Moritz Knigge sagt: Kommunikation ist mehr als Informationsaustausch. Kommunikation ist Begegnung. Und die ist gerade in Deutschland manchmal gar nicht so leicht. 

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Es geschieht dann, daß wir sehr böser Laune werden, wenn wir sehen, daß man uns vernachlässigt … dahingegen unser Witz, unsre Laune unaufhaltsam und bezaubernd fortströmen, wo wir geehrt, geliebt und mit Aufmerksamkeit behandelt werden.“

Über den Umgang mit Menschen, III, 3, 3

Deutschland – Irgendwas ohne Menschen

Nach Ausbruch des deutsch-französischen Krieges 1870 reiste Theodor Fontane (1819–1898) mit dem Zug durch Frankreich. Die Abteile waren voller Soldaten aus allen deutschen Ländern, hauptsächlich Mannschaften und Unteroffiziere, es gab aber auch französische Mitreisende. Fontane, als eine Art Kriegsberichterstatter unterwegs, ging von Abteil zu Abteil, sprach die Soldaten an und mußte feststellen, daß es kaum möglich war, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Während in den französischen Abteilen munter geredet wurde, verharrten die deutschen Soldaten überwiegend in Schweigen. Man antwortete ihm allenfalls mit einem Halbsatz zwischen zwei Bissen in eine Wurststulle, und er gewann den Eindruck, daß seine Fragen eher als Störung denn als Einladung zum Gespräch aufgefaßt wurden. In einem Buch über seine Erlebnisse in Frankreich machte sich Fontane später das Vergnügen, eine Art Mürrischkeitsskala der deutschen Volksgruppen aufzustellen, in der, wenn ich mich recht entsinne, Pommern und Westfalen als Paradebeispiele für Verschlossenheit ganz oben rangieren und Rheinländer sowie Sachsen als halbwegs gesprächige Zeitgenossen noch am besten wegkommen.

Wer viel in Deutschland reist, wird bestätigen können, daß Fontanes Liste nicht völlig überholt ist. Wer außerdem gelegentlich in unseren westlichen oder südlichen Nachbarländern unterwegs ist, wird zugeben müssen, daß sich Fontanes Beobachtungen – mit Einschränkungen – auf heute übertragen lassen: Ein zufälliger Wortwechsel kommt dort immer noch häufiger zustande als bei uns, und die öffentliche Rede gerät in jenen Ländern nach wie vor sehr viel weniger umständlich und verkrampft. Und wer sich bisweilen mit Ausländern unterhält, muß zur Kenntnis nehmen, daß unsere Landsleute – mit regionalen Unterschieden, s.o. – auf viele Fremde den Eindruck von Menschen machen, die sich am liebsten aus dem Weg gehen und nur geringes Interesse füreinander aufbringen, so angestrengt werden in der Öffentlichkeit Blicke und Worte vermieden.

Verständigung ist Pathos

Die freie, unbefangene Rede ist unsere Stärke wohl nicht. Das rechte Wort zur rechten Zeit fällt oft erstaunlich schwer. Da scheint es Barrieren zu geben, die für andere mit einer kurzen Bemerkung leicht einzureißen sind, uns hingegen sehr hoch erscheinen. Und um gleich einen weiteren Unterschied nachzuschieben: die Scheu vor großen Worten. Amerikaner schrecken nicht vor großen Worten, erhabenen Gefühlen und ewigen Wahrheiten zurück – man führe sich nur einmal die Inschriften auf den amerikanischen Soldatenfriedhöfen im Westen unseres Landes zu Gemüt und staune über die Selbstverständlichkeit, mit der dort ein sehr hoher Ton angeschlagen wird. Auch bei Franzosen und Engländern gehören solche Worte, Gefühle und Wahrheiten zum Repertoire. Bei uns hingegen haben sich Sprache und Gefühle auf einem Niveau eingependelt, das man getrost als banal bezeichnen darf. Jedes Pathos ist verpönt, und vor Ergriffenheit sind wir schon durch eine Sprache gefeit, die jede Regung von einiger Erhabenheit wie ein Shredder zerkleinert und zerstückelt. Aus der Liebe ist die Beziehung oder der Sex geworden, Geliebte haben sich in Partner verwandelt, der geschäftsmäßige Ton dominiert. Und die Sprache unserer Politiker ist nicht mehr allzu weit von jenem Anblaffen entfernt, wie es unter jungen Leuten eingerissen ist.

