Moritz Freiherr Knigge hat ein Buch über den Umgang mit Menschen geschrieben. Mit Spielregeln für ein eigenverantwortliches gemeinschaftsfähiges Leben. 

Wir könnten auch anders

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Übrigens werden vielleicht wenig Menschen in einem so kurzen Zeitraume in so manche sonderbare Verhältnisse und Verbindungen mit andern Menschen aller Art geraten, wie ich, seit ungefähr zwanzig Jahren; und da hat man denn schon Gelegenheit, wenn man nicht ganz von der Natur und Erziehung verwahrlost ist, Bemerkungen zu machen und vor Gefahren zu warnen, die man selbst nicht hat vermeiden können.“

„Über den Umgang mit Menschen“ (1788), Einleitung[1]

Knigge und Duden

„Knigge? Das ist ja lustig. Vorhin hatte ich schon einen Herrn Duden!“ sagte die Kellnerin in einem Berliner Café nach einem Blick auf meine Kreditkarte. Auch ich fand das lustig – und finde es immer aufs neue amüsant, daß die meisten mit „Knigge“ gar keinen echten Menschen verbinden. Der Polizist, der mich vor Jahren anhielt, wußte nicht, was er verblüffender finden sollte: daß es jemanden dieses Namens überhaupt gibt, oder daß ein solcher – wie andere Sterbliche auch – bisweilen die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreitet. Im Laufe meines Lebens habe ich mich jedenfalls daran gewöhnt, auf meinen Namen angesprochen zu werden. Und wie Menschen, die Duden heißen, wahrscheinlich mehrmals täglich gefragt werden: „Duden? Was halten Sie denn von der neuen Rechtschreibung?“, so bekomme ich regelmäßig zu hören: „Knigge? Da muß ich mich jetzt wohl richtig benehmen?“

Benimmpapst wider Willen

Die passende Antwort darauf wäre schlicht und einfach: „Ja“. Auf Dauer hat mich dieser kurze Bescheid jedoch gelangweilt, und so habe ich mir manchmal ein Vergnügen daraus gemacht, den Erwartungen an einen unerbittlich strengen Benimmpapst zu entsprechen, und dann wieder mit demselben Vergnügen die Gelegenheit genutzt, Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn mein Vorfahr, Adolph Freiherr Knigge, hat sich niemals zu der Frage geäußert, ob beim Zerteilen eines Fischs das Messer zu Hilfe genommen werden darf – und zu anderen Fragen dieser Größenordnung auch nicht. Er hat vielmehr das ideenreichste und erfolgreichste Buch deutscher Sprache über Lebensklugheit geschrieben – es hieß „Über den Umgang mit Menschen“ und erschien 1788. Welche Gerätschaften bei einer Fischmahlzeit zum Einsatz kommen, wer in einer gemischten Gesellschaft wem die Türe aufhält, wann im Treppenhaus die Dame vorangeht und wann der Herr – kurz: wie man sich zu benehmen hat, das war Ende des 18. allgemein bekannt, darüber brauchte man keine Bücher zu schreiben.

Spielregeln für das 21. Jahrhundert

Was hingegen ihn – und ebenso seine Leser – interessierte, das waren soziale Strategien, gute Spielregeln um den Reibungsverlust im Umgang mit Menschen so gering wie möglich zu halten, um unterschwellige Machtkämpfe und sinnlose Konflikte zu vermeiden und alle denkbaren gesellschaftlichen Situationen souverän zu meistern. Daß mein Vorfahr später in den Ruf eines Benimmpapstes kam, dafür konnte er nichts. Das lag an eigenmächtigen Bearbeitern seines Werks im folgenden Jahrhundert, die es nach und nach mit simplen Anstandsregeln spickten und damit den Geschmack eines Bürgertums trafen, das zur führenden Gesellschaftsschicht aufgestiegen war und nun um handfeste Regeln für seine Auftritte auf dem gesellschaftlichen Parkett verlegen war.

Und nun der nächste „Knigge“. Wieder ein Buch über Lebensklugheit, über den Umgang mit Menschen im 21. Jahrhundert. Aber – hat sich seither denn nicht alles geändert? Wer wird dieser Tage noch etwas von gesellschaftlichen Spielregeln wissen wollen, wo sich inzwischen alles um Selbstverwirklichung und Egotrips, Lifestyle und Lebensgefühl dreht? Wo der Umgang mit Menschen jedem selbst überlassen ist, wo im Alltag nichts weiter gefragt ist als individuelle Eingebung und Spontaneität? Ich bin, wie ich bin, und fertig – oder?

