Tolerant kann nur sein, wer sich Störgefühle gegenüber dem Verhalten anderer eingesteht, sagt Moritz Knigge. Wer alles gleich gültig findet, der ist es selbst: gleichgültig. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Verleugne nicht Wahrheit, selbst die bittre Wahrheit nicht! Sei freimütig, aber ohne grob zu werden …“

 Über den Umgang mit Menschen, III, 1, 9

Wieviel Wahrheit verträgt das Miteinander?

„Wahrheit? Eine einzige Wahrheit gibt es heute nicht mehr“, sagte eine im übrigen durchaus ernstzunehmende Dame im Gespräch. „Aber die braucht man auch nicht mehr. Heute hat jeder seine eigene Wahrheit.“

Natürlich ist das Unsinn. Wenn sie recht hätte, könnte man sich jede Diskussion sparen. Trotzdem erntete sie von ihren Zuhörern keinen Widerspruch. Offenbar war hier Schweigen geboten, wenn man den Anschein der Intoleranz vermeiden wollte. Vielleicht kam ihre Behauptung manchem auch gar nicht so unsinnig vor.

Und genau darin scheint mir die größte Gefahr zu liegen, die von der dogmatischen Toleranz ausgeht: daß wir unserer eigenen Kultur allmählich den Sinn austreiben. Sinn kann eine Kultur, wie gesagt, nur als zusammenhängendes Ganzes vermitteln. Wenn wir uns aber daran gewöhnen, auch die eigene Kultur in mundgerechte Häppchen zur Stillung individueller Bedürfnisse zu zerlegen und den Rest als unverdaulichen Kulturabfall zu entsorgen, entweicht er. Die Meinungsvielfalt schlägt dann in Wahrheitsvielfalt um, mit dem Erfolg, daß jeder jederzeit recht hat, ohne noch sagen zu können, warum – einfach, weil es keine Wahrheit und keine Gründe mehr gibt. Schon jetzt hat sich bei vielen das Gefühl, ohne Wahrheiten und Gründe auskommen zu müssen, dermaßen tief eingefressen, daß sie sich mit ihren Meinungen kaum noch an die Öffentlichkeit trauen und, sobald sie den Mund auftun, ängstlich in Wendungen flüchten wie „denk ich mal“, „sag ich jetzt einfach mal“, „ist auch nicht so wichtig“, „irgendwie halt schon“ oder „kann man auch so sehen“ – Floskeln wie Rauchkerzen, hinter denen sich ein Sprecher unsichtbar und aus dem Staub machen kann.

Gleichgültigkeit ist Kapitulation

Ich fürchte, daß die falsch verstandene Toleranz in letzter Konsequenz zur Selbstaufgabe führt. Hüten wir uns deshalb davor, auf ihre Verlockungen hereinzufallen! Wir brauchen das gemeinsame Fundament einer Kultur, die die Bedingungen des Rechthabens für alle verbindlich klärt, sonst wird uns bald nichts mehr übrigbleiben, als mit den Meinungsforschern zu heulen – und unsere Streitigkeiten vor Gericht auszutragen. Schon heute wird in Politik und Gesellschaft immer weniger ausgehandelt und immer mehr den Gerichten überlassen. Wenn sich jeder auf seine individuelle Wahrheit verlegen darf, kann eben keiner mehr sicher sein, über dasselbe zu sprechen. Dann reden schließlich alle aneinander vorbei, und das geschriebene Recht wird zur einzigen und letzten Gewißheit.

Ein Plädoyer für die eigene Kultur

Ich plädiere deshalb zunächst für etwas mehr Vertrauen zu unserer eigenen, westlichen oder abendländischen Kultur. Nicht zuletzt deshalb, weil sie im Lauf der Zeit vortreffliche Methoden entwickelt hat, sich Gewißheit zu verschaffen. Zum Beispiel, lange zu prüfen und viel zu streiten, bevor wir etwas als Wahrheit durchgehen lassen. Wir kennen feste Kriterien für die Wahrheit und notwendige Bedingungen fürs Rechthaben, und solange die nicht erfüllt sind, darf uns keine Toleranz der Welt dazu verleiten, eine Meinung durchgehen zu lassen – zumindest nicht in unserem eigenen Urteil. Die Meinungsvielfalt ist nicht der Endzweck unserer intellektuellen Bemühungen, sondern lediglich eine gute Verhandlungsbasis; sie erspart uns nicht den Versuch, weiterhin hinter die Wahrheit zu kommen, ebensowenig wie die Toleranz uns abverlangt, auf den Meinungsstreit zu verzichten. Ideen müssen im Wettstreit miteinander bleiben, alles andere wäre Gleichgültigkeit oder Stumpfheit. Erst wenn wir unsere Verschiedenheiten austragen, kommt die Toleranz zum Einsatz.

