Chinesen essen Hunde und Katzen. In Afrika werden geröstete Heuschrecken serviert. In England ernähren sich die Menschen ausschließlich von Fish ’n’ Chips. In Schottland werden sogar Schokoriegel frittiert. Belgien wäre ohne Pommes nicht denkbar. Die Schweden stopfen kiloweise Kötbullar in sich hinein. In Frankreich dauert ein Abendessen mindestens vier Stunden. Der Schweizer liebt sein Käsefondue, der Norweger sein Schneehuhn zu Weihnachten, und was wäre Ägypten ohne seine Falafel?

Kochtopf-Klischees

An Wissenswertem und Halbwissenswertem mangelt es nicht, wenn man einen Blick in die Kochtöpfe unseres Erdballs riskiert. Ist die obige Aufzählung eher eine Melange aus längst Bekanntem und Halbwahrheiten, so gibt es doch einige wissenswerte Wahrheiten rund um unser leibliches Wohl. Dass diese Sammlung im höchsten Maße unvollständig ist, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Aber vielleicht kann die kleine Auswahl ja doch einen ebenso kleinen Beitrag leisten, sich an der unerschöpflichen Vielfalt weltweiter kulinarischer Sitten und Gebräuche zu erfreuen und auf eigene Faust weiter zu forschen.

Zeitgeist

„Spezialitäten-Restaurants haben zurzeit eine gute Konjunktur. Sie servieren Entenleber mit Seidenwürmern und Huhn mit Heuschrecken, Bärenspeck vom Grizzlybär, Dachs, Kaiman, Tranche Pythonschlange oder Elefantenrüssel. Ein Menü mit diesen ausgefallenen Fleischgerichten kostet zwischen 30 und 200 Mark. In fast jeder Großstadt gibt es mittlerweile ein Spezialitäten-Restaurant, das Gerichte dieser Art präsentiert.“ So weit Peter Lauster in seinem 1986 erschienenen Buch „Statussymbole“. Gut zwanzig Jahre später mutet die Aufzählung Lausters skurril an. Wie ein Zeitzeugnis aus einer anderen Welt, in der in deutschen Landen nicht nur mit D-Mark bezahlt, sondern auch Entenleber mit Seidenwürmern gereicht wurde.

Die kleine Anekdote zeigt uns, wie sehr unsere eigenen Essgewohnheiten dem Zeitgeist unterworfen sind, und dass unsere festen Vorstellungen darüber, was essenswert ist, auf tönernen Füßen stehen. Ich erinnere mich noch gut an die Oma eines guten Freundes, die einmal den servierten Rucolasalat mit den Worten zurückgehen ließ, sie sei doch kein Kaninchen, das sich von Rauke ernährt! Seien wir also vorsichtig mit allzu leichtfertiger Einschätzung, was in den Kochtopf gehört und was draußen zu bleiben habe

1. Probieren geht über Negieren

Im Zweifelsfall gilt immer noch die alte Erziehungsmaxime: „Wenn es Dir nicht schmeckt, in Ordnung, aber wenn Du es gar nicht probierst, woher willst Du wissen, wie es schmeckt?“ Doch so einfach ist es ja nicht. Wer im „Ernstfall“ sein Essen vor lauter falsch verstandener Höflichkeit herunterwürgt, ganz grün im Gesicht wird, um sich anschließend nach den Örtlichkeiten zu erkundigen, der sollte sich beim nächsten Mal anderer Höflichkeitsstrategien bedienen. Sie müssen ja nicht gleich bei jeder gereichten Speise die Nase rümpfen, voller Widerwillen den Kopf schütteln und offenherzig bekunden: „Das mag ich nicht!“

2. Negieren geht über Probieren

Ziehen Sie sich elegant aus der Situation, verweisen Sie auf Ihren schwachen Magen, die momentane Appetitlosigkeit oder Ihre grundsätzliche Bevorzugung von Fleisch gegenüber Fisch. Eine weitere Möglichkeit wäre, mit höflichem Witz auf Ihr Unbehagen hinzuweisen. So wie jener deutsche Manager, der das nachträgliche Muskelzucken des garantiert fangfrischen Fisches auf seinem Teller zum Anlass nahm, den japanischen Koch in Tokyo zu bitten, doch beim nächsten Prachtexemplar ein wenig fester zuzuschlagen.

3. Missverständnisse einkalkulieren

Englisch ist Weltsprache. Doch nicht immer gelingt die interkulturelle Verständigung so gut wie zwischen deutschem Gast und japanischen Sushikoch. Selbst in englischsprachigen Ländern wie den USA wird die Kommunikation oftmals auf eine harte Probe gestellt. So zeigte sich schon in eher einfachen Steakrestaurants manch einer von der Sprachgewalt der freundlichen Bedienung derart überfordert, dass ihm selbst kein Wort mehr über die Lippen kommen wollte.

Dabei ist alles ganz einfach. Die ersten Worte („Hi, my name is Cindy. I’m your waitress for tonight.“) betreffen die persönliche Vorstellung. Was dann folgt, sind die verschiedenen Gargrade der Steaks („medium, medium rare, medium done, well done“), die möglichen Beilagen („french fries, baked potatoe, mashed potatoe, country fries, onion rings, corn etc.“), die Dressings für den Salat („cocktail, french, house, italian, blue cheese etc.“) und ein kurzer Ausflug in die Angebote des Tages. Da die gesamte Vorstellung nach ungefähr 1,5 Sekunden vorbei ist, sind nun Sie an der Reihe! Überlegen Sie sich einfach vorher, was Sie wollen, denn die nun folgende Gesprächspause wird Ihnen ansonsten wie eineinhalb Minuten erscheinen.

