Knigge-Regel: Mit einem SIE zum Einstieg machen Sie wenig falsch. Das SIE so schlussfolgert Asfa-Wossen Asserate in seinem Buch „Manieren“ kann eingefordert werden, das DU hingegen nur erbeten werden. Das ist eine sehr schöne Feststellung wie ich finde, weil sie gleichermaßen den Unterschied zwischen SIE und DU deutlich macht als auch die Notwendigkeit auf beide Anreden zugreifen zu können. Wir brauchen beide: das DU und das SIE.

Otto will gesiezt, Herr Fürstenberg geduzt werden

Wie absurd es aber ist, im Zwischenmenschlichen etwas  – in unserem Fall das Siezen oder Duzen  – erzwingen zu wollen, daran erinnert uns die Geschichte von Carl und Otto. Wir schreiben das Jahr 1918. Der Adel wurde soeben als Stand in Deutschland zu den Akten gelegt, die Titel ganz pragmatisch den Namen zugeordnet. So trage auch ich Moritz Knigge keinen Titel sondern eigentlich einen Doppelnamen: Herr Freiherr Knigge.

Doch zurück zu Carl und Otto. Beide keine Titelträger, aber in unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen. Der eine Bankier, der andere sein Chauffeur. Der Fahrer – infiziert von den Freiheitsversprechungen der Revolution eröffnet dem Gefahrenen er wolle nicht länger geduzt werden und mit Otto sondern Herr Lehmann angeredet werden. Herr Fürstenberg antwortet: „Gut Herr Lehmann, dann besteh ich darauf, dass sie mich in Zukunft Duzen und Carl zu mir sagen, denn ein Unterschied muss sein.“

Das SIE macht den Unterschied

Wer jeden Erwachsenen Menschen grüßt, der macht wenig falsch. Der eine oder andere gleichaltrige wird darauf hinwiesen, dass man sich auch gerne DUZEN könne und dann light es an uns darauf zu reagieren. Freudig einzustimmen, freudig abzulehnen oder das Angebot geistesabwesend zu überhören. In familiären Umfeld ist das SIE längst ausgestorben. In der Tat, Mozart hat seinen Vater gesiezt und in der einen oder anderen großbürgerlichen Familien Frankreichs da Siezen sich sogar die Eheleute. Das befremdet uns so sehr, dass wir fast ein wenig mitleidig auf sie blicken Warum dem so ist, dass hat der französische Philosoph Alain einmal in dem schönen Bonmot zusammengefasst: Der unhöflichste Ort der Welt ist die Ehe. Weil die Eheleute sich zu nah seien und so der für eine gelungene Zweisamkeit Respekt flöten gehe.

Respekt wahren – auch im Streit beim SIE blieben

Die beste Form der Deeskalation ist es beim SIE zu bleiben! Siezen wir solange es geht. Es stimmt nämlich: DU Arschloch ist leichter als SIE Arschloch. Das SIE fällt als erstes dem Konflikt zum Opfer. Es ist die erste Bastion, die aufgegeben wird. Distanz, Du kannst mich mal. Zu beobachten im Strassenverkehr, nachdem der Autofahrer den Fahrradfahrer geschnitten oder der Fußgänger den Radfahrer an den Gehweg erinnert hat. Plötzlich sind wir uns nach, sehr nah, Nase an Nase, von Angesicht zu Angesicht, wir schimpfen, werden laut und erinnern den anderen an seine gute Kinderstube während wir uns selbst vergessen. Verflixtes DU!


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