Denn jetzt, in der Auseinandersetzung, heißt es, sich nicht auf die Palme bringen zu lassen, den anderen geduldig anzuhören und die Hoffnung auf Annäherung nie aufzugeben – aber auch die Erfahrung zu achten, daß der Verständigung Grenzen gesetzt sind, wenn man das Wesentliche nicht einem populären Kult des Unwesentlichen opfern will. Die Toleranz ist in diesem Fall kein Dogma, sondern ein Mittel der zivilisierten Konfliktbewältigung. Sie nimmt nicht alles hin, sie verträgt sich sogar mit dem Eifer, aber sie läßt jede begründete Meinung gelten, erträgt Spannungen und Gegensätze und findet sich zur Not auch damit ab, daß Überzeugungen allen Verständigungsbemühungen zum trotz am Ende immer noch weit auseinanderklaffen können – dies alles aus Respekt vor der Ernsthaftigkeit, die der andere bei dem Versuch, zu seiner Ansicht zu kommen, aufgewendet hat.

Vergessen wir also nicht, daß alles, was unsere Kultur an Werten, Grundsätzen und Ideen ausmacht, daß diese ganze Welt von Vorstellungen erst durch Streit und Austausch zustandegekommen ist und nur durch Streit und Austausch aufrechterhalten wird. Und wundern wir uns nicht, wenn wir uns dann den Vorwurf der Intoleranz einhandeln.

Misch Dich nicht ein!

Denn was uns heute als Toleranz verkauft wird, ist oft nichts anderes als ein Verbot, sich einzumischen. Die liberale Gesellschaft beachtet dieses Verbot in aller Regel peinlich genau. Schon einen Konzertbesucher, der seit geraumer Zeit vernehmlich mit seinem Nachbarn plaudert, um Schweigen zu bitten, kostet Überwindung und wird nicht selten mit jenem Blick der Verachtung bestraft, der seit den Tagen der Achtundsechziger für den Spießbürger reserviert ist. Dieses Nichteinmischungsgebot verpflichtet uns zu einer Liberalität, die im Gewährenlassen besteht und im Klima des Nicht-Wissen-Wollens gedeiht. Da reden sich dann Behörden auf ihre Toleranz heraus, wenn sie vor den Problemen, die sich aus dem Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ergeben, die Augen verschließen. Da scheuen sich Polizisten, gegen afrikanische Drogendealer vorzugehen, weil sie sich nicht den Vorwurf des Rassismus einhandeln wollen. Und da riskiert jeder den Ruf der Intoleranz, der kulturell begründete Anschauungen nicht generell für kompatibel hält und nach wie vor davon ausgeht, daß Auseinandersetzung sich lohnt, weil es nach wie vor um so etwas wie Wahrheit geht.

Das heißt: Wir kommen gar nicht mehr dazu, Toleranz zu üben, weil uns eine eingefleischte Gleichgültigkeit zuvorkommt. Toleranz wird immer schon vorausgesetzt, noch bevor sie sich bewähren kann, noch bevor das Fremde oder Anstößige überhaupt in Sicht ist. Mit dem Erfolg, daß wir ratlos reagieren, wenn uns dieses Fremde einmal nicht als kulinarisches Erlebnis oder als Konzertgenuß begegnet, sondern in Form von Verhaltensweisen, die unseren liberalen, individualistischen Auffassungen zuwiderlaufen. Oft erleben wir dann, daß diese voreilige Toleranz in Intoleranz umschlägt, nach der Devise: Wir sind liberal – und wehe, wenn nicht! Ganzen Kulturen, die sich gegen den Kult der Unwesentlichkeit verwahren, wird dann die Feindschaft erklärt, und jeder einzelne, der von Unterschieden noch Aufhebens macht, muß damit rechnen, daß ihn der Bannfluch der Intoleranz trifft.

