Kapitalismus

Gefällt mir das, was ich will? Denn erst mit der Beurteilung darüber, ob einem das gefällt, was man will, wird Verantwortung zur Freiheit. Und da die meisten von uns nicht auf einer einsamen Insel leben, liegt der Verdacht nahe, dass auch andere Menschen etwas wollen könnten. Zu diesem Wollen kann ich mich in Beziehung setzen, indem ich mir die Konsequenzen meines Wollens für das Wollen meiner Mitmenschen bewusst mache:

  • Wenn ich günstig einkaufen will, will jemand anderes unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten.
  • Wenn ich rechts überhole, will jemand sicher nach Hause kommen.
  • Wenn mir die Beziehung zu meinen idiotischen Mitarbeitern egal ist, ist sie diesen wichtig.
  • Für meine volle Tüte Klamotten wollen anderswo kleine Kinderhände nicht arbeiten, sondern spielen.

Erst, wenn ich Anteil nehme am Wollen meiner Mitmenschen – wo immer sie auch sein mögen, im Großraumbüro nebenan oder in Bangladesch –, erst wenn ich mein Wollen mit dem Wollen anderer abzugleichen bereit bin, werde ich sagen können, ob mir das, was ich will gefällt.

Erst wenn ich den Mut fasse, genauer hinzuschauen und herauszufinden, wo ich Teil eines Problems bin oder Teil einer Lösung werden kann, trete ich in Verbindung. Zu meinem Wollen und dem Wollen anderer. Dann mache ich Freiheit möglich. Eine Freiheit, deren Zweck darin besteht, zu einer Gemeinschaft beizutragen, in denen sich selbstbewusste Menschen in Selbstachtung und mit wechselseitigem Respekt begegnen können. Nicht mehr und nicht weniger!

Wer sich mit dieser Welt und ihren Menschen verbunden fühlt, der sollte vorsichtig sein in seinem Urteil. Doch wir sind schnell mit unseren Urteilen, sehr schnell. Wir wissen, wer an den Pranger gehört und wer sich der Verantwortungslosigkeit schuldig gemacht hat. Einen Tag stellt die Boulevardpresse das Jugendamt an den Pranger, weil es wieder einmal versäumt hat, ein verwahrlostes Kind aus den Händen seiner überforderten Eltern zu befreien. Am nächsten Tag stehen die Sozialarbeiter immer noch am selben Pranger: diesmal jedoch, weil sie so herzlos waren, ein Kind seiner Mutter zu entreißen.

Unsere Urteile sind unerbittlich und klar. Klarer als die Umstände es meist zulassen, nicht selten auf tönernen Füssen, grenzüberschreitend, bisweilen unverschämt und im schlimmsten Fall ohne Sinn und Verstand. Wir haben unsere Meinung, und die lassen wir uns ungern nehmen, mag auch die Beweislast noch so erdrückend sein. Wir wissen, was läuft. Uns macht man nichts vor.

Doch wer wissen will, ob ihm das, was er will, auch gefällt, der sollte behutsamer vorgehen, und sich auf Spurensuche begeben, der sollte ein ernsthaftes Interesse daran haben, zu erkunden, wie es um das wechselseitige Wollen bestellt ist.

  • Nur wenn ich wach bleibe, wenn ich aufmerksam bin gegenüber mir selbst, meinen Mitmenschen und den Zusammenhängen, in denen ich lebe, ist gegenseitiges Verständnis möglich.

Nur dann, wenn wir mit offenen Augen durch diese, unsere Welt laufen, werden wir einen Blick hinter den Vorhang unseres wechselseitigen Wollens und seiner Funktionsweisen werfen können. Das führt uns zu einer weiteren Frage, auf die wir Antworten finden wollen: Will ich die Welt, in der ich lebe, verstehen?

Will ich die Welt, in der ich lebe, verstehen?
  • Wollen wir wirklich wissen, warum wir kein Verständnis mehr für den Kapitalismus und seine gierigen Vertreter aufbringen, selbst aber kein Problem damit haben, zehn Paar Socken für fünf Euro im Supermarkt zu kaufen?
  • Interessiert es uns eigentlich, warum wir über die Macht der Medien schimpfen, uns selbst aber gerne empören lassen und uns an gefallenen Helden ergötzen?
  • Warum verdammen wir die Selbstherrlichkeit von Topmanagern, deren Erfolgsgeschichte im Managermagazin uns vor einem halben Jahr noch so stark beeindruckt hat?
  • Passt es zu unserem Verständnis, dass wir nach sportlichen Höchstleitungen gieren, aber von denen, die des Dopings überführt wurden, öffentliche Abbitte verlangen?
  • Warum verabscheuen wir Paparazzi, können aber von ihren Bildern nicht genug kriegen?

