„Ich bin so frei.“ Wie frei sind wir eigentlich? Das hat sich Moritz Knigge gefragt und ist auf Verantworten gestoßen.

Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu haben

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Ich sehe, … wie jeder sich selbst regiert und sich ein System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. Dann fallen alle Fesseln ab, dann schwinden alle Vorurteile; ich brauche nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen; habe nicht nötig, mich mit einem Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbarn Geldkasten ist kein Hindernis, mein angeborenes Recht auf das Gold, das die mütterliche Erde uns allen darreicht, in Ausübung zu bringen.“

Über den Umgang mit Menschen, II, 2, 1

Eine kurze Geschichte der Verantwortung

„Am Anfang war das Wort, und Gott war das Wort“, heißt es in der Bibel, und das Wort und die Antwort waren bei Gott. Doch die Antworten, die Gott und seine Vertreter auf Erden gaben, reichten den Menschen bald nicht mehr. Sie machten sich selbst auf die Suche nach Antworten, und was fanden sie? Die Verantwortung.

Vernunft statt Glauben. Nicht ganz zufällig erschien der Begriff Verantwortung im Zeitalter der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert erstmalig auf der Bildfläche. Der Mensch hatte sich aufgemacht, sich von göttlicher Bevormundung zu befreien. Martin Luther hatte ihn allein vor Gott gestellt, befreit von einer Institution, die sich nach Meinung vieler zu weit von Gottes überliefertem Wort entfernt hatte. Und es dauerte gar nicht lange, da sagten sich die Menschen, wenn schon alleine, dann auch richtig, dann auch ohne Allmächtigen und dessen allumfassende Liebe und Strafe. Der bis dahin größte Verantwortungsträger wurde in den Ruhestand geschickt.

Das klingt übertrieben und womöglich ein wenig ketzerisch, wenn man bedenkt, dass immerhin eine Milliarde Menschen auf dieser Welt dem katholischen Allmächtigen noch heute die Treue halten. Dennoch stimmt es, insbesondere für Europa: Die Bitte um göttlichen Beistand soll in der europäischen Verfassung nicht mehr ausdrücklich erwähnt werden, und mehr als die Hälfte aller Europäer bezeichnen sich nicht mehr als praktizierende Christen.

Wir haben uns Gottes zwar nicht entledigt, ihm aber doch eine Nebenrolle zugewiesen. Wir wollen es einmal ohne ihn probieren. Ob das gut so ist, fahrlässig oder anmaßend, das soll uns zunächst nicht weiter interessieren. Wichtiger ist, dass wir nun selbst einzustehen haben für das, was wir tun oder unterlassen. Wir haben nicht nur vom paradiesischen Apfel gekostet, wir sind auf den Geschmack gekommen. Wir haben uns selbst an Gottes Stelle gesetzt und uns zugetraut, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen.

Die ersten Antworten gaben die Denker und Reformer der Aufklärung, die ihren Zeitgenossen darlegten, wovon es sich zu befreien galt. Von Macht, von der Herrschaft der einen über die anderen. Von denen, die von Gottes Gnaden meinten, Menschen in Abhängigkeit halten und ihnen vorschreiben zu können, wovon, wie und wozu sie zu leben hatten. Adelige und Geistliche mussten den Wechsel von göttlicher Gnade zu menschlicher Gnadenlosigkeit während der Französischen Revolution am eigenen Leib erfahren und konnten auf dem Schafott nicht auf die Brüderlichkeit der Freien und Gleichen hoffen.

Ein neues Zeitalter brach an, das Zeitalter der Aufklärung. Es versprach ein helles Zeitalter der Vernunft zu werden, das die Dunkelheit des Mittelalters vertreiben sollte. Es verhieß einen freien, gleichen, brüderlichen, gewissenhaften und vernünftigen Menschen. Einen Menschen, der wusste, wovon er sich befreien und wozu er seine Freiheit nutzen wollte. Dem großen Freudenfest folgte – wen mag es verwundern – die erste Ernüchterung und eine Erkenntnis, die uns bis heute begleitet: Wer Freiheit wählt, der wählt Verantwortung gleich mit.

Davon wussten bereits die Urväter des freiheitlichen Denkens ein Klagelied zu singen. Denn obwohl sich unsere Ahnen nicht mehr vor Gott und seinen gestrengen geistlichen und weltlichen Stellvertretern auf Erden verantworten mussten, hatten sie sich von Anfang an mit der lästigen Frage herumzuplagen, wo Freiheit beginnt und wo sie endet. So umrahmte bereits der Philosoph Immanuel Kant Ende des 18. Jahrhunderts die frisch gewonnene Freiheit mit eindeutigen Bedingungen. Er rief dazu auf, sich um die „unschädlichste aller Freiheiten“ zu bemühen, nämlich diejenige, „in allen Bereichen von seiner Vernunft umfassend Gebrauch zu machen“.

