Knigge sagt: Kasse 2 öffnet!

Es gehört nicht gerade zu den ausgeprägtesten menschlichen Eigenschaften, Geduld zu üben. Die Geduld fällt uns nicht in den Schoß, sie kostet Aufwand und Zeit. Aufwand, den wir nicht brauchen, und Zeit, die wir nicht haben. Wertvolle Sekunden, kostbare Minuten, die gnadenlos verrinnen, wenn wir warten müssen und unsere Geduld (wenn vorhanden) einer harten Bewährungsprobe unterziehen.

Ich erinnere mich an einen Mann, der an der Wursttheke des lokalen Supermarktes die Verkäuferin vermisste. So schmerzlich, dass er diese bei ihrem Erscheinen mit den unwirschen Worten begrüßte: „Schön, dass Sie sich auch einmal bequemen. Meinen Sie eigentlich, wir hätten ewig Zeit?“ Um Missverständnissen vorzubeugen, der Mann sprach nicht im Pluralis Majestatis, sondern versuchte mit dem Wörtchen „wir“ eine Allianz des Protestes zwischen mir (auch ich wartete) und sich selbst herzustellen. Als ich ihm meine Gefolgschaft verweigerte und ihn mit den Worten „Jetzt regen Sie sich mal ein wenig ab!“, um ein wenig mehr Contenance bat, war der Gute scheinbar so erstaunt, dass er seiner Bestellung in deutlich ruhigeren Tonfall fortsetzte. Selbst auf die Empörungsstandardfrage „Darf es auch ein wenig mehr sein?“, antwortete er ruhig: „Ist schon o.k.“

Der französische Moralist Marquis de Vauvenargues nannte die Geduld „die Kunst zu hoffen“ und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Aber sie stirbt. Doch an  Supermarktkasse Hoffnung abhanden zu kommen, weil Entscheidungen sehr rasch und unmittelbar getroffen werden müssen und Fehlentscheidungen umgehend bestraft werden. Wenn uns unser Blick für die schnellere Kasse wieder einmal getrogen hat, weil wir uns wieder einmal von der Anzahl der Wartenden haben täuschen lassen, statt auf den „Füllgrad“ der Einkaufswagen zu achten. Weil wir, ganz in Gedanken versunken, die sich von der Gemüseabteilung nähernde Verkäuferin wieder nicht als unsere Hoffnung für die Kasse zwei erkannt und den richtigen Zeitpunkt zum Schlangenwechsel schlichtweg verschlafen haben.

Als schließlich ihre Stimme durch den Supermarkt hallt: „Sie können auch zu mir an die Zwei kommen.“, ist es für eine angemessene Reaktion ohnehin längst zu spät. Wer den richtigen Augenblick verpasst – und hier handelt es sich um Bruchteile von Sekunden –, der kann womöglich Plätze in der Schlange gutmachen, zahlt jedoch einen hohen Preis: Hat doch die Angestrengtheit, mit der manche Menschen ihren Einkaufswagen in Windeseile in Bewegung setzen, ihren Vorderleuten in die Hacken fahren und mit geifernden Blick auf die Kasse zwei zusteuern, etwas zutiefst Unwürdiges.

Doch auch nach dieser „Niederlage“ stirbt die Hoffnung zuletzt. Es gibt immer noch die Hoffnung auf Menschen mit Manieren in der eigenen Schlange an Kasse eins:

  • Menschen, die auch in Stresssituationen – die Supermarktkasse ist in der Regel dafür prädestiniert –, die Kassierer freundlich begrüßen und verabschieden.
  • Menschen, die in der Lage sind, ihre Einkäufe so auf dem Band zu platzieren, dass der oder die Nächste ebenfalls damit beginnen kann, die Waren aufzulegen.
  • Menschen, die andere mit den Worten „Sie haben doch nur zwei Teile, dann gehen Sie mal vor!“, vorbeiwinken.
  • Menschen, die sich nicht über die bunt bedruckten sogenannten Warentrenner wundern, sondern sie dazu benutzen, sich selbst und anderen Beteiligten das Leben zu erleichtern. Wer also die Frage „Ist das auch noch von Ihnen?“, verhindern möchte oder noch schlimmer, nicht gedenkt, das versehentlich mitbezahlte Katzenfutter mit dem Hintermann individuell zu verrechnen, der trenne seine Waren mit den dafür vorgesehenen Trennern!
  • Menschen, die nicht erst nach Bekanntgabe des Preises ihr Portemonnaie aus der Tasche kramen und zunächst vollmundig ankündigen, den Betrag passend zu haben, um nach akribischen Nachzählen festzustellen, dass doch zwei Cent zu den erforderlichen 67 fehlen.
  • Menschen mit gutem Benehmen, die ihr ausgeklügeltes „Einkaufstaschen-Packsystem“ dort zur Geltung bringen, wo es keinen der Nachfolgenden stört. Nichts gegen schrullige Packstrategien – auch für mich ist klar: Die Tüte muss stehen! –, aber die Geduld der Nachfolgenden sollte nicht zu sehr auf die Probe gestellt werden.
  • Menschen, die wissen, ob sie ihren Bon benötigen oder nicht. Die Müllhalden auf den Einkaufsbändern zeugen von einer beachtenswerten Sprachlosigkeit; mit einem kurzen „Den Bon können Sie ruhig wegschmeißen“, ist es doch getan.

Ob mein „Freund von der Wursttheke“ gegen eines der zuletzt genannten Gebote verstoßen hatte, kann ich nicht beurteilen, ich verließ vor ihm den Supermarkt. Im Wettrennen um die freien Plätze an Kasse zwei hatte er sich beim Start mit seinem Einkaufswagen im Chipsregal verhakt …

Gut, dass ich nicht in Rüsselsheim lebe. So ist mir zumindest jene unheilvolle Szene erspart geblieben sein, die ich kürzlich unter der Überschrift „Massenschlägerei im Supermarkt“ in der Zeitung las. Durch Vordrängeln an der Kasse – so las ich dort – hatte eine Supermarktkundin eine Massenschlägerei ausgelöst: „Andere Kundinnen wollten es sich nicht gefallen lassen, dass die Mutter mit ihrem Kind an der Warteschlange vorbeiging, berichtete die Polizei. Zunächst beschimpften sich die Frauen und schlugen dann aufeinander ein. Die Mutter rief per Mobiltelefon ihren Sohn zu Hilfe. Als die Polizei im Supermarkt eintraf, hatte sich die Menge in zwei Gruppen geteilt, die sich gegenseitig bedrohten. Die Kleidung einiger Beteiligter war zerrissen, manche waren verletzt. Die Polizisten konnten erst mit Hilfe weiterer Funkstreifenbesatzungen die etwa 20 Streitenden trennen. Mehrere Beteiligte kündigten Strafanzeige an.“

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