Adolph Freiherr Knigge sagte: „Überhaupt muß man so wenig wie möglich die Leute in Verlegenheit setzen, vielmehr sich bemühn, wenn auch jemand im Begriff ist, eine Unvorsichtigkeit zu begehen (zum Beispiel schlecht von einem Buche zu reden, dessen Verfasser gegenwärtig ist) oder sonst beschämt zu werden, ihm diese Verlegenheit zu ersparen, oder die Sache auf irgend eine Weise wieder ins Feine zu bringen.“

Über den Umgang mit Menschen, I, 1, 25

Umgangsformen sind Diener der Höflichkeit

Was ist Höflichkeit? Gefälligkeit erweisen, Aufmerksamkeit schenken und kleine Abstriche an der eigenen Bequemlichkeit vornehmen – sagt der Schriftsteller Alexander von Gleichen-Rußwurm (1865–1947), ein Urenkel Friedrich Schillers, dem wir als exzellentem Kenner der höfischen Sitten glauben dürfen, wenn er darüber hinaus versichert, die wahre Höflichkeit sei leicht, angenehm und natürlich. Nur kommen mir diese Beschreibungen allzu schaumig vor, und ich befürchte, es ist nicht damit getan, bloß treuherzig mehr Höflichkeit anzumahnen, und wenig damit gewonnen, Schulklassen Unterricht in Manieren zu erteilen – angesichts der Tatsache, daß der Höflichkeit in unseren Tagen mehr entgegensteht als nur eine vorübergehende Tendenz zum Saloppen. Mir scheint es daher sinnvoll, die Höflichkeit einmal in ihre Elemente zu zerlegen und jedes als Stichwort für die folgenden Gedanken und Empfehlungen zu nehmen.

In Form gegossen – 10 Säulen der Höflichkeit 

1. Freiheit

 Ist Höflichkeit Verstellung? Ein altbekannter Vorwurf. Die Frage läßt sich nur beantworten, wenn wir zwischen zwei Formen der Freiheit unterscheiden. Die erste Form ist die Befreiung, also die Freiheit von Unterdrückung, Fesseln und allem, was einen beengt oder behindert. Diese Freiheit läßt offen, was ich mit meiner Freiheit eigentlich anstellen will, sie ist gewissermaßen leer – ein bloßes Aufatmen, nachdem mir meine Möglichkeiten bewußt geworden sind. Die zweite Form der Freiheit ist die Gestaltungsfreiheit; jetzt geht es um die Fragen: Was fange ich mit meiner Freiheit an? Wozu nutze ich meine Möglichkeiten? Diese Freiheit ist der Grund dafür, weshalb ich für die Folgen meines Handelns verantwortlich bin.

Betrachten wir die Höflichkeit aus diesen beiden Perspektiven, stellen wir fest: Aus der Perspektive der ersten Freiheitsform hat Höflichkeit allerdings mit Verstellung zu tun, weil mein Verhalten als höflicher Mensch nicht unbedingt meine Gemütsverfassung spiegelt, das heißt: Ich muß meine Launen zügeln, mich verstellen. Aus der Perspektive der zweiten Freiheitsform ist Höflichkeit jedoch keine Verstellung, weil sie mit meinen Absichten übereinstimmt – und insofern ist sie Ausdruck meiner Freiheit, mein Verhalten unabhängig von meinen Gemütszuständen oder spontanen Empfindungen nach vernüftigen Zwecken auszurichten. Wer etwas erreichen will, wer etwas bewirken will, für den bedeutet Höflichkeit also vor allem eines: Handlungsfreiheit.

2. Ehrerbietung

Alle Höflichkeit enthält ein Element der Ehrerbietung, weil jeder Mensch Ehre hat. Das eben ist der große Erkenntnisfortschritt, den wir der Demokratie verdanken: daß Ehre kein Privileg hoher Herrschaften ist. Die Ehre markiert die Grenze, über die ich mich nicht hinauswagen sollte, sie ist ein Tabu – und nichts bewahrt mich sicherer davor, es zu verletzten, als die Höflichkeit. Je größer der Unterschied zwischen zwei Menschen ist, desto stärker tritt dieses Element der Ehrerbietung hervor; in der Ritterlichkeit zum Beispiel, wo es um den größten denkbaren Unterschied überhaupt geht, den Geschlechterunterschied, oder wenn ich als jüngerer Mensch einem alten Menschen meinen Platz anbiete. Das sind klassische Beispiele, leicht nachvollziehbar, aber selbst in den alltäglichsten Situationen hat die Ehrerbietung ihren Platz, aus dem einfachen Grund, weil auch die Verkäuferin hinter der Käsetheke im Supermarkt Ehre hat.

