Vielfalt, englisch Diversity, ist aus unserer Welt nicht wegzudenken. Keine politische oder wirtschaftliche Organisation, die nicht den Wert der Vielfalt schätzen würde. Und das ist gut so, sagt Moritz Knigge. Und macht doch einen entscheidenden Unterschied.

Es lebe der Unterschied!

Adolph Freiherr Knigge sagte: „Umarme nicht jeden! Drücke nicht jeden an dein Herz!“

Über den Umgang mit Menschen I, 1, 22

Es gibt in den Medien – und nicht nur da – Menschen, die sich ein und demselben Auftrag verschrieben zu haben scheinen: uns zu beweisen, daß wir alle normal sind, weil jeder anders ist und Anderssein deshalb normal ist.

So weit, so gut.

Unterschiede sind gut, Normalität ist langweilig

Warum aber fordern sie uns dann auf, über alles hinwegzusehen, was den einen vom anderen unterscheidet? Warum stehen Unterschiede bei ihnen so tief im Kurs, daß man meinen könnte, sie wären irgendwie skandalös, vielleicht sogar ein bißchen obszön, und bestenfalls dazu da, heruntergespielt zu werden? Da wird uns im Nachmittagsprogramm des Fernsehens ein junger Behinderter als ganz normaler Mensch vorgeführt. Wir schauen hin – und tatsächlich, er unterscheidet sich kaum von den übrigen Studiogästen. Er fällt kaum auf. Seine Behinderung ist von der Art, daß man leicht darüber hinwegsehen kann. Genau dies tun die Studiogäste dann auch – was den Moderator vom Erfolg seiner Mission überzeugt: Der Beweis, daß auch Behinderte normale Menschen sind, er ist ihm gelungen.

Offen gesagt, mir kommt es vor, als sollte uns bei diesen Gelegenheiten ein Zaubertrick vorgeführt werden: Man präsentiert uns Menschen, weil sie sich unterscheiden, nur um uns zu beweisen, daß sie sich doch nicht unterscheiden. „Sehen Sie“, so würde der Moderator am liebsten sagen, „wie sauber, freundlich und überdurchschnittlich begabt dieser Behinderte ist?“ Und in der Tat, das ist er, das darf er während der Sendung beweisen. „Sehen Sie“, sagt auch der Mensch, der durch die nächste Sendung führt und uns die nächsten Studiogäste vorstellt – Leute, deren Schicksale, Vorlieben und Aufmachungen uns auf Anhieb eher ausgefallen vorkommen – „alles Menschen wie du und ich. Jeder von denen einer von uns.“

Alles normal, alles easy?

Alles normal also. Alles halb so schlimm. Nur – was ist damit bewiesen? Zunächst einmal doch wohl, daß man es sich mit der Normalität sehr leicht machen kann. Denn als normal gilt dieser Tage schon, worüber „ganz normal“ gesprochen werden kann – und im Fernsehen, wie in anderen Medien auch, kann über praktisch alles ganz normal gesprochen werden. Weshalb dort unablässig über praktisch alles ganz normal gesprochen wird. Mit jeder Sendung, jedem Lifestyle-Magazin-Artikel, jeder Ratgeberkolumne wird es normaler um uns her. Man muß nur lange genug hinschauen – schon sind all die banalen oder bemerkenswerteren Absonderlichkeiten unserer Mitmenschen, all die kleineren und größeren Fatalitäten des Lebens nichts Besonderes mehr. Kein Grund, wegzuschauen. Und schon gar keiner, zweimal hinzuschauen.

Natürlich zählen die Normalisierer auf unsere Gleichgültigkeit. Auf eine gewisse gesunde Abgestumpftheit, könnte man sagen. Aber sie wollen sie auch nicht strapazieren. Deshalb enthalten sie uns, in einer Nachmittagssendung des Fernsehens etwa, auch jene Behinderten vor, die keineswegs sauber und freundlich und überdurchschnittlich begabt sind. Über einen, der lallt, zuckt und sabbert, ließe sich einstweilen noch nicht der Deckmantel der Normalität breiten. Der würde womöglich unsere Blicke auf sich ziehen – und aus wäre es mit der Normalität. Denn das Normale ist das Unsichtbare. Das, was wir übersehen. Woran wir keinen Gedanken mehr verschwenden. An dem wir uns nicht mehr stoßen, nicht mehr reiben, nicht mehr wundscheuern. Das, was uns einfach nicht mehr auffällt. Was mithin den Stempel „normal“ trägt, das wird uns zur flüchtigen Wahrnehmung empfohlen. Das hätten wir, strenggenommen, geflissentlich zu übersehen.

