Der Schlachtruf „Seid bereit! Immer bereit!“ der Jung- und Thälmannpioniere ist in unseren Breitengraden zwar seit geraumer Zeit verhallt, unsere Lust an der Bekundung dauerhafter Bereitschaft ist hingegen ungebremst. Keine Spur mehr von den „Helfern und der Kampfreserve der Partei“, viele Spuren hingegen von den „Helfern und der Kampfreserve der ungebremsten Kommunikation“. Überall, wo wir hinschauen, in Bussen, Bahnen, Zügen, Kaufhäusern, Restaurants, Kneipen, im Theater oder Kino und sogar auf Hochzeiten und Beerdigungen kommunizieren sich die Menschen die Seele aus dem Leib. Wer würde sich da noch an die Zeiten erinnern, als kleine Sanduhren auf den heimischen „Telefontischchen“ standen, die Anfang und Ende einer sechseinhalbminütigen Telefoneinheit markierten, als die Telefonzellen noch gelb waren, Faxgeräte im Privathaushalt eine Rarität darstellten und eine drollige extraterrestrische Figur namens E.T. eine komplette Spielfilmlänge benötigte, um endlich „nach Hause zu telefonieren“? Relikte einer längst vergessenen Zeit.

Die Zeiten, in denen Handys zu den Ausnahmeerscheinungen gehörten, sind lange vorbei. Damals, als stolze First Mover (so nennen „Marketingmenschen“ diejenigen, die stets als Erste die jeweiligen technischen Neuerungen ihr eigen nennen) noch ihre kiloschweren Geräte in die Restaurants schleppten und mangels persönlicher Anrufe Dienstleistungen orderten, die das eigene Gerät klingeln ließen, sind längst vorbei. Wer heute kein Handy besitzt, der gehört wirklich zu den bedrohten Arten. Dasselbe gilt für alle, die Blackberrys für Brombeeren oder DSL für ein Logistikunternehmen halten. Und wer noch nichts von E-Mails oder SMS gehört hat, der lebt vermutlich außerhalb des globalen Dorfes als hinterwäldlerischer, Briefe schreibender „Kommunikationsemerit“ und erfreut sich der göttlichen Ruhe, frei von Elektrosmog, Dauerklingeln, Quasselstrippen, Spams und sonstigen Errungenschaften der unbeschränkten Freiheit zur Kommunikation.

Für alle Bewohner des globalen Dorfes, mich eingeschlossen, schadet es bisweilen nicht, einmal kurz innezuhalten und zu überlegen, wo die vielfach beschworene und in Anspruch genommene Kommunikationsfreiheit möglicherweise an ihre Grenzen stoßen sollte. Ganz im Sinne des allgemeinen kommunikativen Friedens! Sind Sie bereit?

„Du brauchst nicht so zu schreien!“ – Das mobile Telefon

Wenn man Bücher schreibt, so wie ich das tue, kommt man nicht umhin, sich auch mit anderen Medien zu beschäftigen. Dann hat man bisweilen sogar das Glück, sich im Fernsehen über das eigenen Anliegen äußern zu können und das dazugehörige Buch in die Kamera halten zu dürfen. Doch nicht immer sind diese Auftritte ein Vergnügen, nicht immer handelt es sich tatsächlich um ein Privileg, Fragen rund um die „kleinen gesellschaftlichen Unschicklichkeiten“ beantworten zu dürfen. Und manches Mal bin ich schlichtweg erstaunt, welche Fragen die Menschen beschäftigen. Da ich mir jedoch geschworen habe, nicht mehr die vermeintliche Dummheit der Fragen zu bewerten, sondern mich stattdessen um kluge Antworten zu bemühen, lasse ich mich nicht mehr überraschen.

Einmal wurde ich in einer Fernsehsendung gebeten, eine im Studio nachgespielte Szene im Hinblick auf das beobachtbare Verhalten zu kommentieren. Ein junges Pärchen saß an einem Tisch im Restaurant. Er hatte sein Handy direkt neben sich liegen und nahm, als es klingelte, ohne zu zögern, ohne Rückfrage, Erklärung oder Entschuldigung ab und telefonierte. Im Ernst!

