Die politischen Talkshows. Wir leben in einer repräsentativen Demokratie. Also sollten uns diejenigen, die uns repräsentieren, helfen können, sowohl unserem gemeinsamem Wollen als auch Antworten auf diese Fragen auf die Spur zu kommen. Politiker sehen sich ja nicht selten dem Vorwurf ausgesetzt, sie treibe nichts anderes um, als die nächsten Wahlen zu gewinnen. Diesem Ziel würden sie letztlich alles unterordnen.

Nehmen wir einmal an, das entspräche den Tatsachen. Der Berufspolitiker wäre dann nichts anders als ein Stimmenmaximierer. Wer in einer Demokratie so viele Stimmen wie möglich bekommen möchte, der muss Dinge äußern und versprechen, die der Mehrheit der Bevölkerung zusagen. Da die Wahlbeteiligung in Deutschland bei Bundestagswahlen noch immer über 70 Prozent liegt, kann der Wahlsieger davon ausgehen, dass er im Laufe des Wahlkampfes vieles gesagt hat, was die Wähler ähnlich sehen, und vieles von dem versprochen hat, was die Wähler sich wünschen. Wir können nun die Reden und Aussprüche der Politiker als Phrasendrescherei verunglimpfen, und die Versprechen, sollten sie gebrochen werden, als Wahllügen entlarven. Aber wir können auch hinter beidem einen Ausdruck des kollektiven Willens und entsprechende Lösungsvorschläge vermuten, diesem Willen zur politischen Durchsetzung zu verhelfen. (Ob das vernünftig ist oder nicht, lassen wir zunächst dahingestellt. Der Philosoph Karl Jaspers jedenfalls meint, dass „die Demokratie die Vernunft des Volkes voraussetzt, die sie erst hervorbringen soll“.)

Schauen wir uns doch einmal an, welche Säue in letzter Zeit durchs politische Dorf getrieben wurden. Da nicht wenige – möglicherweise zu Recht – behaupten, die politische Diskussion hätte sich längst von Ortsverbänden und Parlamenten in die Talkshow verlagert. Ein Blick auf die einschlägigen gesellschaftspolitischen Sendungen mit Moderatoren wie Anne Will, Maybrit Illner, Sandra Maischberger oder Frank Plasberg kann helfen, dem, was wir wollen oder nicht wollen, auf die Spur zu kommen:

  • Wir wollen Arbeitsplätze erhalten. Wir wollen, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten.
  • Wir wollen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und im Gesundheits- und Pflegewesen.
  • Wir wollen, dass sich Leistung wieder lohnt, in der Wirtschaft und in der Schule. Aber wir wollen diese Leistung nicht auf Teufel komm raus.
  • Wir wollen kein Doping, wir wollen keinen unmenschlichen Druck, der uns und andere krankmacht. Wir wollen Solidarität und soziale Gerechtigkeit.
  • Wir wollen Kinder und Jugendliche, die mit sich selbst und anderen in Frieden leben können.
  • Wir wollen in Würde altern und sterben.
  • Wir wollen, dass die Welt zusammenrückt, aber nicht dass die Globalisierung uns erdrückt.
  • Wir wollen einen Staat, der hilft, verteilt und eingreift, wenn es nötig ist und uns selber machen lässt, wo es geboten ist.
  • Wir wollen andere Kulturen verstehen, mit ihnen zusammenleben, ohne unsere eigene Kultur aufzugeben.
  • Wir wollen unsere Natur schützen und unseren Kindern und Kindeskindern eine lebenswürdige Welt hinterlassen.
  • Wir wollen ein geglücktes Leben und diesem Leben einen Sinn geben.

So könnte man es jedenfalls sehen, wenn man sich die Themen der genannten Sendungen anschaut, die meist als Fragen formuliert sind: Pflegenotstand – Angehörige überfordert, Politik machtlos? Amoklauf im Klassenzimmer – Was läuft falsch im Kinderzimmer? Die Kinder-Gangster – Harte Hand statt sanfter Worte? Mehr Moral per Gesetz – sorgt die Politik nun für Ordnung? Wie angepasst müssen Zuwanderer sein? Die gedopte Gesellschaft – Wer kann es sich noch leisten, Leistung zu verweigern? Verzocken Banker unseren Wohlstand? Wirtschaft global – Abschwung total? Sterben – die letzte Freiheit? Ist der Kapitalismus am Ende? Turbo-Kapitalisten am Ende – Warum zahlen wir für die Versager? Wie kann Pflege würdig werden? Gemeinsinn statt Profit – Ist das nicht Kommunismus? Erst Geld, dann Spritze? – Wenn der Doktor Bares will! Arm im Alter – Reicht die Rente noch zum Leben? Leben in Armut – Ist der Staat schuld oder die Betroffenen? Reformwut in der Schule – Klassenkampf statt klasse Bildung? Mogelpackung und Co – Ist der Verbraucher der Dumme? Religion – Fluch oder Segen? Kinder Tyrannen, Eltern Weicheier – Fehlt die harte Hand?

Fragen, auf die wir Antworten finden wollen, Fragen an jene, die wir in der Verantwortung sehen, uns diese Antworten geben.