Wir wissen zwar nicht, ob wir uns anders verhalten hätten, erwarten aber von anderen päpstlicher zu sein als der Papst. Wir kritisieren unseren Finanzberater für seine allzu vorsichtige oder riskante Vorgehensweise, um ihn hinterher dafür zu verurteilen. Wir machen dabei nicht halt vor Pauschalisierungen: typisch Lehrer, Manager, Politiker, jüngere Generation, Frauen, Männer, Katholiken oder Muslime.

Natürlich sind das Vorurteile, aber hat nicht jedes Vorurteil einen wahren Kern?, denken wir. Im Zweifel ist uns alles recht, wenn wir nur ein wenig mehr Ordnung in unsere Welt bekommen. Was aber, wenn die Welt wesentlich weniger ordentlich wäre, als wir es uns wünschen? Wenn sie stattdessen unendlich vielschichtig, kaum entschlüsselbar, bedrohlich oder gar das pure Chaos wäre?

Wenn wir uns mit der Welt verbinden und nicht länger aus sicherer Entfernung auf das blicken, was um uns herum geschieht, dann machen wir eine überaus interessante Entdeckung: Das, was wir Welt nennen, erscheint plötzlich als ein Teil von uns. Die Welt verliert ihre Feindseligkeit, weil wir nunmehr verantwortlich sind für das, was wir in dieser Welt tun.

Man muss sich auf die Welt einlassen, in der man lebt, wenn man etwas verändern will. Ja, man muss sich auch auf die Menschen einlassen, die in dieser Welt leben. Ja, man muss sie sogar mögen die Menschen, mit all ihren Fehlern, Ungereimtheiten, ihrer Engstirnigkeit und ihren Dämlichkeiten. Man muss verbunden sein mit der Welt und ihren Menschen und sich den Herausforderungen stellen, wenn man etwas bewirken möchte. Wir können das: uns die Welt zu eigen machen, wenn wir in ihr wirken wollen. Wir können unsere Kräfte entfalten, wenn wir uns in der Öffentlichkeit, über die Büroflure und Supermarktgänge bewegen, die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anmachen oder ausschalten oder einen wie auch immer gearteten demokratischen Beitrag leisten wollen. Wir haben es nicht anders gewollt!

Nutzen

Welchem Zweck dient das, was ich tue oder nicht tue? Wir wollen Geld, Dominanz, Status quo, Fernsehen oder Sitzplätze, und das sollten wir uns bewusst machen.

  • Ja, ich hätten die Stelle als Projektleiter in der Stiftung, die sich um bessere Bildungsmöglichkeiten für Kinder in Schwellenländern einsetzt, haben können, aber ich wollte nicht, hätte ich doch auf die Hälfte meines jetzigen Gehalts verzichten müssen.
  • Ja, es gab die Möglichkeit in der Diskussion nachzugeben, aber ich wollte das nicht, ich wollte meinen Gesprächspartner dominieren.
  • Natürlich hätte ich meinen Vorgesetzten auch widersprechen können, aber ich wollte das nicht, weil ich keine Lust auf negative Konsequenzen habe.
  • Ja, ich hätte heute mein Buch weiterlesen können, bin aber dann doch wieder vor dem Fernseher eingeschlafen.
  • Ja, ich hätte meinen Sitzplatz jemandem anbieten können, war aber selber froh zu sitzen.

Das hat einen großen Vorteil: Wer den Finger an der eigenen Nase hat, hat keine Zeit mit diesem auf andere oder anderes zu zeigen. Wer sich seiner selbst bewusst wird, der bemüht sich erst um eigene Antworten auf eigene Fragen, bevor er Antworten von anderen erwartet, und er wird feststellen, dass er die Welt um sich herum mit anderen Augen sieht, weil er mit Argusaugen auf sich selbst schaut und auf das, was er tut.

