Moritz Knigge wirbt für das Gespräch und insbesondere den Small-Talk. Weil gerade das kleine Gespräch eine große Herausforderung sei. Wie wahr.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Vor allen Dingen aber vergesse man nie, daß die Leute unterhalten sein wollen; daß selbst der unterrichtendste Umgang ihnen in der Länge ermüdend vorkommt, wenn er nicht zuweilen durch einen Witz und gute Laune gewürzt wird …“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 26

Für eine lebendige Sprache

Ich meine, wir brauchen eine lebendige, mit geschichtlicher Erfahrung gesättigte Sprache – eine Sprache, die nicht auf das Format eines reinen Kommunikationsinstruments zurechtgestutzt ist. So einzigartig, so neu und anders ist unsere Zeit nämlich gar nicht, daß wir uns erlauben könnten, den Kontakt zur Vergangenheit kurzerhand abzubrechen. Es ist vielmehr ganz erstaunlich, wie viele Stimmen man bei einem Streifzug durch die Jahrhunderte vernimmt, die sich zu ihrer jeweiligen Zeit ganz ähnlich äußern wie wir zu unserer eigenen. Wer könnte wohl gemeint sein, wenn sich da einer über seine Zeitgenossen folgendermaßen äußert: „Die Menschen meiner Zeit haben nicht genug Herz, jemanden zurechtzuweisen, weil sie nicht genug Herz haben, sich zurechtweisen zu lassen, und jeder hält in Gegenwart anderer mit seiner Meinung hinterm Berg?“ Wir? Mitnichten. Das sagt der französische Essayist Michel de Montaigne, und der lebte 1533 bis 1596. Und welche Vertreter des Mainstream hat der Staatstheoretiker Adam Müller im Auge, wenn er die Bemerkung macht: „Indes finde ich besonders die heutige Generation so einförmig, so gleichartig …?“ Wiederum nicht uns, sondern seine Mitmenschen zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Lassen wir die Technik einmal beiseite, hat sich so viel offenbar nicht geändert, und im Licht älterer Texte schmilzt der Stolz auf die Einmaligkeit unserer Zeit schnell dahin. Erkaufen wir also nicht den Anschein einer besonderen Zuständigkeit für die Gegenwart mit dem Vergessen unserer Vergangenheit – besser, wir wissen, in welchen Traditionen wir stehen. Wer geschichtliche Zusammenhänge vor Augen hat, kann sich selbst und seine Zeit realistischer einschätzen als jemand, der allein seiner augenblicklichen Realität verhaftet ist. Schon um des besseren Selbstverständnisses willen brauchen wir also eine Sprache, die nicht bereits vor den anspruchsvolleren Autoren des 20. Jahrhunderts kapituliert.

Für eine reiche Sprache

Ganz abgesehen davon, daß Sprechen um so mehr Vergnügen bereit, je besser wir uns in unserer Sprache auskennen. Wir genießen die Gesellschaft von Menschen, die sich ausdrücken können; es ergötzt uns, wenn jemand die Fähigkeit hat, die Dinge auf den Punkt zu bringen, es macht uns Spaß, wenn wir selbst sie besitzen. Und wir freuen uns auf jede Gelegenheit, nur zum Vergnügen zu reden. Bisweilen werden wir enttäuscht, haben beim Zuhören Qualen gelitten oder müssen uns selbst unsere Einfallslosigkeit eingestehen. Bei solchen Gelegenheiten merkt man, daß das Vergnügen nicht allein von der Sprachbeherrschung abhängt, sondern von dem gesamten Verhalten, das die Beteiligten im Lauf eines Gesprächs an den Tag legen.

Wer den Small-Talk nicht ehrt, ist der Konversation nicht wert

Sicher, wir lieben es zwanglos und lassen gerade im alltäglichen Gespräch keine Regeln mehr gelten. Die Zeiten der Konversationstheorien sind vorbei, jener ausführlichen Anleitungen zur eleganten oder gefälligen oder pointierten Rede, die in der Renaissance aus den Lehrbüchern über Tischsitten hervorgegangen waren, mit denen im Mittelalter der Prozeß allmählicher Zivilisierung der Umgangsformen begonnen hatte. Diese Konversationstheorien sind mittlerweile wieder von Lehrbüchern über Tischsitten verdrängt worden, die sich fälschlicherweise als „Knigges“ ausgeben. Ich finde, daß es sich dennoch lohnt, sich mit verschiedenen Gesprächsformen und Gesprächsstrategien zu beschäftigen und vor Fehlern zu warnen, die die Verständigung erschweren. Und die meisten Fehler können einem vielleicht beim Smalltalk unterlaufen.

