Nichts ist komplexer als das Zwischenmenschliche. Wer diese Komplexität reduzieren will, der ist auf dem Holzweg. Wer überall Fettnäpfe wittert, der schürt Versagensängste. Und wenn irgendetwas einem erfolgreichen Miteinander im Weg steht, dann sind es Ängste. Moritz Knigge wirbt für einen gelasseneren Umgang mit unseren eigenen Missgeschicken und denen unserer Mitmenschen. Nur wer gegenüber dem Überraschenden und auch dem Unangenehmen gelassen bleibt, bleibt Herr der Lage. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Will man ohne Angst in dem Umgange mit Menschen leben, so darf es uns nicht beunruhigen, wenn nicht alle Menschen uns für gut und weise halten … Es steht nicht immer in unsrer Willkür, geliebt, aber es hängt immer von uns ab, nicht verachtet zu werden.“

Über den Umgang mit Menschen, II, 11, 1

Aus der Not eine Tugend machen

Der Kinderbuchautor Ali Mitgutsch berichtete mir von folgender Begebenheit: „Ich sollte in einer Aula vor zweihundert, dreihundert Leuten einen Vortrag halten, setzte mich aufs Podium, hatte mein Konzept mit Stichwörtern vor mir, wollte den ersten Satz sagen – und in diesem Moment, als würde mir das Blut in die Füße sacken, war mein Kopf vollkommen leer! Alles, was ich sagen wollte, wie ausgelöscht. Da habe ich blitzschnell hin- und herüberlegt, verlegen gelacht und gesagt: ‚Entschuldigen Sie, aber – ich bin weder ein Wanderprediger noch ein Politiker. Ich sitze normalerweise allein in meinem stillen Kämmerlein und male. Tagaus, tagein arbeite ich mutterseelenallein vor mich hin. Und jetzt, wo ich unter Menschen bin, habe ich so viel Lampenfieber, daß mir der Faden gerissen ist.’ Woraufhin alle lachten. Ich habe mich dann kurz in mein Konzept vertieft, das Blut kam zurück, ich fing an, zunächst stockend, dann fließend, und der Abend war ein voller Erfolg. Und hinterher klopfte mir ein Bekannter auf die Schulter und sagte: ‚Wahnsinnig geschickt von dir, diese Eröffnung.’ Er glaubte, das wäre so geplant gewesen, und war nicht davon abzubringen.“

Ich meine, aus dieser Geschichte läßt sich mindestens zweierlei lernen. Einmal, daß Souveränität nichts mit einem forschen Auftreten im Formel-1-Stil zu tun hat – eher mit Unbefangenheit und Gelassenheit –, und sich häufig in der Art zeigt, wie man sich aus einer Verlegenheit hilft: zum Beispiel, indem man beherzt in die Offensive geht, eine Schwäche mit entwaffnender Offenheit bekennt und den Leuten ohne zu zögern reinen Wein einschenkt, wenn man sich anders nicht mehr zu helfen weiß; die Kompetenz, die man in solchen Augenblicken einbüßt, wird durch den Sympathiegewinn mehr als wettgemacht. Und dann: Souveränität bewährt sich weniger in den Routinesituationen als in den kleineren und größeren Katastrophen des Alltags – die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Wir leben ja in einer Welt, in der böse Überraschungen nicht mehr vorgesehen sind, in der jeder jedes Ziel erreichen kann, wenn er nur will („Ich will es, ich schaff’ es!“), und alle sich als erbärmliche Versager fühlen müssen, die hinter den Erwartungen zurückbleiben. Die Mär von der Perfektion, die in unserer Macht liegt, und der hunderprozentigen Beherrschbarkeit des Lebens hat sich in vielen Köpfen festgesetzt – kein Wunder, daß wir so selten diese gelassene, unbefangene Souveränität erleben.

Haltung einnehmen gegenüber dem Unerwarteten

Kindliche Allmachtsphantasien sind jedenfalls das Gegenteil von Souveränität. Nobody is perfect – das ist vielleicht die wahrste Botschaft Hollywoods, die sich in Billy Wilders Film „Manche mögen’s heiß“ mit einem uralten Lehrsatz der Lebensklugheit verbindet: daß uns in jedem Fall die Freiheit bleibt, zu bestimmen, welche Haltung wir gegenüber dem Unerwarteten einnehmen, was wir aus einer überraschenden Situation machen, was wir dem Zufall abgewinnen wollen. Es zeichnet den souveränen Menschen aus, daß er sich dieser Freiheit in jedem Augenblick bewußt ist, wie Ali Mitgutsch in der eingangs zitierten Begebenheit – oder der alternde Millionär in Wilders Film, der in seiner komödiantisch zugespitzten Unerschütterlichkeit hinnehmen würde, daß seine Angebetete strenggenommen ein Mann ist.

