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Von anderen Tellern essen?

„Wer hat von meinem Tellerchen gegessen“!?“ Von anderen Tellern essen, darf man das? Von anderen in der Pommesbude probiert Pommes samt Majo klauen das geht noch. Aber in guten Restaurants? Wer in einem gehobenen Restaurant von anderen Tellern isst, der kommt auf eine schwarze Liste und wird mit Hausverbot bestraft, so ein hartnäckiges Gerücht, dass seit Jahrzehnten kursiert. Moritz Freiherr Knigge ist der Frage nachgegangen, ob das Naschen vom Nachbarteller tatsächlich ein Tabu darstellt.

Don’t come back? – Unfug!

Seit mehr als 50 Jahren wartet das Restaurant Canlis in Seattle darauf, 1.000 Dollar loszuwerden. Denn wer dort die Rechnung des Hauses mit dem Vermerk „Don’t come back« vorzeigt, bekommt den Betrag umgehend ausgezahlt. »Bitte beehren Sie und nie wieder!« Wer sich nicht benimmt, bekommt die Rote Karte. Auf Platz eins des schlechten Benehmens: »Probieren von anderen« werde mit lebenslanger Tiefkühlkost bestraft. Das wohl populärste Gerücht in der Spitzengastronomie.

Essen ist ein Gemeinschaftsprojekt

»Unfug« sagen die Renommierten der kulinarischen Zunft. Gemeinsam Essen gehen ist eben nicht nur Essen sondern gemeinsam. In allen kulinarischen Hochkulturen ist der Genuß ein gemeinschaftlicher. Schon mancher hat ein Geschäft in China nicht gemacht, weil er statt dem Ruf des Gastgebers zum gemeinsamen Abendessen zu folgen meinte, die Business-Präsentation vorbereiten zu müssen. In Frankreich ist es Tradition, die neuen Nachbarn zum Aperitif einzuladen, weil gemeinsames Essen und Trinken kleingeistige Streitereien minimiert. Ob mit Händen von gemeinsamen Platten in Addis Abeba, mit Stäbchen in Bejing, mit der Meeresschneckengabel an der Côte d’Azur, in der Tapas Bar in San Sebastian, Essen ist immer ein Gemeinschaftsprojekt und noch heute gilt das Füttern das anderen im Orient als größter Freundschaftsbeweis.

Neues Gericht, neues Glück!

Wer vom Teller des anderen probiert und probieren läßt, der läßt die Gemeinschaft und den Genuß hochleben. Gut so. Frei nach dem Motto des großen Lehrmeisters Jean Anthelme Brillat-Savarin: „Die Entdeckung eines neuen Gerichts ist für das Glück der Menschheit von größerem Nutzen als die eines neuen Gestirns.« Und wo ließe sich ein neues Gericht besser entdecken als auf dem Teller der anderen? Von anderen Tellern essen? Auf jeden Fall! 

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