Der Smalltalk gehört zu den heikelsten Kommunikationsformen. Einigen liegt er, vielen ist er verhaßt. Zahlreiche Briefe aus den 40er und 50er Jahren belegen, welches Grauen Cocktailpartys mit ihrem Zwang zum Smalltalk anfangs unter europäischen Auswanderern in den USA ausgelöst haben. Eine derart seichte Form der Unterhaltung war seinerzeit in Europa offenbar noch unbekannt – genauso wie der Zwang, ausschließlich über Dinge zu reden, die einen in keiner Weise interessieren. Inzwischen kommt auch bei uns fast jeder mal in die Verlegenheit, sich an Smalltalk beteiligen zu müssen. Deshalb einige Empfehlungen:

An der Oberfläche bleiben – Business-Small-Talk

Die härteste Bewährungsprobe ist der Smalltalk, der zum Vorspann jeder Konferenz und zu geschäftlichen Empfängen gehört. Dabei gibt es eine sehr einfache Regel dafür: An der Oberfläche bleiben – unbeirrbar und unerbittlich! Einziger Sinn der Unterhaltung ist in diesem Fall uneingeschränkte Harmonie. Deshalb lautet das oberste Gebot: Keinen Mißklang erzeugen! Jeder muß allem jederzeit zustimmen können! Perfekte Smalltalker sind daher immer freundlich, immer verbindlich und dabei völlig unverbindlich. Aber nicht nur das. Sie verfügen über ein breites Spektrum an Themen, haben ein Repertoire von Anekdoten, nehmen eine Bemerkung im Zweifelsfall von der scherzhaften Seite und geben ihrem Gesprächspartner in jedem Augenblick das Gefühl, ein besonders geschätzter Teilnehmer der gerade laufenden Veranstaltung zu sein. Vielleicht werden wir nie zu diesen Experten gehören, aber wir werden unsere Sache jedenfalls nicht schlecht machen, wenn wir folgendes bedenken: 1. Jedes ehrlich gemeinte, persönliche Wort wäre fehl am Platz. Daß man Verärgerung und dergleichen Gemütszustände nicht zeigen darf, ist selbstverständlich. 2. Den Eindruck von Überheblichkeit sollte man auf jeden Fall vermeiden – also nicht sein Wissen herauskehren, keine lateinischen Zitate verwenden, den anderen auf keinen Fall durch Wissensfragen in Verlegenheit bringen! 3. Diskretion ist ein eisernes Gebot – also nicht über andere Personen aus dem gemeinsamen Umfeld sprechen, egal ob anwesend oder abwesend, und schon gar keine Namen fallen lassen! 4. Ironie wirkt überheblich und ist deshalb unangebracht; Selbstironie hingegen kommt gut an, weil sie als Zeichen von Souveränität gewertet wird.

Beliebte Small-Talk-Themen

Die Auswahl der Themen ist unter diesen Umständen begrenzt. Bilder und Kunstwerke eigenen sich als Anknüpfungspunkte, da kann man auf niedrigem Niveau ein wenig fachsimpeln; Autos sind ein unverwüstlicher Gesprächsgegenstand, zumindest unter Männern; Urlaub und Reisen sind beliebte Themen, wobei ein Vielgereister seinen Gesprächspartner nicht als Stubenhocker dastehen lassen darf. Angeber, die von ihren Designermöbeln oder ihrer Yacht reden, gibt es unter Smalltalkern zuhauf, machen hier aber eine genauso lächerliche Figur wie sonst auch. Und wer die Sprache auf Politik bringen will, sollte eine gute Nase für die politische Einstellung seines Gegenübers haben – sind wir in Fragen der Steuerpolitik anderer Meinung, sollten wir lieber das Thema wechseln als zu widersprechen. Kurzum: Beim Smalltalk muß man auf alles mögliche eingehen können, ohne etwas von sich preiszugeben.

