Was für ein hochlöbliches Möbelstück ist der Tisch, Schauplatz unserer allerletzten Alltagsrituale! Selbst die Sprache wird ein wenig zeremoniös, wenn sie auf den Tisch kommt und wir zum Beispiel „zu Tisch bitten“, an einem Eßtisch „Platz nehmen“ oder uns „um eine Tafel versammeln“. Erst der Tisch macht einen Raum bewohnbar – in unseren Breiten zumindest. Auf den Rest der Einrichtung könnte man zur Not verzichten … Der Tisch ist der Ort der Begegnung. Hier kommt man ins Gespräch, hier widmen man sich einander so ausgiebig wie nirgendwo sonst, hier macht man stets aufs neue die Erfahrung der Zusammengehörigkeit. Der Tisch ist der Ursprungsort der Gastfreundschaft.

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Man bitte nicht Menschen zusammen, oder setze solche an Tafeln nebeneinander, die sich fremd, oder gar feind sind, sich nicht verstehen, nicht zueinander passen, sich Langeweile machen! Manche Menschen unterhalten sich und andre am besten, wenn man sie zu großen Zirkeln bittet; andre muß man, wenn sie glänzen, oder sich an ihrem Platze finden sollen, ganz allein, oder nur zu einem kleinen Familienmahl einladen …“

Über den Umgang mit Menschen, II, 9, 2

Die gemeinsame Mahlzeit als Grundlage der Zivilisation

Denn mit den gemeinsamen Mahlzeiten fängt alles an. Sie sind die Grundlage der Zivilisation. Sie sind das Urerlebnis jeder Gemeinschaft. Ein Essen, das man im größeren Kreis einnimmt, hat bis heute diese Aura von Feierlichkeit, durch die es sich von allen anderen Tätigkeiten abhebt, aus denen der Tagesablauf sonst noch besteht. Und dabei geht gar nicht in erster Linie ums Essen. Das Essen ist nur ein Anlaß; es kann gelungen oder versalzen sein, das ist gar nicht so entscheidend. Entscheidend ist, daß die Tischgenossen so viel wie möglich voneinander haben. Mit dem Wegfall der gemeinsamen Mahlzeiten in den Familien bricht nicht nur der Stützpfeiler der Zivilisation weg, es bricht auch die Kommunikation in den Familien zusammen.

Der gute Zwang zur Improvisation

Im antiken Griechenland folgte das Gastmahl einer Dramaturgie, wie sie sich heute nur noch ansatzweise in der Menüfolge niederschlägt. Seinerzeit war es üblich, auch Fremde und ungeladene Gäste einzubeziehen, was Improvisation erforderte, sich aber gewiß animierend auf die Stimmung auswirkte. Die Gesprächsthemen wurden vorab bestimmt und ihre Abfolge von einem Symposiarchen, gewissermaßen dem Präsidenten des Abends, geregelt. Und bevor man sich schließlich trennte gab es noch einen fröhlichen Umzug der Betrunkenen durchs Haus.

Wir kommen heute ganz gut ohne Symposiarchen aus, und auch der fröhliche Umzug wird schon wegen eher beengter Wohnverhältnisse in aller Regel entfallen – ich entnehme dem antiken Vorbild dennoch einige Anregungen. So sollten uns, wie ich finde, Überraschungsgäste keine Kopfschmerzen bereiten. Zur Gastfreundschaft gehört die „offene Tür“, und erfahrungsgemäß belebt der Zwang zur Improvisation jede Gesellschaft. Kein Tisch ist so klein, daß nicht noch ein weiterer Stuhl daran passen würde, und wenn es die Räumlichkeit erlaubt, ergänzt man die Tafel zur Not eben um den Küchentisch. Ja, selbst Schreibtische lassen sich in Eßtische verwandeln. Und dann ist es gar nicht so dumm, sich als Gastgeber vorab das eine oder andere Gesprächsthema einfallen zu lassen – sollte sich die Unterhaltung zäher als erwartet gestalten, kann man es zur Diskussion stellen. Es gibt ja nichts Schlimmeres als ein bedrücktes, dumpfes Schweigen am Tisch, und wenn es erst so weit ist, fällt auch den gescheitesten Köpfen bisweilen nichts mehr ein. Und schließlich finde ich, daß der Rausch dazugehört – solange es sich nicht um ein Geschäftsessen handelt, bei dem jeder Anschein von Unkontrolliertheit tunlichst vermieden werden muß. Aber warum sollte ein geselliger Abend so nüchtern enden, wie er begonnen hat? Es gibt Menschen, die sich schon von Tischnachbarn in einem Frühstadium der Trunkenheit peinlich berührt oder belästigt fühlen – das ist gewiß Geschmackssache, aber ich finde doch, daß man sich nicht grundsätzlich zu fein für eine Unterhaltung sein sollte, die die Gefilde des Unsinns streift. Gewähren wir für ein paar Stunden Narrenfreiheit – und tun wir, wenn nötig, anderntags so, als hätte es den letzten Abend nie gegeben.