5 Empfehlungen für ein tolerantes Leben

Ich muß gestehen, daß auch ich kaum etwas schwieriger finde, als sich über die Erfordernisse der Toleranz klar zu werden. Wir müssen uns der Grundlagen unserer Kultur schon sehr sicher sein, um zwischen Toleranz, Gleichgültigkeit und liberalem Fundamentalismus unterscheiden zu können, und eine gewisse Vertrautheit mit fremden Milieus und Kulturen entwickelt haben, um im Umgang mit Menschen tatsächlich tolerant zu sein. Wie weit muß das Verständnis reichen? Wo ist die Grenze des Zumutbaren erreicht? Wann ist Toleranz fehl am Platz? Fragen, die von Fall zu Fall immer wieder neu entschieden werden müssen. Ich möchte deshalb an einigen Beispielen zeigen, was man vernünftigerweise unter Toleranz verstehen könnte.

1. Toleranz gegenüber fremden Kulturen. Jede Kultur ist ein Universum für sich. Gemeinsam stellen sie den Reichtum dieser Welt dar. Bilden wir uns nicht ein, fremden Kulturen mit unseren Maßstäben gerecht zu werden. Akzeptieren wir sie so, wie sie sind; nähern wir uns ihnen mit Neugier; versuchen wir, uns aus unseren eigenen Schablonen zu lösen! Und wenn wir nicht mehr weiter wissen: fragen! Der andere denkt anders als wir – und oft begreifen wir nicht einmal, was genau an seinem Denken so anders ist. Aber diese Erfahrung müssen wir wenigstens einmal gemacht haben: daß unsere Art des Denkens nicht die einzige und nicht die einzig vernünftige ist. Keine Regel ist universell!

2. Ausländer und Außenseiter sind keine besseren Menschen. Kulturelle Traditionen können so weit von einander abweichen, daß das Zusammenleben – sei es in einer Ehe, sei es in einer Hausgemeinschaft – brisant oder gar unerträglich wird. In diesem Fall ist die bürgerliche Kultur des Gastlandes maßgebend. Keinen braucht der Vorwurf der Intoleranz zu schrecken, wenn er das, was gang und gäbe ist, von Menschen einfordert, die ansonsten von unserer Toleranz und Gastfreundlichkeit profitieren.

In solchen Fällen handeln wir uns besonders rasch die Mißbilligung der Multikulti-Verfechter ein. Denn deren Feindbild ist die „herrschende“ Kultur, also die jeweils eigene, die innerhalb ihres Geltungsbereichs durch Traditionen und Normen Orientierung ermöglicht. Eine ihrer Strategien ist daher, gesellschaftliche Probleme strikt aus der Perspektive von Minderheiten zu betrachten und jeder Abweichung einen höheren moralischen Wert beizumessen als der Norm. Deshalb fordern sie, die Abweichung von Außenseitern und Randgruppen in den Rang des Normalen zu erheben, den Außenseitern selbst ihr Außenseitertum aber weiterhin zu gönnen. Dieser Trick erlaubt, die Unterscheidung zwischen Abweichung und Norm zur Diskriminierung zu erklären, ohne Außenseitern die Schmach zumuten zu müssen, unter die Normalen gerechnet zu werden.

Ich warne vor diesem Verfahren. Es wäre falsch, von Ausländern und Randgruppen keinerlei Integrationsanstrengungen zu verlangen. Und zwar deshalb, weil eine Kultur ihre sinn- und gemeinschaftsstiftende Wirkung nur dann entfalten kann, wenn sie von allen als herrschende Kultur anerkannt wird. Toleranz heißt in diesem Fall: Den anderen dieselben Bedingungen zuzugestehen wie uns selbst, dasselbe Maß an Freiheit, aber auch an Verantwortung. Mit anderen Worten: sie am selben Zivilisationsprojekt zu beteiligen.