Party-Small-Talk – Gespräche in Gang bringen

Anders ist es auf Partys, wo uns die Gäste fremd sind. Hier darf, hier sollte man die Oberfläche ankratzen. Wer ein guter Beobachter ist, hat schon halb gewonnen. In der vertraulicheren Atmosphäre einer Party eignet sich nämlich praktisch alles zum Anknüpfungspunkt, solange man dem anderen nicht zu nahe tritt. Irgendeine Besonderheit des Raums zum Beispiel, ein Bild, ein Buch, eine Art-deco-Stehlampe. Oder das, was uns an einzelnen Gästen auffällt: ein ungewöhliches Kleidungsstück, eine ausgefallene Brille, ein besonders schönes Schmuckstück, das Abzeichen des Lions Club oder die Anstecknadel des Teckelvereins von Oer-Erkenschwik am Revers. Viele Menschen senden Signale aus, auf die sie angesprochen werden möchten, und jeder hat verschiedene Leidenschaften, über die er sich nur allzu gern verbreitet. Spielen wir also auf die kleinen Dingen an, um ins Gespräch zu kommen – gehen wir mit einem Kompliment auf ein Kleid, mit dezenter Neugier auf einen Armreif ein. Wir werden dann die Erfahrung machen, daß sich aus einer Anstecknadel eine ganze Lebensgeschichte ergeben kann, wenn man geschickt genug fragt.

Diese Regel trifft auf jede Form der Unterhaltung zu: Gespräche kommen durch Fragen in Gang und werden durch Fragen in Gang gehalten. Deshalb: Ein Thema anreißen und schauen, wie der andere reagiert! Herausfinden, wovon jemand etwas versteht! Auf vielversprechende Details einer Geschichte näher eingehen! Einhaken und es genauer wissen wollen – und auf jeden Fall ernsthaft zuhören! Es gibt praktisch keinen Gesprächsgegenstand, dem man nicht etwas abgewinnen könnte, wenn man die Oberfläche verläßt und ins Detail geht. Wie der Appetit manchmal beim Essen kommt, so stellt sich in der Unterhaltung irgendwann echtes Interesse ein, wenn man nur lange genug Neugier geheuchelt hat. Und wie löst man sich dann wieder voneinander? Jede glaubhafte Erklärung erfüllt ihren Zweck: daß man sich etwas zu Essen besorgen möchte oder einen Bekannten unter den Gästen entdeckt hat, den man lange nicht gesehen hat; wenn man seine Entschuldigung dann noch mit der Frage verbindet, ob man später wiederkommen darf, um das Gespräch fortzusetzen, wird sich niemand zurückgesetzt fühlen. Grundsätzlich gilt: Initiative ergreifen, das Gespräch in die eigene Hand nehmen und steuern! Das Gelingen der Party nicht den Gastgebern oder dem Zufall überlassen! Langweilig sind nur solche Partys, bei denen wir die Unterhaltung lediglich über uns ergehen lassen und höchstens lustlos kommentieren, was gerade gesagt worden ist.

Ein Lob der Plauderei

Die Plauderei könnte man für die europäische Variante des Smalltalk halten – aber der Unterschied könnte nicht größer sein! Smalltalk wird oft als Zwang empfunden, weil er keine Eigendynamik entwickelt und jeder Gesprächsbeitrag eine erneute Anstrengung erfordert. Die Plauderei hingegen entwickelt sich völlig zwanglos: Man überläßt sich seinen Assoziationen, streift ein Thema, wechselt zu einem anderen und überläßt sich fast willenlos dem plätschernden Fluß des Gesprächs. Seine Zeit verplaudern – das geht nur mit Menschen, die uns vertraut sind, und verlangt nach der Atmosphäre eines Kamin- oder Raucherzimmers, eines Cafés vielleicht noch. Hier wird der höchste Zweck des Gesprächs erreicht, nämlich reines Vergnügen zu bereiten. Weshalb sich für die Plauderei keine Regel aufstellen läßt, außer: Sich nicht ereifern und einander gelassen zu Wort kommen lassen.

Der Plauderei ist das Schwätzchen verwandt – also der mehr oder weniger kurze Wortwechsel mit Menschen, die der Zufall uns über den Weg führt. Wie kommt es dann aber, daß manche dem Schwätzchen aus dem Weg gehen, als ob Smalltalk drohen würde? Da wartet man hinter der Wohnungstür, bis die letzten Schritte im Treppenhaus verhallt sind, bevor man selbst hinaustritt; da wechselt man die Straßenseite, nur um jemanden nicht grüßen und womöglich ein Schwätzchen halten zu müssen; da läßt man sich in der Stadt auch von einem Bekannten nicht aufhalten und speist ihn mit einem kurzen Gruß ab; da herrscht in Läden und Kaufhäusern ein kurzangebundener, geschäftsmäßiger Ton; da nutzt man die Gelegenheit eines unvermuteten Zusammentreffens mit Fremden – sei es, daß man in der Straßenbahn aneinandergestoßen ist, sei es, daß einer Kundin neben uns ein Mißgeschick unterlaufen ist – nicht zu einer freundlichen Bemerkung, sondern behandelt diese Person wie Luft.

