du oder sie anbieten

Wem darf ich das DU anbieten?

Knigge-Regel: Duze niemanden den Du einmal Duzen willst. Es ist den Ranghöheren, den Älteren und den Damen vorbehalten das DU anzubieten. Es ist nichts ungewöhnliches mehr, wenn sich Gleichaltrige heutzutage Duzen ohne nachzufragen. Früher trank man Brüderschaft und manche gute Freunde siezen meine Eltern heute noch.

Anrede und Hierarchie

Das Wesen der Frage „Wem darf ich das DU anbieten, steckt im Verb: anbieten. Es ist ein Angebot. Kein Befehl, kein Zwang. Es ist ernst gemeint dieses Angebot und wird es abgelehnt, dass ist es nicht beleidigt sondern ärgert sich. Nicht über die Ablehnung sondern über sich selbst. Weil das Angebot zu früh kam, weil es eine Grenze überschritten hat, die der Anbietende nicht gesehen hat.

DU kannst mich ruhig DUZEN

Ich erinnere mich ungern an ältere Erwachsene, die mich ungefragt Duzten, um mich zu fragen, ob wir uns Duzen sollen. Das fand ich übergriffig. Ich wollte weder Freund der Eltern meiner Freunde werden, noch mit dem  Lehrerzimmer meiner Schule per DU sein. Selbst geduzt zu werden, dass war für mich okay, aber mehr Nähe zu Erwachsenen als nötig, das musste nicht sein. „Mache einigen Unterschied in Deinem äußern Betragen gegen die Menschen, mit denen Du umgehst, in den Zeichen von Achtung, die Du ihnen beweisest. Reiche nicht jedem Deine rechte Hand dar. Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an Dein Herz.“  So Adolph Freiherr Knigge im ersten Teil, Aphorismus 48, „Über den Umgang mit Menschen.“ Und so rate ich heute denjenigen, die das DUZEN für sich entdeckt haben, nie jemanden zu Duzen, den man Duzen will.

DUZ-Kultur in Unternehmen

Auch in immer mehr Unternehmen hält das DU im gleichen Maßen Einzug wie die Krawatte Auszug. Es soll lockerer Zugehen in der globalisierten Welt der flachen Hierarchien und mobilen Arbeitsplätze. Doch ein erzwungenes DU hat einen faden Geschmack. Nicht für den Vorstand und seine Senior Executives. So wird Sven Seidel von LIDL damit leben können, dass er für alle jetzt der Sven ist, aber die Auszubildende Laura Schmitz* würde sich lieber als Frau Schmitz mit Herrn Seidel reden, wenn man sich denn über den Weg läuft. Das DU suggeriert eine Nähe, die nicht immer produktiv ist, weil Arbeit für viele immer noch Arbeit und nicht Familie oder Gemeinde ist.

*Name von der Redaktion geändert.

Kennen wir uns?

Ich stand an der Bushaltestelle. Neben mir eine gepflegtere ältere Dame. Eine junger Mann kam angeschlendert, den Rucksack schief auf dem Rücken, die Schuhe nicht zugebunden. Schnurstracks auf die ältere Dame zu: „Entschuldigung, kannst Du mir bitte sagen wie ich in die Innenstadt kommen?“  Ihre Antwort war eine Frage, kurz, knapp und brüsk: „Entschuldigen Sie, kennen wir uns?“  Für Sie war eine Grenze überschritten. Duzen? Nicht mir. Für mich galt das nicht. Ein „Entschuldigung“ zu Beginn, ein „bitte“ am Ende. Das reicht mir, um das Freundliche zu sehen und die fehlende Form fehlende Form sein zu lassen. Und so sagte ich: „Gerade aus, dann an der zweiten Strasse links, nach 500 Metern beginnt die Innenstadt“. „Danke, Bruder!“ lautete seine Antwort. „Gerne“ meine.

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