In diesem Fall würde die Ehrerbietung darin bestehen, daß man höflich und in ganzen Sätzen mit ihr spricht, ein paar Worte mehr als nötig macht und dem üblicherweise rudimentären Verkaufsgespräch den Anstrich einer kleinen Unterhaltung gibt – auch und gerade dann, wenn man an eine unwirsche Person geraten ist. Wer unbeirrt höflich bleibt, wird erleben, daß sich das Gesicht der ungeduldigsten Verkäuferin in kürzester Zeit aufhellt. Und schließlich haben auch Kinder Ehre. Ich rate deshalb dazu, es bei Kindern, eigenen wie fremden, nicht bei der üblichen, oftmals anbiedernden oder herablassenden Freundlichkeit zu belassen, sondern ihnen mit derselben höflichen Aufmerksamkeit zu begegnen wie Erwachsenen, sie mit einem gewissen Aufwand zu begrüßen und, wenn es sich anbietet, ins Gespräch einzubeziehen, als wäre ihr Beitrag genauso wertvoll wie jeder andere. Er ist es. Wie ansteckend Höflichkeit wirkt, diese Erfahrung kann man am leichtesten bei Kindern machen: Mit einem Mal fühlen sie sich respektiert und ernstgenommen und halten sich plötzlich bereitwillig an Spielregeln, von denen sie bis dahin womöglich nichts wissen wollten.

3. Aufmerksamkeit und Rücksicht

Seine Mitmenschen anschauen, wahrnehmen und beachten – das ist das A und O der Höflichkeit. Wer aufmerksam und rücksichtsvoll ist, hat das Wesen der Höflichkeit verstanden, selbst wenn ihm das Grundgesetz der Manieren, Konventionen und Etikette vollkommen unbekannt sein sollte. Im übrigen haben viele Konventionen ihren Grund in jener erhöhten Wachsamkeit, die den praktischen Kern der Höflichkeit ausmacht. Wenn der Mann zum Beispiel beim Betreten einer Kneipe heute immer noch vorangeht, gibt es dafür eine simple historische Erklärung: In den alten Zeiten mußte er sich zunächst vergewissern, ob drinnen dicke Luft herrschte, womöglich eine zünftige Wirtshausschlägerei im Gang war, bevor er mit seiner weiblichen Begleitung eintrat. Andere Gebote der Höflichkeit leuchten unmittelbar ein, wenn wir den Maßstab der Aufmerksamkeit und Rücksicht anlegen: daß wir uns mit einem Bekannten, den wir zufällig in einer Kneipe treffen, erst dann auf eine Unterhaltung einlassen, wenn wir die Leute, die mit ihm am Tisch sitzen, zuvor begrüßt haben; daß wir anderen in einer Runde nicht demonstrativ den Rücken zuwenden; daß wir, wenn wir uns verabredet haben, pünktlich sind, ja, uns vorsichtshalber etwas früher am vereinbaren Treffpunkt einfinden; daß wir im Kino, im Konzert oder bei einem Vortrag alles vermeiden, was die Konzentration der anderen stören könnte oder von den auftretenden Künstlern als Mißachtung verstanden werden müßte; daß wir schließlich anderen jede Peinlichkeit ersparen, indem wir einfach über ein Mißgeschick hinwegsehen oder jedenfalls kein Aufhebens davon machen oder aber, wenn sich jemand unbeobachtet glaubt, uns durch kräftigeres Auftreten oder ein Hüsteln bemerkbar machen.

