Knigge sagt: Sprache ist der Schlüssel zur Seele

Knigge Regel: „Unsere Sprache verrät einiges über uns – nicht der schlechteste Grund, eine nuancen- und variantenreiche, ausdrucksstarke Umgangssprache als ehrgeiziges Lebensprojekt zu betrachten. Kommunikation:  lassen wir uns von der alltäglichen Frivolität der Boulevardmedien nicht täuschen: Es gibt unverzeihliche Indiskretionen, und auch die verzeihlichen kratzen an unserem Ruf.“

Knigge Kommunikation Sprache
Kommunikation will gelernt sein

„Willst Du witzige Einfälle anbringen, so überlege auch wohl, in welcher Gesellschaft Du Dich befindest! Was Personen von einer gewissen Erziehung sehr unterhaltend scheint, kann andern sehr langweilig und unschicklich vorkommen, und ein freier Scherz, den man sich in einem Zirkel von Männern erlaubt, würde bei Frauenzimmern übel angebracht sein.“

Adolph Freiherr Knigge, Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 26

Manchmal könnten wir uns hinterher auf die Zunge beißen. Manchmal wären wir in der Kommunikation als Philosophen durchgegangen, wenn wir bloß geschwiegen hätten. Manchmal reden wir uns um Kopf und Kragen. Und manchmal liegt es daran, daß wir das kleine Einmaleins des klugen Gesprächs nicht im Kopf hatten. Wie jedes Einmaleins hat auch dieses seine Regeln, und ein paar davon möchte ich im folgenden Abschnitt in Erinnerung rufen.

Das Lästern ist ein Laster

Eine ehrwürdige und unverändert gültige Regel ist die, nicht über Abwesende herzuziehen, schon weil der Zuhörer annehmen muß, daß der Lästerer sich hinter seinem Rücken das Maul genauso über ihn zerreißen wird. Man ist von Menschen, die öffentlich ihre schmutzige Wäsche waschen und ihren Groll beim Nächstbesten abladen, immer unangenehm berührt und vermutet sofort einen Mangel an Ehrgefühl und Selbstbeherrschung bei ihnen. Die gehässige Nachrede mag als Ventil in Kollegenkreisen noch durchgehen, wo Vorgesetzte und Mitarbeiter der eigenen Firma durchgehechelt werden – sie verbietet sich aber ganz entschieden im Gespräch mit Außenstehenden, ja, eigentlich auch unter Freunden. Es gab eine Zeit, als es zum guten Ton gehörte, an den eigenen Eltern kein gutes Haar zu lassen und sie ungeniert dem Hohn seiner Bekannten auszusetzen – ich habe mich nie daran beteiligt und hätte mir von meinen eigenen Freunden mehr Diskretion gewünscht.

Ein Fettnäpfchen lauert immer dann, wenn ein anderer Selbstkritik übt – wobei die Selbstkritik gar nicht unbedingt der eigenen Person zu gelten braucht, sondern auch den engeren Kreis der Familie und Freunde, oder, bei Ausländern, auch die eigenen Landsleuten oder die Zuständen daheim betreffen kann. Pflichten wir beherzt bei, sind wir jedenfalls schon hineingetappt. Denn in den seltensten Fällen will der Betreffende von uns hören, wie sehr er mit seinen Befürchtungen im Recht ist, fast immer dürfen wir davon ausgehen, daß er viel eher vorsichtigen Widerspruch und einen skeptisch-belustigten, ungläubigen Blick erwartet. Was dem Selbstkritiker recht ist, ist einem Dritten nämlich nicht billig, und was in seinem Mund echte Besorgnis ist, würde aus unserem anmaßend und beleidigend klingen. In jedem Fall sind wir gut beraten, jede Selbstkritik zunächst einmal als Aufforderung zu verstehen, Zweifel zu zerstreuen und eine andere, freundlichere, jedenfalls ermutigende Perspektive ins Spiel zu bringen.

Kommunikation nicht in Jugendsprache und Anglizismen

Und dann: Vergessen wir nicht, daß wir uns durch Reden offenbaren! Aufmerksame Zeitgenossen ziehen anhand bestimmter Sprechgewohnheiten unweigerlich Rückschlüsse auf unseren Charakter. Zu den beliebtesten Unarten dieser Tage zählt, mit jugendlicher Emphase zu reden, um ein paar Jahre oder Jahrzehnte jünger zu wirken. Aber schon Fünfundzwanzigjährige machen sich lächerlich, wenn sie unentwegt Ausdrücke wie „absolut irre“ im Mund führen, jeden Eindruck, jede Erfahrung sprachlich auf die Spitze treiben und vor keiner Übertreibung zurückschrecken. Wir sollten uns deshalb nicht von der Manie anstecken lassen, ständig in Superlativen zu reden und bei den geringfügigsten Anlässen in kindischer Exaltiertheit zu schwelgen.

