„Ich bin so frei.“ Wie frei sind wir eigentlich? Das hat sich Moritz Knigge gefragt und ist auf Verantworten gestoßen. 

Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu haben

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Ich sehe, … wie jeder sich selbst regiert und sich ein System zur Befriedigung seiner Triebe erfindet. Dann fallen alle Fesseln ab, dann schwinden alle Vorurteile; ich brauche nicht meines Vaters Schulden zu bezahlen; habe nicht nötig, mich mit einem Weibe zu begnügen, und das Schloß vor meines Nachbarn Geldkasten ist kein Hindernis, mein angeborenes Recht auf das Gold, das die mütterliche Erde uns allen darreicht, in Ausübung zu bringen.“

Über den Umgang mit Menschen, II, 2, 1

Der heisse Kaffee war schuld

Wenn man auf dem Pappbecher einer amerikanischen Kaffeehauskette den Aufdruck liest: „Vorsicht! Der Inhalt dieses Bechers ist extrem heiß und kann Brandwunden verursachen!“ – könnte man da nicht auf den Gedanken kommen, daß mit unserer Auffassung von Verantwortung etwas nicht stimmt? Offenbar hat sich das Unternehmen zu dieser Maßnahme entschlossen, weil es andernfalls damit rechnen müßte, von einem Kunden zur Verantwortung gezogen zu werden, irgendjemandem, der sich aus Unachtsamkeit die Hand oder aus Ungeduld die Zunge verbrüht hat. Der warnende Aufdruck reicht die Verantwortung an den kaffeetrinkenden Kunden zurück, wo sie ganz unzweifelhaft hingehört, aber: Welcher Logik muß man sich bedienen, um auf die Idee zu kommen, in Wirklichkeit könnte das Kaffeehaus die Verantwortung für mein Mißgeschick tragen?

Einer kindlichen Logik, nehme ich an. Einer Logik, nach der das Messer schuld ist, wenn man sich in den Finger schneidet – oder der Messerhersteller. Jener Logik eben, nach der auch Tabakkonzerne für den Lungenkrebs ihrer Kunden haften und zahlen sollen. Mit dem albernen Hinweis, daß Kaffee extrem heiß sein kann, verkauft man also Menschen für dumm, die es nicht anders verdienen: Menschen, die ihr Rechtsgefühl am eigenen Nutzen ausrichten und dafür gern in Kauf nehmen, für unzurechnungsfähig gehalten zu werden.

Sündenbock Coca Cola

Nun gut, könnte man sagen, derlei kommt hauptsächlich in den USA vor. Hierzulande scheint es jedoch um die Wertschätzung des freien Willens nicht viel besser zu stehen. Auch bei uns gibt es Zeitgenossen wie jenen Richter, der Coca Cola trank und Schokoriegeln aß, bis er irgendwann zuckerkrank wurde, alsbald die Hersteller seiner Hauptnahrungsmittel als Schuldige ausmachte und wegen fehlender Warnhinweise auf Schadenersatz verklagte. Und dieser Mensch steht offenbar nicht allein da. So befürchtet einer Umfrage zufolge die Mehrzahl unserer Mitbürger, durch die technische Entwicklung entmündigt zu werden. Aber hätten sie etwas dagegen? Mitnichten! Derselben Umfrage zufolge wird die technische Entwicklung von denselben Mitbürgern mehrheitlich befürwortet. Woraus ich schließe, daß es für nicht wenige Schlimmeres gibt, als entmündigt zu werden. Zum Beispiel, auf die Annehmlichkeiten zu verzichten, die man sich von der technischen Entwicklung noch erhoffen darf.

Wirklich überraschend ist das natürlich nicht. Mündigkeit ist nun einmal lästig. Denn Freiheit geht immer mit Verantwortung einher, und so viel uns an unserer Freiheit liegen mag, so gut konnten wir auf die Verantwortung schon immer verzichten. Neu und überraschend ist höchstens das Klima allgemeiner Nachsicht, in dem Menschen gedeihen, die für sich selbst ein Recht auf unbeschränkte Freiheit reklamieren, das sie allen anderen allerdings vehement bestreiten. Da rufen Autofahrer lautstark nach härteren Strafen für Verkehrssünder, verstoßen selbst aber nach Lust und Laune gegen die Verkehrsregeln. Da verurteilt ein mittelständischer Unternehmer empört die Selbstherrlichkeit von Konzernfürsten, die bei Tarifverhandlungen Null-Runden fordern, die eigenen Gehälter aber laufend erhöhen, und selbst fährt er mit einem brandneuen S-Klasse-Mercedes vor, nachdem er gerade vierzig Mitarbeiter entlassen hat. Da spielt sich ein nicht unbekannter Talkmaster als unerbittliche moralische Instanz auf, und selbst genehmigt er sich Drogen und Huren.