Sich selbst beherrschen

Denn wirklich beherrschen können wir nur eins auf dieser Welt: uns selbst. Und das sollten wir dann auch. Selbstbeherrschung ist nämlich die erste Voraussetzung für ein klug geführtes, selbstbestimmtes Leben – daüber herrscht in allen Jahrhunderten Einigkeit, egal, wie weit man die Geschichte der Menschheit zurückverfolgt. Es ist ja ganz einfach: In allen kritischen Lagen kommt es darauf an, die Nerven zu behalten und kühlen Kopf zu bewahren, und das gelingt uns nicht, wenn wir gewohnt sind, impulsiv, spontan und unbeherrscht zu reagieren. Selbstbeherrschung ist eine entscheidende Bedingung für die Beherrschung heikler und unvorhergesehener Situationen, und Souveränität äußert sich nicht zuletzt in der Beherrschung solcher Situationen.

Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Viele von uns leben permanent mit einem unterschwelligen Gefühl der Panik und kämpfen Tag für Tag dagegen an, von diesem Gefühl überwältigen zu werden. Unentwegt werden wir in unserem Alltag mit einem Dutzend Anforderungen gleichzeitig konfrontiert, wissen nicht mehr, wo uns der Kopf steht, was wir als Erstes, was als Drittes machen sollen, was vordringlich ist, was warten kann, und tatsächlich ist es oft unmöglich, auf Anhieb die Priorität oder Nebensächlichkeit einer Sache zu erkennen. Hinzu kommt, daß wir unablässig vor einer Vielfalt von Wahlmöglichkeiten stehen, was dazu führt, daß wir unsere Entscheidungen oft mechanisch treffen und gar nicht mehr begründen könnten. Ganz egal, ob wir die Wahl zwischen fünf Brotsorten beim Frühstücksbuffet oder zwei Frauen (wahlweise Männern) treffen müssen – zurück bleibt das nagende Gefühl, sich immer für das Falsche entschieden zu haben, nie mit seiner Wahl wirklich zufrieden sein zu können, und meist haben wir schon im Hinterkopf, das nächste Mal eine andere Wahl zu treffen – deren Richtigkeit wir im selben Moment wieder bezweifeln würden.

Entschlusskräftig sein 

Unentschlossenheit ist mittlerweile zu einer Volkskrankheit geworden, die in den USA bekämpft wird, indem man entscheidungsunfähige junge Menschen zum „vision finding“ mit Zelt und Vorräten buchstäblich in die Wüste schickt, damit sie in völliger Isolation endlich einmal zum Nachdenken über sich selbst kommen. Denn gegen die unentwegte Überforderung durch den Alltag hilft nur eins: Wissen, wer ich bin, um zu wissen, was ich will. Herausfinden, was für mich Vorrang hat, weil es mir mehr als anderes bedeutet. Eigene Prioritäten setzen. Mit anderen Worten: Mich vom Urteil anderer unabhängig machen.

Was die Souveränität des eigenen Urteils angeht, war mein Vater mein größtes Vorbild. Er handelte mit Bordeaux-Weinen, kannte sich aus, wußte, was gut und edel war und hätte es auch begründen können – dennoch hielt er nichts vom Nimbus großer Namen oder dem Einfluß bekannter Weinkritiker und verlangte von jedem, auf seine Zunge zu hören statt auf Preis und Etikett zu achten, kurz: auch auf diesem Gebiet allein dem eigenen Urteil zu vertrauen. Ich erinnere mich an den gemeinsamen Besuch eines vornehmen italienischen Restaurants in der Gesellschaft einiger seiner Geschäftspartner. Sie wußten um die Kennerschaft meines Vaters und überließen es ihm nur zu gerne, den Wein auszusuchen. Zur allgemeinen Verwunderung legte mein Vater die Weinkarte nach einem kurzen Blick beiseite, winkte dem Kellner und sagte: „Wenn ich mich nicht irre, verfügen gute Restaurants über einen hervorragenden offenen Hauswein. Den nehmen wir.“