Unverbundenheit – Was geht mich das an?

Warum soll ich mir Gedanken darüber machen, weshalb die Wahlbeteiligung immer neue Tiefstände erreicht, wenn die Profis in den Parlamenten überhaupt nichts mehr von den Sorgen und Nöten ihres Wahlvolkes wissen? Was kann ich dafür, wenn es in den Medien weniger um die Wahrheit als um öffentliche Empörung geht, weil sich damit höhere Quoten und Auflagen erzielen lassen? Was hat das mit mir zu tun, wenn Sportler meinen sich dopen zu müssen, um erfolgreich zu sein, und auch noch so dämlich sind, sich dabei erwischen zu lassen? Ich bin nicht verantwortlich dafür, leere Flaschen vom Bürgersteig zu räumen, öffentliche Toiletten sauber zu hinterlassen oder für die schulischen Leistungen meiner Kinder. Wozu gibt es denn die Müllabfuhr, Reinigungskräfte und Lehrer? Warum ein Problem direkt mit dem Nachbarn ausräumen, wenn ich auch Anzeige gegen ihn erstatten kann? Warum kein halbes Hähnchen für 1,99 Euro kaufen, wenn es zu diesem Preis angeboten wird? Warum soll ich bei Pöbeleien in der U-Bahn einschreiten, wenn überall Security herumläuft? Außerdem bezahlen wir die Polizei mit unseren Steuergeldern! Warum jemandem meinen Sitzplatz anbieten, wenn dieser nicht ausdrücklich für ältere oder behinderte Menschen gekennzeichnet ist?

Geht uns das alles vielleicht wirklich nichts an, weil wir über gar keine echte Willensfreiheit verfügen? Die Forscher sind bestimmenden Faktoren auf die Spur gekommen, die unseren Köpfen und Herzen vorgeben, was wir zu tun und zu lassen haben:

  • Da sind die Neurowissenschaften so frei, unsere lieb gewonnenen Freiheitsspielräume lediglich als Folge biochemischer Prozesse zu interpretieren. Gerhard Roth, einer ihrer führenden Vertreter ist überzeugt: In spätestens zehn Jahren wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass es Freiheit im Sinne einer subjektiven Verantwortung nicht gibt.
  • Da sind Sozialwissenschaftler so frei, die soziokulturellen Bedingungen – die Erfahrungen, Werte, Symbole und Institutionen unserer Gesellschaft –, die unser Handeln prägen, in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken.
  • Da kommen Wirtschaftsethiker wie Karl Homann zu der Überzeugung, dass der „Ort der Verantwortung“ nicht beim Einzelnen zu suchen sei, sondern in den Regeln der jeweiligen Systeme wie Wirtschaft, Politik, Medien oder Familie. Wir haben gesellschaftliche Systeme erschaffen, die immer weniger als willentlich erzeugt, sondern vielmehr als allmächtige Naturgesetze empfunden werden, denen wir die Verantwortung übergeben haben, die wir selbst nicht mehr schultern wollen.

Da bleibt nicht mehr viel Platz für freie Entscheidungen, kaum noch Raum für selbstbestimmtes und verantwortliches Handeln. Längst ist doch alles vorherbestimmt, sei es durch die Evolution, unser Gehirn oder die Regeln unserer gesellschaftlichen Systeme. Der Rest, der uns an persönlicher Freiheit bleibt, wird zur persönlichen Angelegenheit. Der Rest an Verantwortung bleibt bei denen, die sich für unsere freiheitlichen Systeme wie Demokratie und Marktwirtschaft sowie deren Institutionen zuständig erklärt haben.

Was kann ich dafür, wenn in China die Menschenrechte verletzt werden? Ich bin Unternehmer und kein Politiker! Warum soll ich als Spitzensportler auf eine Teilnahme bei Olympia verzichten, auf die ich Jahre ehrgeizig hingearbeitet habe? Politik und Sport sollten getrennt bleiben!