Freiheit in Verantwortung

Mündige, verantwortungsbewußte Menschen handeln so nicht. Freie allerdings auch nicht. Denn wer zu seiner Verantwortung nicht steht, gibt seine Freiheit auf und entmündigt sich selbst – aus dem einfachen Grund, weil Freiheit Verantwortung voraussetzt. Für diesen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung kenne ich kein anschaulicheres Beispiel als das der drei deutschen Offiziere, deren Fall in der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ dokumentiert wurde: Im Oktober 1941 erhielten drei Offiziere an der Ostfront den Befehl, die jüdische Bevölkerung an ihren Standorten zu erschießen – hauptsächlich Frauen und Kinder. Die drei reagierten unterschiedlich darauf. Der erste Offizier führte den Befehl ohne zu zögern aus. Dem zweiten kamen Bedenken, er zögerte und fragte nach. Liegt ein Mißverständnis vor, wollte er wissen, ein Übertragungsfehler vielleicht? Nein. Der Befehl wurde bestätigt – und er ließ ebenfalls erschießen. Der dritte Offizier weigerte sich. Er fragte nicht nach, er nahm sich einfach die Freiheit, den Gehorsam zu verweigern. Von seinen Vorgesetzten an den Befehl erinnert, lehnte er die Ausführung ab. Den Juden in seinem Bereich geschah nichts. Ihm auch nicht.

Wachsende Möglichkeiten

Wahrscheinlich hätten die beiden anderen dieselbe Freiheit gehabt wie der dritte Offizier. Aber bevor sie das herausfinden konnten, waren sie schon in Deckung gegangen, hatten sich unsichtbar gemacht, sich als Handelnde selbst verleugnet. Nur einer blieb stehen, aufrecht und für alle sichtbar, als Urheber seiner Entscheidungen und Taten. Einer, der sich nicht als Durchgangsstation für den Willen einer höheren Gewalt verstand, nicht als Relais, das einfach nur weiterleitet, was andernorts beschlossen wurde. Dieser eine unterbricht den mörderischen Befehlsstrang, weil er sich selbst als die höchste moralische Instanz begreift, die prüft und urteilt, bevor sie entscheidet. Konnte der dritte Offizier wissen, wie weit seine Freiheit reicht? Wie die anderen lag ja auch er an der Befehlskette. Sagen wir also: Die Erfahrung seiner Freiheit konnte er nur machen, weil er von seiner persönlichen Verantwortung überzeugt war, weil er sich nicht hinter Befehlen versteckte.

Aber – haben die beiden anderen Offiziere denn keine Verantwortung bewiesen?

Doch, in gewisser Weise schon – wenn man unter Verantwortung versteht, die Erwartungen anderer zu erfüllen. In weniger dramatischen Situationen kann es völlig ausreichen, das, was andere von uns erwarten, in unsere Berechnungen und Entscheidungen einzubeziehen. Aber bisweilen reicht es eben nicht. Was den dritten Offizier von den anderen unterscheidet, ist, daß er darüber hinaus von sich selbst etwas erwartete. Und wenn er den erteilten Mordbefehl verweigerte, dann tat er das, weil er von sich selbst erwartete, nicht einmal auf Befehl gegen elementare Gebote der Menschlichkeit – und im übrigen seine Soldatenehre – zu verstoßen. Was ich von mir selbst erwarte, kann also dem widersprechen, was andere von mir erwarten – und genau diese Diskrepanz eröffnet auch in kritischen Lagen einen Spielraum für verantwortliche Entscheidungen. In diesem Zwiespalt kann das Gewissen zum Zug kommen. Und in solchen Situationen erlebt man sich als freies Wesen.

Leben light

Ich fürchte, Warnungen vor dem Inhalt gefüllter Kaffeebecher sind genauso ein Zeichen dafür, daß der Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung allmählich in Vergessenheit zu geraten droht, wie die wachsende Zahl von Mitmenschen, die es sich in ihren privaten, rechtsfreien Räumen bequem gemacht haben. Wie aber konnte wir diesen Zusammenhang aus den Augen verlieren?