  • Wer auf sich schaut, der nimmt direkten Anteil an der Welt, in der er lebt, der beobachtet nicht aus sicherer Entfernung. Der gibt sich nicht damit zufrieden, zu wissen, wie es besser geht, der schaut erst einmal, was überhaupt geht: Der verklärt nichts und macht sich nichts vor.

Wir kaufen bei Discountern ein, weil wir Geld sparen wollen, wir nehmen die verkorkste Beziehung zu unseren Mitarbeitern in Kauf, weil wir die meisten ohnehin für Idioten halten, wir nutzen unsere persönliche Beziehungen, weil wir uns davon handfeste Vorteile versprechen, und wir kaufen Markenklamotten, weil sie wichtig für unseren sozialen Status sind. Wir reden mehr als andere, weil wir mehr zu sagen haben, wir beharren auf unseren Standpunkten, weil die der anderen auf tönernen Füßen stehen, und wir lesen die BILD-Zeitung, weil wir uns empören wollen. Wir haben begriffen, dass es an uns liegt, ob wir die Welt um uns herum als gegeben oder als gestaltbar betrachten wollen. Wir sind ein Teil von dem, was um uns herum geschieht, wir handeln unseren eigenen Neigungen und Vorlieben entsprechend, so wie alle anderen auch.

Mit dem Unterschied, dass wir dafür ohne Wenn und Aber die Verantwortung übernehmen.

  • Wir Fernsehzuschauer geben zu, dass die Tour de France mit Lance Armstrong – Doping hin oder her – spannender ist als ohne ihn.
  • Wir Banker wussten schon früh, dass unsere Tresore voll mit faulen Krediten sind, aber wenn wir als Erster den Kopf rausgestreckt hätten, wäre allein unser Aktienkurs ins Bodenlose gestürzt.
  • Uns Politikern war klar, dass wir durch den stetigen Abbau von Regulierungen mit zur Finanzkrise beigetragen haben, aber wir wollten mitverantwortlich sein für eine boomende Wirtschaft und Wahlen gewinnen.
  • Ja, ja, ich als Konsument sehe die Schilder in den T-Shirts, und ich habe keine Ahnung wie die Produktionsbedingungen in Bangladesch sind, aber für 50 Euro habe ich eine ganze Tüte voll Klamotten.
  • Natürlich weiß ich als Autofahrer, dass ich nicht rechts überholen darf, aber ich bin diese Verkehrserzieher, die mit hundert über die linke Spur schleichen, einfach satt, und dann kostet das jetzt eben.
  • Ich als Vertriebsprofi wollte mir keine Gedanken darüber machen, ob man auch in anderen Ländern Geschäfte machen kann, weil ich von Umschlägen unter Tischen gut leben konnte.
  • Einmal im Jahr will ich als Tourist halt leben wie Gott in Thailand, mit allem, was dazugehört, schließlich habe ich Urlaub!

Zeit für Tacheles! Wir tun nicht so, als hätten wir mit alledem, was uns um herum passiert, nichts zu tun, als ginge uns das nichts an. Wir haben gesagt, was wir wollen, unumwunden und gerade heraus, ohne Ausflüchte und ohne Ausreden. Wir bekennen uns zu dem, was wir wollen. Wir setzen uns auf kein moralisches Ross. Wir rücken unser eigenes Handeln weder ins Licht der ethischen Untadeligkeit noch der sozialen Erwünschtheit. Wir geben nicht vor, eigentlich etwas ganz anderes zu wollen oder verweisen darauf, keine Wahl gehabt zu haben. Wir hatten die Wahl, und wir haben uns entschieden. Basta!

Aber ist das nicht eine merkwürdige Vorstellung von Verantwortung? Fehlt da nicht noch etwas Entscheidendes?

Ja es fehlt noch etwas sehr Entscheidendes: selbstständig Antworten auf die Frage zu finden: Gefällt mir das, was ich will?

Gesellschaft

Nicht zuständig? Warum sollten wir uns mit unserer persönlichen Verantwortung auseinandersetzen, wenn wir diese der Zuständigkeit anderer überlassen haben: in den unsichtbaren und sichtbaren Hände des Marktes, der Politik oder den Medien, den Managern, Politikern oder Redakteuren? Warum soll ich mich mit dem Zweck, den Mitteln und den Folgen meines Handelns auseinandersetzen, wenn unser Wirtschaftssystem einer äußerst attraktiven Logik folgt: „Maximiere deinen eigenen Nutzen, und es wird für alle gesorgt sein“? Wenn Zweck, Mittel und Folgen also eine Einheit bilden?