Irritation und Befremden regen unser Denken an

Ich habe den Verdacht, daß uns auf diese Weise etwas ausgetrieben werden soll. Das Befremden zum Beispiel. Die Fähigkeit, uns irritieren oder zum Nachdenken anregen zu lassen. Und womöglich das Wahrnehmen selbst. Die Wahrnehmung all jener Erscheinungsformen des Menschlichen nämlich, in denen wir uns selbst nicht sofort wiedererkennen können oder nicht sofort wiedererkennen wollen. Denn die Wahrnehmung ist stets auf Unterschiede aus – auf befremdliche besonders – und verweigert sich damit der Arznei, die in dem großen Laboratorium des Zeitgeistes als Universalheilmittel gegen die Übel dieser Welt entwickelt worden ist: der Gleichheit.

Und hier scheint mir nun doch Vorsicht geboten. Denn diese Gleichheit hat nichts mit den Errungenschaften des demokratischen Fortschritts zu tun, der Chancengleichheit etwa, oder der Gleichheit vor dem Gesetz. Mit dieser Gleichheit bewegen wir uns auf dem Terrain einer neuen Moral, und deren erstes Gebot heißt: Du sollst keine Unterschiede mehr sehen. Nichts schlimmer als das: unterscheiden, differenzieren, auseinanderhalten. Da das nicht immer leicht fällt, halten die Normalisierer für jeden von uns eine Augenbinde bereit – wenigstens für das eine Auge, auf dem auch Justitia blind ist. Denn wie Justitia sollen wir unsere Mitmenschen ohne Ansehen der Person beurteilen, also ohne uns von Äußerlichkeiten wie Hautfarbe, Kultur, sozialer Herkunft, Religion oder Geschlecht beeindrucken zu lassen. Und sie kommen uns sogar noch weiter entgegen: Sie liefern auch die passende Sprache dazu. In der heißt es dann „Menschen mit Lebensmittelpunkt Straße“, wenn von Obdachlosen die Rede ist. „Seniorenresidenzen“, wenn Altersheime gemeint sind. Und „sexualhygienische Dienstleistungen“, falls die Sprache auf Prostitution kommen sollte. Denn das zweite Gebot dieser Gleichheit lautet: Du sollst nichts mehr beim Namen nennen.

Gleichheit ist gefährlich

In welche Verlegenheiten uns diese Gleichheit stürzen kann, war mir nicht klar, bis mich ein Grafiker fragte, wie er das Wort „Ausland“ umgehen könne. Er war gerade dabei, eine Statistik anzufertigen, in der die deutschen wie die ausländischen Besucherzahlen einer Veranstaltung aufgelistet wurden. Und es behagte ihm offenbar nicht, eine Rubrik mit „Ausland“ überschreiben zu müssen. Ein bißchen, nun ja, obszön erschien ihm dieses Wort wohl. Auch abfällig. Eben ausländerfeindlich. Kurz: Es war ihm peinlich, den Unterschied zwischen Deutschen und Ausländern überhaupt bemerken – und obendrein zur Sprache bringen zu müssen. Und es erschien ihm als unfehlbarer Ausdruck von Menschenfreundlichkeit und Respekt, solche Unterschiede erst gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Und genau das scheint mir die Überzeugung all derer zu sein, die sich der großen Normalisierung verschrieben haben: daß Unterschiede der Menschenwürde im Wege stehen. Daß gegenseitige Achtung nur unter Gleichen herrschen kann. Daß wir dem anderen schulden, seine Verschiedenheit einfach zu übersehen. Wer unterscheidet, so ihr Kalkül, der diskriminiert. Wer aber nicht unterscheidet, läßt alles und jeden gelten. Deshalb Schwamm über alle Unterschiede, auf daß der liebe Friede einziehe. Jener Friede, den man stets beschwört, wenn man Fünf gerade sein lassen will.

Mir scheint hier ein tiefes Mißtrauen gegen die ganze menschliche Rasse zu walten. Ist es wirklich so weit mit uns gekommen, daß man uns Augenbinde und Maulkorb verpassen muß? Läßt sich Respekt voreinander tatsächlich nur von aufgezwungener Gleichheit erhoffen? Wie schlecht muß eine Gesellschaft von sich selbst denken, wenn sie sich diese Kur verordnet? Oder urteile ich voreilig? Gibt es am Ende doch gute Gründe, so schlecht – oder so realistisch, so kühl und illusionslos – zu denken? Möglich, daß man in einer kaum noch durchschaubaren, multikulturellen Gesellschaft tatsächlich besser zurechtkommt, wenn man Sachverhalte so schonend wie möglich zur Sprache bringt. Daß man einen Beitrag zum inneren Frieden leistet, wenn man Unterschiede unterschlägt und alles ausspart, was Befremden erregen könnte. Eine Retusche hier, eine Retusche da – und die Unterschiede, wenn wir sie schon nicht abschaffen können, lassen sich wenigstens gnädig ignorieren. Denn daß es uns immer schwerer fällt, angesichts einer ausufernden Vielfalt von Perspektiven und Meinungen den Überblick zu bewahren, kann niemand bestreiten. Wäre es da nicht tatsächlich das Beste, wir nähmen einander nur noch als Sammelsurium von Außenseitern und Randfiguren wahr – jeder irgendwie anders und alle irgendwie gleich?

Ungleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit

Nein, ich glaube nicht. Ich warne vielmehr davor, sich auf dieses Blindekuhspiel einzulassen. Einmal, weil es unsere Verstandestätigkeit stark beeinträchtigen würde, wenn wir uns das Unterscheiden austreiben ließen. Und dann laufen wir bei dem Versuch, unserem Mitmenschen nicht auf die Füße zu treten, Gefahr, ihn vor den Kopf zu stoßen. Schon deshalb, weil wir ihn nicht ernst nehmen, wenn wir ihm eine künstliche Normalität überstülpen. Weil wir ihm seine Einzigartigkeit absprechen, wenn wir tapfer über alle Unterschiede hinwegsehen. Weil wir das von ihm abstreichen, was ihn als Individuum ausmacht – seine Geschichte, seine Kultur, seine Erfahrungen in einer anderen Welt als der unseren. Wer alles akzeptiert, ohne überhaupt hinzusehen, der akzeptiert gar nichts, der verbucht einfach alle Unterschiede auf das Konto einer relativen Normalität – und übersieht sie fortan.

Der andere ist eben nicht das Spiegelbild meiner selbst – das ist er nur in der Scheinwelt der guten Freunde. Erst, wenn ich seine Verschiedenheit nicht mehr als lästig, womöglich als Provokation empfinde, kann ich daran gehen, ihn zu entdecken. Und erst, wenn ich vom anderen keine bedingungslose Selbstbestätigung mehr erwarte, taugt er zu meiner Bereicherung – so wie ich zu seiner. Was würde aus dem Austausch der Meinungen und Erfahrungen, wenn wir nichts mehr zu tauschen hätten? Tauschen aber können wir nur, wenn wir uns unterscheiden, diese Unterschiedlichkeit zur Kenntnis nehmen und auch zur Sprache bringen. Welche Rücksichten dabei genommen werden müßten, darauf werde ich später eingehen.

Und dann: Gleichheit ist nicht der einzige – und schon gar nicht der beste – Grund, andere zu respektieren. Sie verlangt nämlich, daß wir im Umgang mit Fremden jedesmal an uns selbst Maß nehmen. Uns sollen sie ja so ähnlich wie möglich erscheinen, bevor wir einverstanden sind, sie als normal durchgehen zu lassen. Was uns von der Normalität des jungen Behinderten im Nachmittagsprogramm überzeugt, ist eben seine Ähnlichkeit mit uns. Und was den verlegenen Grafiker am Ausland stört, ist eben das, was es vom Inland unterscheidet. Damit machen wir uns selbst zum Maß aller Dinge, Menschen und Verhältnisse. Uns mag das schmeicheln. Alle aber, die anders sind, setzt diese Gleichheit herab.

Vernunft kennt keine Taschenspielertricks

Ich halte sie deshalb eher für einen Taschenspielertrick, mit dem uns leicht gemacht werden soll, was in Wirklichkeit nicht ganz so leicht, aber besser und ehrlicher ist: nämlich unsere Mitmenschen in all ihrer befremdlichen Verschiedenheit als ebenbürtig anzuerkennen. Als Menschen erster Klasse wie wir selbst. Wer das beherzigt, der braucht sich auch von dem Gespenst der Diskriminierung nicht einschüchtern zu lassen, das dieser Tage umgeht. Der kann sich gelassen vor Augen führen, wie leicht das Wort Diskriminierung in den Mund genommen wird, und wie oft es nichts anderes bedeutet, als daß jemandem etwas vorenthalten wurde, worauf er ein Recht zu haben glaubte. Wo aber so viele glauben, auf alles Mögliche ein Recht zu haben, da ist der Vorwurf der Diskriminierung schnell zur Hand. Mit echter Diskriminierung hat das oft wenig, mit narzistischer Empfindlichkeit hingegen viel zu tun. Man lasse sich daher nicht vom herrschenden Klima der Bedenklichkeit anstecken – Unbefangenheit ist immer noch die Voraussetzung jeden klugen Umgangs.

Wer also nicht von vornherein mit allem einverstanden sein will, wer

sich nach wie vor aussuchen will, welchen Umgang er mit wem pflegt, wem er die Hand schütteln und wen er umarmen möchte, wer also weiterhin zwischen seinen Mitmenschen unterscheiden will, der kommt nicht umhin, den Verbrüderungskult der künstlichen Normalität abzulehnen. Statt dessen sollte er allen mit demselben Respekt begegnen – und im übrigen auf Umgangsformen vertrauen, die uns erlauben, Unterschiede wahrzunehmen und sie gleichzeitig für grundsätzlich überbrückbar zu halten.

Moritz Freiherr Knigge sagt: „Der andere ist anders – nimm es zur Kenntnis! Ziehe dich nicht auf das billige Credo zurück: Letztlich sind wir doch alle gleich. Sieh genau hin! Es ist ein Gebot der gegenseitigen Achtung, Unterschiede wahrzunehmen, so wie es ein Gebot der Menschlichkeit ist, aus ihnen keine Werturteile abzuleiten.“

Share This