Nichts bleibt, wie es ist. Alles gerät ins Wanken. Altes verschwindet, Neues taucht auf, und längst Vergessenes erscheint wieder auf der Bildfläche. Die Erde bewegt sich nicht mit größerer Geschwindigkeit als vor Millionen Jahren, aber wir haben das Gefühl, die Fliehkräfte hätten sich verstärkt. Das haben sie auch.

Ganze Gesellschaftssysteme sind zusammengebrochen, andere wähnten sich als Sieger auf Ewigkeit, mussten aber schnell feststellen, dass ihr Triumph nur von kurzer Dauer war und ihre Vertreter sich ernsthaft die Frage gefallen lassen müssen, ob der Sozialismus doch das bessere System sei.

Es gibt eine Menge Phänomene, die wir ernsthaft als ewig gültig angesehen haben, zum Beispiel:

  • Ja, die Erde war mal eine Scheibe.
  • Ja, Deutschland war mal durch eine Mauer in zwei Staaten geteilt.
  • Ja, es gab einmal die Vorstellung, dass unregulierte Märkte das Paradies auf Erden garantieren würden.
  • Ja, Korruption im Ausland ließ sich von der Steuer absetzen.
  • Ja, es gab Zeiten, in der die weltweiten Ölreserven als unerschöpflich galten.
  • Es stimmt, Amokläufe an Schulen waren ein Privileg der USA und schwarze Machthaber eines von Afrika, der Bundeskanzler war tatsächlich ein Kanzler und keine Kanzlerin, früher waren Muttis zu Hause und Papas auf der Arbeit, eine Ohrfeige hier und da schadete niemandem, Schwule hießen Homosexuelle, Terroristen gab es auch in Deutschland, Elektroautos fuhren 15 km/h und sahen bescheiden aus, Fahrräder waren das bevorzugte Verkehrsmittel im Entwicklungsland China, Investmentbanker verdienten mehr als die Vorstände ihres Unternehmens, Ärzte waren Halbgötter in Weiß und Eltern glaubten eher den Lehrern als ihren Kindern. Lebensabschnittsgefährten blieben zusammen bis der Tod und nicht, bis die freie Entscheidung sie schied, Großeltern gingen und blieben im Ruhestand und wurden nicht zu Eltern reloaded, weil die Eltern ihrer Enkel arbeiten gehen (müssen).

Es ist richtig: Unternehmen konnten ungehindert Geld verdienen, ohne dass sie von Greenpeace, Amnesty, Transparency International oder Attac an ihre gesellschaftliche Verantwortung erinnert wurden. Geschlechtsverkehr versprach Lustgewinn, aber auch lebenslange Verantwortung. Es gab Telefone mit Drehscheiben, aber keine Handys, keine Blogs, kein Twitter, kein Facebook oder studiVZ, und wer etwas wissen wollte, der musste ins Lexikon schauen oder in die Stadtbibliothek gehen.

Das Fernsehen war schwarz-weiß und in öffentlich-rechtlicher Hand. Multikulti war ein Gesellschaftsprojekt ohne Probleme, 25 Prozent Eigenkapitalrenditen waren ein legitimes Ziel, zwei große Parteien und eine kleine Partei das Maß der politischen Meinung. Die Verurteilung von Tyrannen vor internationalen Gerichtshöfen war Zukunftsmusik, Religion ein Auslaufmodell, die Verletzung von ökologischen und sozialen Standards eher die Regel als die Ausnahme, PISA ein schiefer Turm in Italien und Johannes B. Kerner Moderator im ZDF.

Wir sind Teil dieser Veränderungen. An manchen haben wir aktiv mitgewirkt, andere lassen sich nicht aufhalten, die einen begrüßen, die andere verdammen wir. Mit manchen können wir gut leben, mit anderen weniger gut. Den einen entziehen wir uns, in andere bringen wir uns ein. Und immer sind wir es, die Stellung beziehen, immer liegt es an uns, wie wir mit Veränderungen umgehen, welche Chancen wir ergreifen, welche Risiken wir eingehen und welche wir vermeiden wollen. An wem auch sonst?

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