Wir leben in einer hochgradig spezialisierten Gesellschaft. Über allem, was wir tun, liegt der Mehltau der Arbeitsteilung. Das hat gute Gründe, weil diese Spezialisierung die Funktionsfähigkeit des jeweiligen Systems sichert. Für alles gibt es zuständige Spezialisten. Und das ist ja gut so: Wer würde sich schon gerne von einem Arzt operieren, von einem Anwalt vertreten, einem Politiker regieren, einem Banker beraten lassen, die ihr Handwerk nicht verstehen? Es birgt aber die Gefahr, die eigene Verantwortung zu sehr auf den eigenen Bereich zu beschränken.

Und dann wären da noch all unsere natürlichen Eigenschaften, durch die wir angeblich keine andere Wahl haben:

  • Warum sollte ich mich mit meiner persönlichen Freiheit auseinandersetzen, wenn über das, was ich tue oder unterlasse, meine biologischen Muster oder die Struktur meines Nervensystems entscheiden?
  • Laut der Sozialpsychologie sinkt die Bereitschaft, Zivilcourage zu üben, mit der Anzahl der Personen, die Zeugen eines Übergriffes werden („Bystander-Effekt“). Warum soll dann ausgerechnet ich die rühmliche Ausnahme bilden und meine Gesundheit gefährden? Wer kann ernsthaft von mir erwarten, Mitgefühl zu zeigen, wenn die Natur mich dafür nicht ausgestattet hat?
  • Wenn Männer auf Wettbewerb programmiert sind und dieser ein Fundament unserer wirtschaftlichen Ordnung ist, wer kommt eigentlich ständig auf die Idee, Führungskräfte in „Kooperations-Workshops“ zu stecken? Es kommt ja auch keiner auf die Idee, aus einem Autisten einen brillanten Rhetoriker machen zu wollen.
  • Warum sollte ich weniger Fleisch essen? Der Mensch ist nun einmal von Natur aus Fleischfresser und kein Vegetarier!

Berechtigte Fragen, wenn man davon ausgeht, Freiheit sei einerseits eine durch und durch persönliche Angelegenheit und andererseits weitestgehend biologisch festgelegt. Nachvollziehbare Aussagen, wenn man Verantwortung entpersonalisiert und arbeitsteilig organisiert hat. Vor diesem Hintergrund gibt es tatsächlich wenige Gründe, sich mit der eigenen Verantwortung auseinanderzusetzen.

Warum auch, wenn nicht man selbst, sondern andere in der Verantwortung stehen und dies auch nur zum Teil? Uns ernsthaft zu fragen, wofür wir unsere Freiheit einsetzen wollen, hat wenig Sinn, wenn diese Freiheit einerseits durch biologische und neurologische Muster eingeschränkt wird und andererseits die Regeln des Systems schon dafür sorgen, dass alles seine Ordnung hat.

Doch selbst wenn der „Ort der Verantwortung“, wie manche meinen, in Zukunft nicht mehr beim Einzelnen zu suchen wäre, so müssten wir doch die nächsten Jahre – bis wir uns unserer persönlichen Verantwortung endgültig entledigen könnten und einen Zustand größtmöglicher Unverbundenheit verwirklicht hätten –, irgendwie über die verantwortungsvollen Runden bringen.

Wir wollen die Zeit nutzen, die uns bleibt. Wie wollen wir unsere Vernunft und unser Gewissen dazu einsetzen wollen, uns im Geiste der Brüderlichkeit zu begegnen? Wir können den Versuch unternehmen, in Verbindung zu treten – zu uns selbst und dem, was wir wollen, zu unseren Mitmenschen und dem, was sie wollen und zu der Welt, in der wir leben.