Das große Unbehagen

Mag sein. Aber wenn mich nicht alles täuscht, hat sich noch etwas verändert. Es ist noch nicht lange her, da war es das Privileg der Jungen und der ganz Alten, mit ihrer Zeit nicht einverstanden zu sein. Heute, so scheint mir, ist es vor allem die mittlere Generation, sind es Menschen im besten Alter sozusagen, die sich herausnehmen, nicht einverstanden zu sein. Die in der Stimmung sind, die Verhältnisse einer kritischen Prüfung zu unterziehen, Gewinne und Verluste gegeneinander aufzurechnen und Bilanz zu ziehen. Und diese Bilanz läßt sich in einem Wort zusammenfassen: Unbehagen. Unbehagen als Grundstimmung. Unbehagen als herrschendes Lebensgefühl.

„Nach der Strukturreform bei uns im Sender“, sagt Axel V., Chefsprecher eben dieses Senders, „läuft bei uns alles darauf hinaus, daß Entscheidungen nicht mehr begründet werden müssen. Jedes Projekt kann unter Hinweis auf die Einschaltquoten abgeschmettert oder durchgeboxt werden – Argumente erübrigen sich. Verantwortlich ist niemand mehr. Das zieht unendlichen Ärger nach sich. Jeder ist frustriert.“

„Wenn ich deutsche Ingenieure auf ihren Einsatz in England vorbereite“, sagt die Kursleiterin Margrit M., „dann muß ich ihnen regelrecht einbleuen, was man in England unter Höflichkeit versteht. Gewisse Umgangsformen werden dort einfach vorausgesetzt. Was das angeht, ist meine Klientel in aller Regel von erschütternder Ahnungslosigkeit. Die haben schon Schwierigkeiten mit dem Grüßen. Die sagen: Der andere grüßt ja auch nicht – und damit hat sich die Sache für sie.“

„Kürzlich beklagte sich ein Student bei mir, es sei eine Unverschämtheit, ihn zu zwingen, sich eine Dreiviertelstunde lang mit demselben Gemälde zu befassen“, erinnert sich Antonia G., Professorin für Kunstgeschichte. „Ich würde ihm seine Zeit stehlen. Für ein und dasselbe Bild könne er allenfalls zehn Minuten Aufmerksamkeit erübrigen. Und so jemand ist kein Einzelfall.“

„Das mit der Frauenemanzipation steht höchstens auf dem Papier“, meint die Architektin Bettina S., Gattin eines Mannes, der denselben Beruf hat wie sie. „Wenn wir mit unseren Architektenfreunden zusammensitzen, wendet man sich im Gespräch eigentlich immer an meinen Mann, obwohl oft genug ich die Expertin bin. Meine Meinung zählt gar nicht. Ich frage mich dann, ob ich zu schüchtern bin, zu bescheiden, ob ich zu wenig Aufsehen errege, ob ich mich stärker bemerkbar machen sollte. Aber – das will ich eigentlich gar nicht.“

„Aus denen müßte ich erst mal Menschen machen“, stöhnt Ulrich B., Realschullehrer, wenn er an die Schüler seiner 7. Klasse denkt. „Keine Distanz, überhaupt keinen Respekt. Und hinterher, im Lehrerzimmer, brüllt man sich an, weil man diese Lautstärke gewöhnt ist, weil man gar nicht mehr anders kann als brüllen.“

Lebensklugheit im Umgang mit seiner Zeit

Viele solcher Gespräche habe ich geführt, bevor ich an dieses Buch gegangen bin. Fast immer bin ich diesem aufgestauten Unbehagen begegnet. Und stets galt es der Entwicklung der Dinge, der Verhältnisse. Als würden wir mit einem Kater aus einem Rausch erwachen. Wie die Teilnehmer eines Fests, die sich hinterher nicht mehr so recht erinnern, was sie zusammengebracht hat und was es eigentlich zu feiern gab. Jeder scheint sich in einer anderen Wirklichkeit wiederzufinden. Die Verständigung jedenfalls ist mühsamer geworden, und der Orientierungssinn funktioniert nicht mehr wie gewohnt. Woran liegt das?

Dieser Frage will ich im ersten Teil des Buchs nachgehen, wo es um „Lebensklugheit im Umgang mit seiner Zeit“ geht. Bevor man sich den alltäglichen Situationen zuwendet, müßte man, meine ich, erst einmal wissen, was eigentlich gespielt wird. Aus welchen Elementen sich das zusammensetzt, was wir als Zeitgeist erleben. Und wie sich der einzelne in einer Gesellschaft zurechtfinden kann, die sich einerseits die bizarrsten Zurschaustellungen des Individuellen gefallen läßt, mehr noch, sich am Privaten, auf Containerformat reduziert, sogar ergötzen kann – und die sich andererseits gegen die Zumutungen dieses Individualismus mit einem unausgesprochenen Regelwerk aus Tabus, diversen unerklärten Ideologien und einem wachsenden Zwang zur Selbstdisziplinierung massiv zur Wehr setzt.