Aber Nachdenken über unser Wollen im Fernsehen? Kann das funktionieren? Führt das zu was? Es ist tatsächlich äußerst schwierig, eindeutige Beweise dafür zu finden. Zwar wird fast jede Talkshow in schöner Regelmäßigkeit genüsslich in ihre Einzelteile zerlegt (zum Beispiel auf dem Internetportal spiegel-online), positive Kritiken sucht man jedoch hier wie auch bei anderen bürgerlichen Meinungsbildnern – wie der Süddeutschen Zeitung oder der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – vergeblich.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen mag einen Bildungsauftrag haben, aber die Talkshows sind der beste Beweis dafür, dass es diesem schon lange nicht mehr nachkommt. Vollgekleistert mit dem üblichen Parteikampfspektakel, moderiert von gnadenlosen Selbstdarstellern. Und wenn mal einer da ist, der wirklich etwas zu sagen hat, wird er in der Regel von der rhetorisch gewandten Politprominenz durch ständiges Unterbrechen mürbegemacht. Wer in diesen Quasselrunden tatsächlich Antworten auf die gesuchten Fragen erwartet, ist selber schuld – er wäre mit dem eigenen Stammtisch womöglich besser bedient. Die Frage, ob eine Talkshow tatsächlich als ein nachdenkliches Gespräch gestaltet werden kann, scheint damit abschlägig beantwortet. Aber ist sie das wirklich?

Der Philosoph Peter Sloterdijk, selbst Moderator einer Talkshow („Das philosophische Quartett“), hat in einem Interview auf die Frage, ob man im Fernsehen denken könne, einmal geantwortet: „Man kann überall denken. Warum nicht? Folglich auch im Fernsehen.“

Und so, wie man im Fernsehen mitdenken kann, so ist es auch vor dem Fernseher möglich. Das mag für die nachmittäglichen Krawallshows des Privatfernsehens nicht unbedingt gelten. Diese befinden sich ohnehin auf dem Rückzug, weil wir uns im Zweifel nicht dafür interessieren, warum die Beziehung von Mandy und Kevin in die Brüche gegangen ist. Für die von Plasberg & Co. aufgeworfenen gesellschaftspolitischen Fragen hingegen schon.

Die Gründe, warum sich trotz hoher Einschaltquoten nur wenige dazu bekennen, vor dem Fernseher mit- und nachdenken zu wollen, sind vielfältig. Wir scheinen die Suche nach wichtigen Antworten auf drängende Fragen noch immer eher mit der konzentrierten Wahrheitssuche im stillen Kämmerlein zu verbinden als mit hitzigen Debatten in politischen Talkshows. Hierzu noch einmal Sloterdijk: „Es ist nicht die Ruhe, die das Denken ausmacht. Wesentlich sind Reaktionsfähigkeit, Konzentration, Schlagfertigkeit und die Fähigkeit, auf Fragen mit unvorhergesehenen Synthesen zu antworten. Sie dürfen dem Denker keine Idylle unterstellen. Das Fernsehen hat seine eigenen Gesetze, und Intelligenz zeigt sich zunächst einmal dadurch, dass man die Voraussetzungen erkennt, die der neue Ort, die neue Zeit, die neue Situation diktieren.“

Talkshows sind schon deswegen reizvoll, weil sie eine gute Blaupause für Diskussionen ohne Fernsehkameras sind: hitzig, emotional, mehr Monologe als Dialoge, mehr Durcheinander als Miteinander, durchsetzt von Anti- und Sympathien, gespickt mit Vorurteilen, abschweifend und mit erheblichen Widersprüchlichkeiten zwischen dem, was Diskussionsteilnehmer sagen und wie sie sich verhalten. Der trennende Bildschirm hat für uns einen großen Vorteil: Wir selbst werden zu stummen Beobachtern.

  • Wir können genauer hinschauen, Argumente nachvollziehen oder verwerfen, uns überlegen, warum Leute mit vernünftigen Meinungen sich kein Gehör verschaffen konnten und Populismus zu Beifallstürmen geführt hat.
  • Wir können darauf achten, wer wem zuhört, zustimmt oder ihn abkanzelt.
  • Wir sind keinen Koalitionszwängen unterworfen, wir haben die Chance auch denen einmal genauer zuzuhören, von denen wir eigentlich gar nichts halten. Und wir haben die Möglichkeit, denen genauer auf Mund und Körper zu schauen, die eigentlich immer unsere Zustimmung haben.
  • Wir können uns ein Urteil darüber bilden, wer schlagfertig ist, und wer in der Lage, verschiedene Meinungen zusammenzuführen.
  • Wir sehen, wie schwierig es ist, einander zu verstehen – auch dann, wenn beide dieselbe Sprache sprechen. Wir beobachten, wie heikel es ist, jemandem zuzustimmen, wenn sich dessen sonstigen Ansichten grundsätzlich von den eigenen unterscheiden. Wir können immer wieder aufs Neue darüber erstaunt sein, welche klugen und vernünftigen, aber auch abseitigen und verrückten Ideen und Menschen eine pluralistische Gesellschaft wie die unsrige hervorbringt.

Aus alledem können wir etwas lernen – wenn wir wollen. Wenn Sie bereit sind, eine Stunde vor dem Fernseher durchzuhalten und sich selbst zu fragen, wie es um Ihre Fähigkeit bestellt ist, gemeinsam mit anderen nachzudenken, um dringende Antworten auf dringende Fragen zu geben. Dazu müssen Sie allerdings über sich selbst nachdenken wollen. Nicht etwa, weil Sie das Ziel verfolgen, auch einmal neben Maybrit Illner zu sitzen und endlich alle die Fehler zu vermeiden, die die anderen Pfeifen am laufenden Band produzieren. Nein, sondern weil Ihnen dieses Nachdenken über sich selbst und Ihre Standpunkte beim nächsten Abendessen mit der Familie, im Gespräch mit den Mitarbeitern, Kunden oder Kollegen, im Austausch mit Ihren Freunden oder in der Diskussion am Tresen oder beim Milchkaffee helfen könnte, nicht selbst zur Pfeife zu werden.

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