Wollen, aber nicht können? Ein wenig Mut brauchen wir dafür schon. Den Mut, die Welt, in der wir leben mit zu erzeugen und verändern. Als Mitglied einer Gemeinschaft, die Fragen stellt und nach Antworten sucht, wie ein Leben, das auf Selbstachtung, wechselseitigem Respekt und Kooperation beruht, konkret aussehen könnte:

  • Sitzen ist schön, aber Stehen nicht schlimm, wenn jemand anderes den Sitzplatz nötiger braucht als ich.
  • Ein Schnäppchen schont den Geldbeutel, aber belastet das Gewissen, wenn dafür kleine Kinderhände schuften mussten.
  • Natürlich geht es mich etwas an, wenn anderen in der U-Bahn Leid angetan wird.

Wir sind so frei. Wir können uns für eine Freiheit entscheiden, die nicht nur selbst etwas will, sondern auch aufmerksam ist gegenüber dem Wollen anderer, ohne ein Schild dafür zu brauchen, wer auf einem Platz in der Bahn sitzen darf, ohne einen Staat, der einen Mindestpreis für Brathähnchen festlegt. Wir können selbst bestimmen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, deren Bürger Polizei und Security als zuständig, aber sich selbst als verantwortlich betrachten.

Wir können uns selbstbewusst mit dem Zweck unseres Handelns, den eingesetzten Mitteln, und den möglichen Folgen unseres Tuns oder Unterlassens auseinanderzusetzen, ohne auf unsichtbare Hände, äußere Zwänge oder das Verhalten anderer zu verweisen. Dafür müssen wir jedoch die Dinge wieder verbinden, von denen wir uns so tatkräftig befreit haben und unsere Sichtweise radikal verändern. Wir müssten uns vorstellen, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir das Wollen und nicht das Nicht-Können in Augenschein nehmen.

Wer ist hier eigentlich verantwortlich?

Freiheit und Verantwortung. Hundert Jahre später war die Aufbruchsstimmung der Aufklärung bei Friedrich Nietzsche bereits einer tiefen Melancholie gewichen: „Gott ist tot! Wir aber sind frei: was wisst ihr von der Qual der Verantwortung gegen sich selbst!“ Auch die Einsicht von existenzialistischen Denkern des 20. Jahrhunderts wie Jean-Paul Sartre, dass jede Situation, in die wir geraten, letztlich selbst gewählt sei, man jedoch immer die Freiheit besitze, sich zu entziehen und sei es durch Zuhilfenahme eines Stricks, klang wenig tröstlich.

Da stand der Mensch nun mit seinem Gewissen, zur Freiheit verdammt, und wurde ständig daran erinnert, dass er sich für oder gegen Verantwortung entscheiden müsse. Dass Verantwortung lästig sein kann, war ja bereits bekannt, aber dass man als freier Mensch vom Regen der Verantwortung in die Traufe der Freiheit käme, war eine im höchsten Maße beunruhigende Nachricht.

Und je größer die Freiheit wurde, desto länger wurde der Schatten der Verantwortung. Es galt, selbstständige Antworten auf die Fragen nach einem geglückten Leben zu finden. Die Freude darüber, nun selbst zur letzten Instanz von Freiheit und Verantwortung geworden zu sein, wich allzu bald der Erkenntnis, dass es nicht unbedingt einfacher wurde mit dem Anspruch, sich jeden Morgen im Spiegel in die Augen sehen zu können.

Freiheit heute – Und wo bleibt die Verantwortung?

Doch so leicht ließen wir uns nicht unterkriegen. Wir wollten unsere Freiheit in die eigenen Hände nehmen, und wir haben davon reichlich Gebrauch gemacht. Der menschliche Eigennutz wurde vom Makel des Sündhaften befreit. Mit der Marktwirtschaft haben wir ein System entwickelt, das ein wunderbares Versprechen gibt: jeder, wie er will, zum Wohle aller. Mehr Eigenliebe, gelenkt durch die unsichtbare Hand des Marktes, macht alle glücklich. Wohlstand und persönliche Freiheit waren nicht länger das Privileg der Privilegierten sondern das Recht eines jeden:

  • Wir haben Staaten geschaffen, in der die Souveränität beim Volk und nicht in den Händen weniger liegt. Wir genießen Wahlfreiheit, wir können uns unsere Frauen, Männer, Freunde und Freundinnen selbst aussuchen, die Politiker und Parteien, die wir wählen, die Zeitungen und Bücher, die wir lesen, die Fernseh- und Radioprogramme, die durch unsere Wohnzimmer flimmern oder unsere Autos beschallen, die Produkte, die wir kaufen oder anbieten wollen, unsere Ausbildung oder unser Studium.
  • Wir haben gut bezahlte Politiker und deren hochgradig spezialisierte und qualifizierte Staatssekretäre, um die Geschicke einer modernen Demokratie effektiv zu unserem Wohle zu lenken.
  • Wir sind Bürger eines Staates, der uns Abwehrrechte gegen ihn selbst zusichert! Freie Meinung, freies Eigentum, freie Entfaltung der Persönlichkeit, körperliche Unversehrtheit, Gleichberechtigung, Glaubensfreiheit, freie Versammlung, die Freiheit vor Diskriminierung, betriebliche Mitbestimmung, freie Kunst, freie Wissenschaft, freie Berufswahl, das Postgeheimnis oder die Unverletzlichkeit der Wohnung – alles inklusive.
  • Wir gehören zu denen, die frei und gleich an Rechten und Würde geboren, mit Vernunft und Gewissen ausgestattet und einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen sollen, wie uns der Artikel 1 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ aus dem Jahre 1949 zu verstehen gibt.
  • Wir haben die Idee des Eigennutzes eigenmächtig verfeinert, indem wir mit der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland eine Wirtschaftsordnung eingeführt haben, die freien Marktzugang, freie Preisbildung und Vertragsfreiheit garantiert, die sich selbst überlassenen Märkten nicht über den Weg, aber den auf ihnen handelnden Menschen einiges zutraut, um für mehr Wohlstand in unserem Lande zu sorgen.
  • Wir haben ein soziales Netz der staatlichen Sicherung gespannt, das denjenigen, die nicht oder nicht mehr, sei durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit bedingt am „freien Spiel der Kräfte“ teilnehmen können, ein menschenwürdiges Leben ermöglichen soll.
  • Wir haben eine rechtlich geschützte Pressefreiheit und in Deutschland neben dem privaten Fernsehen das gebührenfinanzierte Fernsehen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das sich auf einen Bildungsauftrag verpflichtet hat.
  • Wir teilen die Vorstellung, dass freier Zugang zur Bildung die Selbstbestimmung des Einzelnen befördern soll und zu einer menschlicheren Gesellschaft beizutragen habe.
  • Wir haben im Prinzip die Zukunft zur Richtschnur für die Verantwortung gemacht. Wir haben die Fragen, die einst ein Umweltminister in Turnschuhen stellte, ganz oben auf die politische Agenda gesetzt. Wir sind dabei Antworten zu finden, wie wir den zukünftigen Generationen eine Welt überlassen können, in der nicht der letzte Baum gerodet wurde und die Staatsverschuldung noch mehr Nullen aufweist als ohnehin schon.
  • Wir haben den Wissenschaften freie Hand gegeben, die sich mit unseren Nervensystemen beschäftigen. Biologen, Mediziner und Physiker erforschen die Mechanismen, die unsere Lebensvorgänge steuern, und wir erwarten von der Psychologie, den letzen unbekannten Winkeln unserer Seele auf die Spur zu kommen. Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften haben wir mit der Untersuchung beauftragt, nach welchen Mustern wir unter welchen sozialen Bedingungen Entscheidungen treffen.

Kein schlechtes Fundament: Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte als Bedingungen eines freien Lebens. Wir waren wahrlich nicht untätig, um der Freiheit zu mehr Geltung zu verhelfen. Wir haben uns einiges zugetraut, und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Und auch wenn die Menschheit im 21. Jahrhundert noch weit von paradiesischen Zuständen entfernt ist, so hat sie doch ein nicht unbedeutendes Stück auf ihrem Weg zurückgelegt. Wir haben die Idee von Freiheit und Verantwortung verallgemeinert, institutionalisiert, und wir leben diese Idee.

Da könnte man doch meinen, alles sei in bester Ordnung. In Ordnung vielleicht, aber in bester? Da sind wir in unseren Landen so frei wie vermutlich nie zuvor in unserer Geschichte, und trotzdem beschleicht uns bisweilen das Gefühl, es stimme etwas nicht, es laufe etwas aus dem Ruder. Finanzkrise, grenzenlose Gier, Politikverdrossenheit, Terrorismus, Amokläufe, Jugendgewalt, soziale Ungerechtigkeiten, vernachlässigte, misshandelte und verwahrloste Kinder, Menschenrechtsverletzungen und Hungerkatastrophen, Klimawandel und Umweltverschmutzung und religiöse Fundamentalisierung und hedonistische Vertrashung.