Was wohl am stärksten zum Eindruck allgemeiner Unhöflichkeit beiträgt, ist eine gewisse Sturheit in alltäglichen Situationen, bei all den zufälligen Begegnungen mit Menschen, die im Lauf des Tages unseren Weg kreuzen und denen man mit einem Wort, einem Blick, einem Lächeln zu verstehen geben könnte, daß man sie durchaus zur Kenntnis genommen hat. Wie selten wird bei uns eine kleine Rempelei, ein Mißverständnis, ein komischer Zwischenfall zum Anlaß für einen kurzen Wortwechsel genommen, wie es in anderen Ländern üblich ist, wie oft gehen wir wortlos darüber hinweg und zu unserer Tagesordnung über, als hätten wir nichts bemerkt. Es mag banal klingen, ist aber ein offenes Geheimnis der Höflichkeit: Vielfach besteht sie einfach darin, ein paar Worte mehr als unbedingt nötig zu machen.

4. Dankbarkeit

Ich kannte einen sehr reichen Mann, Bauunternehmer und Eigentümer mehrerer Schlösser und Burgen, der nahm seine Kinder einmal im Jahr mit nach Kolumbien und fuhr mit ihnen durch die Straßen von Bogotá, damit sie sich mit eigenen Augen davon überzeugten, daß Überfluß nichts Selbstverständliches ist. Auf diese Weise wollte er seine Kinder Dankbarkeit lehren. Ob dieses Mittel geholfen hat, weiß ich nicht, aber daß die Selbstverständlichkeit des Wohlstands die Dankbarkeit untergräbt, das scheint mir plausibel. Und ich bin sicher, daß der Verlust der Dankbarkeit ein Grund für den Verlust der Höflichkeit ist, denn Dankbarkeit macht einen wesentlichen Teil der Höflichkeit aus. Die Unhöflichkeit eines Menschen, der sich nicht bedankt, wirkt immer besonders ärgerlich, sie fällt auch am schnellsten auf, weil die tausenderlei Vergünstigungen und Wohltaten, in deren Genuß wir durch unseren Wohlstand kommen, tausenderlei Anlässe für Dankbarkeit darstellen. Bedanken wir uns lieber einmal zu viel als einmal zu wenig, für die Einladung, das Essen, die Unterhaltung, das Kompliment, die Mitfahrgelegenheit, den Brief, den Zeitungsartikel, den uns jemand zugeschickt hat, weil uns das Thema interessieren könnte. Und revanchieren wir uns bei Gelegenheit! Ein dankbarer Mensch gilt nicht nur als höflich, sondern als kultiviert.

5. Distanz

An diesem Punkt gehen Zeitgeist und Höflichkeit am weitesten auseinander. Nähe ist die Obsession unserer Tage; intensiver Körperkontakt, private Enthüllungen und jegliche Ausstülpung der Intimsphäre gelten als Ausweis unverfälschter Menschlichkeit. Die Nähe und die Launen, beides ist dem Zeitgeist heilig – und der Höflichkeit eher suspekt. Denn die Höflichkeit respektiert das Menschenrecht auf Unterschiedlichkeit, sie kalkuliert die Möglichkeit großer Fremdheit ein und achtet das, was Menschen trennt, nicht weniger als das, was sie verbindet. Der vertaulich-vereinnahmende Ton vom ersten Augenblick an ist ihre Sache nicht.

Die Höflichkeit ist also auf jeden Fall diskret. Sie läßt dem anderen seinen Spielraum, seine Bewegungsfreiheit, sie drängt sich nicht auf und biedert sich nicht an. Tragen wir deshalb nicht jedem Kellner im Restaurant als erstes unsere Freundschaft an, erwarten wir nicht von jeder Verkäuferin, daß sie uns mit einem strahlenden Lächeln empfängt – mehr, als daß jeder seine Arbeit ordentlich macht, kann man nicht verlangen. Begehen wir auch nicht den Irrtum, zu glauben, der schnelle Wechsel vom „Sie“ zum „du“ würde die Beziehung zu einem anderen Menschen zwangsläufig unkomplizierter machen – nicht selten ist das Gegenteil der Fall. Und beteiligen wir uns nicht an dem Terror der Intimität, den dieser Tage all jene verbreiten, denen es beim Telefonieren in der Öffentlichkeit um einen möglichst großen Zuhörerkreis geht.