Was kann ich dafür, wenn das Finanzsystem kollabiert? Gut, vielleicht war ich gegenüber den wirtschaftlichen Eliten und ihren Forderungen nach mehr Deregulierung etwas zu leichtgläubig, aber ich bin Politiker und kein Manager! Wollen Sie mich jetzt für das verantwortlich machen, was die Leute im Fernsehen sehen wollen? Ich schreibe den Zuschauern doch nicht vor, was sie zu gucken haben! Dafür bin ich nicht zuständig.

Der heisse Kaffee war schuld

Wenn man auf dem Pappbecher einer amerikanischen Kaffeehauskette den Aufdruck liest: „Vorsicht! Der Inhalt dieses Bechers ist extrem heiß und kann Brandwunden verursachen!“ – könnte man da nicht auf den Gedanken kommen, daß mit unserer Auffassung von Verantwortung etwas nicht stimmt? Offenbar hat sich das Unternehmen zu dieser Maßnahme entschlossen, weil es andernfalls damit rechnen müßte, von einem Kunden zur Verantwortung gezogen zu werden, irgendjemandem, der sich aus Unachtsamkeit die Hand oder aus Ungeduld die Zunge verbrüht hat. Der warnende Aufdruck reicht die Verantwortung an den kaffeetrinkenden Kunden zurück, wo sie ganz unzweifelhaft hingehört, aber: Welcher Logik muß man sich bedienen, um auf die Idee zu kommen, in Wirklichkeit könnte das Kaffeehaus die Verantwortung für mein Mißgeschick tragen?

Einer kindlichen Logik, nehme ich an. Einer Logik, nach der das Messer schuld ist, wenn man sich in den Finger schneidet – oder der Messerhersteller. Jener Logik eben, nach der auch Tabakkonzerne für den Lungenkrebs ihrer Kunden haften und zahlen sollen. Mit dem albernen Hinweis, daß Kaffee extrem heiß sein kann, verkauft man also Menschen für dumm, die es nicht anders verdienen: Menschen, die ihr Rechtsgefühl am eigenen Nutzen ausrichten und dafür gern in Kauf nehmen, für unzurechnungsfähig gehalten zu werden.

Sündenbock Coca Cola

Nun gut, könnte man sagen, derlei kommt hauptsächlich in den USA vor. Hierzulande scheint es jedoch um die Wertschätzung des freien Willens nicht viel besser zu stehen. Auch bei uns gibt es Zeitgenossen wie jenen Richter, der Coca Cola trank und Schokoriegeln aß, bis er irgendwann zuckerkrank wurde, alsbald die Hersteller seiner Hauptnahrungsmittel als Schuldige ausmachte und wegen fehlender Warnhinweise auf Schadenersatz verklagte. Und dieser Mensch steht offenbar nicht allein da. So befürchtet einer Umfrage zufolge die Mehrzahl unserer Mitbürger, durch die technische Entwicklung entmündigt zu werden. Aber hätten sie etwas dagegen? Mitnichten! Derselben Umfrage zufolge wird die technische Entwicklung von denselben Mitbürgern mehrheitlich befürwortet. Woraus ich schließe, daß es für nicht wenige Schlimmeres gibt, als entmündigt zu werden. Zum Beispiel, auf die Annehmlichkeiten zu verzichten, die man sich von der technischen Entwicklung noch erhoffen darf.

Wirklich überraschend ist das natürlich nicht. Mündigkeit ist nun einmal lästig. Denn Freiheit geht immer mit Verantwortung einher, und so viel uns an unserer Freiheit liegen mag, so gut konnten wir auf die Verantwortung schon immer verzichten. Neu und überraschend ist höchstens das Klima allgemeiner Nachsicht, in dem Menschen gedeihen, die für sich selbst ein Recht auf unbeschränkte Freiheit reklamieren, das sie allen anderen allerdings vehement bestreiten. Da rufen Autofahrer lautstark nach härteren Strafen für Verkehrssünder, verstoßen selbst aber nach Lust und Laune gegen die Verkehrsregeln. Da verurteilt ein mittelständischer Unternehmer empört die Selbstherrlichkeit von Konzernfürsten, die bei Tarifverhandlungen Null-Runden fordern, die eigenen Gehälter aber laufend erhöhen, und selbst fährt er mit einem brandneuen S-Klasse-Mercedes vor, nachdem er gerade vierzig Mitarbeiter entlassen hat. Da spielt sich ein nicht unbekannter Talkmaster als unerbittliche moralische Instanz auf, und selbst genehmigt er sich Drogen und Huren.