Die sprachlichen Gewohnheiten anderer in der Kommunikation nachzuahmen ist nicht weniger verräterisch. Es gibt Menschen, die schnappen ausgefallene Begriffe, die ein anderer ins Spiel bringt, blitzschnell auf und verwenden sie im nächsten Moment schon fleißig selbst, als wären sie ihnen höchst geläufig. So bringt man sich in den Verdacht, verzweifelt um Originalität bemüht zu sein. Genau den entgegengesetzten Eindruck, nämlich verzweifelt um Anpassung bemüht zu sein, erwecken all jene, die sich sprachlich in den engen Grenzen eines Jargons bewegen – ganz egal, ob es sich dabei um den Jugendjargon mit seiner Fülle sprachlicher Albernheiten handelt oder den Jargon der Chefetagen mit seiner Anglizismen-Kraftmeierei. Außerhalb seines Milieus fällt man mit einer derart reduzierte Ausdrucksfähigkeit unangenehm auf, und außerdem: Wer so redet, der koppelt sich von der Wirklichkeit ab, weil seine Sprache nur noch eine verkümmerte Innenwelt widerspiegelt – wie es der Held von „Teen Spirit“, einem Buch der französischen Autorin Virginie Despentes, zu seiner Bestürzung bemerken muß: „Als ich sie kennenlernte“, heißt es da, „war ich stolz darauf, wie ein Schwachkopf zu reden. Ich glaube, ich fand das damals tierisch männlich, ein Beweis, daß ich einen Teil meiner Zeit auf der Straße zugebracht habe. Als ich dann merkte, daß ich dazu verdammt war, so zu sprechen, fand ich es weniger komisch …“

Das Private bleibt privat

Nicht selten erlebt man, daß Leute ein Gespräch im Bekanntenkreis mit der Gelegenheit verwechseln, die Anwesenden mit psychologischen Mutmaßungen zu behelligen. Uns Deutschen wird ja seit jeher eine Vorliebe für das tiefsinnige Gespräch, die ungeschminkte Wahrheit nachgesagt – möglicherweise tritt diese alte Vorliebe heute in Form der Neigung auf, die Seelen seiner Mitmenschen anzubohren. Ich jedenfalls kann mich mit solcher aufdringlichen Neugier nicht anfreunden und rate, dieses anrüchige Interesse an Seelenverfassungen, diese leicht schmuddelige Leidenschaft fürs Intime möglichst zu unterdrücken. Ganz abgesehen davon, daß unseren Nebenmann, unsere Nebenfrau manches einfach nichts angeht, erklären psychologische Erklärungen in Wirklichkeit auch herzlich wenig – eine bestimmte vulgärpsychologische Theorie bestätigt zu finden heißt nämlich noch lange nicht, daß man aus einem Menschen tatsächlich schlauer geworden wäre.

Peinlich wird es, wenn jemand nicht weiß, wo wirklich Verschwiegenheit angebracht wäre, und in der Öffentlichkeit private Anspielungen macht, bei einer Liebesaffäre in unangebrachte Details geht oder durchblicken läßt, bei welcher Gelegenheit er sie oder sie ihn schließlich herumgekriegt hat – womöglich im Beisein Fremder, womöglich in Anwesenheit der betreffenden Person. So habe ich einmal erlebt, wie jemand in größerer Runde eine kaum verhüllte Anspielung machte, die allen Eingeweihten eine frische Eskapade des Gastgebers in Erinnerung rief. Dergleichen Frivolitäten sind nicht nur heikel, nicht nur geschmacklos, sie können auch als Verrat empfunden und außerordentlich verübelt werden, und es gibt manche, die nicht einmal ihren Freunden verzeihen würden, vor Zeugen ernsthaft in Verlegenheit gebracht worden zu sein. Außerdem verfolgt uns kaum etwas dermaßen hartnäckig, bis in den Traum hinein, wie eine echte Peinlichkeit. Es kann also auf keinen Fall schaden, wenn unsere Diskretion deutlich über dem Niveau der Boulevardmedien liegt.