4. Was für uns höflich, für andere unhöflich

Nicht in allen Ländern scheint am nächsten Tag die Sonne, wenn Sie alles aufessen! So war es in Japan früher geradezu unhöflich, seinen Teller komplett zu leeren. Für Menschen mit geringem Appetit und/oder Vorbehalten gegenüber den lokalen Spezialitäten geradezu das Paradies. Musste man sich in unseren Gefilden um seine gesellschaftliche Reputation sorgen, galt man im Land der aufgehenden Sonne als formvollendeter Genießer! Heute werden diese Regeln im Allgemeinen weniger streng gesehen.

Sie sehen, nicht jeder Ausflug in fremde kulinarische Welten ist automatisch mit dem Zwang zur Anpassung verbunden – im Gegenteil, manchmal spielt sie den sogenannten schwierigen Essern sogar in die Hände. Und bisweilen nicht nur denen. Auch für „Pfennigfuchser“ bietet das Land der Samurai kleinere Erfolgserlebnisse. Wer früher in Japan Trinkgeld gab, galt als unhöflich. Durch den Einfluss westlicher Touristen wird Trinkgeld geben und nehmen in Japan allmählich üblicher, wenn es auch noch keineswegs überall gängig ist.

5. Vertraue den Locals

Ein weiteres ungeliebtes Erziehungsmotto darf bei unserem Streifzug durch die globalen Köstlichkeiten nicht unerwähnt bleiben: „Erst nachdenken, dann reden“. Eine Maxime, die mir stets geholfen hat, an fremden Tischen eine halbwegs akzeptable Figur abzugeben. Hüten Sie sich, einen Äthiopier darauf hinzuweisen, dass er leider gerade Zucker und Salz verwechselt hat, wenn er Ihnen eine Tasse Kaffee reicht, und fordern Sie in Marokko keinen Eistee, weil Ihnen der servierte heiße Tee als inadäquates Mittel erscheint, um Ihren Durst zu löschen. Vertrauen Sie einfach auf den Erfahrungsvorsprung der einheimischen Bevölkerung, und Sie werden sehen, es zahlt sich aus!

Sie waren schon einmal in einem guten Restaurant in China essen und haben sich gewundert, dass auch nach dem dritten Gang noch kein Reis gereicht wurde? Sie waren kurz davor, an Ihrem Verstand zu zweifeln, bis nach dem fünften Gang endlich die nationale Sättigungsbeilage auf den Tisch kam? Gut, dass Sie nicht gefragt haben! Wird doch Reis in guten Restaurants immer erst vor dem letzten Gang serviert, um den Gästen eine letzte Chance zu geben, auch wirklich satt zu werden.

6. Zurückhaltung schlägt Forschheit

Wie hilfreich ein gerüttelt Maß an Zurückhaltung sein kann, um unserem Streben nach gegenseitigem Respekt nachzukommen, zeigt die amüsante Anekdote von vier Studenten, die den mittleren Westen der USA bereisten. In einem kleinen Dorf betraten sie das „diner“, das örtliche Esslokal. Mit ausreichend Hunger ausgestattet, bestellte einer der vier ein „Trucker Breakfast“ und fügte hinzu: „With two extra eggs, please!“ Die Kaugummi kauende, beleibte Chefin hinter dem Tresen beugte sich mit süffisanter Miene zu ihrem hungrigen Gast hinüber und fragte zurück: „You want seven eggs, honey?“

7. Zeit ist relativ

Der höfliche Mensch hat Zeit, sagt man in Europa. Doch nicht immer ist man mit diesem Grundsatz gut beraten. Mit der Maxime: „Der höfliche Mensch achtet auf die Zeit“, weist man sich hingegen als Global Player aus. Wer schon einmal zum Fest des heiligen Jakobs in Santiago de Compostela war oder Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“ gelesen hat, der weiß, wie voll die Stadt und ihre Restaurants an diesem Festtag sind.

Viele Restaurants haben daher ein kleines Dreigangmenü im Angebot, äußerst wohlschmeckend und schnell auf den Tisch gezaubert. Tempo ist hier ohnehin die Devise, aufessen, zahlen und den Tisch freimachen für die anderen hungrigen Gäste. Von mediterraner Betulichkeit keine Spur, in 30 Minuten steht man wieder auf der Straße. Leicht zu erkennen für jeden, der nicht blind ist für seine Umwelt, wie jene schwäbische Familie, die laut feixend die dritte Flasche Rotwein bestellte und sich an der landestypischen Küche und den unschlagbaren Preisen erfreut, ohne zu bemerken, dass die Gästebelegschaft bereits das zweite Mal komplett gewechselt hatte …

Es macht auch keinen Sinn, noch nach 23.00 Uhr in einem japanischen Restaurant verweilen zu wollen, wie hoch die Rechnung auch immer war. Kommen Sie der „versteckten“ Aufforderung („Auf Wiedersehen!“) nach, wenn Sie nicht daran interessiert sind zu erfahren, mit welch ausgesuchter Höflichkeit Ihre Gastgeber für eine extrem ungemütliche Atmosphäre sorgen können.

Bei einer Einladung in Frankreich dagegen sollten Sie mindestens doppelt so viel Zeit einplanen, wie Sie im japanischen Restaurant zu sitzen gedachten! So mancher war bereits angeheitert, als er sich an den Tisch setzte – der Pastis hatte ganze Arbeit geleistet!  Beachten Sie die kulturellen Eigenarten im Umgang mit Essen und Zeit, bevor es zu spät ist 😉

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