Queuing nennen die Briten das Schlange stehen. Und so sie sind die ungekrönten Meister der Warteschlange. Gerne verrate ich Euch wie man richtig Schlange steht und was wir von den Briten lernen können.

Schlange stehen ist für die Briten eine Frage der Disziplin, der Distanz, der Contenance, der Erziehung und des Konsens. Mit anderen Worten: Wer Schlange stehen kann, hat seinen Führerschein in Höflichkeit bestanden. Wer weiss, wie er sich in einer Warteschlange zu benehmen weiss, der hat das Wesen der Höflichkeit verstanden. In Deutschland sind vor diesem Führerschein für Warteschlangen noch weit entfernt. Dabei müssen wir uns nur ein paar schöne Dinge von den Briten abschauen und 

1. Abstand halten – Stehen Sie an?

Wer seinem Vordermann zu sehr auf die Pelle rückt, der muss mit bösen Blicken rechnen, wer zu viel Abstand hält, wird von seinem Hintermann gefragt: Stehen Sie an? Mit gebührender englischer Höflichkeit  – man könnte auch sagen Süffisanz – werden Schlafmützen darauf aufmerksam gemacht, dass es weiter geht.

2. Regeln setzen – Die Schlange bin ich

It takes two to Tango. Aber nur eine Person für eine Schlange. Wer als erster an der Bushaltestelle ankommt, ist die Schlange und sagt das dann auch. Damit die oder der Zweite nicht auf dumme Gedanken kommen.

3. Vordrängeln? – Wir sind doch hier nicht auf dem Kontinent!

Wer sich vordrängelt, klaut auch älteren Damen die Handtasche! Gäbe es denn Pranger noch, wäre er voll mit ungeduldigen und unverschämten Vordränglern.

4. No Sports! – Jeder bleibt an seiner Kasse

In Deutschland ein Volkssport: Das Kassenrennen. Auch wer es sonst kaum von der Couch zum Kühlschrank schafft, im Supermarkt spitzen alle die Ohren und scharren mit den Hufen. Wann öffnet endlich Kasse 2? Und wie schaffe ich es am besten von ganz Hinten nach ganz Vorne? Auf der Insel ein absolutes NOGO. Statt des germanischen Kurzstreckenlaufes reihen sich die Wartenden diszipliniert in die Schlange ein oder bleiben wo sie sind, weil sie wissen: Schlangenwechsel bringt mehr Stress als Vorteil!

5. Lässt Du mich vor, lass‘ ich Dich vor! – Geduldetes Vordrängeln

In England undenkbar. In Deutschland geduldet: Sie haben Georg und Kati etwas weiter vorn in der Schlange entdeckt? Solange Sie sich auf deutschem Boden befinden, können Sie sich glücklich schätzen! In den wenigsten Fällen müssen Sie sich mit dem Missmut der anderen Wartenden auseinandersetzen, die Sie links überholt haben. Es scheint sich bei uns um eine Art ungeschriebenes Gesetz zu handeln, die rheinische Maxime „Man kennt sich, man hilft sich“ zu dulden.

6. Entschuldigung? – Vordrängler sanft in die Schranken weisen

In Abwandlung des bekannten Mottos „Der Ehrliche ist immer der Dumme“, lässt sich für das Schlangestehen festhalten: Wer sich hinten anstellt, ist  der Dumme! Sei es am Taxistand am Flughafen, am Skilift, an der Theke, der Haltestelle, am Büfett oder im Supermarkt. Immer wieder müssen wir uns kopfschüttelnd über „pfiffige“ Zeitgenossen ärgern, die einen Weg finden, um sich vorzudrängeln. Sagen Sie was. Aber werden Sie nicht grob oder laut, bleiben Sie höflich und ein wenig süffisant. Statt: Wir stehen hier nicht zum Spaß!!! habe ich letztens gehörtHaben Sie Angst vor Schlangen? Nur wer Ertappten erlaubt, ohne Gesichtsverlust seinen Platz am Ende der Schlange einzunehmen, wird sein Ziel erreichen.

Ich weiss: Geduld fällt uns nicht in den Schoß, sie kostet Aufwand und Zeit. Aufwand, den wir nicht brauchen, und Zeit, die wir nicht haben. Wertvolle Sekunden, kostbare Minuten, die gnadenlos verrinnen, wenn wir in Warteschlangen stehen und in uns Geduld üben. Weil uns Contenance einfach gut zu Gesicht steht. In der Warteschlange und anderswo. 

 

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