Machen wir mehr Worte als nötig

Das sind die Situationen, in denen wir Ausländern besonders deutlich den Eindruck vermitteln, daß wir uns lieber aus dem Weg gehen und nur geringes Interesse füreinander aufbringen. Zu viele Gelegenheiten, mehr als nur einen Hauch von Menschlichkeit ins öffentliche Leben zu bringen, lassen wir uns entgehen. Sind wir kontaktscheuer, befangener als andere? Glauben wir ernsthaft, es könnte sich jemand durch einen Blick, ein Lächeln, eine anteilnehmende Bemerkung belästigt fühlen? Ich jedenfalls glaube das nicht. Ich bin sicher, daß wir unserem Alltag mehr abgewinnen könnten, wenn wir den Menschen mehr abgewinnen könnten, die uns über den Weg laufen. Wenn wir außerhalb unserer eigenen vier Wände mehr Worte machen würden als unbedingt nötig. Wenn wir einen Verkäufer, eine Ärztin, einen Handwerker nicht nur in ihrer Funktion wahrnehmen würden, sondern als Menschen. Denn jeder läßt sich gern aus seiner Anonymität reißen. Jeder empfindet selbst kurze Augenblicke der Beachtung als wohltuend. Jede Verkäuferin fühlt sich als Mensch ernster genommen, wenn sie vollständiger Sätze gewürdigt wird, statt mit einer Kurzform unserer Wünsche abgespeist zu werden. Und jeder wohnt lieber mit aufgeschlossenen Hausbewohnern unter einem Dach, die sich grüßen und im Treppenhaus bisweilen auf ein Schwätzchen einlassen – ganz abgesehen davon, daß man so eine Vertrauensbasis herstellt, auf der sich die gelegentlichen Querelen unter Nachbarn leichter aus der Welt schaffen lassen.

Ich weiß, daß diese Form der spontanen Verständigung auf dem Land noch eher anzutreffen ist als in den Großstädten, und daß es erhebliche Unterschiede zwischen, sagen wir, Westfalen und Sachsen, Pommern und Rheinländern gibt. Aber selbst in den Hochburgen der unbefangenen Rede laufen die meisten mit gesenkten Blicken aneinander vorbei. Der Zeitdruck! heißt es – und da ist sicher etwas dran. Aber der Zeitdruck ist bei manchem längst zu einer inneren Haltung geworden, die sein Verhalten auch ohne äußeren Druck prägt. Gewöhnen wir uns daran, nicht ununterbrochen an uns und unsere Verpflichtungen zu denken. Das kann man lernen. Schließlich tun wir uns selbst damit einen Gefallen. Wer mehr Worte als nötig macht, fühlt sich selbst besser, und angesprochen zu werden hinterläßt ein gutes Gefühl.

Wenden wir uns also aneinander – und wenn es nur darum geht, einen Rat, eine Auskunft, eine Information zu erbitten. Die meisten Menschen lassen sich gerne aufs Gespräch ein – um so lieber, wenn sie ihren Beitrag als Hilfe oder Gefälligkeit verstehen können. Und über weniges freuen sich Menschen mehr, als über eine Gelegenheit, etwas von ihrem Wissen aufschimmern lassen zu dürfen. Warum nutzen wir dann unsere Sprache nicht häufiger dazu, Affektbrücken zwischen uns und anderen zu schlagen?

Also – mehr Mut zum Schwätzchen, bitte schön!

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Lege Wert auf eine gute und reiche Sprache – und tu dir den Gefallen, sie häufiger einzusetzen. Jedes spontane, zweckfreie Gespräch hinterläßt ein gutes Gefühl. Gehe getrost davon aus, daß jeder Mensch gern angesprochen wird. Und keine Scheu vor Einladungen in Häuser, wo du vielleicht niemanden kennst – es kann nicht so schwer sein, mit anderen ins Gespräch zu kommen, wenn so viele Menschen finden, daß man zu wenig von ihnen weiß.“

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