Tischordnung gegen Cliquenbildung

Zur klugen Dramaturgie eines Essens im großen Kreis gehört im übrigen eine Tischordnung – die Lebhaftigkeit der Unterhaltung hängt nämlich wesentlich von der ausgeklügelten Mischung der Gäste ab. Die Stillen, die Phlegmatischen und Schüchternen sollte man so setzen, daß sie zwischen den Lebhaften und einfallsreichen Köpfen zu sitzen kommen. Leute, die sich noch nie begegnet sind, aber für einander interessant sein könnten, sollte man zusammenbringen, Ehepaare auf jeden Fall trennen und verhindern, daß Arbeitskollegen Clübchen zum Zweck des Austauschs von Büroklatsch bilden. Also altvertraute Paarungen unerbittlich auseinanderreißen! Über die ganze Tafel verteilt müßte es gewissermaßen Brandherde geben, von denen Funken auf alle anderen überspringen. Ich würde auch Menschen von bekanntermaßen unterschiedlicher Denkweise und konträren Auffassungen miteinander kombinieren – und zwar eher einander gegenüber als nebeneinander –, in der Hoffnung, daß eine Diskussion zwischen ihnen auf die ganze Gesellschaft übergreift.

Gute Gastgeber sind gute Regisseure

Darüber hinaus fällt den Gastgebern neben der Bewirtung auch die Aufgabe zu, den ganzen Abend lang unmerklich Regie zu führen, also zum Beispiel neue, den anderen unbekannte Gäste kurz vorzustellen, um ihren Nachbarn Anknüpfungspunkte für ein Gespräch mit ihnen zu liefern, die Unterhaltung in Gang zu halten und dafür zu sorgen, daß jeder einzelne Gast im Lauf des Abends zum Zuge kommt. Ähnliches trifft auch auf größere Gesellschaften zu. Gerade auf Partys, auf denen sich viele nicht kennen, sollten die Gastgeber neu eingetroffene Gäste nicht gleich nach der Begrüßung sich selbst überlassen, sondern den bereits anwesenden Gästen vorstellen und solange mit ihnen plaudern, bis sie Anschluß an eine Gruppe gefunden haben. Manchem Menschen von zurückhaltenderem Wesen eröffnet dieses Verfahren überhaupt erst die Chance, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

In der Vergangenheit wurde Gastgebern zumindest in den Kreisen der besseren Gesellschaft ein beträchtliches Maß an Selbstverleugnung abverlangt, wie man bei Marcel Proust nachlesen kann. Da heißt es von einer Dame der Pariser Gesellschaft, daß sie die Kunst beherrschte, „die Leute zusammenzubringen, die richtigen Gruppen zu bilden, jemanden herauszustellen, sich selbst ganz auszuschalten und nur als Bindeglied eine Rolle zu spielen“ (aus dem großen Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“). Wir brauchen uns heute gottlob nicht mehr dermaßen konsequent im Hintergrund zu halten, aber nach wie vor fällt ein amüsanter wie ein öder Abend auf die Gastgeber zurück. Rundum zufrieden dürfen wir mit uns deshalb nur sein, wenn sich kein einziger Gast bei uns unwohl gefühlt oder gelangweilt hat.

Moritz Knigge sagt: „Gastgeber bewirten nicht nur, sie führen auch Regie. Stelle neu eingetroffene Gäste den bereits anwesenden vor, bringe Leute miteinander ins Gespräch, sorge durch eine wohlüberlegte Tischordnung für die richtige Mischung der Gäste und vergiß nicht, daß auch zurückhaltende, stillere Gäste im Lauf des Abends zum Zug kommen möchten.“

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