Nun ist der Umgang, den wir miteinander pflegen, weitgehend sprachlicher Natur. Blicke, Gesten und Berührungen kommen hinzu. Aber die soziale Kälte oder Wärme einer Gesellschaft hängt zunächst einmal weniger von der Sozialgesetzgebung ab als von der Art, wie miteinander gesprochen wird – wie viel, wie freundlich und wie unbefangen. Und was das angeht, können wir noch einiges hinzulernen. Schließlich kann Verständigung nur bei einem gewissen Maß an Aufgeschlossenheit füreinander gelingen.

Ein Plädoyer für mehr Geselligkeit

Jetzt will ich gern zugeben, daß die Entwicklung einem Klima, in dem Sprachkultur und Verständigungsbereitschaft gedeihen, nicht gerade günstig ist – die technische nicht, und die gesellschaftliche auch nicht. Was die gesellschaftliche Entwicklung angeht – das anschaulichste Beispiel dafür ist für mich die schrittweise Verwandlung eines Restaurants, in das ich schon als Kind gelegentlich mitgenommen wurde. Es gehörte einem Griechen, und bei meinen ersten Besuchen betrat man einen großen, offenen Raum, in dem lange Tische standen, an denen man in ebenso langen Reihen nebeneinander saß. Seine Speise mußte sich jeder in der Küche aussuchen. Das war die klassische Situation, wie sie in Wirtshäusern seit jeher gang und gäbe war (und heute noch in Brauhäusern üblich ist): die Gäste bildeten Tischgemeinschaften und erlebten das, was Reisende zu allen Zeiten unter Geselligkeit verstanden hatten.

Dann wurde, Anfang der achtziger Jahre, renoviert. Die langen Tische verschwanden, und der Raum wurde entlang der Wände in Appartements aufgeteilt. Jetzt saß man, allenfalls noch zu sechst, an Tischen, die voneinander durch plastikweinlaubumrankte Lattengitter getrennt waren. Und Mitte der neunziger Jahre wurde noch einmal umgebaut. Die Appartements machten einer bistroartigen Einrichtung aus kleinen Tischen Platz, an denen man zu zweit bequemer sitzt als zu viert und auf jeden Fall mit dem Rücken zur Mehrzahl der anderen Gäste. Man geht auch nicht mehr in die Küche – was immer eine gute Gelegenheit war, mit dem Wirt zu plaudern –, man bestellt nun brav nach der Speisekarte bei einem Kellner. Wahrscheinlich hätte kein Weg an einer Anpassung an die neue und immer neuere Zeit vorbeigeführt, aber die Bedingungen für Geselligkeit sind nach und nach zerstört worden.

An anderen Orten sind auch die allerletzten Reste an Geselligkeit längst getilgt. Als ein Beispiel für viele fällt mir dazu eine Tankstelle am Stadtrand von München ein, wo der gesamte Vorgang des Tankens praktisch wortlos ablief. Man befüllte wie üblich eigenhändig seinen Tank, ging dann hinein, zwängte sich zwischen Warenständern hindurch Richtung Kasse und reihte sich als letzter in der Schlange auf, den Rücken des Vordermanns im Blick. Aus Lautsprechern dröhnte das Musikprogramm eines Spaßsenders, gleich neben der Kasse flimmerte Werbung über einen großen Informationsbildschirm. Man nannte – und das war der einzige Augenblick, in dem die menschliche Stimme zum Einsatz kam – die Nummer seiner Zapfsäule, reichte dann die Kreditkarte hinüber, bestätigte, unterschrieb und murmelte im Gehen vielleicht noch einen Abschiedsgruß, der jedenfalls ohne Erwiderung blieb. Dem Gesicht des Mannes hinter der Kasse war anzusehen, daß er gar nicht auf einen Wortwechsel eingestellt war. Es war das stumpfe, erloschene Gesicht eines Menschen, der keinen Grund zu der Annahme hatte, bei seiner Arbeit könnte er es womöglich mit Menschen zu tun haben. Verständigung out of order!

