Unser Ausflug in die Kunst der Untertreibung kann natürlicherweise nur in Großbritannien beginnen. Wo anders als im Vereinigten Königreich – vernachlässigen wir an dieser Stelle bewusst das eher „extrovertierte“ Verhalten von Fans der englischen Fußballnationalmannschaft oder britischen Mallorca-Urlaubern – vermuteten wir die formvollendete Kunst der Untertreibung? Wo ließe sich eine vergleichbare Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, Diskretion und maßvollen Zurückhaltung feststellen? Wo anders finden wir ein so umfangreiches Aufkommen an pädagogischen Traktaten über die Kunst des Understatements?

Als Beispiel seien hier die Schriften des Earl of Chesterfield genannt, der in seinen Briefen an den Patensohn und späteren Nachfolger Philip Stanhope diese Kunst zu vermitteln versuchte („Versuche nicht, geistreicher zu erscheinen, als Du bist – eher weniger!“), und nicht müde wurde, im Rahmen dieses Briefwechsels immer wieder auf die Notwendigkeit hinzuweisen, die eigene Person so wenig zum Gegenstand der Unterhaltung zu machen als möglich, wenn Philip daran gelegen sei, seinen Mitmenschen zu gefallen – trotz oder gerade wegen des eigenen Wissens um die Gefahren der menschlichen Neigung zur Eitelkeit entfesselter Selbstliebe. Um diesem Laster bereits im Vorhinein den „Wind aus den Segeln“ zu nehmen, empfiehlt der „Steuermann“ Earl of Chesterfield seinem „Schiffsjungen“ Philip an anderer Stelle die vollständige Negierung der eigenen Person im Gespräch mit seinen Mitmenschen: „Sei darauf bedacht, niemals über Dich, für Dich, noch gegen Dich zu sprechen; lass Deinen Charakter für Dich sprechen: Was immer der sagt, wird man glauben; aber was Du über ihn sagst, wird man nicht glauben, es wird Dich nur abstoßend und lächerlich machen. Sei daher unablässig auf der Hut vor den vielerlei Fallstricken von Eitelkeit und Selbstliebe.“

Und Fallstricke gibt es ja tatsächlich mehr als genug, sich selbst und seine Taten in ein heroisches Licht zu rücken. Wem also daran gelegen ist, seinem eigenen Auftritt eine britische Note zu verleihen, dem seien die folgenden Empfehlungen ans Herz gelegt, um den Bestien der Selbstliebe und Eitelkeit Einhalt zu gebieten. Manege frei!

Doch halt! Sprachen wir nicht an anderer Stelle vom englischen Premierminister Disraeli, der es ungeachtet seiner wenig zurückhaltenden Ausstaffierung und vollmundigen Ankündigung zu den höchsten politischen Weihen brachte? Und richtig, ist nicht der Dandy eine ebenso britische Erfindung wie die bedingungslose Selbstdisziplin eines Earl of Chesterfield oder die Nützlichkeitsphilosophien eines Adam Smith? Gehört nicht neben der puritanischen Strenge auch der durch die Straßen Londons flanierende Oscar Wilde, „in seinem Kniehosenanzug aus schwarzen Samt mit flatternder Lavallière-Krawatte unter dem flachen Kragen, eine Lilie oder Sonnenblume priesterlich in der Hand“ zu den festen Bestandteilen der englischen Kultur? Jener Mann, der bereits im Versuch, sich nützlich zu machen, den sichersten Weg vermutete, nichts über das Leben zu erfahren? Absolut!