Ich könnte mir denken, daß ein modernes Lebenskonzept der Grund dafür ist. Ein Lebenskonzept, das sich seit geraumer Zeit wachsender Beliebtheit erfreut und uns mit dem Versprechen ködert, daß Freiheit das reine Vergnügen sei – nichts als das reine Vergnügen. „Leben light“ würde ich dieses Konzept nennen. Es scheint mir nämlich auf der Vorstellung zu beruhen, daß alles gut ist, was das Leben leicht zu machen verspricht, und alles schlecht, was das Leben schwer zu machen droht. Gut wäre demnach alles, was schnell geht, mühelos geht, nichts kostet, sicher ist, keinen Augenblick langweilt, das Wohlgefühl steigert, am besten nagelneu ist und keinerlei Rechtfertigungszwang unterliegt. Schlecht wäre demnach alles, was Zeit braucht, anstrengend ist, riskant ist, mit Verpflichtungen oder Verzicht verbunden ist und die Kompliziertheit des Lebens in Erinnerung ruft. Das Glück kann also gar nicht „light“, gar nicht kalorien- und luftwiderstandsreduziert genug daherkommen. Das volle Programm! – wenn man bitten darf, aber ohne für die Folgen aufkommen zu müssen. Und am besten ohne zu zahlen.

Also unschlagbar günstig an das Leben herankommen. Merkwürdig nur: „light“ heißt weniger. Von allem weniger. Und trotzdem versprechen wir uns mehr und immer mehr davon. Ist das realistisch? Oder ist es nicht doch paradox und vollkommen unsinnig, es immer leichter – und gleichzeitig immer größer, schöner, besser haben zu wollen? Ist es nicht in Wirklichkeit ein kindlicher Heils- und Erlösungsglaube, der jeder Erfahrung spottet und jeder Vernunft widerspricht?

Diese abgespeckte Form von Leben jedenfalls läuft unweigerlich auf den Menschen „light“ hinaus, und das ist vielleicht das verlockendste daran. Denn wenn man leicht ist, kann man sich immerhin der Illusion hingeben, nicht untergehen zu können. Wer leicht ist, bleibt an der Oberfläche, der schwimmt, kann sich treiben und mitreißen lassen und wie ein Korken auf den Wellen tanzen. Je leichter, desto unsinkbarer. Schwer zu sein wäre in dieser Welt ein Makel, ein Erfolgshindernis – nur nicht untergehen, heißt die Devise, nur nicht den Grund berühren, nur ja alle Tiefe meiden. Egal, wieviel ich von meinem Gewicht dafür opfern muß.

Diagnose Größenwahn

Abgerundet wird dieses Lebenskonzept durch die Freiheit „light“. Sie erlaubt Menschen von selbstgefälliger Unreife in kindlichen Allmachtsphantasien zu schwelgen. Diese Menschen behaupten im individuellen Lebensbereich ein Recht auf Regellosigkeit, das sie im öffentlichen Leben als ungeheuer störend empfinden würden. Offenbar ist eine Vorstellung von Freiheit salonfähig geworden, die einen verbreiteten Anspruch auf Unbehelligtbleiben einlöst: sich nicht rechtfertigen zu müssen, jeder Kontrolle entzogen zu sein, alles von anderen und nichts mehr von sich selbst zu erwarten. Hier droht die bürgerliche Freiheit in die Freiheit des Piraten umzuschlagen – oder des Kolonialbeamten, wie der englische Schriftsteller Joseph Conrad (1857–1924) ihn in seiner Novelle „Herz der Finsternis“ beschreibt: Nur noch sich selbst verantwortlich, auf einem Außenposten im Kongo, ist er der Gefangene seines eigenen Größenwahns geworden. Auf Conrads Novelle basiert ein berühmter Film, der den Schauplatz nach Vietnam verlegt. Sein Titel: „Apocalypse now“.

Unsere Situation wäre heikel genug, wenn wir nur den Verlockungen dieses leichten, allzu leichten Lebens widerstehen müßten. Aber dieser Tage haben wir es zusätzlich mit einer Wirtschaftsmoral zu tun, die Selbstverleugnug zum Prinzip gemacht hat. Ihr Ideal ist der zu jeder Verrenkung fähige, zu jedem Opfer bereite Hochleistungsmitarbeiter. Unser Verantwortungsbewußtsein wird damit von zwei Seiten in die Zange genommen: Durch die Vorstellung einer bloß noch vergnüglichen Freiheit, wie sie außerhalb der Arbeitszeit herrscht, und den Forderungen einer Wirtschaftsmoral, die Menschen gewissermaßen nach ihrer PS-Zahl beurteilt. Wie wir uns unter diesen Bedingungen behaupten können, darauf will ich im nächsten Abschnitt eingehen.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Verantwortungslosigkeit ist Selbstverleugnung! Nur wer Verantwortung übernimmt, fühlt sich auf Dauer als selbstbestimmtes Wesen – und wird von anderen als Charakter, als Persönlichkeit wahrgenommen. Richte dein Rechtsgefühl deshalb nicht am eigenen Nutzen aus – du untergräbst sonst deine eigene Freiheit und richtest deinen Ruf zugrunde!“

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