6. Gefälligkeit

Geradezu allergisch reagieren manche auf die Forderung, gefällig zu sein. Der moderne Mensch mag nicht gefällig sein, lieber beansprucht er, lieber erklärt er sich für unzuständig, lieber beruft er sich auf sein Recht und spart sich die Höflichkeit. „Das habe ich nicht nötig …“ heißt es dann, und gemeint sind Schleimerei und Anbiederung. Die Höflichkeit ist das genaue Gegenteil davon – völlig richtig hingegen ist, daß es dabei um Gefallen und Gefälligkeit geht.

Bisweilen ist es nicht klug, als erstes auf seine Rechte zu pochen, bisweilen brauchen sich andere von uns auch nichts sagen zu lassen – da ist Höflichkeit dann die sicherste Methode, jemanden für uns einzunehmen und Gehör zu finden. Gefälligkeit und Entgegenkommen machen den strategischen Aspekt der Höflichkeit aus, denn Gefälligkeiten haben ihren Preis, sie verpflichten den Empfänger zu Gefälligkeiten bei anderer Gelegenheit und zahlen sich daher im Privatleben wie im Geschäftsleben aus. Im übrigen sind es die kleinen Gefälligkeiten, die eine angenehme Atmosphäre schaffen, wie zum Beispiel: den Nachfolgenden die Tür aufhalten, jemandem in den Mantel und wieder heraushelfen oder auch kleine Komplimente verteilen, wenn uns etwas gefällt, die neue Brille oder die Frisur zum Beispiel. Und manchmal ist eine Gefälligkeit auch ein Zeichen von Souveränität, etwa dann, wenn wir Papiere vom Boden auflesen, die ein Windstoß vom Tisch gefegt hat, obwohl das von uns gar nicht erwartet wird. Wir werden dann übrigens erleben, daß sich andere sehr schnell und ganz unaufgefordert ein Beispiel an uns nehmen.

7. Geduld

Höflichkeit ist zeitaufwendig. Jemandem die Tür aufhalten kann uns drei Sekunden kosten – in einer Welt, die die Zeit nach Hundertstel Sekunden mißt, eine halbe Ewigkeit. Vor allem im Straßenverkehr macht sich die wachsende Ungeduld als Unhöflichkeit bemerkbar. Im Gehäuse seines Autos ist der Drängler vor empörten Kommentaren und wütenden Blicken sicher, da darf er sich Unmanierlichkeiten erlauben, die er sich sonst gut überlegen würde, da darf er auch durch Hupen seinen Vordermann abstrafen, der sich erdreistet, anzuhalten, um ein Auto aus einer Seitenstraße einbiegen zu lassen. Wer im Straßenverkehr höflich bleiben will, braucht also zusätzlich ein dickes Fell. Grundsätzlich gilt: Der Höfliche verhält sich stets so, als hätte er Zeit. Alles kurze Abfertigen ist unhöflich.

Allerdings braucht unsere Geduld nicht unerschöpflich zu sein. Ich hörte von einem Mann, der betrat die Praxis seines Arztes, wurde von den Sprechstundenhilfen am Empfang keines Blickes gewürdigt, wartete kurz, und als sie ungerührt weiterplauderten, sagte er: „Ich gehe jetzt noch einmal hinaus und komme wieder herein, und dann begrüßen Sie mich. Und wenn Sie einen besonderen Grund für diese Höflichkeit brauchen: Ich bin derjenige, der Ihnen Ihr Gehalt bringt.“ Das war gut gemacht. Denn gelegentlich darf man, ganz höflich, unfreundlich werden.

8. Manieren

Gute Manieren sind angenehm, man sollte mit ihnen vertraut sein. Einmal, weil man sich dann in Gesellschaft sicherer fühlt, zum anderen, damit man weiß, was man tut, wenn man dagegen verstößt. Konventionen sind sinnvoll, solange sie Ausdruck der Achtung sind, und meist verzichtbar, sobald sie Selbstzweck sind oder lediglich der Abgrenzung von Banausen dienen. Wer es mit den Manieren übertreibt, also einen „excess of ceremony“ betreibt, wie es der englische Philosoph John Locke (1632–1704) nennt, der wirkt manieriert und damit lächerlich. Wir sollten aber, bevor wir uns gegen eine Konvention entscheiden, bedenken, daß Manieren kein unwichtiger Bestandteil unserer Kultur sind.