Doch so sehr sich Disraeli und Wilde auf der einen und Chesterfield und Smith auf der anderen Seite in ihrer Bewertung eines fleißigen und gleichermaßen gefälligen Erdenlebens fundamental unterscheiden, so ähnlich waren sie sich in ihrer Überzeugung, dem persönlichen Auftritt ein Höchstmaß an Selbstverständlichkeit zu verleihen. Während der wahrhafte Dandy, wenn es ihm gefällt, 24 Stunden mit dem Ankleiden verbringt, aber den dazu nötigen Aufwand nach Beendigung seiner Prozedur umgehend vergisst, durchlebt der wohlerzogene Konversationskünstler mühsame Anstrengungen in der Unterwerfung von Eitelkeit und Selbstliebe, ohne diesen Kampf mit seinem „inneren Schweinehund“ dem Gesprächspartner auch nur im Ansatz zu erkennen zu geben. Und so löst sich der vermeintliche Widerspruch zwischen bedingungsloser Disziplin auf der einen und Highlife auf der anderen Seite in einem Zitat Oscar Wildes auf wunderbare Weise auf: „Wichtigstes Gebot ist es, das Leben mit artistischem Raffinement zu führen. Das zweitwichtigste hat bisher noch niemand feststellen können.“ Wilde ist natürlich mit ausreichend Raffinement ausgestattet, um uns die Mühen und das schweißtreibende Training hinter der wie selbstverständlich wirkenden Artistik zu verschweigen.

Ungeachtet des vermuteten Vorsprungs unserer europäischen Nachbarn im Hinblick auf die Kunst des gekonnten Understatements öffne ich zum zweiten Male den Vorhang. Es wäre doch gelacht, wenn sich nicht etwas von den Nachfahren der Angeln, Sachsen, Kelten und Normannen lernen ließe. Manege frei für die raffinierten Strategien der artistischen Untertreibung!

Im Gegensatz zum ungeliebten Pendant der Untertreibung, der Übertreibung, bedarf es einer Position, von der aus es sich überhaupt lohnt, seine Werte herunterzuspielen. Im Gegensatz zur gemeinen Angeberei, die ständig Talente, Eigenschaften, Wissen und Besitztümer hervorzaubert, die gar nicht oder nur unzureichend vorhanden sind, lässt sich die Kunst der gekonnten Untertreibung nur dort entfalten, wo wir etwas unser eigen nennen können, von wo aus es sich lohnt, es raffiniert herunterzuspielen.

So sollten wir zunächst wissen, was uns auszeichnet. Wer keinerlei Talente besitzt, wer nicht singen, malen, unterhalten, verhandeln, amüsieren, kochen, zuhören, teilen, tanzen oder Reden halten kann, wer wenig weiß, sich für nichts interessiert, sich nichts leisten kann oder will, der wird es schwer haben zu untertreiben.

  • Die Erfahrung zeigt, dass jeder Mensch etwas hat, das sich zum Herunterspielen eignet. Konzentrieren Sie sich genau darauf, und überlassen Sie die plumpe Aufschneiderei anderen!

Die Grenze zwischen der gekonnten und gleichermaßen amüsanten Demutsbezeugung und dem hässlichen Gesicht der arroganten Herablassung ist oft fließend. Wer jahrelang einen alten VW-Polo fuhr und nun dem Freundeskreis eröffnet, er habe sich wieder einen Volkswagen gekauft, um dann im schmucken Touareg davon zu fahren, der mag sich des wohlwollenden Kopfschüttelns seiner Freunde sicher sein. Wer dieselbe Geschichte in einem Kreis von Menschen zum Besten gibt, deren finanzielle Möglichkeiten begrenzt sind, gilt schnell als arroganter Schnösel!

  • Übertreiben Sie es nicht mit der Untertreibung, und achten Sie auf Ihr Publikum.

Wer gekonnt untertreibt, der lässt sich ungern von seinen Mitmenschen auf einen Sockel heben. Schon allein, um die in ihn gesetzten Erwartungen nicht zu enttäuschen. Es ist eine hohe Kunst, mit dem Lob und der Huldigung seiner Mitmenschen verantwortungsvoll umzugehen. Denn so sehr die Gunstbezeugungen unserem Selbstwertgefühl schmeicheln und unsere Eitelkeit herausfordern, so sehr sollten wir darauf achten, ihnen nicht allzu sorglos nachzugeben. Da kocht der Thorsten plötzlich auf dem Niveau von Paul Bocuse, die Tanja muss sich hinter den Gesangskünsten einer Anna Netrebko nicht verstecken, Jan könnte heute Bundesliga spielen, wenn er damals nicht einen Kreuzbandriss erlitten hätte, und Kerstin sollte sich mit ihrer Wohnungseinrichtung doch mal bei „Schöner Wohnen“ bewerben.