Geht es hier tatsächlich noch um die Frage, ob das Verhalten des jungen Herrn höflich oder unhöflich ist? Diese dürfte wohl relativ schnell zu beantworten sein: Das Verhalten ist natürlich unhöflich! Doch wie sähe ein höfliches Verhalten aus, was gilt es, im Umgang mit unserem tragbaren Begleiter zu beachten?

  • Seit Erfindung und Benutzung des Telefons im Jahre 1875 hat sich in der technischen Entwicklung einiges getan: Niemand braucht daher zu Beginn des 21. Jahrhunderts in sein Mobiltelefon zu schreien! Es sei denn, sein Gesprächspartner ist schwerhörig.
  • Sich beim Bezahlen, dem Einsteigen in ein Taxi oder gar beim Bestellen im Restaurant gegenüber dem leibhaftig Anwesenden mit Zeichensprache zu verständigen, weil noch ein dringender Anruf geführt werden muss, ist schlicht unhöflich.

„Multitasking“ mag zu den postmodernen Errungenschaften des mobilen und überall erreichbaren Individuums gehören, doch noch immer gilt die alte Weisheit: eins nach dem anderen!

  • Inflationäre Verfügbarkeit führt zu Austausch von Nichtigkeiten.

Wer es gewohnt war, für das Ferngespräch mit der Tante aus Amerika ein Vermögen auszugeben, der überlegte sich genau, was er zu sagen hatte. Überlegen wir uns doch – auch in Zeiten von Flatrates –, was es wirklich zu sagen gibt, und ob es für alle anderen Zuhörer im Supermarkt, in Bus oder Bahn von gleichem Interesse ist!

  • Es gibt eine großartige Funktion mit dem Namen Vibrationsalarm.

Ich weiß, für Anhänger des „verrückten, schrillen und individuellen Klingeltons“ natürlich eine absolut inakzeptable Lösung. Für alle, die hingegen ihre eigenen Nerven und die ihrer Mitmenschen schonen möchten, eine höfliche Alternative zur „Jambaisierung“ des akustischen Alltags.

  • Befreien Sie sich vom Druck der Erreichbarkeit!

Handys haben uns ängstlich werden lassen: Jeder Anruf könnte der wichtigste unseres Lebens sein! Wenn es schon keine autofreien Sonntage mehr gibt, ermöglichen Sie sich doch einfach Ihren persönlichen handyfreien Tag. Schalten Sie das Ding ab! Und wenn Sie dazu nicht den Mut haben, weil der nächste Anruf Ihnen den Diebstahl Ihres Autos oder gar den lang ersehnten Lottogewinn verkünden wird, dann schauen Sie wenigstens nicht alle fünf Minuten auf Ihr Display!

Dies sollte jedoch nicht bedeuten, Ihr Handy grundsätzlich abzuschalten. Sobald Sie dem „Klub der Erreichbaren“ beitreten – denn genau dies tun Sie mit dem Erwerb eines Handys –, dann sollte es Ihnen gelingen, in mindestens einem von zehn Fällen den ankommenden Anruf auch anzunehmen!

  • Schnelle Erreichbarkeit durch den Besitz eines Handys zu suggerieren und dann schwerer erreichbar zu sein als der Papst ist ebenso unhöflich wie die sklavische Abhängigkeit von seinem mobilen Telefon!

Schalten Sie Ihr Handy doch wenigstens in solchen Fällen ein, wo die gegenseitige Erreichbarkeit wahrscheinlich und „lebensnotwendig“ wird. Wer schon sich schon einmal im Gedränge des Kölner Karnevals, des Oktoberfestes oder in fremden Städten aus den Augen verloren hat, der weiß, wovon ich spreche!