Na ja, so ganz prima scheint es nicht zu laufen, allen unseren freiheitlichen Bemühungen zum Trotz. Woran liegt das? Haben wir etwas Wesentliches übersehen bei der Verwirklichung unserer freiheitlichen Bestrebungen? Haben wir den vollmundigen Versprechungen der Freiheit mehr geglaubt als den leidenschaftlichen Appellen an unsere Verantwortung? Haben wir es versäumt, unseren Freiheiten verantwortungsvolle Grenzen zu setzen?

Das kann doch gar nicht sein! Wir haben doch alles nach bestem Wissen und Gewissen organisiert. Wer würde ernsthaft behaupten, wir wären unserer Verantwortung nicht nachgekommen? Wir haben doch wirklich alles unternommen, um dem Einzelnen mehr Freiheitsräume zu geben, wir haben Verantwortung gesellschaftlich bestmöglich verankert und keine Mühen gescheut, den Möglichkeiten und Beschränkungen unserer Gehirne, Seelen und den sozialen Bedingungen unseres Handelns auf die Spur zu kommen. Jeder kann sich auf die ihm gegebenen Freiheiten konzentrieren, während gesellschaftliche Institutionen und Systeme in der Verantwortung stehen, diese Freiheiten zu schützen.

Vielleicht liegt genau hier der Kern des Problems. Vielleicht sprechen ja immer mehr Menschen von einer tief greifenden Verantwortungskrise, weil wir etwas getrennt haben, was zusammengehört: persönliche Freiheit und persönliche Verantwortung. Vielleicht haben wir bewusst oder unbewusst einen Zustand der Unverbundenheit geschaffen, in dem sowohl die Freiheit unseres Willens als auch unser Wille zur Verantwortung zusammenschrumpfte.

Warum der Zweck nicht die Mittel heiligt

Wie könnte da der Zweck eine weiße Weste behalten? Ein Verantwortungsbegriff, der sich ausschließlich am materiellen Erfolg festmacht, mag ausreichen, um die Logik zu beschreiben, der wirtschaftliche Akteure folgen. Als verantwortbare Begründung, dieser Logik folgen zu sollen, erscheint er allerdings höchst unangemessen.

Eine Verantwortung, deren moralische Kriterien für die gesamte Bandbreite menschlichen Handelns – vom Zweck über die eingesetzten Mittel bis hin zu den Folgen – Gültigkeit beanspruchen, sollte sich nicht auf materiellen Erfolg zuspitzen lassen. Erfolg im Sinne einer Maximierung des materiellen Nutzens – wie er sich beispielsweise in Unternehmensgewinnen oder in der Ersparnis an der Supermarktkasse ausdrückt –, kann ja durchaus ein Zweck der Übung sein. Dort aber, wo er zum einzigen Zweck wird, heiligt er weder die Mittel noch die Folgen.

Doch nicht nur Unternehmen stehen in der Verantwortung, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wie sie den Zweck, die Mittel und die Folgen ihres Handelns gleichermaßen heiligen könnten. Jeder von uns kann – wenn er denn will – darüber nachdenken, welchen Zwecken er folgt, welche Mittel er dafür einsetzt und welche Folgen dies für ihn und andere hat.

Und siehe da, niemand von uns ist vor den Risiken und Nebenwirkungen seines Handelns gefeit. So genannte Zivilisationskrankheiten wie Burnout, psychosomatische Erkrankungen, Entfremdung, gestörte oder zerstörte zwischenmenschliche Beziehungen, innere Unruhe, wachsende Ungeduld, chronische Unaufmerksamkeit und notorische Unzufriedenheit sind zu unserem ständigen Begleiter geworden. Was unweigerlich Fragen aufwirft: Wie geheiligt ist der Zweck, dem wir in unserem Leben folgen? Was erwarten wir vom Leben, und was erwartet das Leben von uns?