Sich nicht klein machen

Gelassenheit, Offenheit, Unbeirrbarkeit, Unabhängigkeit des Urteils – das muß zusammenkommen, bevor wir mit Baltasar Gracián von „edler, freier Unbefangenheit“ oder eben „Souveränität“ sprechen können. Ich möchte hier noch einen weiteren Begriff einführen, der ebenso aus der Mode gekommen ist wie die Ehre: den Stolz. Heute lassen wir den Stolz allenfalls noch im Zusammenhang mit einer Leistung gelten, die „zum Stolz berechtigt“. In der Geschichte, der abendländischen wie der der außereuropäischer Völker, bezeichnet der Stolz aber eine Hochachtung, die sich auf alles bezieht, was die kulturelle und soziale Sphäre einer Person ausmacht: Sprache, Geschichte, Familie etc. Diese Hochachtung ist keineswegs irrational – im Gegensatz zum modernen Selbstbewußtsein berücksichtigt der Stolz, daß sich kein Mensch alleine sich selbst verdankt, und in diesem Bewußtsein fällt es entschieden leichter, einerseits zu den eigenen Schwächen zu stehen und sich gleichzeitig im Vollbesitz seiner Kräfte zu fühlen. Der Stolz schützt uns also davor, abfällig über uns selbst zu denken und uns kleiner zu machen, als wir sind. Wissen, wer ich bin – dazu gehört eben auch die Kenntnis der eigenen kulturellen Tradition, vielleicht auch der meiner Familie.

Strategien für ein Leben in Souveränität

Nach alledem dürfte klar sein, daß das, was uns bestimmte Ratgeber als Souveränität verkaufen wollen, irreführend ist, nämlich Selbstmarketing zu betreiben, eine Handvoll Stärken wie ein Firmenschild herauszuhängen und sich selbst als marktgerechtes Kompetenzbündel anzudienen – womit der Umgang untereinander dann irgendwann zur gegenseitigen Verkaufsveranstaltung würde. Aber auch mit der vielgepriesenen Authentizität kommt man nicht weit, solange darunter nur das unverfälschte Wesen einer Person verstanden wird. Diese Authentizität ist heute einem Anpassungsdruck ausgesetzt, dem man sich nur durch ein Repertoire kluger Verhaltensweisen und Strategien der Selbstbehauptung widersetzen kann. Wer auch außerhalb seines eigenen Kreises, seines vertrauten Milieus souverän wirken und angemessen reagieren möchte, sollte deshalb die folgenden Empfehlungen berücksichtigen.

1. Nichts verschleppen

Alles, was zu tun ist, unverzüglich angehen, wenn man den Überblick behalten und nicht den Kopf verlieren will. Eine Sache vor sich herzuschieben kostet mehr Energie als sie zu erledigen. Also: Was getan werden muß, wie unangenehm auch immer, irgendwie hinter sich bringen, es zur Not schlecht und recht machen, aber auf jeden Fall abschließen – und dann auf zu neuen Horizonten!

2. Einen Augenblick lang nachdenken

Nicht dem ersten Impuls nachgeben, seine Antwort kurz überdenken! Zum Beispiel dann, wenn jemand mit einem Vorwurf auf unser schlechtes Gewissen spekuliert – reagieren wir nicht automatisch mit einer Entschuldigung! Bevor wir uns ducken und Abbitte leisten, überlegen wir einen Augenblick lang, ob der Vorwurf tatsächlich zutrifft. Wer sich immer gleich erwischt fühlt, wirkt alles andere als souverän.

3. Kühlen Kopf bewahren

Lassen wir uns niemals von Horrormeldungen oder Hiobsbotschaften in Panik versetzen! In solchen Fällen muß man immer die Erregung des anderen abziehen und sich auf die nackten Tatsachen konzentrieren. Was genau ist vorgefallen? Eine Katastrophe läßt sich meist schnell auf die Dimension eines kleinen Betriebsunfalls reduzieren, wenn man sich von der Aufregung anderer nicht anstecken läßt und nur die reinen Fakten in Betracht zieht.

Überhaupt sollte man alles mit Ruhe angehen, immer einen Schritt nach dem anderen tun und sich möglichst durch nichts beirren lassen, wenn man seine Entscheidung einmal gefällt hat. Leute, die über ihre eigenen Füße stolpern oder sich durch jeden Einwand irritieren lassen, würde niemand für souveränen halten. Überzeugend wirkt, wer nicht den Eindruck erweckt, um seinen Platz in einer Gesellschaft und seine Geltung bei anderen strampeln und kämpfen zu müssen.

4. Kein mäklerisches Wesen haben

Viele Menschen wissen genau, was sie nicht wollen – nur was sie wollen, könnten sie kaum sagen. Das zeigt sich dann zum Beispiel in der geschmäcklerischen Art, mit der sie an jeder Speisekarte etwas auszusetzen haben und unter fünfundzwanzig Gerichten nichts für ihren ach so raffinierten, anspruchsvollen Geschmack finden können. Und dann gibt es die, die ein Essen aus der Bistroküche bemäkeln, als befänden sie sich in einem Feinschmeckerlokal, oder von einem Wein für 2,50 verlangen, daß er wie ein Médoc schmeckt. Das heißt, Lebensart vortäuschen aus Mangel an Souveränität.