Wider die Funktionalisierung des Zwischenmenschlichen 

Es ist wahr: Die technische Entwicklung bringt es mit sich, daß immer mehr Vorgänge, die sich zwischen Menschen abspielen, nach dem Prinzip des Abfertigens verlaufen. Wir sind daran gewöhnt, abgefertigt zu werden, und wir fertigen unsererseits ab. Abfertigen kann man mit einem Satz, einem Wort, einem Blick – oder auch ohne den anderen überhaupt zu bemerken. Das funktioniert in Familien genauso wie im Bereich der Öffentlichkeit. Um einer Gänsehaut vorzubeugen, wird fleißig akustisch untermalt und durch Musikkassetten, Radioprogramme oder laufende Fernseher die Illusion einer kommunikativen Atmosphäre erzeugt, in der man die Anwesenheit weiterer Artgenossen nun erst recht nicht mehr wahrzunehmen braucht. Von körperlicher Präsenz darf man daher auch immer seltener auf seelische Anwesenheit schließen.

Kommunikationszeitalter ohne Kommunikation?

Keine neue Einsicht, ich weiß. Aber es bleibt doch eine bemerkenswerte Ironie, daß sich im Kommunikationszeitalter ausgerechnet das zusehends erübrigt, was einmal Kommunikation ausgemacht hat: nämlich im Laufe eines Tages, eines Jahres, eines Lebens immer neue Verbindungen aufzunehmen und vorübergehend, vielleicht für Augenblicke nur, in persönliche Beziehung zu einer Vielzahl von Menschen zu treten, um jenes Geflecht aus Berührungspunkten herzustellen, durch das Gesellschaft erst als etwas lebendiges, wertvolles und beglückendes erfahren wird. Ich hätte nicht die Hoffnung, daß sich die Menschlichkeit solcher sporadischen Beziehungen gegen die technische Entwicklung behaupten könnte, wenn ich nicht vor allem im Ausland die Erfahrung gemacht hätte, daß man auch mit Verkäufern oder Kassiererinnen weiterhin wie mit normalen Menschen sprechen kann – in ganzen Sätzen und dem Tonfall persönlichen Interesses.

Der größte Irrtum, den wir begehen können, ist zu glauben, daß es bei Kommunikation nur um Informationen und den Austausch von Informationen gehe. Darum geht es unter Umständen auch. Viel wichtiger aber ist, daß wir einander überhaupt des gesprochenen Wortes würdigen. Denn der vordringliche Zweck aller Verständigungsbemühungen ist es, Vertrauen herzustellen. Oder, wie es früher hieß, eine Affektbrücke vom einen zum anderen zu schlagen, also eine Art grundlegender Sympathie zwischen zwei Menschen herzustellen und aufrechtzuerhalten.

Sprache als Brücke

Das heißt: Durch Sprechen geben wir vor allem und zunächst einmal zu erkennen, daß wir uns als Menschen anerkennen. Wer kommuniziert, der sagt: Ich-Mensch-Du-Mensch. Kommunikation ist der Versuch der Begegnung. Wir bekunden so eine Grundhaltung der Geselligkeit, die die erste und notwendige Voraussetzung für den Austausch von – wenn man denn unbedingt will – Informationen ist. Und das erstaunliche ist, daß Sprechen auch dann nichts von seiner gemeinschaftsstiftenden Wirkung einbüßt, wenn keiner ein Wort versteht. Diese Erfahrung jedenfalls hatte jemand gemacht, der viel durch Äthiopien gereist war und dort in abgelegenen Landesteilen zu tun hatte, wo man mit Englisch nicht mehr weiter kam. Wenn er in ein Dorf einfuhr, liefen die Leute zusammen, wie es vielerorts in Afrika geschieht, und dann waren fünfzig Augenpaare, oft auch mehr, erwartungsvoll und bisweilen mißtrauisch auf ihn gerichtet. Also hatte er sich zur Gewohnheit gemacht, zur Begrüßung eine kurze Ansprache auf Deutsch zu halten – und immer antwortete einer der umstehenden Äthiopier dann in seiner eigenen Sprache. So ging es wohl eine Weile hin und her, bis man miteinander warm geworden war und vielleicht gemeinsam ein Bier trinken ging. Daß keiner die Sprache des anderen verstand, spielte offenbar überhaupt keine Rolle – entscheidend war, daß man einander zu verstehen gegeben hatte: Ich erkenne dich als meinesgleichen an, egal, wie fremd du mir auf den ersten Blick bist. Einfach, indem ich das Wort an dich richte.

