als jede Fernsehberichterstattung das könnte. Dann wurde er in Bagdad schwer verletzt.

Eine Tragödie – wie jedes schreckliche Schicksal, das einen trifft. Vielleicht mit einem Unterschied zu anderen. Nachtwey hat nach seinen eigenen, unerbittlich strengen moralischen Regeln gelebt. Ein selbstbestimmtes Leben. Er wußte, was er tat, und er wollte, was er tat. Selbst ein grausames Schicksal kann den Zusammenhang eines solchen selbstbestimmten Lebens nicht zerreißen. Es bleibt bis zum Ende sinnvoll. Unter diesen Umständen kann man auch für das, was einem gegen alle Wünsche und Hoffnungen widerfährt, die Verantwortung übernehmen – leichter jedenfalls, als wenn man sich zeitlebens als Spielball fremder Kräfte, Opfer der Verhältnisse oder Erfüllungsgehilfe seines Tierkreiszeichens verstanden hat.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Vorsicht vor der schönen, neuen Welt ohne Gewissensentscheidungen! Sie ist nur zum Preis unserer moralischen Entmündigung zu haben. Verwechsle deshalb niemals Bedürfnisse mit Werten! Und opfere der Selbstverwirklichung nicht dein Gewissen! Ein Leben ohne Gewissen ist wie Fußball ohne Schiedsrichter.“

Share This