5. Sich nicht anbiedern

Wir unterschätzen unser Publikum, wenn wir glauben, es würde auf Verstellung oder Anschleimerei hereinfallen. In meiner Jugend arbeitete ich im Lager eines Unternehmens, dem der Geschäftsführer regelmäßig Besuche abstattete. Dieser Mensch hielt es für angebracht, sich für die fünf Minuten, die er bei uns zubrachte, in einen Lagerarbeiter zu verwandeln und den Gang, die Haltung und die Sprache eines Gabelstaplerfahrers zu imitieren. Das Ergebnis war eine Jovialität, von der alle peinlich berührt waren. Solche Auftritt sollte man sich für den Maskenball aufheben – souverän wirken sie nicht.

6. Zurückhaltung üben

Nicht die eigene Überlegenheit in jedem Augenblick herauskehren! Souverän ist, wer andere zu Wort kommen läßt, sich ihre Meinungen in aller Ruhe anhört und niemandem das Gefühl gibt, nur ausführendes Organ zu sein. Wer seine Überlegenheit nicht ständig ins Spiel zu bringen versucht, wird in dem Augenblick, in dem sie wirklich gefragt ist, umso mehr Wirkung erzielen. Man muß die Stunde seines großen Auftritts abwarten können!

7. Großzügig und gefällig sein

Gesten der Großzügigkeit, ein unerwartetes Geschenk oder eine überraschende Versöhnungsgeste, sind Zeichen von Souveränität. Vor allem aber sollten wir nicht kleinlich in unserem Urteil sein! Lassen wir jeden zu seinem Recht kommen, auch wenn wir selbst nicht einverstanden sind, und beklagen wir uns nicht aufbrausend über die kleinen Verfehlungen eines anderen. Radikale Verurteilung wird leicht als Zeichen für einen niedrigen Charakter verstanden. Die aufgeplusterte Entrüstung steht den kleinen Geistern zu und Leuten mit wenig Erfahrung und Überblick. Souveränität verträgt sich auch durchaus mit der Bereitschaft, anderen gefällig zu sein oder ihnen den Vortritt zu lassen.

8. Eine eigene Sprache haben

Souveränität zeigt sich unter anderem in der unbefangenen Benutzung von Wörtern. Muß man Wörter wie „vernünftig“ oder „konservativ“ meiden, bloß weil einige sofort „spießig“ oder „altmodisch“ heraushören? Darf man nicht mehr auf gutem Deutsch bestehen, nur weil einem dann gleich „Deutschtümelei!“ entgegenschallt? Muß man wirklich fleißig die gängigen Amerikanismen verwenden, um der Clique, der Zunft oder dem Zeitgeist seinen Tribut zu zollen? Unabhängigkeit des Urteils – das gilt mehr denn je gegenüber denen, die uns einer klaren, verantwortungsbewußten Sprache wegen in diese oder jene Ecke drängen wollen.

9. Mit Vorwürfen und eigenen Fehlern umgehen können

Man höre sich Vorwürfe an, ohne sofort zu widersprechen. Sind sie ungerechtfertigt, halte man sich nicht zu lange mit seiner Verteidigungsrede auf – endlose Rechtfertigungen führen zu gar nichts, damit macht man sich eher verdächtig. Es ist immer besser, Fehler, auch eigene, bald auf sich beruhen zu lassen und nach vorn zu schauen, das Gespräch also auf die Möglichkeit zu lenken, aus der einmal eingetretenen Situation doch noch das Beste zu machen.

Vorwürfen, die man unweigerlich zu gewärtigen hat, kann man dadurch die Schärfe nehmen, daß man ihnen zuvorkommt. Wer mit seinem Fehler von selbst herausrückt, zeigt dem anderen, daß er seine Verfehlung für verzeihlich hält und stimmt ihn im selben Moment versöhnlich. Einsicht kommt immer gut an, und meist erübrigt sich dann ein längerer Streit um Recht oder Unrecht. Sollte es sich aber um Kleinigkeiten handeln, mache man kein Aufhebens davon. Und auf keinen Fall sollte man sich allzu schnell selbst bezichtigen! Letztlich gilt natürlich: Souveränität fällt dann am leichtesten, wenn man sich in dem sicheren Bewußtsein, alles so gut und gewissenhaft wie möglich erledigt zu haben, nicht täuscht.

Moritz Knigge sagt: „Vertraue darauf, daß man jede Fähigkeit entwickeln kann! Niemand wird mit der Unabhängigkeit des Urteils, der gelassenen Unbefangenheit und der entwaffnenden Offenheit geboren, die einen souveränen Menschen auszeichnen. Täusche nichts vor, biedere dich nicht an! Fühle dich aber jederzeit zu dem natürlichen Stolz berechtigt, du selbst zu sein!“

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