Gelungene Verständigung beginnt also damit, daß wir die Leute auf unsere Seite bringen. Daß wir sie, wie das Fachwort heißt, für die Kommunikation erst einmal öffnen. Jedes Gespräch sollten wir deshalb so einleiten, daß unser Gegenüber etwas wie Anteilnahme verspürt. Eine Politesse, die gerade einen Strafzettel ausfüllt, mit den Worten zu überfallen: „Sagen Sie mal, was soll das denn werden?“ oder: „Hey, was machen Sie denn da?“, ist nicht der Auftakt zu einem Gespräch, sondern zu einem Schlagabtausch. Wer dann auf taube Ohren stößt, braucht sich nicht zu wundern. Dabei gibt es ein einfaches Mittel, die Verständigungsbereitschaft zu wecken: das Grüßen.

Die verbindende Macht der Begrüßung

Es kommt nicht von ungefähr, daß die Begrüßung bei vielen Völkern mit großem Aufwand betrieben wird. Selbst im Alltag kann es da zu regelrechten Begrüßungszeremonien kommen. Sie reichen von der förmlichen Verbeugung über wahrhaft zeitraubende Litaneien, die aus Erkundigungen nach dem Befinden auch der entferntesten Familienmitglieder bestehen, bis hin zu körperbetonten Prozeduren, in deren Verlauf unter wortreichen Beteuerungen Hälse umeinandergeschlungen oder Nasen aneinander gerieben werden oder Umarmungen und Küsse ausgetauscht werden. Alle diese Formen und Riten zeugen davon, daß man um die Bedeutung des ersten Kontaktes weiß, und alle erfüllen auf jeden Fall einen Zweck: sich als erstes seiner Anteilnahme und seines Respekts voreinander zu versichern. Damit beginnt jede Verständigung – und deshalb sollten wir das Grüßen nicht als Zeitverschwendung oder leeren Floskelkram abtun und auf ein Minimum reduzieren. Denn das, was uns vielleicht als das Unverbindliche erscheint, ist in Wirklichkeit das Verbindende. Verständigung ist der Wille nach dem Verbindenden zu suchen.

Selbst wenn wir nichts weiter von anderen wollen – grüßen heißt beachten, und beachten heißt Achtung erweisen, weshalb ich nicht nur entgegenkommende Spaziergänger auf einsamen Waldwegen grüße, sondern auch Menschen, zu denen ich in einen Aufzug steige, oder Obdachlose, bevor ich ihnen ihre Zeitung abkaufe, oder Bettler, denen ich etwas in ihren Hut werfe.

Ehrensache

Manche mögen einwenden, daß unter dem amerikanischen Einfluß auch bei uns eben ein informeller Umgangston eingezogen sei. Das halte ich weder für eine Entschuldigung noch für eine Erklärung des rüden Tons, der bei uns mancherorts herrscht. Gerade in den USA versteht man es nämlich sehr wohl, eine wenig förmliche mit einer freundlichen, aufmerksamen Art zu verbinden. Wir sollten uns eher fragen, ob es klug gewesen ist, im Zuge der überschwenglichen Gesellschaftskritik vergangener Tage eine sprachliche Säuberung zu betreiben, der so zentrale Begriffe wie der der persönlichen Ehre zum Opfer gefallen sind. Jetzt fehlt sie uns. Denn die Notwendigkeit von Respekt läßt sich kaum begründen ohne die Vorstellung, daß es im Umgang mit Menschen grundsätzlich darum geht, die Ehre des anderen nicht anzutasten. Die Menschenwürde oder die Menschenrechte, die den Platz der Ehre eingenommen haben, taugen im Alltag nicht, sie sind viel zu abstrakt.

Geben wir also der Ehre noch eine Chance, nehmen wir sie wieder „in Ehren“ in unsere Sprache auf! Gewöhnen wir uns wieder an den Gedanken, daß man jemanden um seiner Ehre willen respektiert – und nicht, weil er besonders sympathisch oder unser Vorgesetzter oder reich oder schlau ist. Ein Schritt dahin wäre, zu grüßen, so oft sich die Gelegenheit ergibt. Denn mit jedem Gruß erweisen wir einander eine Ehre, auf die jeder von uns einen Anspruch hat, gleichgültig, ob er Bettler ist oder Chef.

Moritz Knigge sagt: „Verständigung kann nur gelingen, wenn man den wichtigsten Zweck der Sprache nicht verfehlt, nämlich: sich gegenseitig seiner Ebenbürtigkeit zu versichern. Um den Inhalt einer Mitteilung geht es immer erst in zweiter Linie – in erster aber darum, auf welche Art man etwas sagt. Sprich deshalb immer so, daß du die Ehre des anderen nicht antastest!“


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