  • Scheuen Sie sich nicht, die Ihnen zugestandenen Talente dankbar anzunehmen und für die Menschen, die Ihnen lieb und teuer sind, zu kochen, ein Hauskonzert zu geben, Ihre Ballfertigkeit unter Beweis zu stellen oder darauf hinzuweisen, dass Ihnen das geschmackvolle Einrichten Ihrer Wohnung am Herzen liegt.
  • Stimmen Sie jedoch niemals in die „ultimative Lobhudelei“ ein! So schnell können Sie gar nicht gucken, wie Ihr Denkmal in sich zusammenbricht. Nichts ist verräterischer als das gesprochene Wort. Lassen Sie Taten sprechen!

Wer gekonnt untertreibt, der weiß um die Nützlichkeit der maßvollen Untertreibung. Wer das Understatement beherrscht, der sichert den sozialen Frieden und bietet der Eigenliebe Einhalt, ohne jedoch seine Ziele aus den Augen zu verlieren. Wer nämlich zu viel herunterspielt, der lässt das Understatement zur abstrusen Farce verkommen. So sind aus den Zeiten vor der chinesischen Kulturrevolution eine Reihe amüsanter Anekdoten aus dem Reich der Mitte überliefert, in denen das konfuzianische Ideal der unbedingten Demut die Handelsbeziehungen zwischen Chinesen und Japanern erheblich belastete, weil schon der kleinste ersichtliche Funken von Selbstinteresse auf beiden Seiten als inakzeptables Laster galt. In den Verhandlungsgesprächen war demzufolge keine der beiden Parteien auch nur annähernd in der Lage, die eigenen Wünsche und Interessen zu artikulieren. Immer wieder wurde darauf verwiesen, dass der genannte Preis natürlich verhandelbar, der Liefertermin natürlich nur ein erster Vorschlag sei, dass man detaillierte Fragen gern zu einem späteren Zeitpunkt klären und selbstverständlich noch einmal Rücksprache gehalten werden könne …

  • Bei aller Angst, als Angeber, Aufschneider oder berechnender Egoist zu gelten, sollten wir es nicht versäumen, offene Worte zu sprechen. Denn so sehr wir uns auch für unsere Eigenliebe schämen mögen, verleugnen sollten wir ja auch sie nicht, lediglich mit artistischem Raffinement versehen.

Jedes gelungene Understatement ist geistreich, im besten Falle amüsant. Dies hat einen einfachen Grund: Der Herunterspielende demonstriert eine gelassene Distanz zu sich und seinen Werten, ohne sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Er verfügt über eine sprachliche Kompetenz, die sich nicht zwar nicht ohne weiteres kopieren lässt, aber nach einigen festgeschriebenen Regeln zu funktionieren scheint:

  • Die Sprache der kunstvollen Untertreibung ist kurz und prägnant, sie kennt keine Phrasen, sie macht kein großes Aufhebens, ohne dabei nüchtern oder gar amtlich zu wirken.

Es ist nicht von „bescheidenen Hütten“ die Rede, in die die Gäste eingeladen werden, nicht von „Kleinigkeiten“, wenn ein Fünfgangmenü gereicht wird, oder von „zwangloser Kleidung“, wenn es festlich zugehen wird. Wer die Kunst der Untertreibung beherrscht, weiß, dass sich die Gäste selbst von der Großzügigkeit der Jugendstilvilla mit ihren fünfzehn Zimmern überzeugen können, wenn sie vor Ort sind, dass Foie Gras, Pata Negra, Seezunge und ausgesuchte Bordeauxweine noch jeden Gaumen zu überzeugen wussten und dass die Gastgeber selbst nie in Jeans erscheinen würden: „Wir möchten Euch gerne zu uns nach Hause einladen und würden uns freuen, wenn Ihr mit uns zu Abend essen würdet. Wir freuen uns auf ein festliches Beisammensein!“

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