3. Die Auseinandersetzung pflegen. Toleranz ist dieser Tage oft nur die Maske, hinter der sich völlige Gleichgültigkeit verbirgt. Toleranz bedeutet eben nicht, über alle Unterschiede hinwegsehen und den Blick starr auf tatsächliche oder eingebildete Gemeinsamkeiten richten. Wir sind alle ebenbürtig, aber wir sind nicht alle gleich! Wenn wir uns näher kommen wollen, müssen wir auch riskieren, uns ins Gehege zu kommen – und dann heißt es, unsere eigene Ansicht zur Diskussion zu stellen, offen und fair zu diskutieren und nicht um den Preis des besseren Verstehens von Anfang an Verständnis zu heucheln. Dafür brauchen wir eine Sprache, in der wir unsere Standpunkte entschieden vertreten können, ohne den anderen vor den Kopf zu stoßen, sowie Umgangsformen, die uns erlauben, auch tiefe Gegensätze zu ertragen. Wenn wir den anderen dann noch davon überzeugen, daß unser Motiv echtes, aufrichtiges Interesse ist, dann können wir sogar unsere Vorurteile zur Sprache bringen und trotzdem weiterhin im Gespräch bleiben.

4. Sich gelegentlich einmischen. „Das geht dich gar nichts an!“ – diese Abfuhr ist nachgerade zur großen Freiheitsdevise geworden. Seit Jahrzehnten wird uns das Einmischungsverbot als Gebot der Toleranz verkauft. Mit dem Ergebnis, daß viele sich tatsächlich so verhalten, als ginge sie nichts etwas an. Und sich auch dann nicht einmischen, wenn Einmischung dringend geboten wäre – etwa, wenn sich in der Straßenbahn eine Afrikanerin beschimpfen lassen muß. Es ist ganz erstaunlich, wie die Blicke dann geistesabwesend aus dem Fenster wandern, und es ist ziemlich erschütternd, welche Faszination von der vorbeiziehenden Stadtkulisse auch dann noch ausgeht, wenn ein einzelner Fahrgast dem Beleidiger endlich Einhalt gebietet. Oft genug kommt es nach solchen Vorfällen noch nicht einmal zu einem solidarischen Blickwechsel zwischen den übrigen Fahrgästen und dem, der den Mut des Anständigen aufgebracht hat. Diesen Mut kann man trainieren. Mischen wir uns deshalb ruhig dann und wann ein, wenn unbedeutendere Vorfälle uns die Möglichkeit zu einem Kommentar bieten, damit wir uns nicht scheuen, die Stimme zu erheben, wenn viel auf dem Spiel steht.

5. Toleranz gegenüber der eigenen Kultur. Bisweilen habe ich den Eindruck, daß man den eigenen Traditionen mit weniger Toleranz begegnen zu dürfen glaubt als fremden. So gibt es zum Beispiel Menschen, die sich als Gast regelrecht vergewaltigt fühlen, wenn der Gastgeber vor dem Essen ein Tischgebet sprechen möchte, zu dem auch sie dann zumindest den Kopf senken müßten. Bei Moslems oder Juden würden dieselben Leute ein Gebet wahrscheinlich als respektable Folklore noch durchgehen lassen. Aber bei Christen? Regelrecht empörend!

Vorauseilende Toleranz führt zur Intoleranz 

Bei solchen Gelegenheiten zeigt sich, wie schnell die vorauseilende Toleranz in Intoleranz umschlagen kann, einfach, weil man gar nicht mehr gewöhnt ist, seine Toleranz auf die Probe zu stellen. Was sollte an einem Gebet unzumutbar sein? Das Eingeständnis, daß wir nicht alles unserer eigenen Kraft verdanken? Der Versuch, unsere Dankbarkeit einer Macht abzustatten, von der manche glauben, daß sie es gut mit uns meint? Es ist wohl das Quentchen Demut, das zum Beten gehört und die Empörten erbost. Aber auch das kann man – und sollte man – üben. Denn die Demut ist nicht der unerheblichste Bestandteil jener Haltung, die zu den großen Errungenschaften unserer abendländischen Kultur gehört: der Toleranz.

Moritz Knigge sagt: „Die solideste Basis hat die Toleranz in der Menschenfreundlichkeit. Toleranz, die mit Verbissenheit betrieben wird, ist keine. Wer an der Überlegenheit seiner eigenen Kultur unbedingt festhalten möchte, kann sie am überzeugendsten dadurch beweisen, daß er anderen Kulturen grundsätzlich mit Respekt und Neugier begegnet.“

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