Ich habe versucht, im Sinne der Lebensklugheit bereits in diesem ersten Teil der praktischen Vernunft zu ihrem Recht zu verhelfen – gegen alle möglichen glück- und freiheitverheißenden Zeitströmungen. Ich weiß, daß ich mich damit einem Gegenwind aussetze – entfacht von den unbändigen Hoffnungen, die sich mit der Teilhabe an einer globalen Kultur des jeweils neusten Trends verbinden. Aber eine solide Skepsis gegen allumfassende, mitreißende Lösungen ist ein Erbe der Knigges, das sich bis zu einem gewissen Grad vielleicht aus ihrer hannoveranischen Herkunft erklärt. Jedenfalls hat diese Skepsis schon die Grundhaltung meines Vorfahren geprägt, der die Französische Revolution als den Anbruch einer neuen Zeit der Freiheit zwar begrüßt hatte, in seinem Buch aber unermüdlich daran erinnert, daß jede neue, große Errungenschaft des Zeitgeistes erst einmal auf ihre Alltagstauglichkeit hin überprüft werden muß. Ich teile seine Auffassung, daß Glück nicht abheben bedeutet, sondern am Boden bleiben wollen. Und weil ich meine, daß seine Ratschläge und Empfehlungen im Laufe von 216 Jahren kaum etwas von ihrer Gültigkeit eingebüßt habe, werde ich sie als Ausgangspunkt und Inspirationsquelle benutzen und kurze Auszüge aus seinem „Umgang mit Menschen“ jedem Kapitel voranstellen.

Lebensklugheit im Umgang mit Menschen und Situationen

Um die Alltagstauglichkeit der Lebensklugheit geht es dann im zweiten und dritten Teil dieses Buchs, „Lebensklugheit in unterschiedlichen Situationen“ und „Lebensklugheit im Umgang mit unterschiedlichen Menschen“ überschrieben. Ich gehe hier davon aus, daß die Grundfragen im Verhältnis des einzelnen zur Gesellschaft seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden die gleichen geblieben sind – unabhängig von den herrschenden Ideologien, unabhängig von wechselnden Leitbildern und Modeströmungen. Zu allen Zeiten kannte man die Sorge: Wie komme ich bei anderen an? Wie gewinne ich Menschen für mich? Wie verschaffe ich mir Respekt, wie helfe ich mir aus der Verlegenheit, und was muß ich berücksichtigen, damit ich erst gar nicht hineingerate? Und zu allen Zeiten gab es darauf Antworten, die sich ebenfalls kaum verändert haben. Sie alle betonen den Vorteil genauer Menschenkenntnis, den praktischen Nutzen kluger, vielfältig anwendbarer Verhaltensregeln und die Bedeutung der Empathie, also der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen – als Voraussetzung für einen Erfolg, der nicht auf einen Triumph über seine Mitmenschen hinausläuft, sondern unter Einbeziehung ihrer Interessen und mit Rücksicht auf ihre Empfindungen erzielt wird.

Lebensklugheit ist Selbsbestimmung

Aber was genau ist gemeint, wenn von Lebensklugheit die Rede ist? Nun, Lebensklugheit heißt jedenfalls nicht, zu warten, bis die Psychotherapie Erfolg gehabt hat oder neue Gesetze erlassen worden sind oder endlich genug Geld fließt oder die Menschheit als ganze sich eines Besseren besonnen hat. Jeder kann sich darin üben, ohne Studiengebühren zu bezahlen, ohne Abendkurse zu belegen, ohne auf andere warten zu müssen, die vielleicht auch mitmachen wollen. Lebensklugheit heißt nämlich: zu handeln, es auf andere Weise als bisher zu versuchen und sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen, soweit es sich in die Hände nehmen läßt, um das Gefühl freier Selbstbestimmung zu genießen.

