Von Niklas Luhmann stammt der Satz: „Es gibt Wirtschaft, es gibt Ethik, aber es gibt keine Wirtschaftsethik.“ Und, so Luhmann weiter: „Der Schlüssel des ökologischen Problems liegt, was Wirtschaft betrifft, in der Sprache der Preise.“ Ethische Probleme können in der Marktwirtschaft nur dann bearbeitet werden, wenn sie sich in Preisen ausdrücken lassen oder genügend Menschen bereit sind, im Zweifel auf ein Geschäft oder ein Schnäppchen zu verzichten. Bio wird nur dann gekauft, wenn der Nutzen, den ich mir dadurch verspreche, höher ist als der Preis. Zu fair gehandeltem Kaffee greife ich nur dann, wenn ich bereit bin, mich die Fairness etwas kosten zu lassen.

Inhaltsverzeichnis | Das erwartet Sie in diesem Artikel:

Soziale Marktwirtschaft

Was sich nicht über den Preis oder die Haltung der Verbraucher regeln lässt, muss durch Richtlinien und Gesetze geregelt werden. Zwischen diesen drei Möglichkeiten die richtige Mischung zu finden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Wir können darauf hoffen, dass die Politik die richtigen Regeln findet, damit weniger Blödmänner sich blödsinnig verhalten oder darauf bauen, dass die Blödmänner sich von sich aus eines Besseren besinnen. Wir können uns aber auch darum bemühen, nicht selbst zum Blödmann zu werden, und beim nächsten verlockenden aber blödsinnigen Angebot unseren gesunden Menschenverstand einschalten.

Man braucht nicht Wirtschaftswissenschaften studiert zu haben, um zu erkennen, dass Blödmänner immer einen Blöden brauchen, um ihre Gier zu befriedigen. Wirtschaft ist keine Einbahnstraße, Wirtschaft basiert auf Tausch. Wir können uns diesem Tausch verweigern, wenn bestimmte Bedingungen nicht erfüllt sind. Wenn wir uns sicher sind, dass der Preis für ein Produkt oder die Verheißung auf Gewinn darauf beruht, dass das Gegenüber auf unsere oder auf Kosten anderer Reibach machen will, dann liegt es an uns, dies in Kauf zu nehmen oder den Tausch zu verweigern. Wir können uns entscheiden:

  • Es gibt ethische Investmentmöglichkeiten.
  • Es gibt Produkte, die nach ökologischen und sozialen Standards produziert werden.
  • Es gibt die Möglichkeit, sich über die wahrgenommene gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen oder deren Missachtung zu informieren.
  • Und es soll sogar seriöse Finanzberater geben.

Man kann solche Produkte kaufen, man kann sich informieren, und man kann die richtigen Berater aufsuchen. Das müssten wir dann allerdings auch mal ausprobieren, bevor wir uns mit Pappschildern bewaffnen und anderen zurufen: „Jump, you fuckers!“.

Die Marktwirtschaft folgt einer denkbar einfachen Logik: Etwas ist entweder nützlich oder eben nicht. Erfolg oder Misserfolg, das ist hier die Frage. Doch wer bestimmt eigentlich über diesen Erfolg? Im besten Fall wir. Wenn wir nachfragen. Wenn wir den Anbietern signalisieren: Das kaufe ich nur, wenn Qualität und Preis stimmen und die sozialen Kosten so gering wie möglich sind. Das wäre ideal. Das ließe sich verantworten. Das wäre dann wirklich im besten Sinne eine soziale Marktwirtschaft, Ihr Blödmänner J.

Märkte Ansichten des Kapitalismus

Zuerst Karl Marx: „Der Markt muss beständig ausgedehnt werden, sodass seine Zusammenhänge und die sie regelnde Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden.“ Der Markt als Monster, selbst geschaffen, nicht mehr zu kontrollieren. Man muss ja nicht gleich zum Kommunisten werden, aber beschreibt Marx da nicht genau das, was viele seit Langem an der Marktwirtschaft kritisieren? Die Entfremdung der einzelnen Wirtschaftssubjekte zugunsten eines übergeordneten Naturgesetzes, nach dem alles seinen Preis hat, auch der Mensch? Ein System, in dem geschmiert wird, bis der Arzt kommt, in dem Heuschrecken uns plagen, Menschen unter den unwürdigsten Bedingungen arbeiten müssen und der letzte Baum gerodet wird? Nach dem nur das gilt, was Profit bringt, auf Teufel komm raus?