Was wollen wir denn? Glück, Liebe, Erfolg, Wohlstand, Anerkennung, unsere Ruhe, Spannung und Abwechslung Loyalität, Selbstverwirklichung und alles, was Ihnen sonst noch so einfällt. Kurz: eine Menge. Manchmal so viel, dass wir gar nicht danach fragen, ob das so gut ist, was wir da wollen. Für uns und für andere. So viel, dass wir gar nicht mehr daran denken, den Zweck unsers jeweiligen Handelns zu hinterfragen. Funktionieren wir noch, oder leben wir schon?

Vor lauter Perfektionierung der Mittel, die wir anwenden, droht uns etwas Wesentliches abhandenzukommen. Wir versäumen es, eine Antwort auf die Frage zu finden: Wozu das Ganze überhaupt? Wir tragen nämlich nicht nur Verantwortung gegenüber den Zwecken und Normen, die uns auferlegt werden, sondern auch dafür, die Zwecke und Normen unseres Handelns kritisch zu hinterfragen. Es reicht nicht, etwas besonders gut zu machen, sondern es bedarf auch der Überzeugung, dass das gut Gemachte zu etwas Gutem führt.

Um auf die Frage nach dem Wozu eine Antwort zu erhalten, müssten wir bereit sein, hinter die Kulissen zu schauen. Immer wieder neu zu überlegen, ob wir uns den gegebenen Bedingungen unterwerfen wollen, weil wir sie für vernünftig und gut halten oder weil wir vergessen haben, selbst darüber zu bestimmen, was wir wollen. Weil wir vor lauter Routine den Stress übersehen, die diese Routine produziert. Weil wir unter stressigen Bedingungen unserer Verantwortung nicht mehr gerecht werden, Zweck, Mittel und Folgen unseres Handelns in gleicher Weise zu heiligen.

Der Zweck heiligt die Mittel! Die Maxime derjenigen, die Erfolg über alles stellen. Die mit Begriffen wie wahr und gut, richtig und falsch, moralisch und unmoralisch herzlich wenig anfangen können. Nützlich, das hört sich besser an. Erlaubt ist, was dem Erfolg dient. Verantwortung wird durch Erfolg ersetzt. Verantwortungslos sind die Erfolglosen, verantwortungsbewusst die Erfolgreichen. Punkt. Erfolgreich sind die, die Geld verdienen. Je mehr desto besser, je weniger, desto verantwortungsloser.

Erfolg über alles! Auf den Punkt gebracht hat diese Ansicht Milton Friedman, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften und marktliberaler Vordenker: „Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen und Unternehmern besteht darin, ihre Gewinne zu maximieren.“ Eigentum verpflichtet. Jedoch nur dahin gehend, solches zu erwerben. Da haben wir sie wieder, die gute, alte Arbeitsteilung: Wir kümmern uns um unseren Kram, alles andere geht uns nichts an.

Eine derart eingeschränkte Vorstellung von Verantwortung kann nicht folgenlos bleiben. Wenn nichts anderes zählt als ein die Mittel heiligender Zweck, dann kann einen die eindrucksvolle Liste, die wir aus dem „Schwarzbuch Markenfirmen“ zusammengestellt haben, nicht wirklich verwundern: Kartellbildung, Preisabsprachen, Unterschlagung, Betrug, Falschbilanzierung, Geldwäsche, hohe Managementgehälter trotz Misserfolg, keine nachhaltigen, sondern kurzfristige Erfolgsindikatoren, Insiderhandel, Produktpiraterie, Industriespionage, Missstände in den Zulieferbetrieben, Finanzierung von Bürgerkrieg und Waffenhandel, Kooperation mit autokratischen Regimen, Preisdruck auf Zulieferer, Ausbeutung von Angestellten, Verletzung von Gewerkschaftsrechten, Importe von Rohstoffen aus Kriegsgebieten, sexuelle, rassistische und religiöse Diskriminierung, lebensgefährliche Vernachlässigung von Sicherheitsstandards, Kreditvergabe für unethische Projekte, Spekulationsgeschäfte auf Kosten hoch verschuldeter Länder, Kinderarbeit, Lobbying gegen Klimaschutzmaßnahmen und Verbesserung von Arbeitsbedingungen, Verweigerung von Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter, Behinderung eines Entwicklungslandes bei der Herstellung und Vermarktung lebenswichtiger Medikamente, Finanzierung unethischer Medikamentenversuche, wiederholte Verstöße gegen zulässige Emissionswerte oder die Vertreibung und Zerstörung von Lebensgrundlagen.

Share This