Lebensklugheit ist Umgänglichkeit

Wer die Schule der Lebensklugheit durchläuft, der wird sich auf jeden Fall eine Eigenschaft aneignen, die ich als Umgänglichkeit bezeichnen möchte. Das mag bescheiden klingen, ist aber ein anspruchsvolles Ziel. Denn zu dem, was ich unter Umgänglichkeit verstehe, gehören unermüdliche Verständigungsbereitschaft (aber keine grenzenlose Geduld), innere Haltung (gepaart mit Stil), unbegrenztes Einfühlungsvermögen (das nicht ständig demonstriert zu werden braucht), gute Manieren (um sie gelegentlich zu vergessen), Durchsetzungsfähigkeit (wenn’s drauf ankommt), Anpassungsvermögen (das nichts mit Selbstverleugnung zu tun hat), Menschenkenntnis (immer) und Souveränität (jederzeit). Zur Lebensklugheit gehören aber auch Scharfblick und ein Gespür für die Irrtümer und Abwege unserer Zeit, um dort Widerstand zu leisten, wo die Bedingungen des klugen Umgangs auf dem Spiel stehen – und dort beherzt mitzumischen, wo sich Chancen für einen rücksichtsvolleren und sinnvolleren Lebensstil bieten.

Ich glaube, daß wir solche vernünftigen Regeln als gemeinsame Grundlage für den Umgang miteinander brauchen, solange wir noch nicht entschlossen sind, die Gesellschaft als etwas prinzipiell Feindliches und unsere Mitmenschen grundsätzlich als Gegenspieler zu betrachten. Und ich bin sicher, daß man auf diese Weise auch dem Unbehagen von Menschen abhelfen kann, die im Osten unseres Landes einen rapiden Verfall der Menschlichkeit beklagen und im Westen das Scheitern vieler Hoffnungen, die mit dem ständigen Zuwachs an individueller Freiheit verbunden waren. Was mich dessen so sicher macht? Vor allem die Erlebnisse in meinem Elternhaus, dem Rittergut Bredenbeck vor den Toren Hannovers, wo Adolph Freiherr Knigge 1752 geboren worden war und ich groß geworden bin. Auch wenn ich nicht mehr dort lebe, bin ich dort nach wie vor zu Hause. Dann die zahlreichen Gespräche, die ich mit unterschiedlichsten Menschen als Vorbereitung auf dieses Buch geführt habe – nicht selten waren Frauen und Männer von beeindruckender Lebensklugheit darunter, und oft waren es solche, die schwierige Situationen durchlebt hatten. Und schließlich die Erfahrungen, die ich als selbständiger Unternehmensberater gewonnen habe.

Aufgewachsen in Bredenbeck

Was mein Elternhaus angeht: Auf Bredenbeck standen die Türen jederzeit offen, und davon wurde reichlich Gebrauch gemacht. Meine Eltern führten ein gastfreies Haus, jeder war willkommen, und viele kamen. Meine Mutter wie mein Vater waren zugängliche Menschen, ohne allen Dünkel, und deshalb gleichermaßen beliebt, nicht zuletzt bei jungen Leuten. Den Geist, der bei uns herrschte, würde ich als konservativ-tolerant bezeichnen. Das heißt, es ging zwanglos zu – aber diese Zwanglosigkeit ergab sich nicht aus einem Verzicht auf feste Regeln oder Abstrichen daran, sondern aus der Selbstverständlichkeit, mit der sie galten. Für uns, meine Geschwister und mich, waren das Grundregeln der Zivilisation, an die wir gelegentlich erinnert werden mußten, die wir aber nicht in Frage zu stellen brauchten, weil ihr Sinn unmittelbar einleuchtete. In meinem Elternhaus habe ich jedenfalls gelernt, daß eine Gemeinschaft steht und fällt mit stillschweigenden Vereinbarungen und der Bereitschaft, sie auch dann einzuhalten, wenn Verstöße nicht geahndet werden können.

Umgang mit Menschen, die man sich nicht ausgesucht hat

Ich habe mich später in meinem Leben nicht immer an die Grundsätze der Lebensklugheit gehalten, und ich habe es nicht immer bereut. Vergessen habe ich sie nie. Und heute zeigt sich in meiner Arbeit, daß sie sich auch auf Unternehmen übertragen lassen, wo man mit einer Vielzahl von Menschen auskommen muß, die man sich ebensowenig wie seine Familie ausgesucht hat – und daß alle Beteiligten davon profitieren. Denn letztendlich ist es gleichgültig, in welchen Lebensbereichen man sich von der Lebensklugheit inspirieren läßt, sie lehrt uns in jedem Fall, das Leben als verlockende Aufgabe zu begreifen.

[1] Die Kapitelhinweise beziehen sich auf die folgende Veröffentlichung:

Knigge, Adolph Freiherr: Über den Umgang mit Menschen
Hrsg.: Göttert, Karl-Heinz. 479 S.

Reclam Verlag Leipzig

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