Und hat John Maynard Keynes nicht recht, wenn er den Kapitalismus wie folgt charakterisiert: „Dem Kapitalismus wohnt die höchst merkwürdige Vorstellung inne, dass widerwärtige Menschen mit ebenso widerwärtigen Motiven irgendwie für das Allgemeinwohl sorgen.“? Ist der Kapitalismus tatsächlich ein durch und durch opportunistisches System? Nicht lernfähig? Produziert er am laufenden Band charakterschwache und gierige Menschen und Institutionen, die jede Chance, ihren Vorteil zu ergreifen, ausnutzen und die von ihnen verursachten Kosten auf die Gesellschaft abwälzen? Liegt es in der Natur der Sache, dass die Unternehmen, die am schlechtesten gewirtschaftet haben, mit Steuergeldern unterstützt werden müssen, weil ihr Sturz sonst alles in den Abgrund reißen würde? Ein System, das nur der Gier folgt und allen in ihm und von ihm lebenden Menschen dazu zwingt, dieser Logik bedingungslos zu folgen? Ohne Spielräume, den Zweck, die Mittel und die Folgen für andere Menschen und unsere Umwelt zu hinterfragen?

Wohlstand

Das Fernsehbild zeigte einen jungen Mann mit einem Pappschild vor der Brust. Der Mann stand auf der Wall Street. Auf seinem Schild war zu lesen: „Jump, you fuckers!“, was auf den Mythos anspielte, nach dem die Banker zu Zeiten des amerikanischen Börsencrashs von 1929 noch einen Funken Ehre im Leib hatten, der ausreichte, um ihr Versagen durch einen Sprung in die Tiefe einzugestehen. Claus Kleber, Anchorman und unbestrittener Sympathieträger des heute-journals bewahrte auch diesmal die Haltung. Selbst über Jahre als USA-Korrespondent tätig und erklärter Fan des Landes der Freien und Tapferen, ist Kleber zwar der englischen Sprache unzweifelhaft mächtig, zog es jedoch vor, das rüde Wort „fuckers“ mit Blödmänner zu übersetzen. Der junge Mann in der Wall Street mochte seinen Blick so lange nach oben richten, wie er wollte, mit spektakulären Sprüngen war knapp 80 Jahre nach dem Schwarzen Freitag in New York nicht zu rechnen.

Jahrelange hatten die Blödmänner und ihre Erfüllungsgehilfen an die politischen Entscheidungsträger appelliert, endlich vernünftig zu sein und den Markt seinen selbst regulierenden Kräften zu überlassen, zum Wohle aller. Lange hatte die Politik gezögert, um dann doch nachzugeben. Das wohl größte Deregulierungsprojekt der Wirtschaftsgeschichte wurde endlich in Angriff genommen. Utopia wurde Wirklichkeit. Endlich durfte die unsichtbare Hand des Marktes wirken, endlich verabschiedeten sich die sichtbaren Hände der Politik von jenem Spielfeld, von dem sie ohnehin nichts verstanden. Das Ideal einer freien Wirtschaft war verwirklicht. Eine Entfesselung unfassbaren Ausmaßes war die Folge.

Wohlstand und Häuser für alle! Kein Geld? Egal! Der Wert Ihres Hauses steigt so schnell, dass Sie Ihre Hypotheken bald aus der Portokasse zahlen können! Das ist Marktwirtschaft, alles wächst, alles gedeiht. Was ein Zertifikat ist? Ganz einfach: Sie erhalten die doppelte Verzinsung Ihres Sparbuchs und haben dasselbe Risiko, nämlich gar keins! Ist das nicht wunderbar?

So oder ähnlich hatte alles begonnen. Am Ende der Fahnenstange erfreute sich noch die eine oder andere Landesbank über ihren großen Coup, endlich in der modernen Finanzwelt angekommen zu sein, da platzte die Blase auch schon. Utopia stand in Flammen. Von wegen: e größer die Eigenliebe des Einzelnen, desto größer das Wohl der Allgemeinheit. Wohl eher: je größer die Eigenliebe des Einzelnen, desto höher die Kosten für die Gemeinschaft! Und urplötzlich wurden zwei Männer aus der Mottenkiste geholt, die bereits so viel Staub angesetzt hatten, dass ihnen kein vernünftig denkender Mensch ein so rasches Comeback zugetraut hätte: Karl Marx und John Maynard Keynes. Hält man sich exemplarisch zwei Aussagen dieser beiden vor Augen, dann kann man sich das Schmunzeln über die Blödmänner kaum verkneifen.

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