Ein Hoch auf den Humor in der Kommunikation

Im übrigen kann man natürlich von Glück sagen, wenn man sich auf den Humor seiner Mitmenschen verlassen kann. Und das dürfen wir wohl doch häufiger, als der schlechte Ruf, den wir Deutsche in dieser Disziplin genießen, vermuten läßt – zumindest hat der Dichter Robert Gernhard festgestellt, daß kein europäisches Volk mehr humoristische Schriftsteller vorzuweisen hat als wir. Da gibt es offenbar ein Potential, daß wir vielleicht noch häufiger anzapfen sollten, denn schließlich: Durch nichts sind Spannungen leichter zu entschärfen, durch nichts Verstimmungen schneller aus der Welt zu schaffen als durch gemeinsames Lachen – „to laugh them together again“, sie durch Lachen wieder zusammenbringen, so heißt es bei dem englischen Dichter Alexander Pope (1688–1744), der – verkrüppelt und kränklich, wie er war – selbst vielleicht wenig Grund zum Lachen hatte. Der Witz am Witz ist jedenfalls, daß damit alles gesagt und die Sache erledigt ist – beinahe unmöglich, einen ärgerlichen Vorfall danach mit gerunzelter Stirn noch einmal aufzurollen. Der Scherz löst und befreit, und gleichzeitig erlebt man im Lachen einen Moment intensiver Gemeinsamkeit – weshalb man ein Gespräch am schmerzlosesten mit einer witzigen Bemerkung beenden und sich im Augenblick des Lachens am leichtesten von jemandem losreißen kann.

Nicht ganz so unverfänglich ist die Ironie. Sie ist vielschichtig, nicht faßbar, und im ironischen Lächeln schwingt immer eine kräftige Dosis Skepsis mit. Durch Ironie kann man Ansprüche und Anmaßungen zurechtstutzen und jedes auftrumpfende, von sich selbst eingenommene Gehabe unterschwellig der Lächerlichkeit preisgeben. Überall da, wo ein Machtgefälle zwischen Menschen herrscht, ist deshalb Vorsicht geboten, denn Ironie zieht das Gesagte stets unausgesprochen in Zweifel, sie enthält fast immer ein Element verdeckten Spotts und wirkt obendrein zuweilen nachsichtig, so als breite man über einen offensichtlichen Fehler des anderen augenzwinkernd den Mantel der Nächstenliebe. Kein Wunder also, daß Ironie in der Kommunikation mit Vorgesetzten in aller Regel schlecht ankommt. Im übrigen wird man auch bei Kindern mit Ironie keinen Erfolg haben; entweder, sie begreifen sie gar nicht, oder empfinden sie – wie Vorgesetzte – als Überheblichkeit. Und schließlich sollte man bedenken, daß Ironie außerhalb unseres eigenen Kulturkreises weitgehend unbekannt ist, weshalb man, um komplizierteste Mißverständnisse zu vermeiden, auf Reisen durch afrikanische oder asiatische Ländern ganz darauf verzichten sollte.

Aufgeschoben statt Aufgehoben

Dortselbst wiederum können wir in der Kommunikation Dinge lernen, die auch hierzulande nutzbringend anzuwenden sind – die Kunst des Hinhaltens zum Beispiel. Ich meine das, ganz ohne Ironie, im Sinne der Taktik, niemanden abzuschmettern, mit dem man im Gespräch oder im Geschäft bleiben möchte. Wenn also jemand mit einem Auftrag oder der Bitte um eine Gefälligkeit zu uns kommt, wir im Augenblick aber keine Zeit dafür haben, sollten wir ihn nicht mit der drastischen Absage verjagen, im Augenblick sei es völlig unmöglich, vor drei Wochen sei überhaupt nichts drin … sondern Hoffnung machen, solange Hoffnung besteht, und eher zu Formulierungen greifen wie: „Ich bemühe mich, ich gehe nächstens daran, wir werden eine Lösung finden, aber geben Sie mir noch etwas Zeit.“ Das darf dann allerdings keine Bluff sein. Auf diese Weise vermeiden wir jedenfalls ein glattes „Nein“, das den anderen erbittern und vertreiben könnte, besänftigen ihn vielmehr und verschaffen uns auch im größten Gewühl noch einen Handlungsspielraum.

Für den Fall aber, daß wir tatsächlich in der Kommunikation überfordert sind, kein Interesse haben oder uns aus irgendeinem anderen Grund gegen etwas entscheiden, sollten wir die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen und davon ausgehen, der andere werde schon merken, daß wir nicht wollen. Auch das ist eine Form, im Gespräch zu bleiben: Niemanden in der Luft hängen, niemanden schmoren zu lassen, sondern zu bestätigen oder abzusagen, klipp und klar. Schweigen erhöht nämlich nicht immer unsere Chance, für einen Philosophen gehalten zu werden.

Weitere Informationen

Für wen hat Adolph Freiherr Knigge geschrieben, Moritz Knigge?
Wer war Adolph Freiherr Knigge, Moritz Knigge?
Knigge über Gespräche: »Die gesellige Unterhaltung«
https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Freiherr_Knigge

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