Freiheit in Verantwortung

Mündige, verantwortungsbewußte Menschen handeln so nicht. Freie allerdings auch nicht. Denn wer zu seiner Verantwortung nicht steht, gibt seine Freiheit auf und entmündigt sich selbst – aus dem einfachen Grund, weil Freiheit Verantwortung voraussetzt. Für diesen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung kenne ich kein anschaulicheres Beispiel als das der drei deutschen Offiziere, deren Fall in der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ dokumentiert wurde: Im Oktober 1941 erhielten drei Offiziere an der Ostfront den Befehl, die jüdische Bevölkerung an ihren Standorten zu erschießen – hauptsächlich Frauen und Kinder. Die drei reagierten unterschiedlich darauf. Der erste Offizier führte den Befehl ohne zu zögern aus. Dem zweiten kamen Bedenken, er zögerte und fragte nach. Liegt ein Mißverständnis vor, wollte er wissen, ein Übertragungsfehler vielleicht? Nein. Der Befehl wurde bestätigt – und er ließ ebenfalls erschießen. Der dritte Offizier weigerte sich. Er fragte nicht nach, er nahm sich einfach die Freiheit, den Gehorsam zu verweigern. Von seinen Vorgesetzten an den Befehl erinnert, lehnte er die Ausführung ab. Den Juden in seinem Bereich geschah nichts. Ihm auch nicht.

Wachsende Möglichkeiten

Wahrscheinlich hätten die beiden anderen dieselbe Freiheit gehabt wie der dritte Offizier. Aber bevor sie das herausfinden konnten, waren sie schon in Deckung gegangen, hatten sich unsichtbar gemacht, sich als Handelnde selbst verleugnet. Nur einer blieb stehen, aufrecht und für alle sichtbar, als Urheber seiner Entscheidungen und Taten. Einer, der sich nicht als Durchgangsstation für den Willen einer höheren Gewalt verstand, nicht als Relais, das einfach nur weiterleitet, was andernorts beschlossen wurde. Dieser eine unterbricht den mörderischen Befehlsstrang, weil er sich selbst als die höchste moralische Instanz begreift, die prüft und urteilt, bevor sie entscheidet. Konnte der dritte Offizier wissen, wie weit seine Freiheit reicht? Wie die anderen lag ja auch er an der Befehlskette. Sagen wir also: Die Erfahrung seiner Freiheit konnte er nur machen, weil er von seiner persönlichen Verantwortung überzeugt war, weil er sich nicht hinter Befehlen versteckte.

Aber – haben die beiden anderen Offiziere denn keine Verantwortung bewiesen?

Doch, in gewisser Weise schon – wenn man unter Verantwortung versteht, die Erwartungen anderer zu erfüllen. In weniger dramatischen Situationen kann es völlig ausreichen, das, was andere von uns erwarten, in unsere Berechnungen und Entscheidungen einzubeziehen. Aber bisweilen reicht es eben nicht. Was den dritten Offizier von den anderen unterscheidet, ist, daß er darüber hinaus von sich selbst etwas erwartete. Und wenn er den erteilten Mordbefehl verweigerte, dann tat er das, weil er von sich selbst erwartete, nicht einmal auf Befehl gegen elementare Gebote der Menschlichkeit – und im übrigen seine Soldatenehre – zu verstoßen. Was ich von mir selbst erwarte, kann also dem widersprechen, was andere von mir erwarten – und genau diese Diskrepanz eröffnet auch in kritischen Lagen einen Spielraum für verantwortliche Entscheidungen. In diesem Zwiespalt kann das Gewissen zum Zug kommen. Und in solchen Situationen erlebt man sich als freies Wesen.

Leben light

Ich fürchte, Warnungen vor dem Inhalt gefüllter Kaffeebecher sind genauso ein Zeichen dafür, daß der Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung allmählich in Vergessenheit zu geraten droht, wie die wachsende Zahl von Mitmenschen, die es sich in ihren privaten, rechtsfreien Räumen bequem gemacht haben. Wie aber konnte wir diesen Zusammenhang aus den Augen verlieren?

Ich könnte mir denken, daß ein modernes Lebenskonzept der Grund dafür ist. Ein Lebenskonzept, das sich seit geraumer Zeit wachsender Beliebtheit erfreut und uns mit dem Versprechen ködert, daß Freiheit das reine Vergnügen sei – nichts als das reine Vergnügen. „Leben light“ würde ich dieses Konzept nennen. Es scheint mir nämlich auf der Vorstellung zu beruhen, daß alles gut ist, was das Leben leicht zu machen verspricht, und alles schlecht, was das Leben schwer zu machen droht. Gut wäre demnach alles, was schnell geht, mühelos geht, nichts kostet, sicher ist, keinen Augenblick langweilt, das Wohlgefühl steigert, am besten nagelneu ist und keinerlei Rechtfertigungszwang unterliegt. Schlecht wäre demnach alles, was Zeit braucht, anstrengend ist, riskant ist, mit Verpflichtungen oder Verzicht verbunden ist und die Kompliziertheit des Lebens in Erinnerung ruft. Das Glück kann also gar nicht „light“, gar nicht kalorien- und luftwiderstandsreduziert genug daherkommen. Das volle Programm! – wenn man bitten darf, aber ohne für die Folgen aufkommen zu müssen. Und am besten ohne zu zahlen.