Nicht überall sind dieselben Manieren angebracht. Auf einem Fest schickte sich ein Freund von mir an, der Dame, die ihm auf der Treppe entgegenkam, einen Handkuß geben. Der äußere Rahmen dieses Festes war durchaus dazu angetan, sich dieser althergebrachten Begrüßungsform zu bedienen, doch die Dame zog ihre Hand irritiert zurück – mein Freund hatte die Haushälterin mit der Gastgeberin verwechselt! Solche Formfehler können einem bei größter Gewandtheit unterlaufen, und ich finde sie nicht tragisch. Viel ärgerlicher wäre es, aus Angst vor Formfehlern ganz auf einen Akt der Höflichkeit zu verzichten. Nicht zu wissen, in welcher Reihenfolge Menschen einander vorgestellt werden, sollte uns also nicht daran hindern, sie überhaupt miteinander bekannt zu machen.

In vielen Fällen hilft, wie so oft, fragen und sich erkundigen. Den meisten ist es peinlich, wenn sie partout nicht auf den Namen eines Menschen kommen, den sie längere Zeit nicht gesehen haben. Sollte einem kein Zufall und kein Dritter zu Hilfe kommen, den man heimlich fragen könnte, so erspare man sich einen Eiertanz und gestehe rundheraus, daß man etwas Nachhilfe braucht, weil einen das Gedächtnis gerade im Stich läßt. Menschen ab einem bestimmten Alter haben das größte Verständnis dafür. Im übrigen darf der als formvollendet gelten, der andere ihre versehendlichen Verstöße gegen die guten Sitten nicht spüren läßt.

9. Selbstverständlichkeit

Über vieles kann man diskutieren, über den Wert der Höflichkeit nicht. Sie muß selbstverständlich sein und deshalb von klein auf geübt werden. Das ist heute – nach allem, was man hört – nicht mehr der Fall; Kindergärtnerinnen und Lehrer berichten von jungen Menschen, die in keiner Weise mehr auf andere zugehen und auf andere eingehen können. Ich möchte daher abschließend mit aller gebotenen Höflichkeit daran erinnern, daß der Tisch, an dem alle gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen, seit jeher das familiäre Übungsfeld der Höflichkeit par excellence gewesen ist. Wenn wir das Essen nur noch als Sättigungsvorgang verstehen, zerstören wir die Grundlage jeden zivilisierten Verhaltens! Ganz abgesehen davon, daß zwischen Tür und Angel der Genuß auf der Strecke bleibt.

10. Wohlwollen

Der größte Feind der Höflichkeit ist der Glaube an die Unhöflichkeit. Der anderen. Wer sich ständig von Banausen und Barbaren umzingelt sieht, der verliert schnell die eigenen Unhöflichkeiten aus dem Blick. Sich selbst im Spiegel der anderen sehen können, ist eine wichtige Voraussetzung höflich zu sein. Dafür braucht es Wohlwollen. Die Bereitschaft, nicht alles auf die Goldwaage zu legen und anderen Menschen etwas zu Gute zu halten statt ihnen ständig ihr Tun oder Lassen vorzuhalten. In „Wohlwollen“ stecken die beiden Worte „Wohl“ und „Wollen“. Das Wohl steht für ein gelungenes Miteinander, einen Raum, in dem sich Menschen als Menschen begegnen können. Das Wollen steht dafür, den Willen aufzubringen an der Gestaltung dieses Raumes mitzuwirken. Das Wohl weist über uns als Individuum hinaus, weil es alle Menschen im Blick hat, das Wollen spricht uns ganz explizit als Einzelnen an, unsere Möglichkeiten einzubringen und zu erweitern, damit das Wohlwollen  lebendig werden kann. 

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Umgangsformen sind ein Teil unserer Kultur – gib sie nicht leichtfertig auf. Aber verzichte nicht aus Unsicherheit ganz auf einen Akt der Höflichkeit! Denn wichtiger als alle Manieren ist die selbstverständliche Umgänglichkeit, mit der ein Mensch auf andere zugeht, auf sie eingeht, Gemeinsamkeit herstellt und allen ein Gefühl der Sicherheit gibt.“

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