Es gibt aber auch Anlässe im gesellschaftlichen Leben, bei denen das Handy unbedingt ein Schattendasein führen sollte und jeder, der sich darüber hinwegsetzt, um im Schatten der jeweiligen Veranstaltung hell zu strahlen, kann sich kollektiven Kopfschüttelns, böser Blicke und eindeutiger Unmutsbezeugungen zu Recht sicher sein. Wessen mobiles Telefon sich jemals im Theater oder während einer Trauung Gehör verschafft hat, der kann sich vermutlich noch an die Hitzewallungen erinnern, die in seinem Körper aufstiegen, während er nervös in seinen Taschen nach dem Handy suchte, um die Aus-Taste zu betätigen. Es sei denn, Sie besitzen dieselbe Schmerzfreiheit wie ein ehemaliger Kollege von mir, der einst meinen Anruf entgegennahm und mir auf meine Nachfrage, warum er denn so leise spreche, eröffnete, er befände sich in der Kirche beim Trauergottesdienst zu Ehren seiner Großmutter, woraufhin ich kopfschüttelnd das Gespräch von mir aus beendete!

Es soll ja auch besonders gewiefte Zeitgenossen geben, die sich schlicht weigern, den Fettnapf als den ihren in Erscheinung treten zu lassen. Die, obwohl soeben der vertraute „James Bond-Klingelton“ die Hochzeitszeremonie untermalt, keine Anstalten unternehmen, um dem Einhalt zu gebieten, und das zehnfache Klingeln einfach aussitzen, ohne sich als Besitzer des störenden Geräts erkennen zu geben. Wenn Sie als Sitznachbar in der Lage sind, das Klingeln eindeutig zuzuordnen, dann fragen Sie doch einfach mal ganz vorsichtig: „Wollen Sie nicht rangehen?“

  • Überhaupt: Scheuen wir uns nicht, unsere Mitmenschen auf Ihr unhöfliches Verhalten aufmerksam zu machen oder noch besser, sie bereits im Vorfeld darauf hinzuweisen, ihr Handy auszuschalten.

Wer hätte nicht schon im Eifer des Gefechts das Selbstverständliche vergessen und war froh, dass der Nebenmann laut und deutlich verlauten ließ: „So! Dann wollen wir doch mal unser Handy ausschalten.“ Wer sich Ihnen gegenüber immer wieder rüpelhaft verhält und während der gemeinsamen Unterhaltung zum dritten Mal an sein Handy geht – ohne seine Gründe zu erklären oder erklärt zu haben –, dem dürfen Sie beim vierten Mal auch durchaus ganz ungeniert mit den Worten „Diesmal lässt Du es aber klingeln, oder?“ in die Parade fahren!

  • Wie oft Sie sich letztendlich bemüßigen, Anrufe anzunehmen oder selbst zu führen, das können nur Sie selbst entscheiden.

Um jedoch Konfliktsituationen wie die obige auszuschließen, ist es stets ein Akt der Höflichkeit, den Anwesenden Ihre Gründe zu verdeutlichen und sich ebenso beharrlich jedes Mal für die von Ihnen initiierten Unterbrechungen aufrichtig zu entschuldigen. Niemand wird es Ihnen übel nehmen, wenn Sie auf dringende Anrufe warten, weil Ihr Mann im Krankenhaus liegt, Ihr Sohn heute eine wichtige Examensprüfung hat oder Sie einen schwierigen Kunden besänftigen müssen, solange Sie dies transparent machen!

  • Tun Sie sich keinen Zwang an! Legen Sie Ihr Handy im Restaurant ruhig neben sich auf den Tisch.

Jedenfalls dann, wenn Sie einen wirklich wichtigen Anruf erwarten und Ihr Gegenüber davon in Kenntnis gesetzt und den Vibrationsalarm eingestellt haben, wenn Sie nach Annahme des Anrufs das Restaurant verlassen, um nicht in die Situation zu kommen, während des Telefonats die Bestellung aufgeben zu müssen. Und bitte: Schreien Sie draußen nicht die ganze Straße zusammen …


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