Also unschlagbar günstig an das Leben herankommen. Merkwürdig nur: „light“ heißt weniger. Von allem weniger. Und trotzdem versprechen wir uns mehr und immer mehr davon. Ist das realistisch? Oder ist es nicht doch paradox und vollkommen unsinnig, es immer leichter – und gleichzeitig immer größer, schöner, besser haben zu wollen? Ist es nicht in Wirklichkeit ein kindlicher Heils- und Erlösungsglaube, der jeder Erfahrung spottet und jeder Vernunft widerspricht?

Diese abgespeckte Form von Leben jedenfalls läuft unweigerlich auf den Menschen „light“ hinaus, und das ist vielleicht das verlockendste daran. Denn wenn man leicht ist, kann man sich immerhin der Illusion hingeben, nicht untergehen zu können. Wer leicht ist, bleibt an der Oberfläche, der schwimmt, kann sich treiben und mitreißen lassen und wie ein Korken auf den Wellen tanzen. Je leichter, desto unsinkbarer. Schwer zu sein wäre in dieser Welt ein Makel, ein Erfolgshindernis – nur nicht untergehen, heißt die Devise, nur nicht den Grund berühren, nur ja alle Tiefe meiden. Egal, wieviel ich von meinem Gewicht dafür opfern muß.

Diagnose Größenwahn

Abgerundet wird dieses Lebenskonzept durch die Freiheit „light“. Sie erlaubt Menschen von selbstgefälliger Unreife in kindlichen Allmachtsphantasien zu schwelgen. Diese Menschen behaupten im individuellen Lebensbereich ein Recht auf Regellosigkeit, das sie im öffentlichen Leben als ungeheuer störend empfinden würden. Offenbar ist eine Vorstellung von Freiheit salonfähig geworden, die einen verbreiteten Anspruch auf Unbehelligtbleiben einlöst: sich nicht rechtfertigen zu müssen, jeder Kontrolle entzogen zu sein, alles von anderen und nichts mehr von sich selbst zu erwarten. Hier droht die bürgerliche Freiheit in die Freiheit des Piraten umzuschlagen – oder des Kolonialbeamten, wie der englische Schriftsteller Joseph Conrad (1857–1924) ihn in seiner Novelle „Herz der Finsternis“ beschreibt: Nur noch sich selbst verantwortlich, auf einem Außenposten im Kongo, ist er der Gefangene seines eigenen Größenwahns geworden. Auf Conrads Novelle basiert ein berühmter Film, der den Schauplatz nach Vietnam verlegt. Sein Titel: „Apocalypse now“.

Unsere Situation wäre heikel genug, wenn wir nur den Verlockungen dieses leichten, allzu leichten Lebens widerstehen müßten. Aber dieser Tage haben wir es zusätzlich mit einer Wirtschaftsmoral zu tun, die Selbstverleugnug zum Prinzip gemacht hat. Ihr Ideal ist der zu jeder Verrenkung fähige, zu jedem Opfer bereite Hochleistungsmitarbeiter. Unser Verantwortungsbewußtsein wird damit von zwei Seiten in die Zange genommen: Durch die Vorstellung einer bloß noch vergnüglichen Freiheit, wie sie außerhalb der Arbeitszeit herrscht, und den Forderungen einer Wirtschaftsmoral, die Menschen gewissermaßen nach ihrer PS-Zahl beurteilt. Wie wir uns unter diesen Bedingungen behaupten können, darauf will ich im nächsten Abschnitt eingehen.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Verantwortungslosigkeit ist Selbstverleugnung! Nur wer Verantwortung übernimmt, fühlt sich auf Dauer als selbstbestimmtes Wesen – und wird von anderen als Charakter, als Persönlichkeit wahrgenommen. Richte dein Rechtsgefühl deshalb nicht am eigenen Nutzen aus – du untergräbst sonst deine eigene Freiheit und richtest deinen Ruf zugrunde!“

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